Auch Kopftücher markieren keine homogene Gruppe / dpa

Moralismus und Marginalisierung - Die unsinnige Politisierung der Identität

Der Versuch, Gruppenzugehörigkeit über kulturelle, sexuelle oder ethnische Merkmale zu definieren, funktioniert in unseren komplexen und ausdifferenzierten Gesellschaften nicht mehr. Das hindert das moralistische Milieu aber nicht daran, über Menschen zu sprechen, die es nicht kennt.

Autoreninfo

Ilgin Seren Evisen schreibt als freiberufliche Journalistin über die politischen Entwicklungen in der Türkei und im Nahen Osten sowie über tagesaktuelle Politik in Deutschland. 

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In der Silvesternacht greifen Männer mit Migrationshintergrund Polizisten und Feuerwehrkräfte an. Die Krawalle lösen in der Politik und in den Medien hitzige Debatten über Integration und eine von Konservativen deklarierte Korrelation von muslimischem Glauben und Gewaltbereitschaft aus. Gleichzeitig warnen uns Demografen vor den wirtschaftlichen und letztendlich sozialen Folgen für die gesamte Gesellschaft, wenn der Zuzug ausländischer Fachkräfte aus dem Ausland nicht massiv ausgebaut und beschleunigt wird.

Dennoch sprechen sich Teile der Gesellschaft vehement gegen weitere Migrationsbewegungen nach Deutschland aus. Die Art und Weise, wie diese Debatten medial, politisch und von Bürgern auch auf Social-Media-Kanälen geführt und moralisiert werden, können getrost als „Stellvertreterstreitereien“ bezeichnet werden. Es geht um viel mehr als nur die „Migrationsfrage“. Es geht darum, wie wehrhaft unsere Demokratie ist, wie gut also die Interessen der Bürger von Politik und Medien vertreten werden. Es geht auch darum, dass die moralische Polarisierung der Lager und die Politisierung der Identität den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie gefährden.

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Sabine Lehmann | Di., 17. Januar 2023 - 16:55

Kurz u. bündig auf den Punkt zu kommen, fällt bei diesem Thema offensichtlich schwer. Vor allem, wenn man es zu einem akademischen, fast schon philosophischen Konstrukt aufbläst. Nur hat die ganze Problematik nichts mit der Komplexität von Atomphysik zu tun.
Im Grunde gibt es klare deutsche gesetzliche Vorgaben zur Migration, die werden aber nicht eingehalten, sondern in der politischen u. administrativen Praxis ignoriert. Wäre es anders herum, hätten wir die Heerschar an Illegalen, die das Land nur belasten, nicht hier!
Zweitens kann ein Land, eine Gesellschaft nur Migranten aufnehmen, die brauchbar sind, in der Praxis ist es umgekehrt. Nicht einmal der kleinste gemeinsame erforderliche Nenner des erquicklichen Zusammenlebens wird mitgebracht u. eingefordert: Grundwerte u. StGB. Ganz im Gegenteil, Leute kommen gezielt, die weder diese Werte teilen, noch sich an das StGB halten. Wir fordern es nicht u. setzen es auch nicht voraus. Das Ergebnis dieses Desasters ist nicht verwunderlich!

Walter Bühler | Di., 17. Januar 2023 - 18:23

"Die Moralisierung politischer Debatten und die Politisierung von Identität treibt die Spaltung in der Gesellschaft voran. Wir brauchen nicht mehr Moral und Identitätspolitik, wir brauchen mehr Respekt vor der Demokratie, klare Integrationskonzepte und mehr Akzeptanz für Pluralität in der Gesellschaft."

Alles einleuchtend. Die Akzeptanz für Pluralität ist ja nur gegeben, wenn die Fähigkeit zur Toleranz zur Entfaltung gebracht wird, und zwar allseitig, auch die Toleranz gegenüber denen, deren Vorfahren schon hier gelebt haben.

Das folgende stimmt auch: "Der Wunsch nach tabufreien Debatten ohne moralische und sprachliche Einschüchterungsversuche Redegewandter ist zudem weit verbreitet. In Zeiten, in denen dringende Themen wie die Altersarmut, die Klimakrise, Kriege und eine Konsensbasierte Migrationspolitik dringende Fragen der Menschen sind, sind die Debatten über Identität, Sprachverbote und andere Formen der moralischen Einschüchterung obsolet."

Ja, das stimmt.

Markus Michaelis | Di., 17. Januar 2023 - 19:26

Ja, woke Begründungen welchen Gruppen gegen welche Marginalisierungen zu helfen ist, beruhen zu sehr auf Idealisierungen der jeweiligen Gruppen und ihrer gesellschaftlichen Umstände.

Hinter dem woken Ansatz steht aber auch ein Universalismus, der nach universellen Prinzipien alle Menschen einbeziehen will. Da trifft er sich meiner Wahrnehmung nach doch mit diesem Artikel, der die Einteilung in marginalisierte Gruppen ablehnt, aber nicht grundsätzlich den universellen Ansatz - einer Gesellschaft für alle Menschen.

Ich glaube, wir übernehmen uns da etwas. Die Hoffnung dabei ist, dass all die widersprüchlichen Wertesysteme und verfeindeten Gruppen der Welt sich in Deutschland zu einer bunten Gemeinschaft zusammenfügen, die dieselben universellen Werte teilt.

Hier ist nicht der Platz, das hat zuviele Facetten, aber ich kann nicht sehen, dass das ausreichend die realen Menschen beschreibt.

Ernst-Günther Konrad | Mi., 18. Januar 2023 - 08:59

Kann ich sofort unterschreiben. Nur was machen wir mit denen, die nicht respektieren wollen? Was machen wir mit Politikern, die dieses "Nichtwollen" noch fördern durch offene Einladung zur unkontrollierten Einwanderung? Was machen wir mit Parteien und Politikern, die sich selbst nicht mehr an Recht und Gesetz halten? Sie haben sich sehr viel Mühe gegeben Frau Evisen den Konflikt zu beschreiben, aber Lösungsansätze lese ich von Ihnen keine, obwohl diese auf der Hand liegen. Es sind ja in der Hauptsache nicht die betroffenen Minderheiten selbst die sich Gehör verschaffen wollen und es auch tun. Es sind meistens persönlich nicht betroffene Berufsmoralisten, die mit ihrer ganz persönlichen Anschauung vorgeben zu wissen, was Minderheiten tangiert und wer sich benachteiligt fühlen darf, wie und auf welche Weise. Die von den Moralisten aufgeplusterten Themen werden genau dazu benutzt, wo vor se ja letztlich warnen. Diese Demokratie soll abgeschafft werden, Minderheiten sollen regieren.

Tomas Poth | Mi., 18. Januar 2023 - 11:57

Die Integration ist ein vielbeschworener Begriff.
Leider dient er nur zu unserer Selbstbezichtigung.
All die Auffälligen unter den Migranten, und sie kommen nun mal fast alle aus dem muslimischen Milieu, es sei denn sie kommen vom Balkan und sind zufällig keine Muslime, wollen sich gar nicht integrieren. Im Gegenteil, sie wollen uns nur Abzocken.

Sabine Lehmann | Mi., 18. Januar 2023 - 21:02

Antwort auf von Tomas Poth

Ich höre immer nur Integration, Integration. Wenige Plattitüden wurden in den letzten Jahrzehnten so missbraucht, wie dieser Begriff. Denn das Entscheidende wird bei all den Diskussionen geflissentlich übersehen: Muslime, u. das ist die überwiegende Mehrheit der Zugereisten, kommen nicht hierher, um sich zu integrieren, die Mehrheit will das gar nicht. In was sollte man den Islam, die Scharia auch integrieren? Dieser Glaube, diese Doktrin, die alles was anders tickt, verdammt und ausschließt, ist de facto nicht integrierbar.
Was glauben denn eigentlich unsere ganzen Buntschwätzer, was in hiesigen Moscheen in erster Linie von den Imamen gelehrt wird? Ich glaube, außer unserem Verfassungsschutz u. dem BND will das auch gar keiner wissen. Wer von den vielen blinden Diversitäts-Fans hat jemals eine Moschee betreten, spricht arabisch bzw. türkisch, oder hat jemals ein Fachbuch von Islamexperten gelesen? Richtig: Keiner. Und so gut wie keiner von denen wohnt o. arbeitet mit dieser Klientel.

Gerhard Hellriegel | Mi., 18. Januar 2023 - 13:13

Wunderbar zusammengefasst. Wenn ich die Autorin richtig verstehe, hat sie nichts gegen generalisierende Aussagen (Eliten, Nicht-Eliten), sie meint nur, sie sollten dann auch auf sorgfältiger Beobachtung beruhen. Sehr richtig.
Also nun meine generalisierenden Aussagen:
1. Frauen sind bessere Menschen als Männer. Siehe z.B. die Kriminalitätsstatistik. Gilt das auch dann, wenn es weh tut? Oder ist das moralisierend?
2. In islamischen Ländern ist die Beziehung zwischen Männern und Frauen viel schwieriger als hierzulande. Wenn nun Menschen zu uns kommen, weil sie unsere Lebensart suchen, dann gibt es auch keine Integrationsprobleme.
Anders ist es, wenn sie aus anderen Gründen hier sind, sei es Flucht, sei es Wohlstand. Dann werden sie an der Grenze ihre Haltung nicht ändern, stellen also für uns Indigenen eine zusätzliche Belastung dar. Und das gilt für islamische Frauen wie für Männer. Ist das nun fremdenfeindlich? rassistisch? arrogant?

Jost Bender | Do., 19. Januar 2023 - 02:34

auch einen Teil Ihrer Analyse finde ich zutreffend. Sie haben es sich nicht so leicht gemacht, wie die "NDM" & andere der genannten Akteure ohne Mandat in diesem 'identitätspolitischen Spiel'.
Andererseits wollen Sie zu viele hetrogene & heteromorphe Themen auf zu vielen unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig 'abhandeln' & überstrapazieren damit das Thema der 'Identitätspolitik', die ein Phänomen der letzten Jahrzehnte ist - nicht des (vor)letzten Jahrhunderts: Weder jede Integrationsforderung aus den letzten 2 Jahrhunderten, noch alle Facetten der Migrationspolitik gehören dazu. Sie überdehnen das Thema! Ihr Bemühen, sich nach allen Seiten symmetrisch abzugrenzen, führt außerdem zu so ungelenk-generalisierenden +unlog. Etikettierungen wie: "Stur-Konservative sind überzeugt davon, sie spalte mehr als dass sie eine & es gäbe keine gesellschaftlich Benachteiligten". Ich kenne tats. keinen, der ges. Benachteiligungen negiert & niemanden, der glaubt, Identitätspolitik eine die Gesellschaft

auch nicht zur Verschleierung o. Tabuisierung von Fakten missbraucht werden. Wenn Ihr Satz „In der Silvesternacht greifen Männer mit Migrationshintergrund Polizisten und Feuerwehrkräfte an“ zutrifft, dann muss man auch über die Motive, die „Werte“, das Selbst- & Gesellschaftsbild, die Sozialisation & ‚Identität‘ der Aggressoren sprechen. Die Korrelation einer spezifischen soziokulturellen Prägung & Identität mit einer stark überproportionalen Auffälligkeit bei bestimmten Gewaltdelikten wird nicht „von Konservativen deklariert“, sondern ist statistisch & faktisch unabweisbar:
Niemand, der das Problem benennt, macht damit z.B. ‚alle Moslems‘ für derlei Gewalt verantwortlich: Der impl. Rassismusvorwurf gg. jeden, der das Probl. benennt, verstößt gg. elementare Regeln d. Logik: Wer sagt: „Der Hase ist ein Tier“ sagt damit nat. nicht „alle Tiere sind Hasen“ Die WWU-Studie v 2016 ergab zB, dass ca die Hälfte d. türkeistämmigen Mitbürger die sharia noch immer für wichtiger halten, als das GG