Schriftsteller Abdulrazak Gurnah
Die Illustration zeigt den tansanischen Schriftsteller Abdulrazak Gurnah / dpa

Literaturnobelpreis - Das Ende des Eurozentrismus

Es ist eine gute Entscheidung: Mit Abdulrazak Gurnah erhält ein afrikanischstämmiger Autor den Literaturnobelpreis. Von historischer Relevanz erweist sich die in seinen Werken angelegte Kolonialismuskritik.

Autoreninfo

Björn Hayer: Der 1987 in Mannheim geborene Autor ist promovierter Germanist und arbeitet heute als Literatur- und Theaterkritiker sowie Essayist für verschiedene deutschsprachige Zeitungen und Magazine. Er schätzt mutige Utopien und steile Thesen.

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Wofür entscheidet sich eine Literaturnobelpreisjury? Für die Kunst oder das Politische? Zweifelsohne war die letztjährige Entscheidung, die Autorin Louise Glück für ihr poetisches Werk zu prämieren, vornehmlich ästhetisch begründet. In diesem Jahr liegen die Dinge anders. Mit Abdulrazak Gurnah wurde nun ein Schriftsteller gekürt, der mit der Dominanz des Westens und Europas auf den Listen bisheriger Preisträger bricht. 1948 auf Sansibar geboren, kam er bereits mit seinem 18. Lebensjahr nach Großbritannien, wo er an der University of Kent auch afrikanische Literatur lehrt.

Dass es sich bei dem Geehrten um einen dunkelhäutigen und aus dem Süden stammenden Romancier handelt, dürfte jedoch nicht der ausschlaggebende Faktor für die Auslobung gewesen sein. Es sind vielmehr seine Prosatexte, die vom Schicksal des Vertriebenseins und des Heimatverlustes erzählen. In seinem autobiografisch gefärbten Buch „Schwarz auf Weiß“ (2005) bringt er der Leserschaft beispielsweise einen Jungen nah, der sich im England der 70er-Jahre in das Reich der Fantasie flüchtet, um seinen Schmerz über die Entfremdung von Sansibar zu verwinden. Auch sein jüngster auf Deutsch übersetzter Roman „Die Abtrünnigen“ (2006) gibt einen Eindruck von der Melancholie der Entwurzelung: Nachdem auf dem schwarzen Kontinent die Revolutionen um sich greifen, werden drei Geschwister unversehens voneinander getrennt. Während Amin dabei seine große Liebe aufgeben muss, flieht sein Bruder Rashid nach Europa. Erst Jahrzehnte danach weiß letzterer die gebrochenen Familienbande wieder zusammenzufügen.

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Reinhard Getzinger | Do, 7. Oktober 2021 - 15:57

Aber warum die Verleihung des Nobelpreises an einen Autor, der seit seiner Jugend im Westen lebt und dort im akademischen Literaturbetrieb tätig ist, als Ende des Eurozentrismus gefeiert wird, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar.
Ich nehm mal an, daß Herr Gurnah alleine in London mehr Bücher verkauft, als in seinem alten Heimatland Tansania? in ganz Afrika?
Solange das so ist, wird die Dominanz des Westens bestehen bleiben, egal welcher Nationalität die Autoren angehören und welchen Themen sie sich widmen...

Und Herr Getzinger, diese Beweihräucherung gibt es überall auf dieser Erde & gerade in Diktaturgebilden (& Macht-Konzentration) wie in der ehemaligen DDR findet es seine Liebhaber & Anhänger, weil sie mit dieser sogenannten Anerkennung Abhängigkeiten schaffen & zum anderen sich selbst erheben:

- Ich - Ich bin der Entscheider, der Göttliche.

Wahre Größen & Talente brauchen dies nicht & ich kenne nur einen schwerverdaulichen, charaktervollen & aufrechten Menschen, der das Rückgrat vor versammelter Mannschaft hatte zu sagen:

"ICH NEHME DIESEN PREIS NICHT AN"!

In diesem Augenblick verneingte sich mein Geist & Kõrper vor so einer "Grõße"!
Halleluja 😇

Romuald Veselic | Do, 7. Oktober 2021 - 17:36

wirklichen Literaturnobelpreisträger im Vergleich zu heutigen Literaten.
Herr Abdulrazak Gurnah ist meiner Ansicht nach, ein Quoten Schriftsteller, um die krasse Diskrepanz zu MINT-Nobelpreisträger etwas auszubügeln.
Denn Lit- u. Friedensnobelpreis sind polit-ideologische Entscheidungen der Hype Konsorten - wie es beim Barack Obama war.

Anmerkung: "Von historischer Relevanz erweist sich die in seinen Werken angelegte Kolonialismuskritik."

Gibt's noch andere Themen in Afrika?
Ganz aktuell Terror u. Tribale Unverträglichkeit.
Und wie wäre es endlich die Sklaverei abzuarbeiten? Wer hatte die Sklaven an die Sklavenmärkte zugeführt? Und wer waren die Skalvenmarktbetreiber? Sowie wohin wurden Millionen Sklaven von Sansibar exportiert?

Genau das ist keine Frage, die Fakten dürften selbst den Ermittlern des Preisträgers durchaus bekannt sein, wenn nicht, gehörten sie wegen auffälliger Inkompetenz beim Findungskomitee ausgesondert.
Die neuzeitlichen Nachfahren der früheren Marktbetreiber haben sich - mit gewollter Unterstützung der Indigenen - aufgemacht, um in Europa, und anderen Landstrichen der Welt, neues Humanmaterial für ihr Geschäftsmodell zu beschaffen. Wir werden es hierzulande alsbald am eigenen Leibe erfahren können.

Bernd Muhlack | Do, 7. Oktober 2021 - 17:55

Bekanntlich bin ich nur Jurist.
Jedoch hatte auch unser aller Goethe Jura studiert,
das ein oder andere literarische Meisterwerk seiner Feder entlockt, nicht wahr?

Sicherlich wären er u seine kongenialen Zeitgenossen Schiller/Lessing eines Nobelpreises würdig gewesen - er wird leider nicht posthum verliehen.

Wurde nicht Hermann Hesse 1946 (!) dieser Preis verliehen?
Ein D-CH u dieser Preis in 1946!
Ist das nicht bemerkenswert?
Mann - Hesse - Böll - Grass!
Keine schlechte Bilanz, oder?

Herr Gurnah sagt mir nichts; das ist mMn jedoch keine Bildungslücke. Bei Bedarf bin ich in der Lage sinngemäß die phänomenale Rede von Dr. M.L. King zu zitieren - I have a dream!
Dagegen stinken BLM-Kniefälle nur ab - sorry!

Bücher u die Kraft der Worte!?!?

"Onkel Toms Hütte"
Ein sehr gutes Buch - mein Opa schenkte es mir.
Ein alter u sehr weiser Mann!

So das wars von mir.
Ich überlasse jetzt den ciceronisch-literarischen Paukboden den Experten.

Schock deine Eltern: lies ein Buch!
Tolles T-Shirt!

Rob Schuberth | Do, 7. Oktober 2021 - 18:26

was ist das nur für eine Zeit.
Wo jeder meint er müsse sich noch schnell in den Dreck werfen u. Buße tun, weil vor vielen Jahrzehnten westliche Politiker u. deren Militärs Unrecht angerichtet haben.

Ich gönne nat. dem Autor seinen Preis, aber mit Qualität hatte das dieses Jahr nichts zu tun.
Das war "Haltung"....*kotx*

Haltung verpestet noch unseren gesamten Kontinent.

Da lobe ich mir das polnische VerfGericht, das gerade geurteilt hat, dass einiges an EU-Recht verfassungswidrig ist.

Damit wären es schon 2 Länder die sich von Brüssel nicht ihre nationale Rechtshoheit nehmen lassen wollen.
Gut so!

offenbaren Sie ein ziemlich verkorkstes Weltbild. Das, was Sie da zurechtfantasieren, fällt selbst im Wutbürgeruniversum noch als extremer Rassismus negativ auf.

Sie gönnen dem Autor seinen Preis? Wie "nett" von Ihnen.
Aber verdient hat er den Preis ja eigentlich nicht. Sie wittern eine Verleihung, die der - natürlich falschen - "Haltung" geschuldet ist.
Mit Qualität, so wissen Sie es besser (als die Jury) hat die Auszeichnung angeblich nichts zu tun.
Wobei ich davon ausgehe, dass Sie keins der Bücher des Autors gelesen habe - sie sind im deutschsprachigen Raum angeblich vergriffen. Wobei die Inhalte Ihnen wohl auch nicht gefallen hätten. Auch da hätten Sie überall "Haltung" erkannt, obwohl manche Bücher im Original vor Jahren erschienen sind.
Nein, alles nur eine grundgütige Geste der westlichen Welt, ein kleines Geschenk zur Wiedergutmachung.
Denn das der Autor den Preis möglicherweise verdient hat, geht ja nicht. Ist ja "nur" ein schwarzer Afrikaner.

Rassismus pur, Schuberth.

Ach Herr Lenz.
Nat. habe ich meinen Satz mit dem Kniefall nicht auf den Autor u. Preisträger bezogen, sondern auf das Komitee, das diesen Preis verliehen hat.

Hätten Sie mich richtig verstanden u. nicht alles in Ihrer Blase verdreht (so wie Sie es gerne hören wollten) dann hätten Sie mir nat. keinen exorbitanten Rassismus vorwerfen können.

Wissen Sie was?

Sie sind es der sich hier seiner Monothematik (alles gegen rächts) entlarvt.

Leider darf ich hier nicht schreiben was ich v. Ihnen denke.
Das landet sonst im Nirwana.

Ich will aber dass erkannt wird wes "(klein-Geistes Kind" Sie sind.

Markus Michaelis | Do, 7. Oktober 2021 - 18:28

Ob das den Kern trifft?

Mir scheint auch hinter diesem Nobelpreis die Idee zu stecken, dass eine europäische Weltsicht die universal zu fördernde ist - nur, dass wir unsere Weltsicht eben anpassen. Wir feiern Gurnah, weil er genauso denkt, wie wir jetzt gerne denken wollen. Europa ist damit durchaus auch erfolgreich und zumindest Teile Afrikas scheinen zu folgen und beschäftigen sich damit, was Europa in der Vergangenheit falsch gemacht hat und heute anders machen sollte.

Nicht-eurozentrisch sind eher die (wachsenden) Teile der Welt, denen es einfach egal ist, welcher Preis in Stockholm vergeben wird. Für "echte" Europäer ist das ein Stachel und man würde immer versuchen, sich so zu ändern, dass auch diese Weltteile sich danach ausrichten, ob sie in Europa fair einbezogen und wahrgenommen werden.

Den Eurozentrismus hätte Europa eher dann aufgegeben, wenn es die Buntheit der Welt anerkennte und auch (bei sich) um seine Werte kämpfte, so wie Afrika zum Glück auch um seine.

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 7. Oktober 2021 - 20:22

meine Gratulation an den Preisträger.
Ebenso an den Autor für eine gelungene Besprechung.
So ungefähr hatte ich mir das anhand diverser kleinerer Informationsschnipsel gedacht.
Und da hätte man nicht ein schönes Bild auswählen können?
Pocket half aus.
Ich habe mir im letzten Jahr den Katalog zur Münchner Ausstellung des Künstlers Michael Armitage zuschicken lassen. Eine Reise dorthin unterblieb coronabedingt.
Unglaublich beeindruckende Bilder.
Ich liebte die Musik von Miriam Makeba, auch zusammen mit Belafonte oder Paul Simon.
Mal abgesehen davon, dass man die Bandbreite dieses besonderen Nobelpreises ausbauen könnte, gehe ich davon aus, dass die Jury mit "Auskünften über die Wege" eine sehr gute Wahl getroffen hat.

Alexander Brand | Do, 7. Oktober 2021 - 21:04

Nichts! Das Nobelkomitee ist ein Haufen linker Schweden, die die nicht-wissenschaftlichen Preise nach streng linken Maßstäben vergeben. Ein Beleg für Qualität ist ein Nobelpreis im nicht-wissenschaftlichen Bereich lange nicht mehr, eher im Gegenteil, je schlechter = „moderner“ desto eher gibt’s den Preis.

Der Friedenspreis ist ebenso nichts wert, Obama, Mandela, Arafat, Hauptsache er/sie/es entspricht linken Maßstäben/Wertvorstellungen, der Rest ist irrelevant. Wobei Obama der bisherige Tiefpunkt war, denn wenn einer den „Friedenspreis“ NICHT verdient hat, dann der.

Ergo: Wer diese „Auszeichnung“ bekommt, mag im linken „Establishment“ angekommen sein, mehr aber auch nicht. Ich jedenfalls würde nie ein Buch eines Autors kaufen, der den Nobelpreis erhalten hat, denn wie gesagt, Qualität im klassischen Sinne verträgt sich nicht mit dem Nobelpreis.

Christoph Kuhlmann | Fr, 8. Oktober 2021 - 08:39

wächst. Das lässt sich an den Literaturpreisträgern sehr schön beobachten. Eine Liste der Nobelpreisträger von Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nobelpreistr%C3%A4ger_f%C3%BCr_…. Es bedeutet ja, dass sich die Leute aus unterschiedlichen Kulturen etwas zu sagen haben. Besser gesagt, dass es Enkulturationsprozesse der Autoren gegeben hat, die sie für die europäische Kultur anschlussfähig machen. Es mus zumindest Verlage, Übersetzer und andere geben wenn ein Autor nicht sämtliche europäischen Sprachen spricht. Kultur ist ein weites Feld. Ich frage mich, ob das Ende des "Eurozentrismus" auch das Ende der Bewertung politischer Regime anhand der Menschenrechte bedeutet. In diesem Kontext wird einem da auch schnell Eurozentrismus vorgeworfen und da stellt sich doch die Frage wie Menschen ohne eine gemeinsame Grundlage an Werten zusammen leben sollen wenn die segmentäre Separierung der Kulturen durch den technischen Fortschritt bedeutungslos wird.

Werner Gottschämmer | Fr, 8. Oktober 2021 - 09:18

Was es alles so an neuen Begriffen gibt, oder ist der gar nicht so neu?

Den Empfänger des Preises kenn ich nicht, ehrlich gesagt ist er mir egal. Expertenveranstaltung halt.

Was machen Kohle/Strom/Gas/Freiheit und noch so ein paar Dinge des täglichen Lebens?

Eurozentrismus!! Das schreit nach einem Sticker am Revers. Könnte auch eine Partei gründen. Die Eurozentristen oder so..

Alexander Brand | Fr, 8. Oktober 2021 - 09:43

das sehe ich nicht so, das Nobelkomitee ist interessensgeleitet, es widerspiegelt in seinen Entscheidungen nicht die Realität. Es will mit seinen Entscheidungen im nicht-wissenschaftlichen Bereich Zeichen setzen, sie sollen der Welt zeigen wo die politische Reise hingehen soll.

Es wird nicht mehr die Qualität der Person ausgezeichnet, sondern es werden Personen ausgezeichnet, die ins politisch (linke) Konzept des Komitees passen.

Bestes Bsp. ist der Friedenspreis für Obama, er hat ihn zu Beginn seiner Amtszeit bekommen, zu einer Zeit, in der er noch überhaupt nichts hätte leisten können, daß den Preis gerechtfertigt hätte. Verdient hat er den Preis auch im nachhinein nicht, im Gegenteil!

Er bekam ihn, weil er der erste farbige Präsident der USA war und das NK ein Zeichen setzen wollte: seht her, die USA haben ENDLICH einen nicht-weißen Präsidenten – NUR darum ging es und das disqualifiziert den Nobelpreis als Qualitätsauszeichnung und degradiert ihn zu einem politischen Stempel!

Werner Zillig | Sa, 9. Oktober 2021 - 20:04

... ist von von Stephan Maus und steht im STERN.

"Es ist etwas faul im Königreich Schweden, und es stinkt. Das ist der Literaturnobelpreis an sich. Man sollte ihn abschaffen. Denn er gründet auf einer falschen Idee: Wer diesen Literaturkarneval akzeptiert, nimmt an, dass es über dem größten Schriftsteller noch ein Gremium geben könnte, das würdig und sachkundig genug wäre, diesen Autor auszuzeichnen. Ein Gremium, das es wert wäre, sich während seiner Zeremonien mit Kronleuchtern, Seidenstühlen und bräsiger Selbstzufriedenheit hemmungslos selbst zu feiern. Ein Gremium mit einer Vorsitzenden oder einem Vorsitzenden, der oder die die Autorität besitzt, einmal im Jahr elchgleich etwas über die Weltmeere zu röhren. Preisträger, Unflätigkeiten, irgendetwas. Hauptsache, röhren. #Der Preis ist der Todeskuss für viele Schriftsteller# Doch diese Annahme ist ein Irrtum. Über großer Literatur gibt es nichts mehr. Gar nichts. Schon gar keine Akademie. Kunst ist etwas Unfassbares. Flirrendes."