Digitalisierung und Künstliche Intelligenz - Der Corona-Impfstoff für die Wirtschaft

Die Wirtschaft nimmt trotz Corona wieder an Fahrt auf. Doch es darf nicht unser Ziel sein, den Vorkrisenzustand zu erreichen. Denn in der Digitalisierung schöpft Deutschland sein Potenzial nicht aus. Wir brauchen endlich mehr Geschwindigkeit – in jeder Hinsicht.

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Lange Leitung für schnelle Daten / dpa

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Irene Bertschek leitet den Forschungsbereich „Digitale Ökonomie“ am ZEW Mannheim und hat eine Professur für die „Ökonomie der Digitalisierung“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen inne. Sie ist Mitglied in der von der Bundesregierung berufenen Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), in der sie sich insbesondere mit Fragen der Digitalisierung der Wirtschaft und deren Folgen befasst.

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Irene Bertschek

Die erste Lockdown-Phase ist überwunden, die wirtschaftliche Aktivität ist wieder angelaufen, wenn auch nicht in allen Branchen gleichermaßen. Die Corona-Krise hat die in Deutschland herrschenden Digitalisierungsdefizite deutlich sichtbar gemacht, etwa an den Schulen und im Gesundheitswesen. Gleichzeitig hat sie der deutschen Wirtschaft zu einem Digitalisierungsschub verholfen – man könnte auch sagen sie wurde zwangsdigitalisiert. Zahlreiche Unternehmen bieten ihre Produkte und Dienste jetzt online an, ermöglichen ihren Mitarbeitenden im Home-Office zu arbeiten, ersetzen Dienstreisen durch Videokonferenzen.

Dass die Digitalisierung nicht nur zu Effizienz und Produktivität beitragen kann, sondern auch zur Krisenresilienz, wurde während der Corona-Krise deutlich. So haben wir in einer aktuellen ZEW-Studie festgestellt, dass aufgrund der einschränkenden Maßnahmen während des Lockdowns etwa drei Viertel der Soloselbstständigen mit einem sehr niedrigen Digitalisierungsgrad des Angebots nicht mehr in der Lage waren, die eigene Tätigkeit auszuüben. Unter den sehr hoch digitalisierten Soloselbstständigen waren es dagegen nur 28 Prozent. Auch die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 haben hoch digitalisierte Unternehmen besser überstanden als gering digitalisierte, weil sie ihre Prozesse leichter anpassen und starke Produktivitätsrückgänge verhindern konnten. Digitalisierte Unternehmen haben es folglich leichter, nach einer Krise ihre wirtschaftlichen Aktivitäten wieder hochzufahren.

Zurück auf Los ist nicht die Lösung

Doch was passiert jetzt, wo die Wirtschaft wieder an Fahrt aufnimmt? Zurück zum Vorkrisenzustand? Neue Verhaltensmuster zeichnen sich bereits ab: Home-Office gehört nun zum Alltag vieler Angestellter. Wir freuen uns über die Möglichkeit online einzukaufen und uns digital weiterzubilden. Statt der täglichen Fahrt mit dem Auto werden viele Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt, inkl. „Pop-up“ Fahrradwege in den Großstädten. Die Fahrradbranche geht übrigens als eine der Gewinnerinnen aus der Krise hervor.  

Dass es kein Zurück auf Los gibt, hat auch die Politik verstanden. Dies macht der von der Bundesregierung als „Zukunftspaket“ benannte Teil des Konjunkturpakets deutlich, auch wenn es im Dschungel der konjunkturstützenden Maßnahmen beinahe untergeht. Die Automobilbranche wurde nicht mit einer weiteren Abwrackprämie bedacht, sondern mit einer Innovationsprämie für Elektrofahrzeuge. Es werden Mittel bereitgestellt für die Künstliche Intelligenz (KI) und die Quantentechnologie, den weiteren Ausbau von Glasfaser und 5G sowie für die Unterstützung der Wirtschaft und insbesondere der KMU bei der Digitalisierung.

Die Maßnahmen sind nicht völlig neu, aber geben ein Signal dafür, dass es nun vorwärts gehen muss. Digitale Technologien bieten die Grundlage dafür. Sie sind nämlich nicht nur Produktivitätstreiber, sondern haben die wunderbaren Eigenschaften einer „General Purpose Technology“ – gekennzeichnet durch raschen technologischen Wandel, Einsatzfähigkeit in allen Bereichen der Wirtschaft und vor allem durch ihre Eigenschaft als Impulsgeber für Innovationen. Auch diese Erkenntnis ist nicht neu. Allerdings gewinnt sie vor dem Hintergrund der aktuellen Lage an enormer Relevanz.

Impulsgeber für Innovationen sein

Jetzt gilt es den Moment für Veränderung zu nutzen: Für innovative Produkte wie wir sie im Bereich der Mobilität dringend benötigen, um Wege zu sparen oder möglichst ressourcenschonend zurückzulegen, für innovative Dienste wie sie während der Lockdown-Phase vielerorts online entstanden sind, weil physische Nähe zu gefährlich war, und für bessere Entscheidungen etwa im Gesundheitswesen, für die wir eine zuverlässige und sichere Datenbasis brauchen und die Möglichkeiten diese auszuwerten. Die Coronakrise hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass im Gesundheitswesen Daten erhoben und zwischen Akteuren ausgetauscht werden.

Das Potenzial ist aber bei Weitem noch nicht ausgeschöpft: Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei der Nutzung digitaler Technologien in der Wirtschaft auf Rang 18 von 28. Insbesondere beim Informationsaustausch zwischen Unternehmen und bei der Nutzung von Clouddiensten ist die deutsche Wirtschaft zurückhaltend. Künstliche Intelligenz setzen bislang knapp sechs Prozent der Unternehmen in der deutschen Wirtschaft ein, wie eine ZEW-Studie zeigt.

Mangel an Fachkräften

Es sind die neuen technologischen Entwicklungen wie die Künstliche Intelligenz, die Verfügbarmachung und Nutzung von Daten und die dafür notwendige Infrastruktur wie schnelles Internet und leistungsfähige Speicher- und Rechenkapazität, die den Weg nicht nur in die Post-Lockdown-, sondern auch in die Post-Corona-Phase bereiten. Für die Wirtschaft bedeutet dies, die (Un-)Gunst der Stunde zu nutzen, Ideen zu generieren oder solche, die vielleicht bereits während der Lockdown-Phase entstanden sind, weiter zu entwickeln, Potenziale und Einsatzmöglichkeiten zu eruieren und auszuprobieren, neue Kooperationen einzugehen, mit der Forschung oder mit Startups.

Wir brauchen Software, die Produkten und Diensten intelligente Funktionen verleiht, Daten, mit denen diese Funktionen stetig verbessert werden und Expertinnen und Experten, die in der Lage sind, diese Software zu entwickeln, Daten auszuwerten und vor allem die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Kein leichtes Unterfangen? Wer sagt, dass digitale Transformation einfach ist? Es ist ein Zusammenspiel von Technologie, Humankapital und Organisation, und von Entschlossenheit Dinge konsequent zu ändern. Der KI-Nutzung in der Wirtschaft steht ein Mangel an Fachkräften gegenüber. Etwa jede zweite offene KI-Stelle konnte im vergangenen Jahr nicht besetzt werden. Die Politik ist bereit in KI zu investieren, in die Forschung und die Ausbildung von Expertinnen und Experten. Warum nicht auch in ein europäisches Forschungsinstitut zu KI?

Digitalisierung in der EU-Ratspräsidentschaft

Am 1. Juli hat Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft übernommen. Die Agenda ist nicht zuletzt wegen Corona lang. Wichtig ist, dass die Digitalisierung dabei nicht ins Hintertreffen gerät, sondern ganz oben steht, mit Themen wie KI, der von Deutschland initiierten europäischen Cloud Gaia-X, der Umsetzung einheitlicher europäischer Sicherheitsstandards für den Ausbau von 5G wie sie von der EU-Kommission mit der 5G-Toolbox vorgelegt wurden, und nicht zu vergessen einer europäischen Datenstrategie.

Digitalisierung ist nicht um ihrer selbst willen so wichtig, sondern weil sie für viele Fragen und Herausforderungen eine Lösung bietet. Die Digitalisierung ist der Wegbereiter für Innovationen und damit für Produktivitätswachstum und Wohlstand. Ihre stabilisierende Rolle in Krisenzeiten hat sie bewiesen. In Deutschland laufen für einen Corona-Impfstoff bereits die ersten Tests am Menschen an. Der Corona-Impfstoff für die Wirtschaft heißt Digitalisierung.

Wolfgang Tröbner | Do, 16. Juli 2020 - 14:15

Im Wesentlichen hat Frau Bertschek recht. Wir brauchen mehr Digitalisierung, insbesondere in Bildung und vor allem auch in der Verwaltung. Da liegt viel im Argen, wie die letzten Monate nachdrücklich gezeigt haben. Was ich allerdings nicht mehr hören kann, ist, dass wir händeringend mehr Fachkräfte brauchen. Man hört das seit Jahrzehnten immer und immer wieder. Der angebliche Fachkräftemangel musste auch zur Begründung für den ungezügelten Zuzug von Millionen Menschen ohne jegliche Ausbildung herhalten. Wie wäre es denn damit, dass Deutschland endlich anfängt, die Fachkräfte auszubilden? Oder warten wir wieder auf die tatsächlichen oder angeblichen Fachkräfte aus dem Ausland? Es gibt Abertausende von Studenten, die irgendwelche Orchideenfächer studieren, für die aber überhaupt kein Bedarf besteht. Kann sich das Land auf Dauer überhaupt leisten?

Weltweit können die bestehenden kapitalistischen Klassen und Gesellschaftssysteme, etwas anderes gibt es nicht, ihre aktuellen und zukünftigen Sozial- und Wirtschaftskrisen auf den bösen Virus schieben.

Hätte es diesen Virus nicht gegeben, die strategischen und medialen Ideologen der Monopolverbände und Konzernvorstände, die Lufthansa AG, die Tönnies und Karstadt AG, hätten diesen erfinden müssen.

So hat möglicherweise die Welt der Vieren und Tiere, oder auch staatliche Kampfmittel- und Bio-Labore, einen hilfreichen Dienst fürs Kapital geleistet.

Welcher Gewerkschafter würde den zukünftig bei Massenentlassungen noch zum Streik aufrufen, wenn doch an der gut geplanten Wirtschafts- und Kapitalkrise ein Virus verantwortlich ist?

Spitzen-IT kostet. Da kann die Verwaltung mit öff. Tarifvertrag nicht mithalten. An der Stellschraube müsste gedreht werden. Ansonsten gebe ich ihnen recht. Allerdings: seit wie vielen Jahren kündigt die Merkel-Regierung an, dass wir nun endlich digital werden? Und ist etwas passiert? Frau Bär wurde installiert. Vielleicht müssten wir da einmal nachfragen.