Ressentiments eines Meisterdenkers - Heidegger war der braunere Nazi

Kolumne: Grauzone. Vor wenigen Tagen wurde ein neues „Schwarzes Heft“, eine Art Tagebuch, von Martin Heidegger veröffentlicht. Auf 1.700 Seiten zeigt sich der gelobte Meisterdenker als ressentimentgeladener Philosoph, für den selbst die Nazis nicht radikal genug waren. Es wird höchste Zeit, Heidegger vom Sockel zu holen

Seit gut einem Jahr geht es wieder einmal hoch her um den Meßkirchner Meisterdenker.
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Vor Kurzem erschien sein Buch „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ beim Claudius Verlag München.

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Manche seiner Sätze sind unfreiwillig komisch. Etwa: „Das Erreichen der Gänze des Daseins im Tode ist zugleich Verlust des Seins des Da.“ Andere einfach nur kryptisch: „Das Nichts selber nichtet“.

Aber gerade seine stilisierte Sprache machte ihn für viele vergrübelte Sinnsucher so attraktiv: Martin Heidegger.

Seit gut einem Jahr geht es wieder einmal hoch her um den Meßkirchner Meisterdenker. Die Feuilletons überschlagen sich, die Fachleute sind alarmiert, und Magazine wie „Hohe Luft“ oder „Philosophie“ widmen ihm Themenschwerpunkte. Und dann trat im Januar auch noch der Vorsitzende der Martin-Heidegger-Gesellschaft, der Philosophieprofessor Günter Figal, von seinem Amt zurück. Der Grund für die Aufregung: die „Schwarzen Hefte“.

Bei den „Schwarzen Heften“ handelt es sich um tagebuchähnliche Aufzeichnungen Heideggers. Sie beginnen im Jahr 1931 und enden 1975, ein Jahr vor seinem Tod. Ihren Namen verdanken sie ihrem Umschlag. Vor wenigen Tagen erschien der vierte Band im Rahmen der Gesamtausgabe der Werke Heideggers. Er umfasst die Jahre 1942 bis 1948.

Schluss mit den Mythen
 

Was ist an diesen „Schwarzen Heften“ so aufregend und so wahnsinnig skandalös? Ganz einfach: Sie zeigen, dass Heidegger ein Nazi war und ein Antisemit.

Das ist natürlich alles andere als neu. Spätestens seit Victor Farias „Heidegger und der Nationalsozialismus“ oder die Diskussionen um die berühmte Freiburger Rektoratsrede vom 27. Mai 1933 war klar, dass Heidegger mehr war als ein Mitläufer.

Doch schon damals, Anfang der 90er Jahre, fanden sich massenhaft Verteidiger Heideggers. Tenor: Alles nicht so schlimm. Entweder wurde argumentiert, Heidegger habe zwar unter dem Eindruck der Ereignisse 1933 tatsächlich kurzzeitig mit dem Nationalsozialismus kokettiert, sei aber innerhalb weniger Monate kuriert gewesen. Andere vermuteten in Heideggers Elogen auf den Führer Schauspielerei und Verstellung. Und spätestens ab Mitte der 30er Jahre sahen ihn nicht wenige Fachleute in einer Art inneren Widerstand zum Dritten Reich.

Mit all diesen Mythen machen die „Schwarzen Hefte“ nun Schluss.

Nazis waren ihm zu menschlich
 

Wenn Heidegger ein Kritiker des Naziregimes war, dann weil ihm der Nationalsozialismus nicht radikal genug war. Heidegger hatte sich deutlich mehr erhofft, als das Regime lieferte. Er war angewidert von den piefigen Alltagsnazis, die über ihre Phrasendrescherei vergaßen, worum es eigentlich ging: das Geschick des Abendlandes, einen Neuanfang, einen Weltenbrand, der das Sein freilegt unter dem Schutt der Moderne.

Denn darum ging es dem Freiburger Philosophieprofessor: um Vernichtung, um eine fundamentale Zeitenwende, die apokalyptische Überwindung des gegenwärtigen Zeitalters.

Doch Heidegger musste bald erkennen, dass das Dritte Reich die verhasste Moderne nicht überwinden würde. Die Nazis erwiesen sich als degenerierte Kinder der Neuzeit, die zwar von Blut und Boden, von deutschem Geist und deutscher Kultur schwadronierten, tatsächlich aber Autobahnen bauten, das Kino und das Radio förderten und seinsvergessen die Technisierung und Mechanisierung der Gesellschaft vorantrieben.

Der real existierende Nationalsozialismus war für Heidegger bestenfalls eine Übergangsphase, ein kleinbürgerlicher Verrat an der ursprünglichen Idee, die an den „vermenschten Menschen“ scheitern musste, an bequemen, entfremdeten und vergnügungssüchtigen Spießern.

1.700 Seiten Hass und Verachtung
 

Ausdruck der Seinsvergessenheit der Moderne ist für Heidegger das „Weltjudentum“. Alle Entartungen der Neuzeit, die moderne Technik, die Naturwissenschaften, der Glaube an die Berechenbarkeit und Beherrschbarkeit der Welt sind ihm Ausdruck einer jüdisch kontaminierten Metaphysik.

Der biologistische Antisemitismus und die industrialisierte Vernichtung des Judentums sind für den Meisterdenker Produkte dieses jüdischen Prinzips, das sich gegen das Judentum selbst wendet. Perfider geht es kaum noch.

Dass man das auf bisher 1.700 Seiten nachlesen darf, ist sicher verdienstvoll. Eine Sensation ist es jedoch nicht. Wer Heideggers philosophische Schriften gelesen hat, konnte das schon immer wissen – sein Hass auf die technische Moderne und die Naturwissenschaft, seine Aversion gegen die moderne Lebenswelt, das Apokalyptische, seine Vision einer Philosophie, die dem Denken entsagt.

Das alles sind zugleich klassische Topoi nationalsozialistischer Weltsicht. Dass dieser Sachverhalt in den letzten Jahrzehnten häufig relativiert wurde, obwohl er so offensichtlich ist, spricht für eine extreme Betriebsblindheit der akademischen Philosophie, die allerdings auch weltanschaulich motiviert sein könnte.

Es wird höchste Zeit, Heidegger vom Sockel zu holen. Und das nicht, weil er der braunere Nazi war. Vor allem war er ein ressentimentgeladener, provinzieller Denker. Dampft man seine Philosophie auf ihre Grundmotive ein, bleibt nichts als Wissenschaftsfeindlichkeit, Verachtung für die Moderne und eine dumpfer Primitivismus, der sich zur Seinsschau verklärt.

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