Huawei-Streit - Der Kampf um die technologische Vorherrschaft

Der Streit um die Festnahme von Huaweis Finanzchefin Meng Wanzhou zeigt: Der us-chinesische Handelskrieg eskaliert weiter. Der Druck der USA könnte nun die staatliche Kontrolle chinesischer Unternehmen noch verschärfen

Huawei
Huawei-Streit wegen Iran-Sanktionen: Handelskrieg mit neuen Methoden / picture alliance

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Beim Treffen zwischen dem US-Präsidenten Donald Trump und Chinas Präsident Xi Jinping Anfang Dezember auf dem G20 Gipfel schien ein Kompromiss zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt möglich. Eine weitere Eskalation des seit Monaten andauernden Handelskriegs wirkte abwendbar. Jedoch reagierte die chinesische Regierung mit unverhohlenem Ärger, als amerikanische Staatsanwälte die Auslieferung der fast zeitgleich in Kanada festgenommenen Tochter des Unternehmensgründers und leitenden Managerin von Huawei, dem chinesischen Telekommunikationsgiganten, verlangten. Meng Wanzhou ist Huaweis Finanzchefin, und die USA werfen ihr Verstöße gegen die Iran-Sanktionen. Offenbar als Vergeltung verhaftete China schnell zwei Kanadier. Nun soll sogar ein dritter Kanadier von der Polizei festgehalten werden.

Der sino-amerikanische Handelskrieg ist ein besonderer. Denn es geht nicht nur um Marktanteile, sondern vor allem um die Führerschaft über den technologischen Fortschritt. China hat in den letzten Jahrzehnten dramatisch aufgeholt und mittlerweile in einigen Bereichen der Hochtechnologie den Westen überholt. Insbesondere zum Beispiel bei der Künstlichen Intelligenz (KI) oder auch bei der nächsten, fünften Generation superschneller mobiler Kommunikation ist China bereits führend. Angesichts der zunehmenden Konkurrenz aus China werden jetzt vor allem Sicherheitsargumente ins Feld geführt, um die eigenen Industrien zu schützen. Die Notwendigkeit, kritische Infrastruktur zu sichern oder die Kontrolle des chinesischen Staates über Unternehmen, dienen auch als Rechtfertigung, Wettbewerber aus China vom Markt auszuschließen.

Huawei, ein vergleichweise unabhängiger Konzern

Meng Wanzhou
Meng Wanzhou, Huaweis Finanzchefin / picture alliance

Der Handelskrieg geht also weiter und wird mit neuen Mitteln ausgetragen. Vordergründig geht es zwar um das Brechen der US-Sanktionen gegen den Iran. Aber insbesondere am Beispiel Huawei wird derzeit diskutiert, inwieweit der chinesische Staat Einfluss nimmt auf Konzerne in China und damit auch die globale technologische Weiterentwicklung zu seinen Gunsten und in seinem Sinne manipuliert. Ob sich aber ausgerechnet Huawei als Beispiel für die starke Einflussnahme des chinesischen Staates eignet, ist fraglich. Denn bekannt ist dieses Unternehmen eher für seine weitsichtige, sozial ausgeglichene und auf Unabhängigkeit bedachte Unternehmensstrategie.

Der chinesische Telekommunikationsgigant Huawei ist ein überaus erfolgreiches privates Unternehmen, das 1987 von dem heute 74-jährigen Ren Zhengfei gegründet wurde. Die Anfänge waren bescheiden. Ren Zhengfei handelte zunächst mit Telefonanlagen aus Hongkong. Mit Arbeit, Einsatz und Weitsicht formte er daraus eine Erfolgsgeschichte, wie sie in den letzten Jahrzehnten nur in China geschrieben wurde. Vierzig Jahre später beschäftigt Huawei rund 180.000 Mitarbeiter, darunter mehr als 40.000 Nicht-Chinesen, die zusammen mehr als 92 Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaften.

75 Prozent der Beschäftigten außerhalb Chinas sind lokale Mitarbeiter. Die Mitarbeiter betreuen weltweit mehr als drei Milliarden Kunden. Es ist das einzige chinesische Unternehmen, das in Ländern außerhalb Chinas (67 Prozent) mehr Umsätze erzielt als in China selbst. Einzig auf dem amerikanischen Markt spielt Huawei keine Rolle. Einige US-amerikanische Politiker sehen das Unternehmen als Sicherheitsbedrohung, obwohl Huawei sich an US-Recht als leitender Norm im internationalen Geschäft orientiert.

Die Entscheidungsbefugnis ist in der Kontrolle von Huawei

Der Erfolg von Huawei liegt vor allem in der bemerkenswerten Strategie des Unternehmen begründet. Nach der Gründung von Huawei beschloss Ren Zhengfei, dass das Unternehmen den Arbeitnehmern gehören sollte. Zu dieser Zeit kämpfte China immer noch mit den Nachwirkungen der Kulturrevolution. Ein privates Unternehmen wurde von vielen misstrauisch beäugt. In dieser Situation war der Gründer von Huawei überzeugt, dass der Arbeitnehmer-Besitz des Unternehmens am wenigsten auf Kritik stoßen würde.

Noch heute hält Ren Zhengfei nur rund 1,4 Prozent des gesamten Grundkapitals des Unternehmens. Circa 80.000 Mitarbeiter halten den Rest. Da Huawei keine börsennotierte Gesellschaft ist und sich im Besitz seiner Mitarbeiter befindet, erhalten die Mitarbeiter außerdem einen großen Anteil der Unternehmensgewinne. Im Falle von Huawei ist der Gesamtertrag, der in den letzten zwanzig Jahren erzielt wurde, erheblich geringer als die Gewinnbeteiligungen, Gehälter und Boni, die an die Mitarbeiter ausgezahlt wurden. Huawei glaubt, dass der Besitz von Unternehmensanteilen die Mitarbeiter motivieren kann. Wenn Arbeitnehmer unternehmerisch agieren und so mehr Projekte initiieren, kann, so die Überzeugung von Ren Zhangfei, das Unternehmen expandieren und mehr verdienen. Die zweite Prämisse der Unternehmensstrategie beruht auf der Idee der Kundenorientierung. Je mehr die Mitarbeiter von Huawei arbeiten, desto mehr können Sie verdienen. Überstunden werden jedoch nur dann belohnt, wenn die Arbeit direkt auf die Bedürfnisse der Kunden eingeht. Überstundenprojekte, die keine direkten positiven Folgen für die Kunden zeigen, werden nicht belohnt.

Huawei-Werbung
Werbeplakat von Huawei in Warschau / picture alliance

Die Unternehmensstrategie von Huawei zeichnet sich somit durch Kundenorientierung, Mitarbeiterbeteiligung, langfristiges Denken und schrittweise Entscheidungsfindung aus. Das Unternehmen ist dafür bekannt, schnelle Entscheidungen zu vermeiden, in langen Zeiträumen zu denken, massiv in Forschung und in Innovation zu investieren und sich immer wieder zum Nachdenken zu zwingen. Dies hängt auch mit der Eigentümerstruktur zusammen: Die gesamte Entscheidungsbefugnis ist in der Kontrolle des Unternehmens  – kein externer Investor hat Einfluß über die Entscheidungen von Huawei. Huawei hat somit aufgrund seiner besonderen Eigentumsstruktur im Grunde viel mehr Freiheit als viele andere Unternehmen. Das Unternehmen kann dem Druck von Regierungen oder von Investoren leichter widerstehen als zum Beispiel börsennotierte oder öffentliche Unternehmen.

Die Regierung erhöht den Druck auf Unternehmen

Dass die chinesischen Regierung allerdings insbesondere angesichts des Handelskriegs versucht, mehr Kontrolle über die Wirtschaft zu erlangen, ist offenkundig. Eben erst hielt Xi Jinping zum 40. Jahrestages der Reform- und Öffnungspolitik eine anderthalbstündige Rede. Er betonte darin Chinas große Erfolge, beschwor die Fortsetzung des bisherigen Kurses und die Führungsrolle der Partei. Im Handelskrieg signalisierte er keinerlei Zugeständnisse. Er sagte zwar: „China wird sich niemals entwickeln, indem es die Interessen anderer Länder opfert“, aber fügte er schnell hinzu, China werde auch„ seine eigenen legitimen Rechte und Interessen nicht aufgeben “.

Es ist allerdings zweifelhaft, ob diese Ausführungen von Xi die wachsenden Befürchtungen chinesischer Privatunternehmen beschwichtigen können. Denn Wirtschaftsführer und Ökonomen in China beschweren sich offen über die Einmischung von Behörden, über hohe Steuerbelastungen, Investitionsbeschränkungen und großzügige Kredite an Staatsunternehmen, die sich der Protektion von Parteiführern erfreuen. Die Politik des zunehmenden Drucks der Partei auf die Wirtschaft und immer mehr Bereiche der Gesellschaft lassen eine tiefe Verunsicherung auf höchster Ebene vermuten. Zugleich ist das Gebaren der USA, insbesondere der Streit um die Auslieferung von Huaweis Finanzchefin Meng Wanzhou, ein willkommener Anlass für Chinas Führung, diesen Druck zu rechtfertigen. Angriffe von außen könnten staatliche Zugriffe somit erst recht erleichtern.

Reinhold Schramm | Do, 20. Dezember 2018 - 13:29

''Schmerzen im unerwarteten Ausmaß'' für die internationale Arbeiterklasse im 21. Jahrhundert!

''Die Handelsspannungen bringen eine schwere Zeit für alle klein- bis mittelgroßen Unternehmen mit sich. Allerdings können die führenden Unternehmen die Schwierigkeiten mit Innovationen überwinden und werden in der Zukunft als Sieger dastehen'', sagte der Vorstand Jack Ma. ''Alibaba ist 19 Jahre alt'', sagte er. ''Die nächsten 20 Jahre sind lange genug, dass sich neue Firmen wie Alibaba oder Amazon etablieren können'' - ''Für Entwicklungsländer sei die Dienstleistungs-Industrie und nicht mehr der herstellende Sektor wichtig für die Erschaffung von neuen Jobs''.

In den nächsten zehn bis 15 Jahren werde die traditionelle Fertigungsindustrie ''Schmerzen im unerwarteten Ausmaß'' erfahren. Dies werde ähnlich dem verlaufen, was die Offline-Handelsbranche aufgrund des Aufkommens des E-Kommerz durchgemacht habe, sagte Ma voraus.

Birgit Fischer | Do, 20. Dezember 2018 - 16:11

Es ist anmaßend, wie die USA sich verhalten. USA steht es frei, Sanktionen gegen jeden und alles zu erheben. Das aber kann nicht für den Rest der Welt außerhalb der USA gelten. Man mag amerikanische Verbraucher und Hersteller zwingen, Sanktionen zu beachten, aber das kann nicht für Unternehmen gelten, die außerhalb der USA ansässig sind. Wieso darf amerikanisches Recht die ganze Welt terrorisieren? US-Gesetze gelten in den USA nirgends sonst auf der Welt. Und wenn Huawei Telefone nach Iran verkauft, dann geht das die Amis einen Dreck an. Schließlich geht es um ein chinesisches Unternehmen, das chinesische Gesetze zu beachten hat. Und China hat kein Problem mit Iran.

Dimtri Gales | Do, 20. Dezember 2018 - 16:18

strategisch, während in Europa eher das kurzfristige Geld im Vordergrund steht. Daher haben manche deutsche/europäische Firmen keine Hemmungen, ihr Geschäft an Chinesen zu verkaufen. Das Risiko ist immens, denn wie der Artikel schon aussagt, holt China mit Kometengeschwindigkeit auf, schickt Studenten in die USA und nach Europa, zum Beispiel nach Sophia-Antiopolis (bei Nizza), ein bedeutendes High-Tech-Forschungszentrum. Auch Europa wird immer mehr zum Ziel asiatischer Konkurrenz werden, mit Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und das Nationaleinkommen - es kann eben nicht Platz für alle geben; das Märchen mancher Ökonomen, wonach in der Wirtschaft die Bäume in de Himmel wachsen, stimmt nicht. China hat schon in seiner Geschichte bewiesen, wie gut es durch Imitation lernen und Produkte entwickeln kann; wie etwa das Porzellan, das seit der frühen Ming-Epoche immer besser wurde und den europäischen Markt überschwemmte, bis zur Entdeckung des Porzellan-Rezepts ins Sachsen.

Hans Jürgen Wienroth | Do, 20. Dezember 2018 - 16:46

Den Kampf um die technologische (IT-)Vorherrschaft hat unser Land längst aufgegeben. Früher führend in der Computertechnik haben wir diese in dem Preiskampf aus Fernost aufgegeben. Billige Geräte, gerne auch Kopien oder unberechtigte Anwendung von Patenten beherrschen den Markt. Dass die Produkte nach dem Know-how-Aufbau rasant weiterentwickelt wurden, steht außer Frage.
Wer weiß, was wirklich an Technik in diesen Geräten steckt, die heute kleinste Mikrobauteile höchster Komplexität verwenden. Bei Hard- und Softwareentwicklung fehlt uns und anderen mittlerweile das für eine Analyse notwendige Know-how. Während viele Länder auf diesem Globus vor dem ungebremsten Wachstumsstreben Chinas Angst befällt, glauben wir an das Gute im Kommunismus und liefern Schlüsselbereiche wie Telekommunikation, Steuerung d. Energieversorgung etc. bedenkenlos aus. Fehlt hier das Risikobewusstsein?
Das Huawei ein „echter Volksbetrieb“ ist ändert nichts am Einfluss der chinesischen Führung.

Ernst-Günther Konrad | Do, 20. Dezember 2018 - 17:19

Trump hat mal behauptet, die Chinesen würden überalle ihr Wissen "stehlen" und kopieren. Das mag mal richtig gewesen sein. Inzwischen aber, haben die Chinesen erkannt, ihre eigenen Leute überall in der Welt studieren und lernen zu lassen, damit sie zu Hause dann Produkte weiter entwickeln können. Da hat Amerika nicht viel zu bieten. Und Deutschland, das Land der Dichter, Denker und Erfinder, entwickelt Funklöcher und und versteckt das Internet vor den Milchkannen.

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