Corona-Krise in Großbritannien - Boris Johnsons Hilfe für die Helden des NHS kommt zu spät

Die Briten verehren nicht nur die Queen. Zu den nationalen Heiligtümern zählt auch der Nationale Gesundheitsdienst. Doch der NHS ist in Zeiten der Coronavirus-Epidemie schwer in Bedrängnis.

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Gerade für die Mitarbeiter des NHS fehlt es an Testmöglichkeiten / dpa

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Tessa Szyszkowitz ist Londoner Korrespondentin des österreichischen Wochenmagazins Profil. Im September 2018 erschien „Echte Engländer - Britannien und der Brexit". Foto: Alex Schlacher

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Tessa Szyszkowitz

Mitten in dunkelster Nacht hatte Krankenschwester Florence Nightingale einst 1854 den verwundeten britischen Soldaten auf ihrem Rundgang durch ein Lazarett auf der Krim mit ihrer Lampe einen Hoffnungsschimmer gebracht. „Die Lady mit der Lampe” wurde zum Inbegriff für viktorianisches Pflichtbewusstsein.

Dank der Sozialreformerin Nightingale wurde die Krankenschwester später als offizieller Beruf im Vereinigten Königreich etabliert. In Zeiten der Coronakrise greifen die Briten gerne auf diese Nationalheilige zurück. Das funkelnagelneue Nightingale-Lazarett im Osten Londons wurde nach chinesischem Vorbild flugs in neun Tagen gebaut und soll am Wochenende bereits Platz für 500 von insgesamt 4.000 Covid-19-Patienten bieten.

„Die Regierung schafft es nicht, ihre Corona-Strategie zu erklären”

Das neue Feldhospital North Nightingale in Manchester soll den gesamten Nordwesten mit 500 Betten entlasten. Von jedem Rollbett baumelt prominent eine Sauerstoffmaske. Die neuen Intensivstationen werden dringend gebraucht. In Großbritannien sterben bereits täglich bis zu 600 Menschen an Covid-19. „Wir müssen die Tests massiv aufstocken”, erklärte Boris Johnson in einer beunruhigenden Videobotschaft aus seinem Krankenquartier, der Amtswohnung über Downing Street 11 am Mittwochabend.

Der britische Premierminister war vor einer Woche positiv auf Covid-19 getestet worden. Der 55-jährige Konservative forderte mehr Tests, als sei er ein einfacher Kranker und nicht der Entscheidungsträger, der es unterlassen hat, genau diese Maßnahmen schon vor Wochen zu ergreifen. „Die Regierung schafft es nicht, ihre Corona-Strategie zu erklären”, kritisiert inzwischen sogar der sonst so Johnson-treue Daily Telegraph.

Fast ein Drittel des Pflegepersonals ist erkrankt oder in Isolation

Vor allem an vorderster Front im Kampf gegen das Coronavirus fehlt es eklatant an Testmöglichkeiten. Von den 500.000 Menschen im Pflegedienst, die sich derzeit unter Gefährdung ihrer eigenen Gesundheit im Nationalen Gesundheitsdienst NHS um die explodierende Zahl an Erkrankten kümmern, sind bisher nur 2.000 getestet worden.

Fast ein Drittel des Pflegepersonals ist derzeit entweder erkrankt oder in Isolation. Die Regierung hat es nicht einmal geschafft, wenigstens das Pflegepersonal mit der von der WHO empfohlenden Schutzkleidung auszustatten. Das Vereinigte Königreich hatte sich erst sehr spät entschlossen, das Coronavirus ernst zu nehmen.

Ein radikaler Kurswechsel 

Als in Deutschland schon täglich zehntausende Menschen auf Covid-19 getestet wurden, empfahl die britische Regierung der Bevölkerung noch locker, „Herdenimmunität” durch Massenansteckung zu erreichen. Größere Mengen an Tests und Ventilatoren wurden weder im Land noch international bestellt. Großbritannien nahm von sich aus auch nicht an einer EU-Initative teil, gemeinsam große Mengen an Ventilatoren zu bestellen.

Erst ab dem 16. März begann ein radikaler Schwenk, als immer deutlicher geworden war, dass die Infektionszahlen und jene der schweren Erkrankungen in die Höhe schnellten. Spät aber doch wurden Restaurants, Pubs, Schulen und öffentliche Sportclubs geschlossen und die Bevölkerung nach Hause geschickt.

Endlich eine Linie in der Corona-Politik?

Das Tennisturnier Wimbledon und das Kulturfestival in Edinburgh im August wurden inzwischen auch abgesagt. Doch auf Londons Straßen sind immer noch kaum Gesichtsmasken zu sehen. Auch an anderen Maßnahmen fehlt es. Bisher werden die Kontakte von Erkrankten nur nachlässig verfolgt. Eine App, die Kontakte von Infizierten nachverfolgen könnte, soll erst in einigen Wochen einsetzbar sein.

Der NHS entwickelt diese mit Partnern aus dem universitären und industriellen Sektor. Die Initiative wäre aber nur effektiv, wenn 60 Prozent der Bevölkerung mitmachen und Symptome und Testresultate eingeben. Ohne großangelegte Kampagne ist dies kaum denkbar. Boris Johnson hat jetzt den australischen PR-Guru Isaac Levido angeheuert, der eine Linie in die bisher chaotische Corona-Politik bringen soll: „Bleib zu Hause, beschütze die NHS, rette Leben” lautet der neue Slogan.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Doch das bisherige Versagen der Regierung, im Angesicht der weltweiten Coronakrise eine klare Linie vorzugeben, beschädigt nicht nur Johnsons Glaubwürdigkeit als Staatsmann. Der eklatante Mangel an Planung in Sachen Corona-Pandemie belastet auch eines der Herzstücke des britischen Nationalstolzes schwer. Neben Florence Nightingale, der Queen und ihrem Parlament ist den Briten der nationale Gesundheitsdienst NHS geradezu heilig.

Schließlich behauptet man auf der Insel, der NHS sei als erste universelle Krankenversorgung weltweit eingeführt worden: „Jeder – reich oder arm, Mann, Frau oder Kind – kann es nutzen”, stand in einem Flugblatt, das an jeden Haushalt 1948 verteilt worden war: “Doch es handelt sich nicht um „Nächstenliebe”, alle zahlen mit ihren Steuern dafür.” Vor der Einführung des NHS musste man für Arztbesuche zahlen. Wer dies nicht konnte, vertraute auf wohltätige Vereine.

Die Geburtsstunde des NHS

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg musste der Londoner Bezirksrat die Verantwortung für 140 Spitäler übernehmen, eine Art lokaler Vorläufer des NHS. Der schottische Arzt und Autor Archibald Joseph Cronin kritisierte in seinem Roman „Die Zitadelle” 1937 nicht nur die Mängel im Gesundheitssystem, er skizzierte auch Ideen für ihre Behebung. Seine innovativen Ideen inspirierten die Gründer des NHS.

Nachdem 1945 die Labour-Party die Wahlen gewonnen hatte, wurde unter Premierminister Clement Attlee das Vorhaben, ein kostenfreies Gesundheitssystem für alle einzuführen, umgesetzt. Gegen den erklärten Widerstand der Ärzte wurde zwischen 1946 und 1948 ein nationales Netzwerk an Krankenhäusern entwickelt. Jeder wurde einem Allgemeinarzt zugewiesen und über dessen Diagnose in das Gesundheitssystem inkludiert.

Die explodierenden Kosten des Wohlfahrtstaates

Der Staat wurde so Arbeitgeber einer stets wachsenden Zahl an Pflegepersonal. Heute arbeiten eineinhalb Millionen Menschen in Administration und medizinischer Betreuung des NHS. Wie andere europäische Länder kämpft auch Großbritannien seit Jahrzehnten mit den explodierenden Kosten des Wohlfahrtstaates. Die Bevölkerung wird immer älter und braucht immer mehr Betreuung.

Hinzu kommt noch, dass es in Großbritannien keine Meldepflicht und keine Krankenversicherungskarte gibt. Auch Touristen können den NHS nutzen. Statt das Meldesystem zu ändern, setzte die konservative Premierministerin Margaret Thatcher in den achtziger Jahren auf Hilfskräfte, um billigere Arbeitskräfte einsetzen zu können. Das führte zu landesweiten Streiks des Pflegepersonals. Hatte die Labour-Regierung unter Tony Blair in den neunziger Jahren wieder mehr Geld für den NHS ausgegeben, wurde nach der Finanzkrise 2008 und dem Wechsel zu den Tories 2010 der große, rote Sparstift angesetzt.

Brexit sorgt für die Abwanderung von Pflegepersonal

Im Vereinigten Königreich obliegt die Finanzierung des Gesundheitssystems den jeweiligen „devolved governments”. Schotten, Waliser und Nordiren können selbst entscheiden, wie sie die ihnen aus dem britischen Gesamtbudget zustehenden Gelder ausgeben. Die sozialdemokratischen schottischen Nationalisten sparten weniger als die britische Regierung in England.

England besitzt als einzige Nation keine eigene Regionalregierung. Nach zehn Jahren britischer Tory-Regierung war der NHS England vor der Coronakrise bereits hoffnungslos unterfinanziert. Seit der Brexitentscheidung der Briten hatten bis Ende 2019 außerdem noch 11.600 EU-Bürger, die im NHS gearbeitet haben, ihre Jobs verlassen und waren zurück in ihre Ursprungsländer gezogen. Knapp die Hälfte davon waren Krankenpfleger.

Anerkennung für die Helden der Krise

Nach dem EU-Referendum 2016 und dem Chaos der Brexitverhandlungen versickerte zudem der Strom der EU-Einwanderer nach Großbritannien. In den vergangenen drei Jahren war die Zahl des Krankenpersonals, das aus anderen EU-Staaten ins Vereinigte Königreich gekommen war, um 87 Prozent eingebrochen.

Im Dezember 2019 waren nach offiziellen Zahlen 106.000 Stellen im NHS unbesetzt. 44.000 davon in der Krankenflege. Boris Johnsons Versprechen, den nationalen Gesundheitsdienst mit Finanzspritzen zu retten, kommt für die jetztige Krise zu spät. Die fatale Kombination aus Sparpolitik, Brexitentscheidung und Coronavirus-Epidemie droht den NHS k.o. zu schlagen. „Klatscht für die NHS-Helden” forderte die Sun ihre Leser am Donnerstag auf.

Um acht Uhr abends wird jeden Donnerstag dem Pflegepersonal landesweit applaudiert. Inzwischen hat sich aber eine halbe Million Briten freiwillig gemeldet, um das überforderte Personal des NHS zu entlasten. Darunter sind pensionierte Ärztinnen oder Privatpersonen, die sich als Fahrer anbieten. Da die politische Führung versagt, greift die Bevölkerung eben zur Selbsthilfe.

Michaela 29 Diederichs | Fr, 3. April 2020 - 11:23

Vielen Dank für den Einblick in das NHS. Je länger die Krise dauert, desto weniger mag ich vergleichen (was Sie ja auch nicht tun). Wo DE am Ende stehen wird im internationalen Vergleich der Gesundheitssysteme wissen wir erst hinterher. Intensivbetten haben wir bestimmt genug. Aber auch bei uns sind schon viele Ärzte/Personal infiziert. Fallen die massiv aus, hilft auch kein Intensivbett mehr. Wie hoch die Dunkelziffer bei der Altenpflege, den Pflegediensten ist, möchte ich lieber gar nicht wissen. Nur am Rande bemerkt: UK liegt im Gehaltsranking auch nicht gerade an der Spitze. Auch finanziell ist die Insel im med. Sektor also nicht besonders attraktiv.
https://www.thieme.de/viamedici/arzt-im-beruf-arzt-im-ausland-1563/a/wo…

Man zeige mir das Gesundheitssystem, das nicht an seinen Grenzen ist.

BTW: Bitte das Wort "Beatmungsgerät" verwenden, wenn man im deutschsprachigen Raum verstanden werden will. Ventilator ist hier etwas anderes.

Michael Andreas | Fr, 3. April 2020 - 12:49

Man liest so oft von einer angeblichen "Explosion" des Wohlfahrtsaates. Oder der Gesundheitskosten. Oder der Sozialtransfers. Selten oder nie belegt mit harten Daten. Was tatsächlich explodiert ist und weiter explodiert, ist der Anteil der reichsten Zehntelprozents am Einkommen und Vermögen der Volkswirtschaften https://www.bloomberg.com/news/articles/2019-12-27/world-s-richest-gain…

Gerhard Lenz | Fr, 3. April 2020 - 14:01

In reply to by Gast

Beziehung. Briten sagt man nicht nur Schrulligkeit, sondern auch Individualismus und Marktbessenheit nach. Trotzdem lieben sie eine im Grunde durch und durch sozialistische Einrichtung, die Gleiches für jeden verspricht.
Vor Boris Johnsons radikalen Reformplänen scheint nicht einmal die altehrwürdige BBC sicher. Aber auch für ihn ist der NHS unantastbar, er will ihn – angeblich – gar finanziell besser ausstatten. Keiner der Tory-Chefs, nicht einmal die eiserne Lady Thatcher („so etwas wie Gesellschaft gibt es nicht!“) wagte es, offen Hand an den staatlichen Gesundheitsdienst zu legen. Die Strafe durch den Wähler wäre sicher gewesen.
Tatsächlich geht die Zerstörung des NHS unmerklich, subtil von statten. Konservative Regierungen haben ihm konstant die notwendige finanzielle Ausstattung verweigert. Wer es sich leisten kann, konsultiert private Ärzte. Der NHS wird öffentlich als unantastbare „Heilige Kuh“ getätschelt, im Hintergrund ist das "Schlachten" jedoch in vollem Gang.

Bernhard K. Kopp | Fr, 3. April 2020 - 16:34

In reply to by Gast

Die Briten verehren die sozialpolitische Idee des NHS, nicht dessen Wirklichkeit. Diese leidet, wie fast immer bei öffentlichen Unternehmen, unter langjährigem Missmanagement und politischer Unterfinanzierung. Angesichts der explodierenden Gewinne und Vermögen der Finanzelite und der Wohlhabenden in den letzten 40 Jahren wären, bei guten Management- und Kontrollstrukturen und Kontrollverfahren, die NHS-Kosten nur relativ bescheiden gestiegen.