Postfaktisch - Demokratien mögen keine Tatsachen

Kolumne Grauzone: Wer das postfaktische Zeitalter ausruft, verklärt nicht nur die Vergangenheit, sondern auch den Grundcharakter unserer Staatsform. Sie lebt von der Überredung, nicht von der Wahrheitsfindung

Innenansicht der Reichstagskuppel.
In Demokratien geht es um Deutungen und die Erringung der Deutungshoheit / picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Vor Kurzem erschien sein Buch „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ beim Claudius Verlag München.

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Alexander Grau

In der Demokratie geht es nicht um die Wahrheit, sondern um gefühltes Wissen. Oder gleich um Ideologie. Das war bei den alten Athenern so, das ist in den modernen Massendemokratien nicht anders.

Das Gerede von den postfaktischen Zeiten, populär geworden ausgerechnet durch die Bundeskanzlerin und vergangene Woche durch die Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres nobilitiert, ist also Unfug. Denn wann bitte, haben wir jemals in faktischen Zeiten gelebt?

Es ist ein populärpolitologischer Grundirrtum, anzunehmen, Demokratien seien in irgendeiner Form wahrheitsaffiner als andere Staatsformen. Das sind sie natürlich nicht. In der Demokratie geht es darum, Mehrheiten zu organisieren. Entsprechend lebt sie von der Überredung, von der Rhetorik und nicht von der Wahrheitsfindung.

Ginge es wirklich darum, eine möglichst faktenorientierte, so weit es geht den Tatsachen verpflichtete Regierungsform zu organisieren, würde man – bei allen prinzipiellen Vorbehalten gegen ein solches Unterfangen – vermutlich zu einer Expertokratie greifen, sicher aber nicht zu einer Massendemokratie.

Tatsachen in Konventionen verwandelt

Hinzu kommt, dass ein Großteil der von einem Gesetzgeber zu fällenden Entscheidungen mit Faktenwissen, Tatsachen oder gar Wahrheiten wenig bis gar nichts zu tun haben. Sie betreffen zumeist normative Fragen von Recht und Gerechtigkeit und unterliegen damit dem moralischen Geschmack. Von Fakten und Tatsachenentscheidungen kann also keine Rede sein.

Und auch dort, wo Entscheidungen auf empirischen, wissenschaftlichen Tatsachen beruhen sollten, haben Demokratien die starke Neigung, diese zu entsachlichen und dafür moralisch aufzuladen. Das liegt in ihrer Logik. Denn nur über diskutierbare Sachverhalte lässt sich auch demokratisch abstimmen. Ergebnis: Gesetze der Mathematik werden im Namen der Gerechtigkeit gebeugt (Staatshaushalt) oder einfache Regeln der Physik unter dem Stichwort Verantwortung (Energiepolitik) ignoriert.

Demokratien sind somit normativ expansiv. Sie verwandeln die Welt der Tatsachen in eine Welt der Konventionen. Denn nur Konventionen lassen sich ändern und sind somit demokratisch. Tatsachen sind dieser Logik nach totalitär. Demokratien mögen keine Tatsachen.

Zielgerichtete Manipulation ist notwendig

So gesehen, ist Demokratie die kontrafaktische Staatsform schlechthin. Wer behauptet, die Demokratie sei in den letzten Jahren in eine postfaktische Phase eingetreten, übersieht ihren Grundcharakter – oder leugnet ihn absichtsvoll.

Keiner hat das so klar gesehen wie Edward Bernays. Der war Neffe von Sigmund Freud, wuchs in den USA auf und wurde dort zum Begründer der modernen Public Relation. 1928 veröffentlichte er eines der wichtigsten (aber leider wenig bekannten) Bücher des 20. Jahrhunderts: „Propaganda“.

Darin umreißt er der die Bedeutung der Public Relation für moderne Gesellschaften. Gleich der erste Satz lautet unmissverständlich: „Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltenweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften.“

Für Bernays ist das wohlgemerkt kein Manko. Im Gegenteil, es ist eine schlichte Notwendigkeit. Der Grund: „Je komplexer unsere Zivilisation wird und je deutlicher sich zeigt, wie nötig die im Hintergrund arbeitenden Führungsinstanzen sind, desto konsequenter werden die technischen Mittel zur Steuerung der öffentlichen Meinung entwickelt und eingesetzt.“

Interpretationen sind weder wahr noch falsch

Meinungsmanipulation ist für Bernays also die einzige Möglichkeit, komplexe und pluralistische demokratische Gesellschaften funktional zu halten. Für Träumer klingt das bitter, aber manches spricht dafür, dass Bernays Recht hat.

Nicht um Fakten geht es also in einer Demokratie, sondern um deren Interpretation, deren Darstellung, deren rhetorischer Präsentation. Der demokratische Wettbewerb selbst sorgt mit der ihm eigenen Logik dafür, dass Meinungen als Tatsachen dargestellt und Tatsachen entsachlicht werden.

Das bedeutet im Übrigen nicht, dass in Demokratien systembedingt gelogen wird. Lügen müssen Diktaturen. In Demokratien hingegen geht es um Deutungen und die Erringung der Deutungshoheit. Interpretationen jedoch sind weder wahr noch falsch.

Wer behauptet, wir lebten in postfaktischen Zeiten, verklärt nicht nur die Vergangenheit, sondern verfälscht absichtsvoll das Wesen des demokratischen Wettstreits – so als habe er allein die Wahrheit gepachtet. Demokratie lebt nicht von der einen Wahrheit, sondern vom Wahrheitspluralismus. Das ist anstrengend, ohne Zweifel. Aber alle denkbaren Alternativen sind noch unerfreulicher. Denn das Gegenteil von postfaktisch wäre totalitär.

Siegfried Sumser | Sa, 17. Dezember 2016 - 11:38

"Demokratien mögen keine Tatsachen" => "Denn nur über diskutierbare Sachverhalte lässt sich auch demokratisch abstimmen. Ergebnis: Gesetze der Mathematik werden im Namen der Gerechtigkeit gebeugt (Staatshaushalt) oder einfache Regeln der Physik unter dem Stichwort Verantwortung (Energiepolitik) ignoriert."

Obwohl die herkömmliche Erziehung der Beteiligten mit ihrer schulischen Ausbildung konträr zu diesem für alle sichtbaren Verfahren der Politik steht, funktioniert diese "Demokratie". Die Voraussetzung dafür ist jedoch das Vorhandensein riesiger Resourcen, um die Hoffnung aufrecht zu erhalten, dass die Gesetze der Mathematik und Physik keinen totalitären Charakter haben.

Svenja Gerwing | Sa, 17. Dezember 2016 - 11:48

Nachdem in diesem Artikel diese grausame Wortschöpfung "postfaktisch" vom Herrn Grau gekonnt auseinander genommen wurde, gilt es vielleicht den Spruch oder den Slogan des Jahres zu küren. Dazu würde ich ich das Zitat vom Herrn Strunz in das Feld der Bewerber hineinwerfen: "Der Populismus ist Viagra für eine erschlaffte Demokratie".
Er ergänzt dazu: "Jetzt sehen wir uns in einem Sturm, und uns fehlen die Antworten und die Mittel... Das führe dazu, dass die großkoalitionäre Kuschelei zu Ende gehe... Endlich streiten wir wieder."
Genial und millimetergenau auf den Punkt gebracht. Chapeau, die Herren!

Ursula Schneider | Sa, 17. Dezember 2016 - 11:50

Genau so ist es. Wieder mal eine glänzende Analyse, die sich leicht mit zig Beispielen belegen lässt. Wann hätten je Fakten wichtige politische Weichenstellungen bestimmt?

Euro-Einführung und Euro-Rettung = reines Wunschdenken,
Energiewende = grüne Ideologie jenseits aller ökonomischen Vernunft,
Grenzöffnung für Migranten = moralisches Gebot ungeachtet aller absehbaren Folgen usw.

Genau wie "Populismus" zählt "postfaktisch" zum Mainstream-Jargon, der ausschließlich dazu dient, den politischen Gegner (natürlich nur rechts) als unberechenbar, beschränkt oder infantil abzustempeln.

ingrid dietz | Sa, 17. Dezember 2016 - 12:02

ist doch unsere Bundeskanzlerin ! Sie zelebriert auch in Perfektion den "ökonomischen Umgang mit der Wahrheit" !

Wolfgang Henning | Sa, 17. Dezember 2016 - 12:04

Die gut dargebrachte Analyse trifft nicht nur für die Demokratien und Politik im Allgemeinen zu, sondern im besonderen Maße auch für die Religionen. Das macht ein gesellschaftliches Zusammenleben mit den Islamisten so problematisch. Bei ihnen steht nicht der "Glaube" als Synonym für "Nichtwissen" im Vordergrund, sondern die Verbreitung des Koran, als unumstößliche "Tatsache" des Wort Gottes. Wir haben es hier mit der Lüge einer Religions-Diktatur zu tun. Der Islam gehört deshalb weder zu Deutschland noch zu Europa. Es lebe der Wahrheitspluralismus!

Markus Michaelis | Sa, 17. Dezember 2016 - 12:34

Genau, postfaktisch ist Unsinn, der von Leuten gehypet wird, die ihre eigenen Widersprüche (die notwendig immer da sind und jeder hat) nicht sehen wollen. Ich halte einen gewissen Fakten- oder Realitätsbezug trotzdem für essentiell, weil er Gesellschaften langfristig stärker macht. Der kommt aber nicht durch die Demokratie (=Herrschaft der Masse), sondern eher durch Gewaltenteiliung und Pluralismus. Die Türkei im Moment ist z.B. für mich ein Beispiel für Demokratie ohne Gewaltenteilung und Pluralismus. Bei uns empfinde ich (bei allen sonstigen Verdiensten) die Grünen in der Flüchtlingskrise als ein trauriges Beispiel, dass ideologische und totalitäre (hier human-totalitär) Denkweisen in einer ziemlich postfaktischen und auch undemokratischen Weise vertreten werden. Auch da sieht man, dass es nicht schlecht sein muss (man hilft Menschen), es faktisch aussehen kann (man konzentriert sich auf SEINE Fakten), aber eben absolut und voller Widersprüche, also postfaktisch, ist.

Manfred Siebersgerg | Sa, 17. Dezember 2016 - 12:37

Danke für den Artikel. Gäbe es einen Spendenknopf auf dieser Seite, so bekämen Sie etwas für die Kaffeekasse.

Arndt Reichstätter | Sa, 17. Dezember 2016 - 12:46

Bei der postfaktischen Debatte handelt es sich um Zeitvertreibung im Elfenbeinturm. Kaum jemanden interessiert das. (Nicht zuletzt, weil der Postfakt-Vorwurf kein Argument ist.)

Sie müssen die Dinge nicht komplizierter machen, als sie sind. Wir brauchen ein freiheitliches System. Dann sind Entscheidungen freiwillig und friedlich. Und übrigens auch ökonomisch am effizientesten, was nicht weniger bedeutet, als dass wir alle am wenigsten arbeiten müssen, am wenigstens Rohstoffe verbrauchen, und seltene Rohstoffe auch noch am teuersten sind, womit diese bestmöglich geschont werden.

Wir müssen nur noch Entscheiden, welches das richtige System ist. Und anschließend müssen wir auf dieses System vertrauen.

Aus libertärer Sicht, ist das Individuum frei, und nicht das Kollektiv. Schließlich besteht das Kollektiv nur aus vielen Individuen. Somit bestünde das richtige System aus Abwesenheit von Schulzwang, niedrigen Steuern, Freihandel und militärischer Dezentralität.

Uwe Prink | Sa, 17. Dezember 2016 - 12:59

Überall dort, wo Menschengruppen zusammen leben, gibt es Konflikte. Je komplexer eine Gesellschaft strukturiert ist, desto wichtiger wird die Macht über die Deutungshoheit der Institutionen und der sonstigen sozialen Umwelt. Diktatur ist einfach. Einer hat die Macht zu behaupten, was wahr ist und setzt seine Machtmittel ein, um Kritiker mundtot, oder eben ohne mund, tot zu machen. In Diktaturen sind Fakten, die Wahrheit eindeutig. Der Tyrrann bestimmt die Fakten und was wahr ist. In der Demokratie gibt es diverse Fakten, Wahrheiten. Und da beginnt die Deutungshoheit. Wer diese besitzt, bestimmt die Fakten. Mit konkreten Fakten, und schon gar nicht mit Wahrheit, hat das nichts zu tun. Je größer eine Gruppe wird, desto unwahrer wird die Bestimmung. Für große Gruppen, Völker, haben wir noch nichts Besseres als die demokratische Staatsform entwickelt. Wenn man in großen Gruppen Gerechtigkeit leben möchte, müsste es in den Köpfen der Menschen eine Kulturrevolution geben.

Achim Dubois | Sa, 17. Dezember 2016 - 14:51

Das von Peter Scholl-Latour aufgegriffene Wort der "Massenverblödung" lässt sich in Verbindung mit der Demokratie als Staatsform - provokant - auch ganz anders darstellen.
„Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften.“
Meinungsmanipulation soll die einzige Möglichkeit sein, "komplexe und pluralistische demokratische Gesellschaften funktional zu halten."
Ich für mich jedenfalls bemühe mich nach Kräften, dass sich meine Meinung auf Tatsachen gründet und Tatsachen "nicht" entsachlicht werden.

Axel R Göhring | Sa, 17. Dezember 2016 - 15:53

Aber gab es bei den Athenern schon bescheuerte Parteien und Ideologien? Nee. Da wurden noch Personen gewählt.
Unsere Kultur krankt, sinnigerweise genau wie der Islam, an ideologischem Fanatismus, der einzelnen Grüppchen Vorteile bringt und dem Rest katastrophalen Schaden zufügt.

Christa Wallau | Sa, 17. Dezember 2016 - 15:58

Richtig, lieber Herr Grau.
Wieder einmal demaskieren Sie Menschen, die sich diesen seltsamen Begriff zu eigen gemacht haben als das, was sie sind: Schwätzer.
"Postfaktisch" gibt es praktisch gar nicht. Es bedeutete ja, daß wir, n a c h d e m wir bisher in einer Welt der Fakten gelebt, gedacht und gehandelt hätten, nun in einer total verdrehten bzw. virtuellen Welt lebten.
In der Politik hat der Begriff schon gar nichts verloren, wie Sie zutreffend herausgearbeitet haben.
"Demokratie lebt vom Wahrheitspluralismus." - Genau!
Alle, die so tun, als hätten Sie die Wahrheit gepachtet und Andersdenkende des
"postfaktischen" Denkens beschuldigen,
sind im Grunde keine Demokraten mehr;
denn die Demokratie lebt vom ergebnisoffenen Diskurs.

Gerhard Hellriegel | Sa, 17. Dezember 2016 - 16:16

Sehr guter Beitrag. So ist es. Ich möchte das ergänzen mit unserem derzeitigen Lieblingsthema Flüchtlingspolitik. Sie kennen doch dies: "Weder Grundgesetz noch UN-Flüchtlingskonvention kennen eine Obergrenze". Das ist schlich richtig, also Fakt. Nur, dass 2015 nur 0,7% aller Migranten Asyl nach dem GG erhielten, die meisten, 50% erhielten den UN-Flüchtlingsstatus, die andere Hälfte ist illegal. Also, Obergrenze irrelevant. Aber sind wir nicht nach UN-Konvention verpflichtet?Eben nicht. Denn die entscheidende Frage ist: welches Land ist denn nun Gastland? Entscheidet das der Flüchtling, oder das Land, ist die Zustimmung beider erforderlich oder ist es das erste Unterzeichnerland, in dem der Flüchtling landet? Die Un-Konvention schweigt. Damit ist jede Auskunft persönliche Meinung und sonst nichts. Klar, der Sinn der Konvention ist es, Flüchtlingen zu helfen, aber - je nach Interpretation - kann das ein Land begrenzen. So lügt man nicht und kann doch irrige Meinungen produzieren.

Enrico Stiller | Sa, 17. Dezember 2016 - 16:24

Es gibt in jeder Staatsform Menschen und Gruppen, die es einfach lieben, faktenaffin zu debattieren, und diejenigen, für die dies ein Horror ist. Wer sind letztere? Es sind die typischen Ideologen und Gläubigen. Ihnen fällt es einfach leichter, zu moralisieren als sich auf den Allerwertesten zu setzen und Akten zu lesen. Sie geniessen auch die Tatsache, dass Ideologien nun mal seelentröstend sind (R. Arons "Opium der Intellektuellen"). Und dass man mit Moral- und Faschismuskeulen Prestige gewinnt und jeden besser informierten Gegner niederknüppeln kann. "Fakten sind faschistisch". Konservative haben tendenziell weniger Ideologien, wie wir seit Edmund Burke wissen. Die Ideologien sind vorwiegend links. Und deshalb auch die "Debattier-Keulen", und die aus ihnen rührende Primitivisierung öffentlicher Debatten. Das Ergebnis sehen wir zur Zeit in eklatantester Weise in Deutschland.

Ursula Schneider | Mo, 19. Dezember 2016 - 14:04

In reply to by Enrico Stiller

interessante Feststellung, Herr Stiller. Warum ist das so? Vielleicht hilft auch Folgendes bei der Erklärung:

Linke sind (im Gegensatz zu Konservativen) davon überzeugt, dass man alle Menschen zum Guten erziehen und die Welt in ein Paradies verwandeln kann. Daraus folgt, dass sie die Moral (also in ihren Augen die Wahrheit) gepachtet haben, die über Gut und Böse entscheidet. Fakten, wie etwa das klägliche Scheitern des gesamten bisherigen Sozialismus/Kommunismus, oder ökonomische Notwendigkeiten werden einfach beiseite gewischt. Das "Gute" bleibt gut, auch wenn es mit der Menschheitserziehung noch nicht so recht klappen will.

Was sollen da Wahrheits- oder Meinungspluralismus? Völlig fehl am Platz.

Robert Schauer | Sa, 17. Dezember 2016 - 16:53

Sehr geehrter Herr Grau,

vielen Dank für diesen kulturhistorischen Blick auf die Welt des Postfaktischen.
Wenn Sie indirekt darauf hinweisen, Frau Merkel argumentiere so, als hätte sie - weil sie ja nicht in einer postfaktischen Welt lebt - alleine die Wahrheit gepachtet, haben Sie natürlich völlig Recht. Sie tut dies m. E. jedoch insbesondere deshalb, weil sie damit alle, die anderer Meinung sind als sie, mit dem Stigma des Postfaktischen belegt und damit quasi per definitionem ins Unrecht setzt. Wer darauf emotional reagiert, liefert ihr und ihren Lakeien auch noch selbst den Beweis dafür, dass allein sie auf der richtigen Seite stehen. In Österreich bezeichnen wir diese Einstellung als Präpotenz.

helmut armbrustert | Sa, 17. Dezember 2016 - 16:53

sei in Demokratien notwendig. Und dabei werde nicht systembedingt gelogen. Wenn also der mündige und freie Wähler erst manipuliert werden muss, damit er "richtig" wählt, dann traut man ihm nicht zu, dass er vernunftbegabt ist und selbstständig ohne Vormund denken kann. Das führt die ganze Idee von Demokratie ad absurdum, denn es ist ja gerade die Voraussetzung für Demokratie, dass der Wähler frei entscheiden kann und dabei unabhängig genug ist sich nicht manipulieren zu lassen. Setzt man diese Voraussetzung außer Kraft, kann man gleich zurück in Absolutismus und Gottesgnadentum.

Ommo Harders | Sa, 17. Dezember 2016 - 18:04

Wunderbar, Herr Grau. Als ich erstmals von der Bundeskanzlerin den Begriff verwendet hörte, dachte ich: was will sie denn nun schon wieder vernebeln. Ihre Ausführungen müßten Pflichtlektüre für mindestens alle Talkshowteilnehmer sein. Danke.

Nicolas Wolf | Sa, 17. Dezember 2016 - 18:28

Sehr schön geschrieben. Lügen haben nach meiner Erfahrung aber die Eigenschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Lügner um die Ohren zu fliegen. Wir werden sehen. Wichtige Lügen der Herrschenden wie die Energiewende, Eurostabilität oder die Sache mit den Illegalen sind ja schon jetzt kaum noch zu kontrollieren. Mit den USA wird wohl der wichtigste Staat aus dem Pariser Klimaschwindel ausscheren womit das Ganze so oder so bald abstirbt. Der Türkeideal hat eigentlich schon gezeigt, wie die Situation ist. Für jeden Illegalen (also jeden der nicht in GR Asyl beantragt) den GR zurückschickt, nehmen wir dann einen Legalisierten (wie auch immer). Somit sind alle! die die letzten Jahre durch Griechenland nach Deutschland kamen Illegale, nach Merkels eigener Logik. Kostenexplosion, kaum Integrationserfolge und wahrscheinlich auch Terroranschläge werden diese Lüge nicht verdrängbar machen. Ähnlich wird es mit dem Euro enden.

Wir leben übrigens in einer Republik, nicht in einer Demokratie.

Torsten Knecht | Sa, 17. Dezember 2016 - 18:28

... zielgerichteter Manipulation wäre dann ... das die einflussreichere Interressengruppe der Mehrheit ihren Willen aufdrückt.

Per Gesetz dank Lobbyverbände werden Geschäftsmodelle wie Riesterrente, Abgabengebühren für Ärzte etc. durchgesetzt. Sowie die arbeitslose Bevölkerung perspektivlos und per Zwang in Niedriglohnjobs gedrückt. Die Niedriglohnkaste wurde zugunsten der Unternehmen geschaffen.

Jegliches verbales Statement lässt sich letztlich dahingehend abklopfen, wer was für ein Interesse mit einem bestimmten Handeln bzw. Gesetz verfolgt. So komplex ist das alles nicht, wie es uns gerne gesagt wird.

Der Bürger verkommt zum Befehlsempfänger mit Wahlerlaubnis. Schröder wurde wegen H4 abgewählt aber Merkel verschärft H4 sogar noch. Letztlich zählt, wie Kohl sagte, was hinten raus kommt.

Armut ist nicht postfaktisch u. Reichtum existiert nicht ohne Armut. So einfach ist das.

Michael Schröder | Sa, 17. Dezember 2016 - 18:47

Das findet man bei Sloterdijk schon lange, daher mag er die Kanzlerin auch nicht. Die Frau ist völlig "unpolitisch", daher auch in letzter Konsequenz nur moralisch. Maralität aber führt zur Schuld, zur "Schönen Seele" (Hegel).

Ruth Müller | Sa, 17. Dezember 2016 - 19:21

Ich frage mich immer wieder: Wie schaffen es Randgruppen - die gefühlt 5% Wahlvolk darstellen - unser Land zu destabilisieren?
Warum lässt der Rest, der dieses System alimentiert - das überhaupt zu?
Wer wählt/bestimmt die Multiplikatoren der Minderheiten an den Schaltstellen von Presse und öffentlichen Medien - wo sind die Meinungsrepräsentanten der Mehrheit geblieben?
Ist das demokratisch, dass immer dieselben Lobbyisten uns in den Medien mit "ihren eigenen" Wahrheiten "erziehen" wollen.
Warum sind die anderen in Ihrer Mehrheit nicht adäquat repräsentiert?
Warum wird die Parität in den Gremien nicht gewahrt?

... was ist das? Und welche Randgruppe destabilisiert das Land? Und wer alimentiert hier was?

Jeder, der konsumiert, finanziert den Staat. Die untere Randgruppe proportional zum HH-Einkommen am meisten, da nix fürs Sparen übrig bleibt. Die Niedriglöhner sorgen sogar dafür (unfreiwillig), das bei den oberen Schichten mehr hängen bleibt als bei Ihnen. Und die oberen Schichten sorgen dafür das sie begünstigt werden, siehe Kapitalbesteuerung, Herdprämie etc... Ist doch klar, das die Privilegierteren nix daran ändern wollen. Demokratie hin oder her. Ohne Armut kein Reichtum.

Aufschlussreicher wäre zu fragen, wem was mit welchem Gesetz, Handlung oder Struktur etwas nützt.

Michaela Diederichs | Sa, 17. Dezember 2016 - 21:46

Mit Menschen, die meinen, die Moral auf ihrer Seite zu haben, lässt sich schwerlich diskutieren bzw. es ist sehr anstrengend. Die Fronten scheinen derartig verhärtet, dass kaum noch Gespräche möglich sind. Die jeweiligen Interpretationen von Situationen sind so unterschiedlich, dass ein gemeinsamer Nenner immer weniger zu erkennen ist - national und international. Dies führt in Anbetracht der vielen Krisen und Krisenherde - innen- und außenpolitisch - zu einer tiefen Verunsicherung, möglicherweise sogar zu Verwerfungen. Menschen den Islam schmackhaft zu machen, erscheint komplett irrational, wenn man nach Belgien oder Frankreich schaut. Egal wie viel Überredungskunst Politik und Medien hier aufwenden, die Realität steht dagegen. Wenn der Hilfsbereitschaft die Ereignisse der Domplatte gegenüberstehen, kommen wir in einen kritischen Bereich. Ich meine, es sind die Fakten, die uns überfordern. Die Politik steht dem Volk da nicht nach. Ihr Artikel hilft - leider - nicht weiter.

Tobias Werner | Sa, 17. Dezember 2016 - 22:07

Deutungen und Lügen...: Ja, man kann, das hat man doch schon oft erlebt, in Demokratien auch dazu verführt werden, zu lügen! Man denke hier an die Parteispendenaffäre, an falsche Doktortitel, an Aussagen (von größten Führerinnen aller Zeiten...), dass etwas alternativlos sei, an gesuchte/-fundene Kriegsgründe. Der Mensch ist zur Lüge fähig - warum soll das nicht auch in Demokratien passieren!? Zur anthropogenen u. gefahrverbundenen globalen Klimaerwärmung kann u. muss man ja auch sagen - entweder es gibt sie od. es gibt sie nicht. Wenn man das leugnet, obwohl es dies nachweisbar gibt, dies dann als grobe Fehldeutung interpretiert: Was ist dann noch eine Lüge!?
Das Gegenteil von postfaktisch ist für mich nicht totalitär, sondern nur faktisch. Mag sein, dass es bei vielen Dingen um Interessen, um Gefühle u. Interpretationen geht. Theoretisch ist aber auch ein Zustand denkbar, wo wirklich alle einer Meinung sind (z.B. Bedrohung durch große Asteroiden): Wieso wäre das dann totalitär?

Christoph Kuhlmann | So, 18. Dezember 2016 - 03:36

Das kam früher bei der klaren Aufteilung von sozialen Mileus, doch wesentlich klarer zum Ausdruck. Neu ist doch eher der Konsens bei den Geltungskriterien. Freihandel bringt Arbeitsplätze, selbst wenn die Aufhebung der letzten Zölle Millionen Jobs verschwinden lässt. Das ist seitens der Demokraten extrem kontrafaktisch gedacht und hat Clinton die Bezeichnung crooked Hillary eingebracht. Dagegen waren Trumps nachgewiesene Widersprüche belanglose Kleinigkeiten. Der große Schwindel kommt wahrscheinlich erst noch, wenn die weiße Mittelschicht wieder leer ausgeht. Aber darum geht es nicht, es gibt wieder mindestens zwei Mileus mit gegensätzlichen Geltungskriterien und "Glaubenssätzen" also Dogmen, die nicht weiter hinterfragt werden. Insofern sind wir wieder da, wo wir in der Vormerkelzeit schon immer waren. Lediglich der Anspruch des "progressiven" Mileus, auf die wissenschaftliche Definitionsmacht ist neu, führt aber auch gleich zur pauschalen Ablehnung, durch Begriffe wie Lügenpresse.

Gerdi Franke | So, 18. Dezember 2016 - 08:53

Da hat sich einer aber wieder was abgebrochen. Was die Politik uns erzählt ist heute bei der Vielzahl an Informationsquellen schnell relativiert und bewertet. Und Manipulationsversuche schnell erkannt. Und es ist jedem überlassen wie er dann mit solchen Quellen umgeht.

Willi Mathes | So, 18. Dezember 2016 - 09:09

Herr Grau hat Recht !

Meinungsmanipulation ist essentiell zur Machteringung und Erhalt. Wird allerdings auch im
Alltag praktiziert . Menschen haben oft wenig Wissen- aber immer eine Meinung !
Die Wahrheit ist offensichtlich obdachlos !

Danke und freundliche Grüsse

Michael Hoffmann | So, 18. Dezember 2016 - 10:44

Guter Beitrag, ein wichtiger Punkt fehlt mir aber: Fakten lassen sich nur für die Vergangenheit feststellen.

In Demokratien, bzw. allgemein beim Regieren, geht es aber immer um Entscheidungen für die Zukunft. Was diese Zukunft bringt, und wie Gesetze etc. sich in der Zukunft auswirken, hängt von so vielen Faktoren ab, daß hier nur abgeschätzt werden kann. Als Grundlage für diese Abschätzungen zieht man zwar Fakten aus der Vergangenheit heran und versucht, zwischen diesen Fakten Beziehungen herzustellen; das ist aber reine Interpretation, mit der man auch kräftig danebenliegen kann.

Als Bsp. für solche Beziehungen seien der interpretierte Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und der Zahl der Arbeitslosen genannt; sowie der vermutete Zusammenhang zwischen CO2-Ausstoß und Klimaerwärmung.

Womit sich der Kreis schließt zu dem anfangs im Beitrag formulierten "gefühlten Wissen".

Hans Page | So, 18. Dezember 2016 - 10:51

Vielen Dank für diesen Artikel. Nachdem wir uns immer noch von den postfaktischen Darstellungen, immerhin der US Regierung (amtlicher geht's nicht) zu der Anwesenheit von WMD im Iraq erholen und noch im letzten Jahr erfahren durften dass wir systematisch abgehört/ausgehorcht werden ohne dass die Regierung die Verursacher (USA) unter Sanktionen gestellt hätte, werden wir jetzt (die Wähler) unter Generalverdacht gestellt, dass wir Fake-News verbreiten würden. Da bislang die bekannten Fake-News keinerlei offizielle Reaktion hervorgerufen habe, vermute ich, dass die plötzliche Aufregung andere Ursachen hat. Könnte es sein, dass man (wie in Italien 1981) einen Totalabsturz der Hauptparteien befürchtet, und mit dieser Kampagne ein Instrument in der Hand haben will, unliebsame Kommentare aus der Bevölkerung unter Kontrolle zu bekommen?

Reiner Kraa | So, 18. Dezember 2016 - 12:07

Dem kann ich nur bedingt zustimmen. Letztlich sind es immer aktuelle faktische Dinge, die unser tägliches Leben bestimmen. Tatsache ist z. B., dass die merkelsche Migrations- Europa- und Europolitik uns alle ins Chaos bringt, wenn wir sie nicht stoppen. Es mag Leute geben, die das, aus welchen Gründen auch immer, anders sehen. Aber eine objektive Wahrheit und damit eine Tatsache bleibt es doch. Diese, wie auch andere Tatsachen, kann der deutsche Michel, oder Demokrat, wenn man so will, auch erkennen und begreifen und er kann darauf reagieren. Sogar gegen alle Propaganda im Staatsrundfunk und -Fernsehen.

Renate Aldag | So, 18. Dezember 2016 - 13:13

für diesen Artikel, der ich sehr nachdenklich gemacht hat. Anknüpfend an Ihren letzten Absatz frage ich: Wer hat behauptet, wir würden in postfaktischen Zeiten leben und wer verfälscht damit absichtsvoll das Wesen des demokratischen Wettstreits? Wer hat die einzige Wahrheit gepachtet und ist alternativlos? Wem sind die Beschlüsse der Partei egal und macht grüne Oppositionspolitik? Wer lehnt direkte Demokratie ab und vereinheitlicht alle parlamentarischen Parteien und die Medien? Wie charakterisiert man dieses Verhalten und wie bezeichnet eine derartige Regierungsform? Ihnen allen einen schönen 4. Advent!

Dorothee Sehrt-Irrek | So, 18. Dezember 2016 - 15:06

Gar Wahrheiten? Und dies besser und qualifizierter als der Souverän?
Ob ein Einzelner oder mehrere, in der Demokratie geht es nicht darum.
Es geht um die Wahrung und Durchsetzung der Interessen.
Es gibt einen gesell. Wahrheitsdiskurs, verschiedene Ansätze Fakten zu benennen, zu beurteilen und entsprechende Handlungen daraus zu legitimieren.
Was ist Faktum und Wahrheit in Syrien? Oder sonstwo?
Es gibt die Postmoderne, die eigentlich eine Kritik an der Moderne ist unter der Voraussetzung, dass man den Anspruch der Moderne zu existieren, akzeptiert, irgendwie aber sagt, dass Moderne nicht ausreicht bzw. fehlgehen kann.
Mit der Haltung befindet man sich im Modus der Kritik, der Urteilskraft.
Das funktioniert schon nicht, wenn Moderne eben Moderne ist, Aufklärung.
Entsprechend fällt m.E. die "Dialektik der Aufklärung" aus, sie fällt hinter Aufklärung zurück und wird zu einem Mythos des Gegenteils dessen, was der Fall ist, womit sie Aufklärung überhaupt nicht trifft.
Nur angedacht.

Franz Platz | So, 18. Dezember 2016 - 15:20

Wenn es in der Demokratie in erster Linie um das Organisieren von Mehrheiten und das Mittel dazu Überredung und Rhetorik sind, dann darf allerdings kräftig gelogen werden. Wo ist dann ihre ideelle Qualität? Für mich ist diese Analyse zu flach.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mo, 19. Dezember 2016 - 15:54

In reply to by Franz Platz

aber ich weiss, dass es von Habermas ein Buch gibt mit dem schönen Titel "Erkenntnis und Interesse".
Ich weiss, dass ich es gelesen habe, aber parat habe ich es nicht mehr.
Inter- esse, dazwischen sein, sich einbringen?
Inter -legere, dazwischen lesen.
Mir ging es um die Legitimation, was zu wenig war. Danke für den Hinweis.
Es spielt sich aber m.E. in Deutschland ab, dass im Namen einer vermeintlichen Wahrheit in einem willkürlichen Setzungszusammenhang die Interessen fast einer Mehrheit gebrandmarkt werden.
Ob wir in einer Demokratie oder einer Wahrheitshegemonie leben kann dann schon mal auseinanderdriften.
Deswegen habe ich es betont.
Ich hätte auch auf "Naturrecht und menschliche Würde" verweisen können und dass der Hegeomiegedanke, den evtl. Kretschmann von Gramsci hat, das evtl. Hochproblematische an Gramsci (Kommunist?) war, was aber einem Herrn Kretschmann, früher auch in einem K-Bereich, nicht unbedingt auffallen muss.
Merkel, Kretschmann und ihre vita. Wegweisend?

nikolaus wittmann | So, 18. Dezember 2016 - 16:55

Der Autor hat recht, und hier liegt das Versagen der etablierten Parteien und Medien. Sie haben jede Diskussion oder sachliche Debatte über viele Entscheidungen abgewürgt. Ersetzt wurde die demokratische Auseinanderstzung durch die moralische Überhöhung der eigenen Position und Diffamierung der Gegenseite. Klimawandel, Energiewende - wir retten die Welt. Flüchtlingspolitik - wir retten die Humanität. Finanzpolitik - wir retten den Frieden in Europa. Kindererziehung - wir retten das Heimchen am Herd. Die Liste ist sicher nicht vollständig zeigt aber, glaube ich das Versagen eines offenen Wettstreits der Meinungen auf und bewirkt eine größer werdende Zahl von Bürgern die sich vom Berliner Politikbetrieb abwenden.

Dorothee Sehrt-Irrek | So, 18. Dezember 2016 - 17:12

Ich schätze es so ein, dass Hillary Clinton den Fakt nicht akzeptiert, dass sie verloren hat, nach den Regeln, die zuvor beide akzeptierten und unter der Voraussetzung, dass im Namen beider Kandidaten evtl. gleichgut "geschummelt" wird.
Nach dem US-System ist nicht entscheidend wie hoch man in einem Bundesstaat gewinnt, sondern dass man überhaupt gewinnt und dass man über ausreichend Wahlmännerstimmen verfügt.
Ob es Usus ist, Wahlmänner unter Druck zu setzen, kann ich nicht beurteilen.
Für Clinton ärgerlich ist vielleicht, dass Trump mit einer One-man-show quasi gegen alle Kandidaten gewonnen hat, während Hillary Clinton es nicht einmal mit dem härtesten und ausgefeiltesten Wahlkampf ever? schaffte.
Das würde mich auch niederwerfen, nur eines kann doch nicht sein, dass es zum Schluss von einer Jury heisst "and the price goes to Mrs. Clinton".
Es stört mich, dass diejenige, die am lautesten Regelverletzungen anklagt, evtl. eine der wichtigsten nicht anerkennen will: das Volk wählt.

Dorothee Sehrt-Irrek | So, 18. Dezember 2016 - 17:34

Die Politik einer gewählten Regierung wird kritisiert, nicht hingenommen.
Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht wurden nicht zugelassen.
Der Konflikt ist, wenn man von der AfD "absieht" ausserparlamentarisch geworden.
Vor allem, weil das Wahlvolk gegen die Partei der CDU/CSU aufsteht im Namen dessen wofür sie sich wählen liess.
Jetzt hat Merkel eine Rede auf dem Parteitag gehalten, der der Linie wieder entspricht.
Viele, ich auch, fragen sich vielleicht, wie lange das gut geht.
Ich war tief betrübt, dass die CDU/CSU schaffte, wofür sie gewählt worden war, den Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernenergie.
Gleichwohl mußte ich es doch dulden oder Politik für eine bessere Politik machen.
Fukushima bedeutete eine "Nacht- und Nebel-Entscheidung" der Kanzlerin und? der CDU/CSU, mit dem Argument, eine Kernphysikerin habe ganz neu nachgedacht.
Seither lebe ich in Sorge.
Das ist kein EINSPRUCH gegen die Gefahren der Kernenergie, gegen Migrationschaos schon.
Konstruktive Hilfe

Hans Beyer | So, 18. Dezember 2016 - 20:48

Das Geld.

Wenn Propaganda allgegenwärtig und sogar unvermeidlich sei - dann hat der die besten Karten, der die meisten Propagandisten ins Rennen schickt: Der Pressezar, heute der Medienmogul.

Und das wiederum gewichtet den einen Reichen unverhältnismäßig gegenüber dem Armen: Das Klassenwahlrecht ist wieder da.
Schlicht undemokratisch.

Und: Es gibt Wahrheit und Falschheit.
Und wer Lücken lässt oder ausdrücklich lügt, tut das, weil er die Wahrheit fürchten muss.

Barbara Kröger | So, 18. Dezember 2016 - 22:10

Sehr richtig Herr Grau: „Demokratie lebt nicht von der einen Wahrheit, sondern vom Wahrheitspluralismus.“
Daher sind Meinungsvielfalt und politischer Diskurs in einem demokratischen Staat so elementar wichtig!

Hans-Jürgen Lamberty | So, 18. Dezember 2016 - 22:50

Ein logischer, wirklich bemerkenswerter Aufsatz des Autors zum Wesen der Demokratie.
_________________________________________________
O-Ton des Autors ALEXANDER GRAU:
"Wer behauptet, wir lebten in postfaktischen Zeiten, verklärt nicht nur die Vergangenheit, sondern verfälscht absichtsvoll das Wesen des demokratischen Wettstreits – so als habe er allein die Wahrheit gepachtet. Demokratie lebt nicht von der einen Wahrheit, sondern vom Wahrheitspluralismus."
_________________________________________________Und so erklärt sich dann zum angeblichen"alternativlosen humanitären Imperativ", dass die andauernden, realen Folgen von offenen deutschen Grenzen bis auf den heutigen Tag, einen ganzen Rattenschwanz von Rechtsbrüchen, Rechtsbeugungen, Vertragsbrüchen jeglicher Art zum nachgewiesenen Nachteil Deutschlands und seiner Bürger hat und haben wird!

Uwe Wenzel | Mo, 19. Dezember 2016 - 07:30

Ich habe mich schon immer gefragt, warum Minister ausgetauscht werden müssen. Als Exekutive müssen sie Gestze durchsetzen. Fehlen ihnen die Werkzeuge im Ressort stellen sie Anträge, über die der Bundestag entscheidet. Aber bei uns ist dieses Vorgehen die Regel. Die obersten Beamten der Exekutive sind gleichzeitig Legislative. Nun weiß ich auch warum. Und warum Tatsachen gebeugt werden, bis sie kurz vor der Unplausibilität stehen. Ich für meinen Teil würde gern, zumindest in der Exekutive eine Expertokratie sehen. D.h. einen studierten und promovierten Verkehrswissenschaftler als Verkehrsminister, einen erfahrenen Juristen als Justizminister etc.
Das erschreckende an dem Artikel ist, dass ich wirklich geglaubt habe, es geht um Tatsachen. Aber wenn es sich wirklich so verhält, sind die Traumwelten der Grünen und Linken ebenso legitim wie Hassphantasien der Rechten. "Faktischer" wird es nur da, wo wirklich etwas bewirkt wird (Kommunen, Länder). Danke für diesen Artikel.

Nisse Stedinger | Mo, 19. Dezember 2016 - 09:33

Für mich besteht die Gefahr auch nicht darin, das schon immer für Überzeugungen Wahrheiten verkürzt wurden um eine Mehrheit für die eigene Vorstellung zu bekommen. Vielmehr beunruhigt mich am postfaktischem Zeitalter, das ich eine Behauptung durch das Internet schnell verbreiten kann, die nicht wahr ist oder weit entfernt von Wahrheit ist. So z.B. mit der Meldung über Renate Künast und Ihre angebliche Meinung zu dem afghanischen Vergewaltiger in Freiburg. Eine solche Meldung ist früher durch Journalisten verifiziert worden und dann erst veröffentlicht worden. Ein zweiter Aspekt ist zudem, das meiner Meinung nach eine gesunde Sicht (persönliche Verifikation - "kann das überhaupt sein") auf Meldungen kaum mehr stattfindet, vielleicht sogar verlernt wird, und alle Veröffentlichungen als wahr geglaubt und weitergegeben werden.

Horst Brandner | Mo, 19. Dezember 2016 - 09:41

in einer Demokratie müssen die Entscheidungen dem Souverän, der Mehrheit des Volkes, plausibel erscheinen. Gelingt das nicht, kann eine materiell haushoch überlegene Großmacht wie die USA dem Minivolk der Vietnamesen unterliegen.
Der Autor hat aber unterschlagen, dass letztlich alles ans Tagelicht kommt. Meinungsmanipulation, die auch in nichtdemokratischen Gesellschaften, dort aber mit einem größeren Werkzeugkasten, betrieben wird, hat natürliche Grenzen. Mit postfaktisch tröstet sich Frau Merkel darüberhinweg, dass das was sie für wahr hält, nicht mehr geglaubt wird und sich dagegen auch noch Widerstand regt. Welch Ungeheuerlichkeit - Menschen haben Interessen und setzen sich dafür ein.

Robert Flag | Mo, 19. Dezember 2016 - 10:06

Wer Macht über Worte hat, hat auch Macht über Menschen. Letztlich sind es nicht Taten, sondern die Worte über die Taten, die die Menschen beeindrucken.
So weit, so gut.
Allerdings hätte ich da noch einen Vorschlag für das Un-Wort des Jahres: Massendemokratie.
Was wäre das Pendant ? Einzeldemokratie ?
Und welches physikalische Gesetz wird denn in der Energiepolitik ignoriert ?
Manchmal sind Fakten eben doch wichtig, Hr. Grau. Als Grundlage zur Meinungsbildung.

Hans Page | Mo, 19. Dezember 2016 - 10:16

von schlimmen Lügen, die vielen Menschen das Leben gekostet haben (z.B. WMD in Iraq), und diese Lügen wurden vom Staat verbreitet. Wenn jetzt die öffentliche Lüge kriminalisiert wird, dann geht es nicht um Staatslügen, sondern um denjenigen, die ohnehin nur vermuten können (kritische Medien/Privatpersonen) da sie keinen Zugang zu vertraulichen Informationen haben, einzuschüchtern. Man muss das im Zusammenhang mit der Behandlung von Whistleblowern sehen (Snowden), deren Existenz vernichtet wird auch wenn sie kriminelle Staatshandlungen aufdecken. Erdogan macht es vor mit der Vernichtung des kritischen Journalismus, in Europa ist man wohl subtiler aber die Richtung ist die gleiche. Das wirkliche Problem ist dass es keinen solidarischen Aufschrei mehr gibt von links bis rechts, und man stattdessen klammheimliche Freude verspürt. Wo sind der Spiegel, die FAZ, die ZEIT etczu der systematischen Begrenzung der Meinungsfreiheit. "Postfaktisch" ist der Nebel der uns die Sicht verstellen soll.

Gerade die von Ihnen genannten FAZ, ZEIT und Spiegel verhindern die Meinungsfreiheit ganz besonders, letztendlich aber alle Medien. Genannt wird das dann Moderation, ich nenne es Zensur. Diese Medien haben es in der Hand, was der Leser lesen darf. Ich spreche hier nicht von ausfallenden und nicht hinnehmbaren Formulierungen und Beschimpfungen; nein, es sind auch ganz normale, anständig geschriebene Kommentare. Ich denke, diese Erfahrung hat jeder schon gemacht. Gerade die FAZ z. B. hat seit Anbeginn der Migrationsströme nicht einen einzigen Kommentar zugelassen, die ZEIT streicht ohne Ende, WELT und Focus meist völlig unerklärlich etc. und vermutlich erscheint auch hier nicht alles. Wie schon einmal jemand schrieb: Je näher man den Tatsachen kommt, die lieber verborgen bleiben sollen, desto eher wird gestrichen. Und was Maas vorhat, ist sehr durchsichtig; ich wünschte, der Protest im Lande wäre lauter, aber nein, das Gegenteil ist der Fall.

Weltweit (zumindest in den postdemokratischen Industriestaaten) wird Öffentlichkeit immer totalitärer. Die Kriterien rechts und links sind diesbezüglich überflüssig (das waren sie ja schon einmal) und die politische Korrektheit von Links könnte mit ebendenselben Effekten leicht von rechts übernommen werden (nach einem kurzen Zwischenhoch, wo man sagen kann, was man will, bevor man wieder bekennen muss, was man soll). Obama und Trump sind zwei Seiten der gleichen Münze, nur dass Trump nicht so weltfremd ist wie zuletzt Obama.

Michael Hoffmann | Mo, 19. Dezember 2016 - 10:59

Wer hat diesem notwendigen und guten Beitrag einen solchen verfälschenden Titel verpaßt? Und warum?

Bernhard Jasper | Mo, 19. Dezember 2016 - 11:31

Da wo alles gleichgewichtig erscheint, verlieren sich die Konturen, wo alle mitbestimmen wollen erscheint es leicht selbstgestrickt.
In einer medialen Aufmerksamkeitsökonomie haben diese Tendenzen (siehe Wahlkampf in den USA) zu einer Art Catch-as-catch-Wettbewerb um Aufmerksamkeit geführt, um sich zu unterscheiden. Wenn es dann in der Praxis um den zukunftsorientierten Entwurf eines Landes geht, beklagen wir, dass nichts so richtig zu gelingen scheint. Um die Situation deutlicher in´s Auge zu fassen, sollte man die These, dass Wirklichkeit immer eine Konstruktion darstellt ernst nehmen. Diese Konstruktionen werden auch mit fiktionalen Mittel, Anschauungsformen, Metaphern, Grundbildern und Phantasmen errichtet. Bestimmte mediale Beschwörungen erinnern mich dabei immer auch als einen Rückzug auf´s Fragment, als eine Absage an das Große und Ganze. Es ist eine Krise der gesamten Öffentlichkeit- Entertainment das Ergebnis.

Hamanda Nur | Mo, 19. Dezember 2016 - 13:08

Folgen wir der Definition des Schweizer Physikers und Philosoph Eduard Kaeser, dass postfaktisch auch bedeutet, dass....als Folge der Informationsflut in der digitalen Welt, die zentrale Standards wie Objektivität und Wahrheit ausgewaschen werden, so sei hinzugefügt, dass es die "Objektivität" und die "Wahrheit " ja nicht gibt.
Was bleibt?
Vertracktisch und zwar praktisch galaktisch!

Torsten Knecht | Mo, 19. Dezember 2016 - 18:51

Der Bürger wird zur (GEZ -) Steuer verpflichtet, wie früher der Mensch zum Zehnten an die Kirche. Da wie dort, wurde u. wird er beeinflusst, wie es der Obrigkeit damals wie heute dienlich ist.

Damals gab es Leibeigenschaft, heute per Amt Zuweisungsjobs in die Niedriglohnkaste. Damals gab es Privilegierte, die das Herrschaftssystem stützen. Heute heißt der Filz Staatsbürokratismus, Lobbyismus und Staatsfernsehen. Schutz und Stütze der eigenen Privilegien gegenseitig.

Mit dem Staatsfernsehen u. den wenigen (Print-) Mediengruppen gibt es Opium (Fußball) u. den Schwarzen Kanal (Polittalkshows) nicht mal gratis.
Die eigene Verdummung kostet, wie ein Zaubertrick im Zirkus, nur da weiss ich vorher, wofür ich bezahlt habe.

Roland Weinert | Mi, 21. Dezember 2016 - 14:03

Keine gesellschaftliche Gruppe argumentiert seit Jahrzehnten 'postfaktischer' als die der Politiker und Teile der Massenmedien. Die Politiker selbst schlagen Expertenwissen / ( 'unabhängiges' ) Wissenschaftswissen - zumal kritisches - permanent in den Wind. Nun reibt man sich scheinbar die Augen und stellt sich, wie Frau Dr. Merkel klagend bzw. konstatierend, überrascht angesichts dräuender Wahlen in 2017?

Das nenne ich in höchstem Maße dreist und den Wähler wieder einmal für dumm verkaufend.

Thomas Nichterlein | Mi, 21. Dezember 2016 - 14:59

Herr Grau zeigt sich hier linksverwirrt- diskursverliebt. Denn, obwohl die Grundaussage sicher stimmt (Menschen brauchen für ihre Entscheidungen keine Fakten, sondern Meinungen), geht es eben nicht nur darum, wer am besten lügen kann und die Leute am geschicktesten an der Nase herumführt und den Diskurs beherrscht, sonst wären überall die Konsenslinksgrünen weiter unangefochten an der Macht. Es geht eher darum, den Menschen klar zu machen, dass ihnen eine bestimmte Weltsicht oder vielmehr die Taten der Vertreter einer Weltsicht, die sie rituell vortragen (Trump) finanziell und sozial besser bekommen, als diejenige, die ersetzt werden soll. In Zeiten von Terror, Statusverlust und fortgesetzter Projektion des "falschen Films" ist das gar nicht so schwer.

Rudolf Bosse | Mi, 21. Dezember 2016 - 17:58

Insgesammt ein sehr logischer und überzeugender Beitrag!
Allerdings der Absatz: "Das bedeutet im Übrigen nicht, dass in Demokratien systembedingt gelogen wird. Lügen müssen Diktaturen. In Demokratien hingegen geht es um Deutungen und die Erringung der Deutungshoheit. Interpretationen jedoch sind weder wahr noch falsch." verwirrt mich, wieso handelt es sich nur in Diktaturen um Lügen? Was weder wahr noch falsch ist, kann immer auch eine Lüge sein! Und Erringung der Deutungshoheit durch Lügen läßt sich im Nachhinein oft finden!

Ernst Laub | Mi, 21. Dezember 2016 - 18:15

Wenn ich mir die Mehrheit (?) der manipulierten und manipulierenden BRD-Medien vor Augen halte, muss auch ich an Edward Bernays denken. Danke Herr Grau, dass Sie uns daran erinnern.

Michael Springer | Mi, 21. Dezember 2016 - 21:28

Das schlimmere Problem lauert in der Zeitebene., Eine Falle der Temporalität, in die Gruppen und Staaten geraten, die in Manier von Ruderbooten geführt werden.

Der Ausweg:
"Die Welle des Populismus und der Yachtclub Europa" - Lesetip.

René Maçon | Do, 22. Dezember 2016 - 00:53

Warum sollte es in einer Expertokratie zu einer stärkeren Faktenorientierung kommen als in einer Demokratie? In einer rechtsstaatlich verfassten Demokratie, werden die Menschenrechte eingehalten, und dieser garantieren der Wettstreit der Meinungen. In einer Expertokratie gibt es diesen Mechanismus nicht. Rechtsstaatlich verfasste Demokratien kommen deshalb im Durchschnitt näher an die Wahrheit heran, als alle totalitären Alternativen!

Reinhard Seidel | Mi, 28. Dezember 2016 - 21:55

Sehr gehrter Herr Grau, ich kann Ihnen zu dieser These nicht zustimmen, denn der Begriff "postfaktisch" trägt das Totalitäre in
sich. Wer von Fakten nichts wissen will, zu eigenen Deutungen keine anderen zulassen will, ist totalitär im Denken und Handeln, was Frau
Merkel mit ihren vielen Gesetzesbrüchen auch bewiesen hat.

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