Altersgruppe 30 Plus

Die selbstgefällige Generation

Altersgruppen sind heute Marken. Auf die „Generation Golf“ folgt die „Generation Y“. Selbstlos und gut soll sie sein. Ob’s stimmt? Nicht wirklich

"Den herablassenden Blick verbirgt sie gerne hinter überdimensionierten Sonnenbrillen. Klar, statt eines dicken BMW fährt man den kleinen Mini"
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Unser Autor

Wolfgang Bok war Ressortleiter und Chefredakteur in Stuttgart und Heilbronn sowie Direktor bei der Berliner Agentur Scholz & Friends. Der promovierte Politologe lehrt an der Hochschule Heilbronn Kommunikationsmanagement. Regelmäßig schreibt er für verschiedene Medien Kolumnen zu gesellschaftspolitischen Themen und ist Buchautor.

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Angeblich gibt es mit der „Generation Y“ mal wieder eine neue Jugendkultur. Sie nennt sich nicht selbst so, sondern wird so genannt. Gerne von Personalmanagern, die sich auf Recruiting-Kongressen von angegrauten Jugendforschern bestätigen lassen, wie schwierig diese neuen Mitarbeiter sind und wie viele Seminare man noch besuchen muss, um die „Führungskräfte von morgen“, die gar keine sein wollen, richtig zu betütteln. Angeblich legen die nach 1980 Geborenen weder auf dickes Gehalt noch fetten Dienstwagen wert. Wollen viel Freizeit, noch mehr „Work-Life Balance“ und vor allem die Welt retten. Ihre Eltern haben ihnen schon im Gitterbettchen mit Erich Fromm eingetrichtert, dass das Sein wichtiger ist als das Haben. Man also nicht Dinge besitzen muss, sondern diese am besten teilt: Auto, Wohnung und Freunde. Denn Besitz ist Ballast. Und das Streben nach Eigentum verdirbt den Charakter.

Schade nur, dass man diese besseren Menschen im wirklichen Leben so selten trifft. Statt selbstlos marschiert die Generation „30 Plus-Minus“ eher selbstgefällig durchs Leben. Den herablassenden Blick verbirgt sie gerne hinter überdimensionierten Sonnenbrillen. Klar, statt eines dicken BMW fährt man den kleinen Mini, der etwas aufgerüstet genau so teuer ist, was natürlich jeder in der Szene weiß. Teilen? Nicht einmal die Parkbank mit einem Fremden. Weshalb man die Sitzgelegenheit vorsorglich mit allerhand Utensilien besetzt und sich weiße Stöpsel einer teuren Kultmarke ins Ohr steckt, um aller Welt zu signalisieren: Ich lege keinen Wert auf Kommunikation – die ich grundsätzlich natürlich für megawichtig halte. Schließlich müssen die Menschen „Konflikte ausdiskutieren“, um „interkulturelle Grenzen zu überschreiten“ und „die Welt jeden Tag ein bisschen besser“ zu machen. Nur: Nicht heute, vielleicht morgen. Aufschieberitis zählt natürlich auch zur neuen Kultur. [[nid:54800]]

Wenn überhaupt, dann trifft für diese Generation die Bezeichnung „Nicht wirklich“ zu. Sie ist zwar von zu Hause weg, aber eben auch noch nicht wirklich als Selbstversorger angekommen. Sie möchte ökologisch korrekt durchs Leben schlendern, aber nicht wirklich auf etwas verzichten. Sie will die große Freiheit genießen, entscheidet sich am Ende aber doch für den sicheren Arbeitsplatz. Entweder bei einem der angesagten Konzerne oder eben beim Staat, den man plötzlich wieder schätzt. Sie fordert Feedback vom Chef, der natürlich guter Kumpel sein soll, doch Kritik an sich selbst will sie dann doch lieber nicht hören. Sie möchte eine Familie, aber sich nicht wirklich binden. Und schon gar nicht so früh. Sie verachtet den Konsum, aber Markenklamotten sollen es dann schon sein. Sie hält Wachstum für schädlich, außer auf dem eigenen Konto. Sie verurteilt den „Raubbau an der Natur“, aber ein geräumiges Loft ab hundert Quadratmetern wäre nicht schlecht. Am besten in hipper Innenstadtlage. Viel Migrationshintergrund wird vor allem in der Gastronomie geschätzt, um im Seminar dann sorgenvoll über das Lohndumping in der Dienstleistungsbranche zu klagen. Deshalb gilt die Putzfrau auch nicht als Reinigungskraft, sondern als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, also als aktiver Beitrag gegen die Armut in der Welt. Am besten, steuerlich absetzbar.

Man ahnt es: Auch diese Generation ist nicht besser als die Alten. Nur die Erwartungen an sie sind noch etwas höher. Nachhaltig gut soll der Nachwuchs der Babyboomer sein – und erfolgreich dazu. Da der Mensch aber „aus krummem Holz“ ist, wie wir seit Immanuel Kant wissen, muss die Rohheit mit dem Samt der Gefühligkeit ausgelegt werden. „Außen weich, innen Panzerfaust“, sagte mir neulich einer dieser Headhunter, als er das Anforderungsprofil seiner Auftraggeber formulierte. Man könnte es auch klarer sagen: Schummle dich durchs Leben und schleime dich nach oben.

Früher war das Leben mitunter großes Theater, heute ist ständig Showtime. Und wenn der Vorhang fällt, dann ist es vorbei mit der Maskerade. Dann wird das gefühlige Miteinander enttarnt, als was es ist: Simple Ich-Bezogenheit. Der öko-soziale Erzieher entpuppt sich als klassischer Spießer, der in jedem Menschen steckt. Das fürsorgliche Gehabe ist eben auch nur Zuckerguss. Tribut an den Trend, der nur noch weiche Persönlichkeiten kennt.[[nid:54800]]

Schon haben die Zukunftsforscher die nächste Generation im Visier: Von hinten drängt die „Generation Z“ an die Futtertröge. Das „Z“ soll dann wohl für Zero stehen, wie das neudeutsch heißt: null Kalorien, null CO2-Verbrauch und noch weniger Bedürfnisse. Nur gelebt wird wohl auch dieser Trend nicht wirklich.

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