Springer-Ehrenpreis - Wie Ayaan Hirsi Ali Breiviks Massenmord erklärt

Ayaan Hirsi Ali erhielt vom Springer-Verlag einen Ehrenpreis. Im Dankesvortrag sprach sie über „Anwälte des Schweigens“, eine „informelle Zensur“ und machte sich die Argumentation des norwegischen Massenmörders Breivik zu eigen. Ein Skandal, der beinahe unbemerkt blieb

 

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(picture alliance) Die niederländische Publizistin und Politikerin Ayaan Hirsi Ali

Schlagzeilen machte vergangene Woche die diesjährige Verleihung des Henri-Nannen-Preises in Hamburg. Drei Journalisten der Süddeutschen Zeitung sorgten für einen Eklat. Sie lehnten einen der Preise ab, weil sie nicht zusammen mit zwei Journalisten der Bildzeitung ausgezeichnet werden wollten. Zeitgleich, aber unbemerkt von der Öffentlichkeit ereignete sich im Verlagshaus der Bildzeitung in Berlin ein Skandal, bei dem nicht zwei Springer-Journalisten diffamiert wurden, sondern Springer der Diffamierung eine große Bühne bot. Dieser Skandal reicht weiter, weil es dabei um Leben und Tod geht.

Anlässlich des 100. Geburtstages des Verlagsgründers vergab die Jury des Axel-Springer-Preises für junge Journalisten einen Ehrenpreis an die aus Somalia stammende islamkritische Publizistin und Politikerin Ayaan Hirsi Ali. Friede Springer, die Witwe Axel Springers, spendierte der Geehrten ein Preisgeld von 25.000 Euro.

Man habe eine Haltung auszeichnen wollen, die von Mut geprägt sei, begründete Jury-Mitglied Marc Thomas Spahl die Entscheidung. Laudator Leon de Winter hob Hirsi Alis unerschrockenen Einsatz für die Freiheit und ihr Verdienst hervor, ohne Unterlass vor der islamischen Bedrohung zu warnen. Hirsi Ali wurde als eine Frau auf den Schild gehoben, die für die Werte des Westens und gegen den gewalttätigen intoleranten Islam einsteht.

Dann hält Ayaan Hirsi Ali einen Dankesvortrag, der es in sich hat. Ihre englischsprachige Rede richtet sich gegen die „advocates of silence“, die Anwälte des Schweigens, die sich zu den stillen Verbündeten der ungebremsten Ausbreitung des freiheitsbedrohenden Islams in Europa machen würden. Wer die Anwälte des Schweigens sind, definiert Hirsi Ali nicht näher. Deren Identität verschweigt sie. Aber die Anwälte des Schweigens seien so mächtig, dass sie eine „informelle Zensur“ über Europa verhängt hätten, die verhindere, dass das Problem des Islams öffentlich angesprochen wird.

Ausdrücklich macht Hirsi Ali sich in ihrem Vortrag die Argumentation des norwegischen Massenmörders Anders Breivik zu eigen, der im Juli vergangenen Jahres 77 Menschen, meist junge Mitglieder der norwegischen Sozialdemokraten, niedermetzelte, um gegen den Vormarsch des Islam in Europa zu protestieren.

Die Ehrenpreisträgerin beruft sich direkt auf Breiviks politisches Manifest. Darin schreibe er, dass die Anwälte des Schweigens ihn zum Morden inspiriert haben. „Er (Breivik, Anm. der Redaktion) sagt, weil alle Möglichkeiten, seine Ansichten öffentlich kundzutun, zensiert worden seien, habe er keine andere Wahl gehabt als zur Gewalt zu greifen,“ trägt Hirsi Ali vor.

„Träume ich oder passiert das gerade wirklich?“, fragt raunend Daniel Gerlach, Chefredakteur der Zeitschrift Zenith, der im Publikum sitzt. „So reden rechtsradikale Verschwörungstheoretiker. Das ist der Gipfel, den Massenmord durch Breivik damit zu erklären, dass die islamische Gefahr in Europa von dunklen Mächten verschwiegen worden sei.“ Gerlach scheint einer der wenigen Zuhörer im vollbesetzten Festsaal zu sein, die über die Rede entsetzt sind. Das Publikum, darunter notorische Warner vor der islamischen Gefahr wie Henryk M. Broder, erhebt sich und klatscht der Preisträgerin anhaltend Beifall.

Standing Ovations für die Relativierung des Massenmordes im Namen der Freiheit Europas vom Islam? „Im harmlosesten Fall verdirbt die Islamkritik die Stimmung zwischen Alteingesessenen und Zugewanderten,“ schrieb der Publizist Stefan Weidner bereits vor Breiviks Tat. „Im schlimmsten Fall lässt sie sich als Rechtfertigung zum Mord verstehen.“ Hirsi Ali exerziert das nach, wovor Weidner gewarnt hat und der Springer-Verlag verleiht ihr dafür einen hoch dotierten Ehrenpreis.

„Den Diskurs über den Islam, den sie einfordert, gibt es ja längst“, sagt Daniel Gerlach. Es sei empörend, „dass der Springer-Verlag sie auszeichnet im Rahmen einer Preisverleihung an junge Journalisten, die sich mit ihrer unvoreingenommenen Neugier und ihren professionellen Recherchen hervorgetan haben.“  

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Springer und Ayaan Hirsi Ali auf Nachfrage erklären

„Die Passage über Breivik mag missverständlich klingen,“ räumt der Springerverlag auf Nachfrage von Cicero Online ein. Man scheint sich der Tragweite von Hirsi Alis Worten mittlerweile bewusst zu sein und hat die Preisträgerin um ein klärendes Statement gebeten. „Ich wollte ihn (Breivik, Anm. der Redaktion) natürlich weder entschuldigen, noch seine Tat in irgendeiner Art rechtfertigen“, erklärt sie nun. Den Ehrenpreis an Ayaan Hirsi Ali stellt Springer nicht in Frage, die Feier will man sich nicht im Nachhinein verderben lassen.

Die Feier in der Springer-Akademie wirkte wie das Ritual einer verschworenen Gemeinde, die der „Freiheit“ und der „Verteidigung des Westens“ huldigt, als wären dies Glaubensprinzipien einer obskuren Religion und Ayaan Hirsi Ali deren Hohepriesterin. Dass diese Freiheitsgemeinde aus der Tradition der Aufklärung, der zu folgen sie vorgibt und als deren Feind sie den Islam ausgemacht hat, längst ausgeschert ist, scheint sie nicht zu merken.

Zwei Argumentationsmuster wiederholen die Anhänger dieser Freiheitsreligion gebetsmühlenartig: erstens sei der Islam seinem Wesen nach mit der westlichen Demokratie unvereinbar. Muslime könnten sich nicht in die moderne westliche Gesellschaft integrieren, weil ihre Religion im Mittelalter zurückgeblieben sei und zur Gewalt aufrufe. Der Islam selbst sei das Problem.

Zweitens trauten sich nur wenige Mutige, das von der herrschenden „politischen Korrektheit“ geschützte Tabu zu brechen und dieses Problem anzusprechen. „Einige Dinge müssen gesagt werden.“ Mit diesem einleitenden Zitat Axel Springers inszenierte sich Hirsi Ali in Berlin als unerschrockene Tabubrecherin und erinnerte unfreiwillig an den Titel des jüngsten Gedichts von Günter Grass.

Es wäre naiv, die Jury des Springer-Ehrenpreises aufzufordern, sich ernsthaft mit dem Islam, den Muslimen und der europäischen Einwanderungsgesellschaft und ihren Konflikten auseinanderzusetzen. Man würde das Thema verfehlen und die Augen davor verschließen, dass Springer eine politische Agenda verfolgt und dabei auf dem Islam wie auf einem Sündenbock reitet. Für die ernsthafte Auseinandersetzung wäre auch Zeit genug gewesen. 

Bereits im Jahre 1986 legte der israelische Historiker Immanuel Sivan ein hebräischsprachiges Buch mit dem Titel „Die Eiferer des Islam“ (qana´ey ha-islam) vor. Auf 222 Seiten analysiert er klug und umfassend den Aufstieg des politischen Islam im 20. Jahrhundert, stellt die zentrale Rolle der Muslimbruderschaft, der saudischen Wahhabiten und des ägyptischen Islamisten Sayyid Qutb heraus, der sich während seines Ingenieursstudiums in den USA an der westlichen Kultur rieb und radikalisierte. Sivan begriff schon vor fast 30 Jahren, was bei vielen immer noch nicht angekommen ist: der politische Islam der Moderne mit all seiner Gewaltbereitschaft hat sich am Zusammenprall von Westen und islamischem Orient entzündet, nicht aber an der historischen Essenz der Religion Muhammads.

Auf dem Einband von Sivans Buch sieht man einen Mann von hinten, die Füße nackt und den Körper mit einem fahlweißen, etwas knittrigen Kaftan bedeckt. Sein Kopf ist nicht zu sehen, er verschwindet hinter dem angehobenen Gesäß. Der Mann hat sich zum Gebet niedergeworfen. Die immanente Schwäche des politischen Islam, die der französische Soziologe Olivier Roy danach immer wieder treffend beschrieben hat, scheinen in dem Bild vorweggenommen.

Die Zeit scheint reif für ein Buch mit dem Titel „Die Eiferer des Westens“. Für den Buchdeckel würde sich eine Zeichnung eignen, in der Friede Springer und Henryk Broder eine aktuelle Ausgabe der Bildzeitung betrachten. Das Covergirl ist Ayaan Hirsi Ali. 111 Seiten werden reichen.

Das Video zur Verleihung des Ehrenpreises des Axel-Springer-Preises für junge Journalisten an Ayaan Hirsi Ali ist auch bei YouTube zu sehen. Die in diesem Artikel kritisierte Passage ihres Dankesvortrages findet sich ab Minute 32:30.

Zu diesem Artikel haben Hirsi Ali und der Direktor der Axel Springer Akademie eine Stellungnahme verfasst, die Sie hier lesen können.

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