Eine schwere Decke legt sich über das Land / dpa

Migration, Klima, Corona, Ukraine - Zu unserer gegenwärtigen Krisenerfahrung: Die schwere Decke

Unsere Gesellschaft durchläuft eine multiple Krisenerfahrung, die systematisch beschrieben und analysiert werden kann. Identitätspolitik, lineares Denken und Digitalisierung bilden die Basis, aber Hypermoralismus, Konformismus, Angst und Szientismus stellen den tragenden, notwendigen Kontext. Die Lösung kann nur sein: angstfreie Kommunikation, kritisches Hinterfragen, offener Streit und Identifikation von Interessen, statt Prahlen mit der richtigen Moral.

Autoreninfo

Professor Dr. med. Matthias Schrappe ist Internist und Gesundheitsökonom. Er hat zahlreiche Stellungnahmen zur Corona-Pandemie veröffentlicht und unter anderem den sogenannten Divigate-Skandal ins Rollen gebracht.

So erreichen Sie Matthias Schrappe:

Es knirscht gewaltig zur Zeit, in manchen Familien, im Freundeskreis. Masken auf, Masken ab, schwere Waffen oder nicht, Klima, Gendern, schnell fällt „das will ich mir nicht anhören“, man geht sich fortan aus dem Weg. Andererseits ist man überrascht, mit bislang Entfernten oder gar Fremden eine erstaunliche Übereinstimmung feststellen zu können, bekannte Trennlinien verlieren ihre Sichtbarkeit, das Rechts-Links-Schema kommt zur Seite, der Esoterik-Gradient wird auf „Pause“ gesetzt, Beruflichkeit tritt zurück – denn mitten im Raum steht eine tiefgehende Sorge.

„Ich habe immer an unsere Gesellschaft geglaubt“, lautet der typische erste Satz, aber die Dinge entwickelten sich in die falsche Richtung. Die politische Lösungskompetenz sei nicht erkennbar, die Strategie fehle, „einen Sinn ergibt das alles nicht“. Das Gefühl einer allgemeinen Ausweglosigkeit macht die Runde, man könne sich nur zurückziehen, eine schwere Decke legt sich über das Land.

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Joachim Kopic | Mi, 10. August 2022 - 08:25

Krimsekt trinken und lachen wie die SPD-Innenministerin, Geld-Aktionen vergessen wie unser SPD-Kanzler oder Kaufräusche stillen wie ÖR-Größen und und und
Ironie zur Mitte der Woche!

Gabriele Bondzio | Mi, 10. August 2022 - 09:10

Das ist wohl wahr Herr Professor Dr. med. Schrappe.

Doch es liegt auch an uns selbst, dass " man geht sich fortan aus dem Weg."
Muss nicht sein, wenn man(n)/frau sich soweit selbst zurücknimmt, um diese Klippe zu umschiffen.
Zur "erlebten Unversöhnlichkeit" gehören immer zwei.

Aber sie haben recht, auf die Politik ist kein Verlass mehr. Sie schmeißen eher noch ein paar mehr Probleme in den Ring.
Statt gut gepolsterte Boxhandschuhe auszugeben, damit es ein FairPlay-Kampf wird.

"Wer seine Gedanken nicht auf Eis zu legen versteht, der soll sich nicht in die Hitze des Streites begeben."
Friedrich Wilhelm Nietzsche

Urban Will | Mi, 10. August 2022 - 09:11

hier von vielen doch schon seit Jahren angemahnt wird. Ich rede von denen (ich gehöre auch dazu), die immer und immer wieder von der „anderen“ Seite sich den Vorwurf anhören müssen, genau deswegen (siehe unten) „rechtsradikal“ zu sein.
Angstfrei streiten ist ein Aspekt, der sich gottseidank noch ein wenig hält. Noch gibt es viele, die diese Angst nicht spüren.
Aber kritisches Hinterfragen und offener Streit sind zwei Dinge, die als Folge der Rückentwicklung unserer Gesellschaft in die Zeit vor der Aufklärung verkümmert sind.
Angst kann man nicht verordnen, aber Streit und Hinterfragen kann man mit d entsprechenden Mitteln und seiner Macht unterdrücken, so wie hier im Artikel beschrieben.
Wer – gerade in D – derzeit in so ziemlich allen Bereichen (Politik, Kultur, Medien) die Macht hat, ist klar.
Und leider gehört Selbsterkenntnis nicht zu den primären Eigenschaften v Links – Grün.
Der Teufelskreis steht.
Es geht um Macht, die Vernunft ist tot.
Daher wird sich nichts ändern.

Norbert Heyer | Mi, 10. August 2022 - 09:13

Ein sehr guter, wissenschaftlicher Zustandsbericht - ich bringe ihn mal auf eine einfache Formel: Wir haben nicht nur verlernt, miteinander zu reden, wir dulden auch keine andere Meinung neben der politisch korrekten und wer sich nicht daran hält, wird ausgegrenzt. Wir verhunzen unsere Sprache durch Gendern und haben aus zwei Geschlechtern viele gemacht. Folgen dieses Handelns: Wir schalten sichere Energie ab - ohne eine bessere Alternative zu haben. Wir haben ja sonst auch auf alternativlose Lösungen gesetzt und sehen auf einmal, dass unsere Entscheidung im Falle der Energie uns in eine nie dagewesene Katastrophe führen wird, führen aber unbeirrt diesen Wahnsinn weiter. Wer bisher gedacht hat, die Aufklärung hätte die Menschheit auch nur einen Schritt weitergebracht, wird in Resignation versinken. Probleme erkennen, mit allen Fakten und Ansichten darüber diskutieren und dann zu realen und guten Ergebnissen kommen, die dem Menschen dienen, so war doch mal unser großes Erfolgsmodell.

Gerhard Lenz | Mi, 10. August 2022 - 09:20

aber das ist mir viel zu oberflächlich.
Herr Schwennicke, einst oberster Redakteur dieses Magazins, meinte einst in einer Talk-Show, er verlasse sich in der Corona-Affaire auf der Urteil von Fachleuten, weil ihm schlicht das Fachwissen fehle. Damit hat er uneingeschränkt Recht.
Es können ja wohl kaum solche Peinlichkeiten wie ein AfD-Parteitag als ernstzunehmendes Gegengewicht dienen, auf denen ein Herr Hoecke auf dem Höhepunkt der Pandemie behauptet, diese gäbe es gar nicht (mehr). Demokratische Teilhabe kann Fakten nicht ersetzen und Blödsinn nicht ausschließen.

Weiter: Natürlich ist die soziale Frage drängend. Aber das kann doch nicht bedeuten, dass man die Bekämpfung von Diskriminierungen aller Art beendet. Die wegen ihres Pochens auf ihre Identität Gescholtenen wollen ja in der Regel nur eins: Nach eigener Façon leben.

In einer Zeit steigender Unsicherheit suchen Menschen nun mal fachliche Autorität - aber sicher keine populistischen Wutbürgererkenntnisse als Ersatz.

Nun, wenn ein Vertreter der vierten Gewalt es als ausreichend erachtet sich nur auf das Urteil von Fachleuten, sprich Gremien zu verlassen (wer ernennt die Teilnehmer?), dann brauchen wir ja eigentlich keine freie Presse mehr, da das ja dann die Pressestelle vom Bundeskanzleramt erledigen kann.
Als quasi alleinigen Kritiker den in der Tat peinlichen Höcke samt AfD hinzustellen ist wirklich oberflächlich - meinen Sie es gibt keine Kritik, die aus der politischen Mitte kommen könnte? Das ist doch gerade der springende Punkt, dass Kritiker sofort diffamiert und mit einem Höcke gleichgestellt werden.
So gesehen widersprechen Sie sich - wenn jeder nach seiner eigenen Façon leben darf, dürfte es ja kein Problem damit geben, dass es unterschiedliche Sichtweisen zu unterschiedlichen Geschehnissen gibt, wo doch auch die Wissenschaft keine statische Einheit ist.

"...Herr Schwennicke...verlasse sich in der Corona-Affaire auf der Urteil von Fachleuten, weil ihm schlicht das Fachwissen fehle..."

Das ist korrekt. Aber eben dann bitte auf beiden Seiten Fachleute ranholen und nicht nur die Panikmacher und Maßnahmenbefürworter. Aber genau das ist ja nicht gewollt, von Ihnen ja anscheinend auch nicht. Dann könnte sich ja evtl. ein Feindbild in Luft auflösen. Und man hat dann nix zu bieten, als nur gebetsmühlenartig auf Höcke und die AfD zu verweisen.

Gerhard Lenz | Mi, 10. August 2022 - 22:16

In reply to by Stefan Forbrig

Frau Frey: Kein Mensch stellt ausschließlich Hoecke als alleinigen Kritiker hin. Er präsentiert, neben anderen, nur die beispiellose Absurdität, mit der Maßnahmenkritiker zuweilen in der Öffentlichkeit auftreten. Und da das Wort des heimlichen AfD-Hauptmannes auch für so manche(n) Forist*in absolute Autorität verkörpert, ist es durchaus wichtig, das zu thematisieren.
Über andere, irgendwann mal ernstzunehmende Fachleute, die mittlerweile aber längst tief im Querdenkersumpf stecken und auf die sich "Maßnahmengegner" gerne berufen, muss ich nicht weiter eingehen: Wodrag, Bhakdi, Brandenburg usw und deren wirre Beiträge können Sie überall nachlesen. Man kann nicht Faktenwissen durch demokratische Diskussionen ersetzen, die auf der Seite dieser "Fachleute" mit Fake-News durchsetzt sind.

Wobei wir beim Thema sind, Herr Fobrig. Querdenker und Covidioten sind eben keine Fachleute, mit denen man diskutieren kann. Da kann man auch streiten, ob die Erde eine Scheibe ist.

Herr Lenz, ich habe mich irgendwann, nachdem das wichtigste schon gesagt war und nur noch absolutes Pro oder absolutes Contra zu vernehmen war, aus dem Covid-Nachrichten-und Meinungsfluss ausgeklinkt. Wenn man den von Ihnen angeführten Personen z.B. Karl Lauterbach gegenüber stellt, so sehe ich bei beiden Gruppen sowohl rationale als auch irrationale Argumente - es gälte in der Diskussion (findet sie überhaupt statt?) zu vernünftigen, dem Allgemeinwohl dienenden Lösungen zu kommen. Stattdessen steigern sich beide Seiten in ihre Positionen mit gleichzeitiger Diffamierung (Entmenschlichung) der anderen Seite. Solche Positionen können, wenn es wirtschaftlich mal längerfristig wirklich schlecht geht, zu Bürgerkrieg führen. Wir müssen wieder lernen, dass eine konträre Meinung auch ihre Berechtigung hat und der Andersmeinende kein Unmensch ist - immer schön mit gegenseitigem Respekt.

Hans Jürgen Wienroth | Mi, 10. August 2022 - 09:37

Die hier geschilderten, im Grunde demokratiefeindlichen Veränderungen haben sich in der Ära Merkel in unserem Lande etabliert. Es hat mit der Schuldenkrise in der EU begonnen, als die Rettung „alternativlos“ war, Politik und Medien nur noch über das Ausmaß der notwendigen Maßnahmen stritten. Mit jeder Krise wurden die Maßnahmen alternativloser, die Kritik verwerflicher. Am Ende wurden Kritiker zu „Mördern“. Die Spaltung der Gesellschaft begann.
Parallel hat die Gesetzgebung die sozialen Medien immer stärker moralisiert. Heute entscheiden NGOs darüber was sagbar oder „wissenschaftlich“ richtig ist, Zweifler werden ausgegrenzt. Das ist Lobbyismus und keine Wissenschaft. Der Hype, Minderheiten als generell unterdrückt darzustellen und sie dadurch zu überhöhen, ist der nächste Schritt in der Spaltung der Gesellschaft.
Politik und Medien haben gelernt, damit ihre eigenen Ziele besser durchzusetzen. Aber ist das noch Demokratie oder bereits Oligarchie auf dem Weg in die Diktatur?

@Herr Wienroth, treffend beschrieben. Der in 16 Jahren Alternativlosigkeit entstandene Mehltau wurde von den Medien nahezu durchgängig beklatscht. Erstaunlich, wie schnell diese Medien nun Energieexperten, Militärexperten und Katastrophenschutzexperten generieren. Außer bei den GRÜNEN ist von Selbstkritik nichts zu vernehmen.

Chris Groll | Mi, 10. August 2022 - 10:24

Ganz großartiger und die Wirklichkeit beschreibender Artikel.
Dem ist nichts hinzuzufügen.
“Lernen Sie von der Wissenschaft, dass Sie den Experten misstrauen müssen.” (Richard Feynman) Richard Feynman ist Physiker und Nobelpreisträger

Christoph Kuhlmann | Mi, 10. August 2022 - 11:22

Naivität permanent an der Realität scheitert. Ideologie ist immer auf Negation und Ignoranz angewiesen. Der Hypermoralismus ist meines Erachtens einem Mangel an intellektuellem Niveau geschuldet. Er bietet überforderten Menschen eine radikale Reduktion von Komplexität, verhindert gleichzeitig, dass er hinterfragt wird und bietet einfache Lösungen in vorgestanzten Phrasen an. Der Mensch will seine Umwelt kontrollieren. Das versucht halt jeder mit seinen Mitteln. Die technologische Entwicklung lässt eine zentrale Steuerung der Kommunikation glücklicherweise immer weniger zu. Wer die Bücher, die ihn interessieren, nicht in einer Bibliothek findet informiert sich halt im Internet. Schreitet die Kommunikationsverweigerung wirklich fort, oder fällt sie angesichts der Auflösung soziale Milieus und der Bildung neuer Milieus nur mehr ins Auge? Die Gefahr, die von Ideologisierung ausgeht beruht im Endeffekt immer auf struktureller Gewalt. Der Personalpolitik, die Zensur ermöglicht.

Christoph Kuhlmann | Mi, 10. August 2022 - 11:41

Universitäten sind Teil des Bildungssystems. Dieses vermittelt wissenschaftliche Erkenntnis, deren temporärer Charakter systemimmanent ist, kontrafaktisch als Wahrheit im vorwissenschaftlichen Sinne. Der Wahrheitsbegriff hat noch einen totalitären Charakter. Die Kontingenz von Wahrheitskonstrukten wird auch an Universitäten nur unzureichend vermittelt. T.S. Kuhn: The Structure of Scientific Revolutions und die Grundlagen des Konstruktivismus/Dekonstruktivismus stellt notwendiges Grundlagenwissen dar und sollte bereits an den Schulen vermittelt werden. Weiterführend kann man hier auch Niklas Luhmann: Soziale Systeme und die Wissenschaft der Gesellschaft empfehlen.

Bernd Windisch | Mi, 10. August 2022 - 11:51

Wer im Angesicht der zum Großteil selbst verschuldeten multiplen Krisen immer noch glaubt an Stelle von effizienten Krisenmanagements, sich mit woken Idiotien beschäftigen und respektive jeden Problemlösungsansatz zerreden zu müssen hat den Schuss nicht gehört und muss wahrscheinlich erst einmal richtig auf die Fr…. fallen um wieder zu sich zu kommen.

Hat Deutschland seine wirtschaftliche Basis und den damit einhergehenden Wohlstand erst einmal verspielt bleibt den meisten Deutschen, neben Häme und Spott aus dem Ausland, nur noch die Möglichkeit zur allgemeinen Erheiterung einmal jährlich das Geschlecht zu wechseln.

Schade nur, dass es wieder mal die Falschen in voller Härte werden ausbaden müssen. Die für die Krise Verantwortlichen fallen weich in ein Bett aus Staatsknete, gehören aber eigentlich jetzt schon vom Hof gejagt!

Jonathan Pause | Mi, 10. August 2022 - 12:21

Ganz offensichtlich sind es Irrationalisten, die solche Töne vorgeben. Die Herkunft und der Stallgeruch entscheidet, nicht die Argumente. In der öffentlichen Debatte wird es allzu deutlich. Weil die Irrationalisten keine verstehbaren Argumente haben, werden die Personen direkt angegriffen. Dazu wird das Jugend-Panikorchester beklatscht, spielt es es die gewünschte Melodie zur erwarteten Erweckung. Ganz übersehen wird anscheinend der neurotische Moment, wenn die Unerfüllbarkeit der Vorstellungen offenbar wird. Die Demokraten sind aufgefordert, Gelassenheit zu zeigen und zu vermitteln. Gesellschaftlich erforderlich ist es, rationale Argumente anzuerkennen. Diese bilden den Boden, der unserem System Standfestigkeit verleiht und der Jugend Sicherheit. Im Hinblick auf die Heterogenität unser Gesellschaft sollte man ebenfalls gewarnt sein. Die Fähigkeit, sich ohne Scheuklappen zu orientieren und rationale Argumente anzuerkennen, ist der Gradmesser für den gesellschaftliche Erfolg.

Tomas Poth | Mi, 10. August 2022 - 13:00

Dazu fällt mir eigentlich nur ein: Die Herde muß in die gewünschte Richtung getrieben werden. Da ist Angst ein nützlicher Faktor und das nutzt die Politik. Die wiederum von der Angst getrieben ist ihre erworbene Macht zu verlieren.
Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht ist so ein politisches Postulat. Besser wäre Besonnenheit und Augenmaß für alle als erste Verpflichtung. Ganz besonders in der Kommunikation nach Innen und Außen.