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Tim Bendzko - Radikal unentschieden

Tim Bendzko, Star der „jungen Milden“, singt neue Lieder mit Locken und Gefühl und wundert sich sehr 

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Winkler, Thomas

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George Clooney wohnt hier, wenn er in Berlin dreht. Madonna mietet gerne zwei Etagen. Das Soho House ist die Herberge der internationalen Stars, die sich in die deutsche Hauptstadt bequemen. Heute steht ein aus Funk und Fernsehen bekannter Tanzlehrer namens Detlef Soost in der Lobby, und Tim Bendzko weilt im vierten Stock.

Dort oben hat die Plattenfirma eine Suite angemietet. Der 28-Jährige wohnt nicht hier, er ist gebürtiger Berliner. Die Suite dient nur dazu, den Interview-Marathon abzuwickeln, der nötig wird, wenn ein erfolgreicher Sänger wie Bendzko ein neues Produkt lanciert. Es heißt „Am seidenen Faden“ und ist sein zweites Album. Bendzko singt: „Es ist ein Wunder, dass ich lebe und Lieder drüber singen kann.“

Tatsächlich darf man sich fragen, weshalb ausgerechnet Bendzko solche Erfolge feiert. Für sein Debütalbum „Wenn Worte meine Sprache wären“ bekam er drei Mal Gold, die Single „Nur noch kurz die Welt retten“ war der bestverkaufte deutsche Song 2011. Anschließend räumte er Echos, Bambis und alle verfügbaren Preise ab. Bis Mitte Mai entkam man ihm im Fernsehen kaum, weil er in der erfolgreichen Castingshow „The Voice Kids“ die gesanglichen Leistungen Halbwüchsiger beurteilte. Er erzählt, dass nach jeder Show die alten Lieder in den Charts nach oben klettern. Demnächst wird er in der Jury für den Eurovision Song Contest sitzen und im kommenden Sommer die 22 000 Plätze der Berliner Waldbühne füllen: nicht schlecht für jemanden, der vor drei Jahren neben dem Studium der evangelischen Theologie und der nichtchristlichen Religionen sein Glück bei Talentwettbewerben versuchte.

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Das Studium hat Bendzko aufgegeben. Er ist ein Star ohne Starqualitäten oder Allüren. Die Plattenfirma hat ihm zwar eine Visagistin mitgeschickt, aber deren Aufgabe besteht darin, Bendzkos Gesicht so zu schminken, dass es auf den Fotos möglichst ungeschminkt aussieht. Zum Fotoshooting trägt er ein ausgewaschenes T-Shirt und Jeans gerade so auf halb acht, dass die Unterwäsche zu sehen ist wie bei vielen Altersgenossen. Während die Fotos geschossen werden, windet er sich und fragt, wohin er gucken soll. Später sagt er: „Ich versuche, mir keine Gedanken darüber zu machen, wie ich in der Öffentlichkeit wirke, weil ich sonst nicht mehr der wäre, der ich bin.“

Ja, wer ist dieser Tim Bendzko? Man weiß, dass er in Berlin-Kaulsdorf geboren wurde, in Köpenick aufwuchs und vielleicht Profifußballer hätte werden können. Dass er Gitarrenunterricht bekam, mit 16 Jahren anfing, Lieder zu schreiben und seine Stunde schlug, als er im September 2011 Stefan Raabs Bundesvision Song Contest gewann. Von da an war Bendzko der sichtbarste einer ganzen Welle von jungen Sängern, die ­Philipp Poisel, Max Prosa oder Andreas Bourani hießen, gefühlige bis schmalzige Lieder sangen und als „Die jungen Milden“ in die bundesdeutsche Popgeschichte eingingen. Man weiß also eigentlich allerhand über Tim Bendzko, aber trotzdem bleibt er seltsam konturlos.

Das mag an den Liedern liegen, die er schreibt. Die sind schlau, aber nicht besonders clever, manchmal intelligent, dabei leise und vorsichtig und bestimmt nicht provokant. Oft übernehmen Streicher oder Klaviere die Führung, während die Liebste „nur einen Herzschlag entfernt“ wartet, der Protagonist „ein Gefühl im Bauch“ hat oder aus Tränen Brücken gebaut werden. „Ich will Lieder schreiben“, sagt Bendzko, „weil sich das für mich richtig anfühlt.“

Es gab Kritiker, die nannten diese Lieder Schlager. „Es ist mutig, über Gefühle zu singen“, kontert Bendzko. Wie er über Gefühle singt, ziemlich unverstellt und ungeschützt, das gefällt, wie er gerne zugibt, vor allem Frauen Anfang zwanzig. Denen gefällt auch die Frisur des Sängers. „Es ist schon erstaunlich“, sagt Bendzko, „was so ein paar Locken auslösen können.“

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Unter den Locken sitzt ein schlauer Kopf. Aber auch einer, der sich grundsätzlich scheut, Stellung zu beziehen. „Ich will niemandem meine Meinung aufdrücken“, sagt er. In seinem größten Hit verabschiedete sich Bendzko, um die Welt zu retten, und checkte dann doch nur 148 Mails. Das war natürlich ironisch gemeint, auch wenn es nicht jeder so verstanden hatte und der Song als Ausdruck einer Generation interpretiert wurde, die sich von Praktikum zu Praktikum hangelt, irgendwas mit Medien machen will und trotz eines Lebens in sozialen Netzwerken das Gefühl nicht loswird, dass niemand auf sie wartet.

Bendzko wollte nie der Klassensprecher dieser Generation werden. Deshalb sagt er Talkshows ab, in denen er nicht zur Musik befragt werden soll. Deshalb sagt er: „Ich habe keine konkrete Botschaft.“ Und deshalb lacht er, als man den Verdacht äußert, der neue Song „Wo sollen wir nur hin“ sei womöglich politisch. Bendzko singt: „Wir haben es satt, in eurem Takt zu marschieren.“ Wer hinter dem „Wir“ steht und wer „die“ sind, die „unseren Stolz gekauft“ und „unseren Mut geraubt“ haben, will Bendzko nicht erklären: „Ich will mit dem Song einfach ein Grundgefühl ausdrücken, ein Gefühl, dass ich irgendwie unzufrieden bin mit diesem blinden Mitmarschieren.“

Irgendwie dagegen sein, irgendwie auch nicht. Ein Star sein, aber sich nicht wie einer benehmen. Lieder schreiben, weil man sie schreiben muss, obwohl man nicht so genau weiß, was man eigentlich sagen will. Diese Unentschiedenheit ist das Geheimnis des Erfolgs von Tim Bendzko. Sie macht ihn zu dem, was er ist: einem Star, der keiner sein will. Und genau deshalb einer geworden ist.

 

 

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