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Beeindruckende Kulisse: Bühnenbild auf dem EU-Gipfel zur Einführung des Euro im Jahr 1998 / Bernd Arnold

Der Euro - Geld oder Überleben

Schlechte Nachrichten für Sparer: Die Inflation in Deutschland steigt auf den höchsten Stand seit fast 30 Jahren. Hat der Euro ein grundsätzliches Problem? Wie konnte es kommen, dass die Gemeinschaftswährung zum Spielball der unterschiedlichsten Interessen wurde und vom einstigen Stabilitätsversprechen kaum noch etwas übrig geblieben ist? Die Geschichte eines politischen Verwirrspiels.

Autoreninfo

Jens Peter Paul war Zeitungsredakteur, Politischer Korrespondent für den Hessischen Rundfunk in Bonn und Berlin, und ist seit 2004 TV-Produzent in Berlin. Er promovierte zur Entstehungsgeschichte des Euro: Bilanz einer gescheiterten Kommunikation.

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Dafür, dass er so oft schon totgesagt wurde, geht es dem Euro äußerlich noch erstaunlich gut. Man kann mit ihm bezahlen; er wird überall problemlos akzeptiert, das Geld erfüllt im Alltag seinen Zweck. Sein weltweites Standing ist nicht überragend, aber auch nicht schlecht. Keines der Untergangsszenarien aus den vergangenen 25 Jahren hat sich bislang bewahrheitet – und auch der Rücktritt des Bundesbankpräsidenten wird nicht sein Schicksal besiegeln. Dafür war der Einfluss von Jens Weidmann auf die europäische Geld- und Finanzpolitik stets zu gering.

Ohnehin sind resignationsgetriebene Rücktritte von Bundesbankpräsidenten seit einigen Jahrzehnten, beginnend mit Karl Otto Pöhl 1991, eher die Regel als die Ausnahme. Zu Kurskorrekturen führten sie nicht. Die Politik setzte ihren Willen umso leichter durch. „Weidmann hat nie wirklich politisch gedacht, sondern ist im Grunde seines Herzens stets ein Beamter geblieben“, sagt einer aus der Chefetage, der das Aufsehen um die Personalie für unbegründet hält. In der Europäischen Zentralbank redet man nicht so respektlos über Weidmann, hält die Folgen seines Rücktritts aber ebenfalls für gering.

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Rob Schuberth | Mo, 29. November 2021 - 18:14

Ihre Frage, "wie konnte es so kommen, dass der Euro...." ist hoffentlich rhetorisch gemeint.
Ich lese ja nur bis zur Schranke u. weiß daher nicht, ob u. welche Antworten es gibt.
hier ist eine:
https://www.cicero.de/wirtschaft/w%C3%A4hrungsunion-eurobonds-rettungss…

und selbst die SZ kritisiert (ihren eigenen Prantl)
https://www.sueddeutsche.de/kolumne/ezb-urteil-verfassungs-richter-zeig…

Ohne das Abschmelzen der Sparguthaben (primär deutscher) über den Umweg der EZB in Richtung Rettung der Süd-EU-Länder vor deren (Banken-)Pleiten, ginge es dem Euro prima.

Der EURO war der bewusste 2. Schritt vor dem ersten.
Und da die meisten EU-Länder diesen ersten (also den noch nicht getanen) Schritt (einer gemeinsamen Steuer- u. Finanzpolitik) verweigern, was ich gut verstehe, bleibt der € krank.
Es wird immer verschiedene Nationen geben u. das ist auch richtig so.

Keine weiteren Rechte an Brüssel abgeben!!

gebe ich Ihnen recht: Die Einführung des Euros ohne integrierte Wirtschafts- und Finanzpolitik, und insbesondere einer Vergemeinschaftung der Steuern, ist Stückwerk.

Die Einführung des Euros war für Helmut Kohl ein elementares Politikziel. Kohl war jedoch Historiker: für ihn handelte es sich primär um einen symbolischen Akt, der Einigung Europas seinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Alle weiteren Maßnahmen - insbesondere die Aufgabe der Souveränität in Fiskalangelegenheiten - interessierten ihn nicht.

Gleichwohl hat sich der Euro bislang als ausserordentlich stabil erwiesen.

Es ging natürlich niemals darum, deutsche Sparguthaben zu dezimieren - da werden Sie wieder polemisch. Auch Franzosen, Niederländer u.a., aber auch Staaten ausserhalb der Eurozone (Norwegen, Schweizer), ja ausserhalb Europas leiden unter der - weltweiten - Niedrigzinspolitik.

Diese soll bekanntlich konjunkturbelebend wirken.

Die Behauptung, es ginge nur darum Südeuropäer zu füttern, ist Unsinn.

M. Bernstein | Mo, 29. November 2021 - 18:18

Irgendwie kann ich mir zwar nicht vorstellen, dass das Konzept der Parallelwährungen umgesetzt wird. Die Idee an sich ist aber interessant, weil es die Eigenverantwortung der Staaten und ihren Spielraum vergrößern würde. Dadurch entstünde mehr Flexibilität und es gänge eben nicht um Biegen und Brechen um Euro ja oder nein und es würde der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Staaten mehr gerecht.

Markus Michaelis | Mo, 29. November 2021 - 18:25

Ich glaube nicht, dass der politische Wille in Europa ausreicht die Ungleichgewichte (also die letztlich ungedeckten Wohlstandsversprechen) auszugleichen. Die "Eliten" haben diesen Willen, aber auf Dauer kommt es auch auf die Massen an.

Der Euro hat aber auch dann noch eine Chance, wenn er sich nicht zu schlecht relativ zu Konkurrenzwährungen hält. Bieten Dollar oder Yuan in den Augen der Menschen mehr Verlässlichkeit und (auch politische) Kalkulierbarkeit, werde die Menschen aus dem Euro rausgehen.

Da das aber so nicht in Sicht ist, werden wir absehbar wohl noch den Euro haben - mit immer mehr nicht-gedecktem Explosivpotenzial, aber mangels Alternative doch funktionierend.

helmut armbruster | Mo, 29. November 2021 - 18:32

denn sie suggeriert, dass ein Überleben möglich sein wird, wenn nur genügend Geld "gedruckt" wird.
jedes unbegrenzte Gelddrucken (heute digital) war aber noch nie die Lösung um überleben zu können, sondern hat immer nur den Zusammenbruch hinaus gezögert.
Und so wird es auch dieses Mal sein.
Wie der worst case aussehen könnte, das zeigt uns die Hyperinflation am Anfang der 1920-iger Jahre, siehe Link:
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Inflation_1914_bis_1923#/media/D…

Christa Wallau | Mo, 29. November 2021 - 18:43

lieber Herr Paul. Herzlichen Dank auch für die Zusammenfassung der Entstehungsgeschichte des Euros! Zu alledem, was Sie schildern, sind wir deutschen "Normalbürger" niemals direkt um unsere Zustimmung gebeten worden. Wir haben stets nur zuschauen, mehr o. minder murrend akzeptieren bzw. reagieren dürfen. Wie sich die Sache weiterhin entwickelt, liegt erst recht nicht in unserer Hand; denn auch unsere neue Regierung hat nicht vor, für Deutschland an Souveränität noch zu retten, was zu retten ist. Im Gegenteil: Wir werden weiter im Strom der EZB-Maßnahmen mitschwimmen, egal wie diese einmal enden - ob mit langsam ansteigender oder irgendwann doch plötzlich krachender Geldentwertung, das wird sich zeigen.

Spätestens danach sind wir wieder auf uns selber verwiesen u. dürfen von vorn (bei Null) beginnen. Bei den vielen Millionen von tüchtigen u. fleißigen Zuwanderern (Fachkräfte!), die wir inzwischen in unserem Land aufgenommen haben, dürfte das jedoch mit Sicherheit kein Problem werden!

Bernd Windisch | Mo, 29. November 2021 - 19:33

"Nothing left to loose"

Die EU hat aus einem simplen "über die Verhältnisse leben" hohe Staatskunst gemacht.

Wer täglich neue Euronen generiert darf sich über Geldentwertung nicht wundern. War damals wenigstens so.

Am Ende schließt sich wieder der Kreis. Die Zeche zahlt der kleine Mann desssen Lohn und Ersparnisse suksessive an Kaufraft verlieren. Man könnte dies auch eine indirekte Steuer auf kleine Ersparnisse und Löhne nennen. Im real existierenden EU Sozialismus heißt dies aber Corona - Aufbaufond. Könnte aber auch Treibhausgase Abbaufond heißen. Ist am Ende aber immer nur Betrug am "kleinen Manne".

Warum so ängstlich lieber Herr Windisch? Die Zeche zahlt nicht der kleine Mann. Die Zeche zahlen die Reichen. Lesen Sie den Wirtschaftsteil in der - mittlerweile in der gestrigen- SZ.

Das Münchner Ifo-Institut, Herr Fuest, verschickte eine Pressemitteilung mit der Überschrift "Inflation trifft aktuell Reiche stärker als Arme. Stimmt nicht. Ein Blick in meine Geldbörse widerspricht Herrn Fuests Feststellung. 5% weniger in meiner
Börse.

Doch Hilfe naht. Herr Linder erhofft 500.000 Flüchtlinge. Alles Fachkräfte mit Er-satzteilen in der Hosentasche. Für unsere Solardächer made in China. Lenkrä-
der für VW. Sogar Smart-Phones für unsere Flüchtlinge.

Wozu brauchen wir noch eine deutsche Wirtschaft? Ab 2025 können wir "Made
in China" kaufen. "Made in Germany" ist vergessen. Wir zahlen in Yen. Denn "stirbt der Euro, stirbt Europa". Also wir.
Vorbei mit Sarkasmus.

hohe Staatskunst gemacht. "
Richtig...und fast alle, früher gültigen Regeln der Ökonomie außer Kraft gesetzt.
In der Währungs- und Wirtschaftsunion des Vertrag von Maastricht, waren ja nicht grundlos Maßnahmen festgelegt.
" Das Kriterium der Haushaltsstabilität (Defizitquote unter 3 % und Schuldenstandsquote unter 60 % des BIP) wurde als dauerhaftes Kriterium ausgelegt."
Der Wegbruch fundamentaler Gesetze und Regeln zieht sich wie ein roter Faden durch die Jahre der EU.
Und ein immer stärkerer Hang zum Motto, Gewinne privatisieren, Schulden sozialisieren.
Ausbaden müssen ihn viele Bürger der EU, vor allem Steuerzahler in DE.

Wolfgang Ludwig | Mo, 29. November 2021 - 21:52

28.6.1919 L`Allemange renonce a´son existence

Ingofrank | Mo, 29. November 2021 - 22:44

Da Frankreich mit seiner Geld und Reformstaupolitik stetig den Deutschen von der Stangege gegangen ist, und Deutschland durch seine linksgrüne Regierung viel viel Geld braucht den sogenannten „Aufbruch = Abbruch der Industrie“ zu finanzieren, wird die Geldpresse immer schneller u. schneller laufen.
Ein jahrelanges „über die Verhältnisse leben“ führt irgendwann zum Bankrott. Ob als Privatperson, Firma oder Staat im Ergebnis ist’s das Gleiche. Ein Spiel auf Zeit und am Ende ist alles weg. Das einzig offene ist, wie lange wird’s noch gut gehen.
Mit freundlichen Grüßen aus der Erfurter Republik

Norbert Heyer | Mo, 29. November 2021 - 23:22

Die Aufgabe der D-Mark war eine geforderte Voraussetzung der Franzosen für ihre Zustimmung zur Wiedervereinigung. Die Deutschen haben einige Schutzmaßnahmen durchgesetzt, um den Euro so stabil zu halten wie die DM. Dieser Versuch ist krachend gescheitert.
Wir haben mittlerweile eine Solidargemeinschaft, in dem Deutschland zahlt und die „lockeren“ Länder kassieren. Mit Lagard haben die Franzosen den Zugriff auf die Kasse und Deutschland erlebt eine Wiedergeburt der Versailler Verträge. Deutsche Sparer werden seit Jahren ohne Zinsen abgespeist und haben innerhalb der EU die schlechtesten Besitzwerte. Jetzt kommt noch die grüne Kapitalwende ins Nichts und die teilweise Übernahme von Sozialversicherungs-Verpflichtungen durch uns. Selbst dem größten Optimisten ist klar, dieser Schuldenberg kann niemals ohne einschneidende Verwerfungen zurückgeführt werden. Wir tanzen alle auf einen Vulkan und hoffen, dass er niemals ausbricht. Diese Hoffnung ist aber sehr, sehr trügerisch. Es wird eng …

Dr. Hermann J Stirken | Di, 30. November 2021 - 08:22

Lassen Sie und auf ein paar Fakten schauen. Das Haushaltsdefizit Frankreichs für 2020 beläuft sich auf 219 Milliarden. Würden Sie mit einem Partner zusammenarbeiten, der defizitär ist? Die EZB nimmt ihr Privileg der Unabhängigkeit wahr, um jetzt das Klima zu retten, ohne dass das demokratisch überprüfbar wäre. Die Unabhängigkeit der EZB war ein Privileg für die monothematische Zuständigkeit der Geldwertstabilität. Diese Mandatsüberschreitung wird kaum zur Kenntnis genommen, kann aber enorme wirtschaftliche Folgen für deutsche Unternehmen haben, in dem angeblich unökonomische bedingte Kredite sehr teuer werden können. Diese Machtfülle ist demokratisch nicht kontrollierbar. Die Anleihenkäufe und somit der Staatsfinanzierung gehen weiter. Wie soll dieses Währungssystem eine Zukunft haben? Und die Politik? Fördert diese Prozesse, ohne zu merken, dass Deutschland immer tiefer in diesen Sumpf gezogen wird.

Karl-Heinz Weiß | Di, 30. November 2021 - 10:00

Die deutsche Exportwirtschaft, Pfeiler unseres Wohlstands, konnte mit dem Euro viele Jahr gut leben.
Hauptproblem ist die Niedrigzinspolitik, die für die exorbitanten Preissteigerungen im Immobilienmarkt verantwortlich ist. Wenn in den USA die Zinsen anziehen, gibt es nicht nur für die öffentlichen Haushalte, sondern auch für die Eigentümer der aktuell erworbenen Immobilien ein böses Erwachen.

Christoph Kuhlmann | Di, 30. November 2021 - 12:29

bisher besser als mit der D-Mark:"In den ersten zwölf Jahren brachte es der Euro auf eine kumulierte Geldentwertung von 19,2%. Die höchste jährliche Inflationsrate lag 2008 bei 2,8%. Die D-Mark kam in den zwölf Jahren vor der Euro-Einführung, also zwischen 1987 und 1998, auf kumulierte 33,9%" Das setzte sich in den Folgejahren for. Ich erinnere an die verzweifelten Bemühungen Mario Draghis eine Inflationsrate von 2% zu erreichen, was misslang. Die aktuelle Inflation ist von zwei Faktorengekennzeichnet. Einerseits dem Auslaufen der 3% igen Mehrwertsteuersenkung in Deutschland, damit ist schon einmal die Hälfte der Inflation erklärt. Andererseits gibt es durch die Coronakrise weltweit Lieferengpässe, welche die Inflation global anheizen. Beide Faktoren hat die EZB nicht zu verantworten. Bis Mitte nächsten Jahres sollten beide Faktoren ihre Wirkung verlieren.

Deutschland verstand es nie wer an der Spitze der EU und EZB an der Spitze steht.
Kohl auch Schröder duckten sich weg. Und Merkel? Sie ließ es zu, wie Macron
sich Leyen, die schlimmste Fehlbesetzung, Lagarde keine Ahnung, auch nicht Willens ist, erfolgreich für eine reiche Finanz- und Wirtschaftspolitik zu stehen.
Vor ihrem Antritt gestand sie als IWF-Chefin keine Ahnung von der EZB zu haben.

Die bestimmenden Länder wie Frankreich, Italien, Spanien lassen D sehr nackt
aussehen. Nur D stellt keine eigenen Forderungen. Ist vermutlich stolz, für diese
Länder, der gesamten EU, interessant zu sein, wenn diese ihre Vorteile ziehen können.

Vor einigen Tagen hörte ich in einem Interview mit Luxemburgs Asselborn, wie sehr er sich auf Olaf Scholz freut. Man kennt sich. Deutschlands Geld ist gewiß.
Der deutsche Bagger schaufelt weiter in unserem Geld. Wenn nicht, Draghis Methode war und ist present. Deutschlands Inflationsrate steht im November
bei 6 %. Na dann, frohe Weihnachten.

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