Wutpredigt gegen die Ökumene - Warum wir über Pastor Latzel staunen dürfen

Kolumne: Grauzone. Die katholische Heiligenverehrung sei „Reliquiendreck“, das islamische Zuckerfest „Blödsinn“, schimpfte der Bremer Pastor Latzel. Political Correctness ist das nicht. Es ist gerade dieser Störfaktor des Unzeitgemäßen, der seine Predigt so spannend macht

Eine bunte Religionswelt, ein bisschen dies, ein bisschen das, religiöser Synkretismus, das sei mit Gott nicht zu machen.
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Im September erscheint von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Alexander Grau

Es war Sonntag, der 18. Januar. Da bestieg Pastor Olaf Latzel die Kanzel der St.-Martini-Kirche in Bremen. Predigttext war eine Stelle aus dem Alten Testament, genauer: aus dem Buch Richter 6, Vers 25 bis 32.

Für alle nicht ganz Bibelfesten: Die erzählt die Geschichte des Richters Gideon, des „Holzhackers“ oder „Zerstörers“, so sein Name auf Deutsch. Gideon erhält von Gott den Auftrag, den Altar des Baal-Kultes niederzureißen. Gideon vollzieht Gottes Befehl heimlich in der Nacht. „Als nun die Leute in der Stadt früh am Morgen aufstanden, siehe, da war der Altar Baals niedergerissen und das Ascherbild daneben umgehauen“ (Richter 6, 28).

Ganz klar: Multikulturalismus und religiöse Ökumene sehen anders aus. Der Predigttext hat es in sich, zumal in Zeiten von Regenbogentheologie, interreligiösem Dialog und Patchwork-Religiosität. Denn was Gott hier einklagt, ist ganz klar: Null Toleranz.

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Diese Reinigung habe jedoch bei jedem selbst anzufangen: „Wenn ich Christ bin“, so Latzel, „dann habe ich keine Talismänner mehr, ..., irgendwelche Amulette, wo irgendwelche Heiligen drauf sind“. Insofern sei auch die Reformation eine Reinigung gewesen, von Götzendienst, Reliquienanbetung und Heiligenverehrung.

Gegenwind zum Sound des Fundamentalismus
 

So weit, so protestantisch, so gut. Wo Latzel recht hat, hat er recht. Doch da der Pastor nun einmal in Fahrt war, legte er jetzt so richtig los: Gegen die abrahamitische Ökumene und die Vorstellung, Muslime, Juden und Christen hätten denselben Gott. Gegen gemeinsame Gebetshäuser wie The House of One, einem interreligiösen Gebäude, das in Berlin Mitte entstehen soll. Und gegen die Vorstellung, im Grunde würden doch alle Religionen zu demselben Gott beten.

Keine Frage: Mit der Political Correctness hat es Pastor Latzel nicht so. Und so stellt er fest: „Es gibt nur einen wahren Gott. Wir können keine Gemeinsamkeiten mit dem Islam haben“. Die Teilnahme an religiösen Festen, dem „Zuckerfest und all diesem Blödsinn“, verbiete sich, denn schließlich sei das Götzendienst. Und bei aller Ökumene müsse man trotzdem festhalten: „Dieser ganze Reliquiendreck und -kult, der ist heute noch in der katholischen Kirche verbreitet.“ Da dürfe man nicht einfach mitmachen. Die Lehre der katholischen Kirche sei „ganz großer Mist“ und „Irrsinn“. „Aber sag was dagegen, dann störst du den ökumenischen Frieden“.

Selbst wenn man einmal davon absieht, dass Pastor Latzel sich mitunter etwas im Ton vergreift, ist seine Wutpredigt harter Tobak. Soviel ist klar. Und dass es heftigen Gegenwind gab, verwundert nicht wirklich. Doch gerade das Unzeitgemäße, das Störrische und Widerspenstige macht diese Predigt zugleich so spannend.

Zunächst: Latzel vertritt genau jenen theologischen Konservativismus, den wir bei islamischen Klerikern zu Recht beargwöhnen und als Gefahr für unsere Gesellschaft wahrnehmen.

Charakteristisch hierfür: Das wörtliche Verständnis religiöser Texte und der Unwille, sie einer modernen Lesart zuzuführen. An einer Stelle sagt Latzel: „Das fordere nicht ich. Das fordert unser Herr und Gott“. Genau dieses „Gott will es“ ist der Sound des Fundamentalismus.

Vergebliche Suche nach verbindenen Elementen
 

Das gilt auch für die Auffassung, andere Religionen seien Sünde und Andersgläubige Sünder, denen man mit Barmherzigkeit begegnen müsse. Eine rhetorische Figur, die wir ebenfall von konservativen Imamen kennen und die gerne als Ausdruck von Nächstenliebe und Toleranz missverstanden wird.

Kurz und gut: Pastor Latzels Predigt ist fundamentalistisch, biblizistisch und trägt deutlich evangelikale Züge. Da gibt es wenig rumzudeuteln.

Das ist die eine, die abstoßende Seite der Medaille. Es gibt aber auch noch eine andere, und die hat mit Fragen der Bibelauslegung gar nichts zu tun, sondern betrifft die Neigung unserer angeblich pluralistischen Gesellschaft, Unterschiede zwischen Religionen, Kulturen und Weltanschauungen klein zu reden und Verbindendes sehen zu wollen, wo es nichts Verbindendes gibt.

So gesehen, ist Pastors Latzels Predigt auch ein Plädoyer dafür, Differenzen in religiösen oder weltanschaulichen Fragen nicht einfach unter den Teppich zu kehren und mit dem süßlichen Kleister allumfassender Ökumene zuzuschmieren.

Auch wenn es den Harmoniesüchtigen und Empfindsamen nicht gefällt: zwischen Konfessionen, Religionen, Weltanschauungen und Kulturen gibt es Unterschiede, die mitunter unüberbrückbar sind. Und das ist kein Manko, sondern ein Gewinn.

Die allgegenwärtige Sehnsucht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner ist das Ergebnis von Konfliktscheu und Denkfaulheit. Es ist nicht immer alles mit allem vereinbar. Und wer A sagt, muss mitunter auch B sagen. Dass sich unsere Gesellschaft das ausgerechnet von einem fundamentalistischen Pastor sagen lassen muss, ist bezeichnend.

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