Giorgia Meloni - Die Frau, die Salvini rechts überholt

Sie gilt als Italiens Antwort auf Marine Le Pen. Doch im Gegensatz zu ihrer französischen Kollegin segelt Giorgia Meloni gerade auf Erfolgskurs. Dabei hat sich die Chefin der Fratelli d'Italia nie offen vom Faschismus distanziert. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis?

Giorgia Meloni am 1. Dezember in Bologna
„Das rationale Gesicht des Rechtspopulismus": Giorgia Meloni / picture alliance

Autoreninfo

Andrea Affaticati ist gebürtige Wienerin, lebt in Mailand und arbeitet als freie Journalistin für italienische und deutsche Medien. Sie berichtet über Italiens Politik, Gesellschaft und Kultur.

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Andrea Affaticati

Giorgia Meloni ist 42 Jahre alt, eine zierliche, 1,63 Meter große Frau, die seit fünf Jahren das Geschick der am rechten Rand stehenden Partei Fratelli d’Italia (FdI) bestimmt. Und zwar so erfolgreich, dass sie mittlerweile den draufgängerischen Chef der Lega, Matteo Salvini, das Fürchten lehrt. In der Beliebtheitsskala der Politiker belegt sie knapp hinter ihm den dritten Platz.

Man könnte sie als Italiens Marine Le Pen beschreiben, doch anders als ihre französische Kollegin und ihr Bündnispartner Salvini ist sie gerade stark im Aufwind. Bei den EU-Wahlen im Mai bekam FdI 6,5 Prozent, heute steht die Partei nach Umfragen bei 11,3 Prozent. Salvinis Lega ist dagegen von 34,3 Prozent auf 29,5 Prozent gesunken. Steve Bannon, Donald Trumps ehemaliger Berater, den Meloni dieses Jahr zum Fest von FdI eingeladen hat, sagt über sie: „Meloni ist das rationale Gesicht des Rechtspopulismus.“

Vaterland und Familie

Meloni ist eine Politikerin, die ihre Anhänger so begeistert, dass ihre Rede am 19. Oktober bei einer Kundgebung des Mitte-Rechts-Lagers in Rom zum Remix „Io sono Giorgia“ geworden ist und im Netz für Furore gesorgt hat. Darin hört man sie sagen: „Ich bin Giorgia, ich bin eine Frau, ich bin Mutter, ich bin Christin. Ich glaube nicht an einen Staat, der die Rechte der Homosexuellen denen anderer Bürger vorzieht. Sie wollen uns unserer Identität berauben. Und uns zu Elternteil 1 und Elternteil 2 machen.“ 

Vaterland und Familie, das sind ihre Themen. Was sich altbacken anhört, wird aus ihrem Mund zum coolen Hit. Das Video sollte eigentlich ihr politisches Credo bloßstellen. Doch das ging nach hinten los. Meloni selber zeigte sich höchst amüsiert darüber und erzählte, dass sogar ihre kleinen Nichten dazu tanzen würden. Mit ihrer Rationalität und ihrem südländischen Temperament verschafft sie sich Gehör. Anders als der Chef der Lega braucht Meloni weder den Rosenkranz noch Heiligenbilder. Hinter ihrer zierlichen Figur, ihrem gepflegten, aber natürlichen Aussehen steckt eine knallharte Politikerin, die keine Mühe scheut, um ihr Ziel zu erreichen. 

Eine Frau und noch dazu im falschen Lager

Und es war in der Tat ein langer, hürdenreicher Weg, um dorthin zu kommen wo sie jetzt steht. In einem Interview sagte sie: „Ich bin eine Frau und noch dazu im falschen politischen Lager geboren, will heißen im rechten.“ Gleichwohl räumte sie ein, sie habe „ein entspanntes Verhältnis zum Faschismus.“ Anders als Salvini hat sie nie Anstalten gemacht, sich von dieser Ideologie zu distanzieren. 

Aufgewachsen ist Giorgia Meloni im römischen Arbeiterviertel Garbatella, auch eine Hürde, wenn man ihre politische Einstellung beachtet. Trotzdem schloss sie sich schon während des Gymnasiums dem Fronte Nazionale della Gioventù an, der Jugendorganisation der postfaschistischen Partei Movimento Sociale Italiano (MSI). Von dort arbeitete sie sich Schritt für Schritt bis an die Spitze einer von Männern dominierten Parteienlandschaft hinauf.

Unter Berlusconis Fittichen 

2006 wurde sie zum ersten Mal ins Parlament gewählt. 2008 holte sie Berlusconi in seine Regierung als Ministerin für Jugendpolitik und Sport. 2012 trat sie mit einer Gruppe Gleichgesinnter aus Berlusconis damaliger Partei Popolo della Libertà aus und gründete Fratelli d’Italia – die Brüder Italiens. 2014 wurde sie zur ersten Frau in Italien an der Spitze einer Partei, noch dazu einer rechten.Obwohl in der Partei viele Alpha-Männer um Macht kämpften, die einst Minister unter Berlusconi waren und im Popolo della Libertà hohe Parteiposten besetzten, hat sie es geschafft, alle hinter sich zu bringen.

Ein Gehorsam, der zumindest zum Teil auch darin begründet ist, dass es sich schon um eine ältere und ziemlich verschlissene Politikergeneration handelt, die ohne Meloni wahrscheinlich keine Plätze mehr im Parlament besetzen würde. Von Political Correctness hält sie nicht viel, lässt aber anders als Salvini bei ihren öffentlichen Auftritten Wörter und Gesten weg, die aus der Mottenkiste des Faschismus stammen.

Kritik an Deutschland 

Auch hat sie nicht die Angewohnheit, im Gehege ihrer Verbündeten zu wildern. Zwar will auch sie den Migranten den Eintritt ins Land verwehren und hatte seinerzeit eine Seesperre gefordert, doch mittlerweile überlässt sie das Thema lieber Salvini, der es ganz oben auf seine Agenda gesetzt hat. In einem Interview mit dem Corriere della Sera sagte sie unlängst: „Ich spreche lieber von Infrastrukturen als von Migranten, ich stehe für die Rechte der traditionellen Familie, für die kleinen Unternehmen, für die Handwerker. Wir versprechen nicht, was wir nicht halten können. Und für diese Seriosität werden wir belohnt.“ 

Deswegen käme es ihr nie in den Sinn, wie Salvini mit Facebook-Auftritten um die Gunst der Wähler zu buhlen. Sie nutzt seine Schwäche aus und verweist auf seine Fehler. Dabei vermeidet sie die offene Konfrontation mit ihm, um sich die Hintertür für eine mögliche Koalition offenzuhalten. International ist sie gut vernetzt. Während Salvini gerade der Streichschokolade Nutella den Krieg angesagt hat, weil die dafür verarbeiteten Haselnüsse aus der Türkei stammen, flog sie nach Brüssel, um gegen den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) zu protestieren. Die Deutschen würden damit die Italiener wieder einmal hintergehen, um ihre Banken zu retten, verkündet sie lauthals.

Treue zu den USA 

Auch dem Euro steht sie skeptisch gegenüber. Er habe nur wenigen Staaten genutzt, darunter natürlich Deutschland. Anders als Salvini, der mit den Russen liebäugelt, hält sie an den Beziehungen zu den USA fest und wurde dafür im März zur Conservative Political Action Conference in Washington D.C. eingeladen. Salvini beobachtet Melonis Werdegang mit Argwohn. Denn sollte es zu Neuwahlen und einer rechtsnationalen Regierung kommen, weiß er, dass er nicht mehr der alleinige Capitano des Bündnisses sein wird. 

Michael Sachs | Di, 10. Dezember 2019 - 15:19

Warum gibt es solche Frauen nicht bei uns sondern nur Linke die ihren Geschlechtsgenossinnen nicht mal moralisch beistehen wenn sie von Radikalen islamischen Männern umgebracht werden, sondern aus ideologischen Gründen wegschauen u. nur wegen der AFD Links Grün wählen, das ist wirklich eine deutsche Schande.

Wahrscheinlich nicht nur ich vermisse eine deutsche Frau Meloni !

Wer eine sieht, bitte zwecks Unterstützung melden !

Warum wird von Frau Meloni erwartet, daß Sie sich 'offen vom Faschismus distanziert'? Meloni wurde 1977 geboren und ist für die Verbrechen von Mussolini&Co nicht verantwortlich. Im Alter von 15 Jahren war sie Mitglied der Jugendorganisation der faschistoiden Nachfolgepartei - aber 15-jährige stehen in Deutschland doch unter 'Artenschutz'; egal was sie tun!
Später gehörte Meloni zur Führung der der Jugendorganisation der Alleanza Nazionle des Politikers Gianfranco Fini. Fini formte die AN zu einer rechtskonservativen Partei, die sich EINDEUTIG vom Faschismus abwandte. Damit ist obige Frage doch wohl beantwortet!
Das sich Meloni nach Fusionen im 'rechten Lager' gegen die Person Berlusconi stellte und sich schließlich für die Gründung einer eigenen Partei entschied - macht sie gerade sympathisch.
Man sollte entsprechend diesem kritischen Beitrag mal Führungsfiguren und 'Altlasten' der Sozialisten/Linken Ungarns und Rumäniens vorstellen und deren Verstrickungen in Korruption usw.

eine Faschistin, noch dazu eine erfolgreiche, für Deutschland. Die AfD wünscht sich ja schon einen deutschen Trump; andere wünschen sich Diktatoren wie einen Putin, oder Autokraten wie einen Orban.

Bernd Muhlack | Di, 10. Dezember 2019 - 17:29

Bei der Lektüre dieses absolut wunderbaren Artikels fielen mir Oma Miechen u Angela Merkel ein.
Warum?
Zitat: "Obwohl in der Partei viele Alpha-Männer um Macht kämpften, die einst Minister unter Berlusconi waren u im Popolo della Libertà hohe Parteiposten besetzten, hat sie es geschafft, alle hinter sich zu bringen." Ende
Dazu kann einem doch nur Angela Merkel einfallen!

Eine 1,63m große u zierliche Frau?

Oma Miechen war 1,51 m u eher "robust"; in jeder Hinsicht!
Zitat: "Meloni wuchs als Tochter einer Sizilianerin u eines Sarden im römischen Viertel Garbatella auf" Ende - (Mehr muss man nicht wissen, gell?)

Oma Miechen war Rheinländerin, Koblenzerin, alsu e Schängelsche! (wie och ich)
Sie war einzigartig! 1904 geboren u eine wahrhaft schwere Kindheit, Jugend.
Sie war eine "Kämpferin" u immer gerade aus!

Ja, das fiel mir soeben ein.
"Faschismus"?
Wer das sagt, möge bitte auch erklären, was das ist!
Quartett: "Ich habe Merkel, KGE & Giffey; ich will Meloni" - "Ich hab NUR Oma M!"

gabriele bondzio | Mi, 11. Dezember 2019 - 10:47

Warum ausgerechnet die Pflege des traditionelle Familienbild (Frau, Mann, Kind) eine rechte Domäne sein soll, erschließt sich mir bisher nicht. Auch wenn sie gern zum Auslaufmodell bzw. als stockkonservativ erklärt wird. Möchte ich mal die sehen, welche einsam über die Feiertage herum sitzen und ins Alter rutschen. Die Familie wird ja im Gegensatz zu früher, weit mehr von sozialen Bindungen als wirtschaftlichen, geprägt. Es lohnt sich allemal weiter auf sie zu setzen.
Aber es gibt ein weiteres Vorurteil. Das Frauen angeblich weicher und Männer gewaltbereiter sind. Welches immer noch viele Wähler beeinflussen dürfte. Ihr Satz, Frau Affaticati, stellt das klar:“Hinter ihrer zierlichen Figur, ihrem gepflegten, aber natürlichen Aussehen steckt eine knallharte Politikerin, die keine Mühe scheut, um ihr Ziel zu erreichen.“
Nicht das Geschlecht allein, sondern der Wille und die Richtung(die man auch beim Wähler finden muss) ist ausschlaggebend für Erfolg!

'Hinter ... ihrem gepflegten, aber natürlichen Aussehen steckt eine knallharte Politikerin, die keine Mühe scheut, um ihr Ziel zu erreichen.'

Es scheint Leute zu geben, für die das ein Problem ist.
Aber Frau Meloni ist für diese Leute ja eine Art 'Nazisse'.
MEIN Problem ist:
Was ist an obigem Zitat und den beschriebenen Eigenschaften außer-gewöhnlich? Glaubt jemand im Ernst, daß es Frauen ('Manger-Innen') ohne diese Eigenschaften in die Vorstände und Aufsichtsräte deutscher DAX-Konzerne schaffen? Frau Suckale (Deutsche Bahn bzw. BASF) und Frau Werner (VW) seinen als Beispiele (mit eigenen Wikipedia-EInträgen) genannt.
Man sollte sich entscheiden, was man will. Ich höre überall, daß Karriere-Farauen in Politik, Wirtschaft, Kultur usw. gewollt sind.
WENN das so gewollt ist, dann sollte man aber einer Frau Meloni die zitierten Eigenschaften nicht zum Vorwurf machen!

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