Igor Levit - Zu allem eine Meinung

Der Pianist Igor Levit zeigt sich gerne als Politaktivist und teilt hart aus. Dafür bleibt Beethoven bei ihm bemerkenswert bürgerlich

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Der Pianist Igor Levit macht vor allem mit politischen Statements auf sich aufmerksam / picture alliance

Autoreninfo

Michael Stallknecht ist Musikkritiker und Autor und spielt zur Erholung gerne Bach am Klavier

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Wer die Homepage von Igor Levit anklickt, bekommt eine Headline zu sehen. „Citizen. European. Pianist“ steht dort: „Bürger. Europäer. Pianist“ – in dieser Reihenfolge. Was er selbst unter bürgerlichem Engagement versteht, kann man mühelos seinem Twitter-Account entnehmen, wo Levit im Tages-, oft Stundenrhythmus politische Debatten kommentiert. Ob Klimapolitik oder die jüngsten Wahlen in Thüringen, ob Metoo oder Flüchtlingspolitik – Levit hat zu allem eine Meinung, im Zweifelsfall von „extralinks“, wie er sich selbst einmal bezeichnet hat.

Dabei erscheint die Welt bei ihm so klar in Schwarz und Weiß unterteilt wie die Tastatur eines Klaviers. Während er das Buch der Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer empfiehlt und Spitzenpolitiker der Grünen lobt, müssen Politiker des bürgerlichen Spektrums wie Friedrich Merz und Christian Lindner oder Journalisten wie der Bild-Chefredakteur Julian Reichelt jederzeit mit rüden Worten rechnen. Die AfD besteht für ihn „aus Menschen, die ihr Menschsein verwirkt haben“. Die Auseinandersetzungen aus der digitalen Welt setzt er auch mal im Konzertsaal fort, indem er sich mit einem Statement an seine Zuhörer wendet.

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Stefan Jurisch | Mi, 11. Dezember 2019 - 11:28

in welcher er seinen Satz, die AfD bestünde für ihn „aus Menschen, die ihr Menschsein verwirkt haben“, gesagt hat. Das hat mich fassungslos gemacht. Nicht, dass ich etwas für die Politik der AfD übrig hätte, aber einer Gruppe Menschen pauschal das Menschsein abzusprechen, während man zeitgleich über den angeblich zunehmenden Rassismus wettert, ist eine Auffassung, die so keinesfalls Schule machen darf. Zumal der Rassismus hauptsächlich deshalb zunimmt - meine Meinung - weil seine Definition immer weiter ausgedehnt wird. Musste man früher noch das N-Wort sagen, um als Rassist zu gelten, sind heute sogar schon die Begriffe "farbig". "schwarz" oder "dunkelhäutig" Rassismus. Ja, ich bin sogar schon ein Rassist, wenn ich sage, dass ich Kopftücher nicht schön finde.

...an einen Kommentar hier in diesem Forum. Da gebrauchte ein Kommentator, der stets ein "gutes Wort" für die AfD übrig hat, für die Teilnehmer an dem demnächst stattfindenden, kommerziellen Öko-Spektakel in Berlin den Begriff "Spezies". Er meinte noch, man solle den Schlüssel wegwerfen und diese "Spezies" zur Begutachtung frei geben.
Vermutlich war er der einzige, der das witzig fand, ich fand es eher geschmacklos, aber der Beitrag wurder leider nicht gleich, sondern erst am nächsten Tag gelöscht. Reaktion der übrigen Kommentatoren: eine Zustimmung, sonst Schweigen. Ach ja, meine Kritik an dem Kommentar wurde nicht veröffentlicht.

Levit den Satz, die AfD bestünde für ihn „aus Menschen, die ihr Menschsein verwirkt haben“, in einer Sendung des ÖR unwidersprochen sagte. Jemand, der so etwas sagt, hat in meinen Augen jeglichen Anspruch verloren, in der Öffentlichkeit auftreten zu dürfen. Das ist Hass und Menschenverachtung pur!

Markus Michaelis | Mi, 11. Dezember 2019 - 12:34

Mich überzeugt das noch nicht. Herr Levit ist Europäer und Bürger. Das scheint mir aber für die Fragen der Zeit nicht zu reichen. Falls er das auf Migrationsfragen bezieht, gibt es viel mehr und auch sehr wichtige Aspekte. Sehr viele Migranten kommen etwa nicht, um Europäer und Bürger zu werden, auch nicht um Beethoven zu hören oder gar selber zu spielen - sie kommen zuerst, weil man hier mehr Geld verdient. Viele Diskussionen gehen etwa darum, wieviel Recht eine alteingesessene Gesellschaft hat, staatliche Ressourcen, Professuren, Konzertsäle etc. an Beethoven etc. zu binden - vorbei an den Bedürfnissen und Werten größer werdender neuer Teile der Bevölkerung.

Ich glaube (zumindest bis jetzt) nicht, dass sich diese Fragen als Scheinfragen erweisen oder dass sie sich auf das Phänomen von Menschen, die ihre Menschlichkeit verloren haben, reduzieren lassen. Ich denke, da stehen schon echte Fragen dahinter.

Igor Levits Äußerung "Die AfD bestünde für ihn aus "Menschen, die ihr Menschsein verwirkt haben". Das ist Rassismus schlimmster Art. Wie auch Deniz Yücels "Nur ein toter Deutscher ist ein guter Deutscher". Das ist Rassismus übelster Art.

Ich fühle mich sehr betroffen, von der Deutschen Regierung diesen Personen ausge-liefert, am Boden liegend. Oder fühle ich noch mehr Betroffenheit über die Veröffentlichung dieses Artikels. Personen dieser Äußerungen genießen frag-
würdige Attraktivität in Deutschland.

Dennoch, en passant, eine wohlmeinende Unterstützung für Herrn Igor Levtit:
- Johann Sebastian Bach komponierte "Musik des Barocks"
- Ludwig van Beethoven ist weltweit der meist gespielte Kom-
ponist der Klassischen Musik.

Nicht nur in der Musik, sondern auch in seinen „Meinungen“ appelliert der Bürger Igor Levit an etwas Humanes. Auch das bringt der Künstler Igor Levit zum Ausdruck. Er weiß, Sprache und Musik kann missbraucht werden. So wendet er sich gegen Antisemitismus, gegen die Ausgrenzung Geflüchteter, gegen Hass und Hetze, gegen die Verrohung der Sprache, usw. Er will verbinden, nicht spalten und trennen, so wie seine zeitlose Musik verbindet. Musik für uns und über uns, was uns als Menschen ausmacht.

Ist die Welt Klang, möchte man als Musikliebhaber den Pianisten und Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien, Hannover befragen. Bildung ist ja auch immer ein Zusammenspiel von Grundmustern, die sich mit der musikalischen Kompositionsweise vergleichen ließe. Erworbene und verinnerlichte Muster, die es erlauben, alle typischen Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen einer bestimmten Kultur zu erzeugen, eine Art innere Form- unser europäisches Erbe.

Hans Krüger | Mi, 11. Dezember 2019 - 17:28

Nun Twitter ist nicht mein Ding .Dieser Wunderknabe an den Tasten auch nicht ,sein Spiel mag meisterlich sein aber was er aussagt ist dumm dreist.AFD Politiker das Menschsein absprechen ist eine Ungeheuerlichkeit.
Die Leute die seine Konzerte besuchen mit politischen Ansichten voll zu Texten ist ebenso eine Zumutung ,aber so ein Wunderknabe darf sie das erlauben . Ich bin für eine offene Gesellschaft die Menschen die hier Leben wollen und auch arbeiten wollen dafür die Möglichkeiten gibt .Seit dem August 2015 ist das durcheinander gekommen ,dank der Kanzlerin.

Gerhard Schwedes | Do, 12. Dezember 2019 - 00:06

Was die wohlfeilen Mainstream-Kommentare eines Herrn Levit betrifft, so lässt sich nur sagen: Wie der Schuster bei seinem Leisten, so sollte ein Herr Levit besser bei seinem Piano bleiben. Dort weiß er Besseres von sich zu geben als seine schräge Musik in Sachen Politik. Und überhaupt: Wenn Künstler (siehe Herrn Grönemeyer) sich in die Politik einmischen, klingt dies selten nach mehr als billiger Anbiederung bei jenem Publikum, das man sich als Klientel warm halten will. Also, liebe Künstler: Ein bisschen mehr Charakterstärke zu zeigen, täte euch gut.

Andreas Zimmermann | Do, 12. Dezember 2019 - 01:30

...hat dieser Mann da getätigt. Noch erstaunlicher sind die Reaktionen, oder besser gesagt das Ausbleiben der selbigen. Denn was wäre wohl medial mit ihm passiert, wenn er diese Äußerung bezüglich einer anderen Partei gemacht hätte? Ich schätze mal nix gutes.
Warum also kann jemand, der als Künstler in der Öffentlichkeit steht, bezüglich der AFD relativ unbehelligt so etwas machen? Und was kommt wohl als nächstes? Wohin bewegen sich die Medien, Künstler und die Öffentlichkeit in unserem Land? Ich bin nur ein normaler Steuerzahler in diesem Land, aber irgendetwas scheint gewaltig schief zu laufen wenn so jemand so etwas sagen kann ohne großen Wiederspruch zu ernten oder eine gesellschaftliche Ächtung zu erfahren.
Denn wenn ich eine derartige Äußerung in meinem privaten Umfeld (egal gegen wen auch immer) machen würde, wäre ich komplett bei allen unten durch. Und das völlig zu Recht! Mehr ist dazu nicht zu sagen... trotzdem, wirklich sehr erstaunlich dieses Land und sehr fremd!

Paul Hulot | Do, 12. Dezember 2019 - 08:36

Mitglieder einer demokratischen Partei haben also ihr Menschsein verwirkt eine unglaubliche Aussage , wie gedenkt Herr Levit denn mit diesen Untermenschen um zu gehen?

Karin Becker | Mo, 16. Dezember 2019 - 10:54

Für die Karriere und die öffentliche Bekanntheit Levits hat eine Rezension von Eleonore Büning in der FAZ vom 3.5. 2010 eine sehr fördernde Rolle gespielt (Pianist Igor Levit : Eine große Erschütterung Von Eleonore Büning 3.05.2010) Ich habe Levit in drei Konzerten gehört, zwei Klavierabende, einen Abend mit den Klavierkonzerten Mendelssohns; mich hat sein Spiel, vor allem die Interpretation der Hammerklaviersonate und der letzten drei Sonaten Beethovens, nicht berührt. Ich lebe gut mit den Aufnahmen on M. Pollini und M. Korstick. In seiner öffentlichen Darstellung erlebe ich Levit einfach als geschwätzig. Mein Eindruck beim Lesen des Artikels war, dass Levit (vielleicht gemeinsam mit seinem Management) gefunden hat, was ihn zur Marke macht. So etwas bewährt sich: Lang Lang inszeniert sich mit dekorativen Gesten, Yuja Wang zieht sich aus. Erfreulich, dass Levit eine intellektuelle Variante der Inszenierung wählt.