Zizek denkt aus zwei Richtungen /dpa

Slavoj Žižek auf der Frankfurter Buchmesse - Paria der Positivgesellschaft

Für viele war die gestrige Rede von Slavoj Žižek auf der Frankfurter Buchmesse eine Zumutung. Dabei hat der Philosoph nur seinen Job gemacht: Er hat die Welt von zwei Seiten aus betrachtet. Und dabei hat er den vielleicht ersten wahren Satz seit Tagen gefunden.

Ralf Hanselle / Antje Berghäuser

Autoreninfo

Ralf Hanselle ist stellvertretender Chefredakteur von Cicero. Im Verlag zu Klampen erschien von ihm zuletzt das Buch „Homo digitalis. Obdachlose im Cyberspace“.

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Slavoj Žižek ist der Intellektuelle mit der roten Tinte. Er selbst hat dieses Phänomen einmal mit den Mitteln eines alten kommunistischen Witzes zu erklären versucht: Ein Mann aus Ostdeutschland, so Zizeks hintersinniges Aperçu, wurde von seinem volkseigenen Betrieb zur Arbeit nach Sibirien geschickt. Da er wusste, dass die Zensur seine Briefe von dort lesen würde, verabredete er mit seinem Freund einen Code: „Wenn ein Brief, den du von mir bekommst, mit blauer Tinte geschrieben ist, dann enthält er die Wahrheit. Wenn er aber in roter Tinte verfasst ist, so enthält er Lügen." Der Mann also reist ab, und nach wenigen Wochen verschickt er seinen ersten Brief. Alles darin ist in blauer Tinte gehalten. Er schreibt: In Sibirien ist alles großartig. Es gibt Filme aus dem Westen, die Wohnungen sind warm und geräumig und in den Geschäften ist alles zu kaufen, was das Herz begehrt. Das einzige, was es hier nicht gibt: rote Tinte.

Man muss sich das Denken des Slavoj Žižek also als ein Denken mit roter Tinte vorstellen – und das mitten in einer Gesellschaft der monotonen Blaufärberei. Wo für gewöhnlich Wahrheit und Lüge nicht mehr zu erkennen oder ununterscheidbar geworden sind und wo selbst der größte Wiederspruch noch unter einem hübschen Blauschimmer verdeckt wird, da macht Žižek alle Spannungen, Nuancen, ja alle offenkundigen Differenzen unmissverständlich sichtbar. Für den geschulten Hegelianer ist das letztlich eine Frage prozessualer und dialektischer Wahrheitsfindung. Und mit Žižeks Liebe zum Witz, der laut Freud alle moralischen Hindernisse zumindest für einen kurzen Moment der Lustgewinnung hinter sich lässt, schleust der widerborstige Philosoph immer wieder neu jene abgespaltenen Teile der Wahrheit in die Diskurse ein, die wir für gewöhnlich nicht mehr hören wollen. So ist Žižek, obwohl von vielen als geschmeidiger Pop-Philosoph verehrt, eigentlich längst zu einem Paria unserer Positivgesellschaft geworden. Wo alle unisono und affirmativ den Like-Botton betätigen, drückt er wie im Affekt auf „Dislike“. 

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Tomas Poth | Mi., 18. Oktober 2023 - 18:29

... Žižek spricht, verunsichert die "Wahrheitsträger" jeder Seite, sie fühlen sich in ihrem Wahrheitsempfinden verletzt, weil eine andere Wahrheit nicht sein kann.
Gleichzeitig fühlen sich auch die Betroffenheitskünstler beschämt, weil sie ihre Show dadurch entwertet fühlen.
Liebe Israelis und Palästinenser, nur ihr habt den Schlüssel zur friedlichen Koexistenz in der Hand. Gegenseitiger Haß und Racheübung ist definitiv nicht der Schlüssel.

Karl-Heinz Weiß | Mi., 18. Oktober 2023 - 19:23

Herr Zizek hat lediglich auf eine Selbstverständlichkeit hingewiesen: Israelis und Palästinenser werden auch in Zukunft in unmittelbarer Nachbarschaft leben müssen. Daran werden weder iranische Raketen noch eine Bodenoffensive im Gazastreifen etwas ändern. Seit dem russischen Angriffskrieg ist die europäische Selbstüberschätzung verschwunden, und seit dem Hamas-Terrorüberfall die israelische.

Ihr letzter Satz trifft den Nagel auf den Kopf.

Selbstüberschätzung (Arroganz) macht hochnäsig und leichtsinnig.

Beides führt - das lehrt die Geschichte - ins Unheil; denn die Unterlegenen bzw. Verachteten sinnen immer auf Rache und schlagen - meist grausam - zu, wenn sich ihnen eine Möglichkeit bietet.

Hans Süßenguth-Großmann | Mi., 18. Oktober 2023 - 20:17

Jeder Konflikt hat eben zwei Seiten. Wir haben in der DDR den historischen und dialektischen Materialismus bis zum Erbrechen gehört, aber die offizielle Politik damals war von der Dialektik weit entfernt und nur formelhafte "Standpunkte" waren erlaubt. Unsere aktuelle Situation nähert sich wieder der formelhaften Sprache an und lässt das Gegenteil zur Beurteilung der Situation nicht zu.

Helmut Bachmann | Mi., 18. Oktober 2023 - 20:17

Man muss die Analyse nicht teilen, wie ich dies auch nicht tue - sie scheint zu flach und zu wenig mutig, zu sehr bedacht auf Äquidistanz - aber: ich habe die Rede nicht in Gänze gehört und kann und will auch falsche sowie scheinfalsche Analysen aushalten. Es sei denn sie sind bösartig und verletzen das Recht auf andere Meinungen. Sind also moralisierend und arrogant.

Peter Sommerhalder | Mi., 18. Oktober 2023 - 20:32

Ich kannte den nicht, bin begeistert...

Inana | Mi., 18. Oktober 2023 - 23:19

Den Westen kennzeichnet aber inzwischen, dass er eben keine solchen Reden zulässt. Praktisch jeder Konflikt wird über ein Ereignis erzählt. Das Ereignis ist immer sehr schrecklich - und dann treten immer aus verschiedenen Richtungen Politiker und Journalisten auf, die immer erklären "es kann hierzu nur eine Position geben", "nach...xxx kann es keine Debatten mehr..." ... damit ist der Ton gesetzt. Und er ist immer gleich. Statements sind eine moralische Offenbarung von gut und böse.
Zizek hat sich diesem Muster entzogen und darum gilt seine Rede als Skandal. Und der Skandal beginnt eben schon da, überhaupt differenzierter auf irgendeinen Konflikt zu gucken - weil es das Muster an sich in Frage stellt.
Bald dürfte Zizek damit jetzt dann auch gecancelt werden.

Alexander Brand | Do., 19. Oktober 2023 - 10:40

Antwort auf von Inana

Ich habe diese Simplifizierungen satt, alles wird so weit reduziert, bis man den Gesamtkontext nicht mehr erkennen kann, selbst wenn man es wollte und dann wird auf Grundlage der Simplifizierung „gehandelt“, das KANN nur schiefgehen!

Es zeigt aber, daß sich der Mensch nicht geändert hat. Seit Jahrhunderten, um nicht zu sagen Jahrtausenden wird so „gearbeitet“, nur heute verfügen wir im Gegensatz zu früher über unermeßlich vielfältige Informationsquellen die, zumindest im Westen, jeder anzapfen kann und trotzdem folgt die Masse immer noch brav der vorgegebenen Simplifizierung (ins Verderben)!

Wolfgang Z. Keller | Mi., 18. Oktober 2023 - 23:39

... den Mutigen gehört, wenn schon nicht die Welt, so doch die Wahrheit.
Dieses Rumgeeiere zu allen wichtigen Themen der Zeit und in unserem Land finde ich so erbärmlich, dass ich´s garnicht beschreiben kann.
Und wenn sich die A.B. neulich in Jerusalem anheischig macht, ungefragt "In diesen Tagen sind wir alle Israelis!" zu rufen, kopiert sie nicht nur frech, PR-wirksam und allerseits unwidersprochen einen Slogan nach dem "Charlie Hebdo"-Attentat.
Sie kann oder will noch dazu Comikzeichner nicht von einer jahrzehntelangen und alles andere als zimperlichen Besatzungsmacht unterscheiden, die noch dazu völlig unverhohlen durch massiven Siedlungsbau im Westjordanland laufend Völkerrecht bricht und so eine 2-Staatenlösung völlig unmöglich gemacht hat.
Das entlarvt sie m.E. als Mainstream-Ideologin reinsten Wassers, und da verdient sie und ihresgleichen wenigstens EINMAL deutliche Worte von einem weltweit angesehenen Philosophen! Und das bedeutet NICHT, die Massaker der Hamas zu beklatschen!

Christa Wallau | Do., 19. Oktober 2023 - 01:43

um die Vieldeutigkeit und Komplexität unseres Schicksals greifbar zu machen."
Diese Feststellung von Zizek ist zutreffend.

"Die Cancel Culture führt dazu, daß diejenigen ausgeschlossen werden, die nicht in das eigene Bild von Diversität hineinpassen."
Auch dieser Aussage stimme ich zu.

Zur g a n z e n Wahrheit gehört i m m e r , daß der Hintergrund einer Angelegenheit ausgeleuchtet wird u. die Stimmen a l l e r Beteiligten gehört werden.
Dies ist kein Relativismus. sondern eine Grundvoraussetzung für jede tragfähige Lösung eines Streites - ob im Kleinen (Privaten) o. Großen, wie z. B. dem Konflikt zwischen den Palästinensern u. Israel oder dem Krieg in der Ukraine.
Verbrechen müssen klar benannt werden - ohne Wenn und Aber. Dennoch hilft nur eins letztlich weiter bzw. vermag weitere
Verbrechen zu verhindern: die Beachtung der Komplexität der Hintergründe bzw. Motive, die zum konkreten Verbrechen geführt haben.

Wie können wir sonst lernen aus allen Schrecknissen d. Geschichte?

Wohin bewegt sich die AfD? Wieder nur Fundamentalopposition? Ich vermisse beim Philosophen nicht, dass er sich nicht an die geltende Staatssichtweise hält. Ich vermisse das, was er vorgibt zu geben, nämlich eine tiefere Analyse. Dass die AfD jetzt mit linken Antisemiten ins selbe Horn stößt und von "beide müssen sich vertragen" schwafelt, werden wir das die nächsten Tage erleben? Dass der real existierende Islam mit seinem Judenhass die Ursache für den Konflikt ist, die Ursache für die Konflikte hier ist, mal wieder beiseite legen? Trifft ja nicht uns, trifft ja Israel? Die ganzen (National-und-)sozialistischen Klischees vom reichen, mächtigen Judenbonzen mal wieder in einer Querfront aufgewärmt, weil jegliche Empathie mit den Israelis fehlt? Wird die AfD auch vorschlagen, Neukölln abzugeben und dass wir uns jetzt dann hier mal vertragen (also nachgeben) müssen? Woher kommt dieses Fantasma, dass Israel die Palästinenser unterdrückt, oder dass es nur auf Rache sinnt und der ganze Mist?

Christa Wallau | Do., 19. Oktober 2023 - 14:15

Antwort auf von Helmut Bachmann

lieber Herr Bachmann, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Rede von Herrn Gauland im Bundestag war jedenfalls eindeutig.
Ich bin "einfaches" Mitglied der Partei, hatte nie ein Amt inne u. besuche auch die Versammlungen meines Kreisverbandes schon lange nicht mehr. Dort hat sich nämlich ein Mann eingenistet, dem es nur um seine eigene Karriere u. nie um die Pflege der demokratischen Kultur innerhalb der Partei ging. Es ist ihm "gelungen", sehr viele engagierte Mitglieder zu vergraulen. Trotzdem ist er zu einem der führenden Funktionäre in unserem Bundesland aufgestiegen.
Am 31. 12. 2023 (nach 10 J.) endet meine Mitgliedschaft. Ich bin der Ansicht, daß die AfD inzwischen - zumindest von der Anzahl der Wähler u. ihrer inneren Verfaßtheit her - eine etablierte u. (leider) "normale" geworden Partei ist, die meiner Unterstützung nicht mehr bedürftig bzw. würdig ist. Unabhängig davon wähle ich natürlich weiter die AfD; denn sie ist die einzige Partei, deren Programm ich für vernünftig halte.

Man liest von einem großen Konflikt zwischen denjenigen, die den politischen Islam als Gegner begreifen und denjenigen wie Chrupalla, die sich neue Feinde suchen. Da diese sich durchzusetzen scheinen, ist diese Partei m. E. endgültig falsch abgebogen.

Gerhard Lenz | Do., 19. Oktober 2023 - 09:17

die Zuspitzungen des Herrn Zizek gegen Kritik in Schutz zu nehmen. Mit einem Seitenhieb auf die verhasste Cancel Culture lässt sich mittlerweile jeder Unsinn verteidigen. Das steht in der Tradtion von "Das wird man doch wohl sagen dürfen!", ein Zitat, das von AfDlern, Pegida-Marschierern und anderen Rechtsextremisten gerne genutzt wurde. Um ihren Extremismus als angeblich Kritikwürdiges zu verkleiden.
Und dann - natürlich - die Hintergründe! Man darf sich an die besondere Fantasie mancher Foristen erinnern, als es darum ging, Verständnis für Putins Überfall auf die Ukraine einzufordern. Da wurde selbst die Annexion Hawaiis genannt.

Bei Zizek ist die Sache anders. Selbst israelische Intellektuelle (Linke!) haben ihm in der Sache zugestimmt, es gäbe ein Palästinenserproblem. Nur: Muss Zizek Zitate von Heydrich und Breivik bringen? Ein Philosoph sollte es besser können. Und es entschuldigt den brutalen Überfall der Hamas schon gar nicht.
Alles nur ungklücklich kommuniziert? Wohl kaum..

Alles nur ungklücklich kommuniziert? Wohl kaum..

Slavoj Žižek auf der Frankfurter zeigt auf dass die Menschen sich ändern müssen. Er nennt das Kind beim Namen.
Höhere Zäune, strengere Grenzkontrollen, totale Überwachung, alles schon da-genutzt hat es nichts!
Das Problem wird nur gelöst indem 2 Staaten geschaffen werden und Israel sich nicht weiter per illegaler Siedlungspolitik ausbreitet.
Es geht eben nicht zusammen was nicht zusammen passt. (siehe Ampelparteien, EU oder eben Juden und Palästinenser)
Der Traum von einem gesegnetem Frieden in Israel dürfte ein für allemal ausgeträumt sein. Der Konflikt wird sich zudem ausbreiten wie ein Flächenbrand, in alle Welt. Das ist die Realität Herr Lenz.

Alexander Brand | Do., 19. Oktober 2023 - 10:04

zeigt eindrucksvoll wie verkommen die "Debattenkultur" in diesem Land mittlerweile ist, es gibt sie nicht mehr. Es gibt nur eine zulässige Richtung, wer sich davon entfernt wird niedergemacht. Das ist besorgniserregend!

Wer die Problematik Israel/Palästinenser ganzheitlich/geschichtlich und ohne die wir-tragen-ewige-Schuld-und-haben-eine-besondere-(einseitige)-Verantwortung-Brille betrachtet und das Ganze nicht auf den einen Terroranschlag reduziert, der KANN nur zu dem Schluß kommen, zu dem auch Žižek kommt!

Žižek hat recht, nur wie beim Ukrainekonflikt, darf man die Wahrheit nicht abseits dessen suchen, was einem von offizieller Seite als einzige und reine Wahrheit vorgesetzt wird!

Das ist nichts anderes als Meinungsdiktatur und es ist vollkommen inakzeptabel! Und nebenbei, so wird man diesen Konflikt nie lösen, denn es wird nur eine Seite betrachtet, genau so wie es Žižek sagt! Die Frage ist ob man ihn denn überhaupt lösen will, ich befürchte leider nein.

Jens Böhme | Do., 19. Oktober 2023 - 10:46

Die Sowjets zensierten Briefe von arbeitenden DDR-Bürgern in der Sowjetunion?

Keppelen Juliana | Do., 19. Oktober 2023 - 10:57

Er trifft den Punkt. Herr Zizek den ich bis jetzt nicht kannte wird viel aushalten müssen denn er hat es gewagt sich dem veröffentlichten "Betroffenheitskitsch" zu widersetzen und hat lieber versucht die Realität zu benennen. Erinnert mich an den Schriftsteller der im Jugoslawienkrieg es gewagt hat auch die andere Seite zu erklären und zu benennen und prompt zu Paria erklärt wurde.

Thorwald Franke | Do., 19. Oktober 2023 - 11:23

Der Direktor der Buchmesse, Jürgen Boos, fällt dieses Jahr durch einen äußerst vernünftigen Kurs auf. Er verurteilt klar die Verbrechen der Hamas. Kein Wackeln. Und kein Wokismus oder Gendern im Text, sondern Worte wie Demokratie und Menschlichkeit. Wow! Er verteidigt klar, dass auch "rechte" Verlage auf der Buchmesse sein dürfen, solange sie das Recht beachten, er selbst halte aber nicht viel von ihnen (das darf er). Und er sagt, dass es gut war, dass Zizek reden durfte, nicht wegen des Inhalts, sondern weil wir uns nicht canceln sollten.

Ziemlich alles richtig gemacht, würde ich sagen! Dafür sollte Jürgen Boos einmal ein Lob erhalten. Viele andere wären schon tausendmal eingeknickt.

Thorwald Franke | Do., 19. Oktober 2023 - 11:23

Der Direktor der Buchmesse, Jürgen Boos, fällt dieses Jahr durch einen äußerst vernünftigen Kurs auf. Er verurteilt klar die Verbrechen der Hamas. Kein Wackeln. Und kein Wokismus oder Gendern im Text, sondern Worte wie Demokratie und Menschlichkeit. Wow! Er verteidigt klar, dass auch "rechte" Verlage auf der Buchmesse sein dürfen, solange sie das Recht beachten, er selbst halte aber nicht viel von ihnen (das darf er). Und er sagt, dass es gut war, dass Zizek reden durfte, nicht wegen des Inhalts, sondern weil wir uns nicht canceln sollten.

Ziemlich alles richtig gemacht, würde ich sagen! Dafür sollte Jürgen Boos einmal ein Lob erhalten. Viele andere wären schon tausendmal eingeknickt.

Karl Kuhn | Do., 19. Oktober 2023 - 12:31

Zizeks Rede ist kam glaube ich deswegen so schlecht an, weil sie eine Sichtweise darstellt, die mittlerweile einfach nur antiquiert ist: Klar, die Palästinenser haben sich da ganz böse verhalten, aber wenn das Palästinenserproblem gelöst, dann gibt es Hoffnung auf Frieden. Und jetzt?
Was ist denn das Palästinenserproblem, wie kann es gelöst werden und durch wen? Die gängigen Antworten auf diese Frage stammen noch aus dem Jahr 1967, und so alt hört sich Zizeks Denken auch an (btw nicht nur in diesem Politikbereich), zumindest das, was über diese Rede kolportiert wird (ich mag Zizeks verquastes Zeug generell nicht gern lesen).

Wir haben es hier nun mal nicht mehr mit einem Problem der nationalen Selbstbestimmung zu tun, sondern mit religiösen Fanatikern, die nur noch so tun, als ginge es ihnen um Ersteres. Und die Hamas lebt vom Terror, die haben nichts anderes gelernt. Das ist das Problem, das gelöst werden muss. Land für Frieden geht mit denen nicht.

Alexander Brand | Do., 19. Oktober 2023 - 14:01

Antwort auf von Karl Kuhn

das ist unbestreitbar so, aber das, was Sie antiquiert nennen, ist eben eine ganzheitliche Betrachtung des Geschehens und nur so kann man Problemen auf den Grund gehen, sie verstehen/nachvollziehen/lösen.

Mir ist allerdings klar, daß die im Umkehrschluß moderne vereinfachende Herangehensweise in unserer grünlinkszeitgeistigen Welt der Oberflächlichkeiten sehr angesagt ist was aber nichts daran ändert, daß sie falsch ist.

Fakt ist, daß der Staat Israel sich seit Jahrzehnten nicht an das Völkerrecht hält, illegale Besiedlungen, apartheidähnliche Zustände der Palästinenser in den besetzten Gebieten etc. All das trägt nicht zur Befriedung der Lage bei und gibt der Hammas die Munition die sie braucht.

Es ist, wie im Falle der Ukrainekrise, einfach und bequem nur einer Seite die komplette Schuld zu geben, so läßt sich das Feindbild wesentlich klarer = effektiver aufbauen, es ist aber verlogen und wird dem Geschehen nie gerecht.

Dorothee Sehrt-Irrek | Do., 19. Oktober 2023 - 12:36

weil er mich zu sehr anstrengt.
Ich verstehe nicht ganz, warum er nicht einfach sagt, was er sagen möchte?
Wo ist er denn heute bedroht?
Dieser Witz ist übrigens nicht ganz ohne; es gibt ein... kleines Hintertürchen?
Wenn jemand die Wahrheit über die kommunistische Ideologie sagen will, nimmt er doch am besten die blaue Tinte, die zugleich völlig unwahrschenlich ist.
Das Problem ist dann evtl. jedoch, dass man zum Schluss nicht weiss, ob er den letzten Satz wirklich mit roter Tinte geschrieben hätte, selbst wenn es die gegeben hätte?
Das wirkt auf mich wie unbedingter Positivismus als Schein, den man ohnehin dekonstruieren muss.
Zizeks wichtigster Impuls scheint mir aus der Ferne, sich vor allem nicht festzulegen und grundsätzlich jenseits von Gut und Böse zu bleiben.
Nietzsches zentraler Lehrsatz "Vor Sonnenaufgang" bezeugt ihn jedoch als unbedingten Ja-Sager und deshalb jenseits von Gut und Böse.
Nietzsche will nicht zu einem "Kern der Lust", sondern zum Göttlichen als Poesie, zum JA

Alexander Brand | Do., 19. Oktober 2023 - 12:38

zeigt wie verkommen die „Debattenkultur“ in diesem Land mittlerweile ist, es gibt sie nicht mehr. Es gibt nur eine zulässige Richtung, wer sich von ihr distanziert wird niedergemacht. Das ist besorgniserregend!

Wer die seit Anfang des 20 JH bestehende Problematik Israel/Palästinenser ganzheitlich/geschichtlich und ohne die deutsche Sonderverantwortungsbrille betrachtet und das Ganze nicht auf den einen Terroranschlag reduziert, der KANN nur zu dem Schluß kommen, zu dem auch Žižek kommt!

Žižek hat recht, nur wie beim Ukrainekonflikt, darf man die Wahrheit nicht abseits dessen suchen, was einem von offizieller Seite als einzige und reine Wahrheit vorgesetzt wird!

Das ist nichts anderes als Meinungsdiktatur und es ist vollkommen inakzeptabel! Und nebenbei, so wird man diesen Konflikt nie lösen, denn es wird nur eine Seite betrachtet, genau so wie es Žižek sagt!

Dorothee Sehrt-Irrek | Do., 19. Oktober 2023 - 13:01

Nietzsche dekonstuiert die Negativität, für die ihm die zeitgenössische Vernunft steht?
Vernunft als Ableitung zu Verneinen, Antithesis.
Kant wird Vernunft wohl noch als Vernehmen wahrnehmen, wenn auch mutig, als Eigen-Verantwortung.
Nietzsches Vernunftkritik lässt aber eine positive Vernunft aufscheinen, die Ja und Amen ist.
Da ist er aber erst hingekommen, nachdem er alles beiseite räumte, das sie oder die Göttlichkeit befleckt hätte.
Wie hat man Nietzsche gelesen?
Als Freifahrtschein, Böses zu tun?
Das klingt dann ein bisschen wie bei Goethe, der Geist, der stets verneint und stets das Gute schafft?
Das war schon "falsch", denn wieso ist die Lust negativ?
Kommt man dann um das Böse herum?
Faust wird gerettet, aber nicht freigesprochen.
Kann man sich behelfen, wenn man Nietzsches Ergebnis betrachtet, göttliche Vernunft?
Warum gibt es dann "wider", warum braucht es dann Aufklärung?
Ich finde Zizeks Aussagen zu Israel/Palästinensern gut.
Wer torpediert Gleichzeitigkeit?
Beide?
PEACE

Dorothee Sehrt-Irrek | Do., 19. Oktober 2023 - 13:16

und habe ihn auch kaum gelesen.
Ich liebe Nietzsche, auch in seiner Verzweiflung.
Davon sehe ich bei Zizek zu wenig.
Warum braucht es nach wie vor Aufklärung?
Es geht nicht um das Verurteilen, es geht um das Nachvollziehen und Auflösen.
Es geht nicht um das Strafen, es geht um das Stabilisieren/Zuordnen und dann bestenfalls Aufrichten.
Bis zum Aufrichten kommen wir selten, weil wir zuviel falsch machen und dies gerne auch gravierend.
Können wir sicher sein, dass Israel mit dem Schutz der palästinensischen Zivilbevölkerung sich nicht gleich ganz und diskret das Problerm mit den Palästinensern vom Leibe halten will, indem man den Gazastreifen zu Israel erklärt?
Israel könnte es doch aber nur werden, wenn es die Palästinenser als "gleichzeitigen Teil" Israels sieht?
Das würde mich an die Ukraine erinnern, innerhalb derer sich die "russischen Teile" evtl. nicht als gleichzeitig empfinden?
Ich hätte eine Zweistaatenlösung für Deutschland akzeptiert und werde es, wenn es dazu kommen sollte..

Dorothee Sehrt-Irrek | Do., 19. Oktober 2023 - 13:44

Kann Lust Schmerz sein?
Ich vermute nicht, weder für einen selbst, noch für jemand Anderen.
Ist das "Geschöpf" Frankenstein aus göttlichem Strahl entstanden (hier als Energie des Blitzes) oder aus Schmerz, (Verfügung durch Energie)?
Viele Filme zu sogenannten "Criminal Minds" verwechseln "Freude" am Töten mit Lust, Aggressivität mit Lust?
Dazu braucht man Philosophie und glaubwürdige Begriffsbildung, um so etwas auseinander zu halten und richtig zuzuordnen/herzuleiten.
Wenn ich meine Liebsten füttere, deshalb gibt es das so oft in Filmen, dann ist das ein Versuch, sich selbst zu verschenken/zu verlängern.
Philosophie habe ich nur betrieben, solange es mich nicht abhielt zu leben, zu lieben, dann nur mehr leise, bzw. überhaupt.
Es gibt gute und es gibt schlechte Filme etc.
Die schlechten können sich verbessern, die guten verklingen ganz leise zu Leben...
Deshalb kann ich dann auch loslassen.
Ich bin gesättigt.
Lust hat mich gesättigt zu..
Wir beschenken uns, wenn wir es gut meinen?