#deletefacebook - Analog ist das neue digital

Unter dem Hashtag #deletefacebook dokumentieren Tausende Nutzer auf Twitter ihren Ausstieg aus dem sozialen Netzwerk – in einem anderen sozialen Netzwerk wohlgemerkt. Doch es gibt keine bösen oder guten Kommunikationsplattformen. Das Problem sind wir selbst

Benutzeroberfläche eines Smartphones mit der Facebook-App
Der Delete-Hype zeigt, wie abhängig die Menschen tatsächlich von Facebook und Co. sind / picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Alexander Grau

Es war eine Nachricht wie ein schlechter Scherz: Brian Acton ruft unter dem Hashtag #deletefacebook dazu auf, Facebook-Accounts zu löschen. Ausgerechnet Brain Acton! Also der Mann, der den Nachrichtendienst WhatsApp zusammen mit Jan Koum entwickelt und im Jahr 2014 für schlappe 19 Milliarden Dollar (!) verkauft hat – an Facebook wohlgemerkt.

Die Meldung wäre an sich schon bizarr genug. Ins Groteske übersteigert wird sie aber dadurch, dass Acton seinen Aufruft „It’s time. #deletefacebook“ über den Kurznachrichtendienst Twitter veröffentlichte – also ein soziales Netzwerk.

Man hat vermutlich viel von dem Unsinn dieser Welt begriffen, wenn man sich die Situation noch einmal in aller Ruhe vor Augen führt und gründlich über sie meditiert: Da ruft der Entwickler eines Nachrichtendienstes mittels eines sozialen Netzwerks zum Boykott jenes sozialen Netzwerkes auf, an das er sein eigenes Unternehmen einst verkaufte. Willkommen in der schönen neuen Welt digitaler Kommunikation!

Nahezu grenzenlose Naivität

Es dauerte daher auch nicht lange und Nutzer berichteten euphorisch über die heroische Löschung ihres Facebook-Kontos – via Instagram, seit April 2012 ein Produkt von Facebook Inc. Eindrucksvoller lässt sich Naivität kaum dokumentieren.

Es ist erstaunlich, wie sehr sich Milliarden von Menschen der Logik von Kommunikationsplattformen à la Facebook unterworfen haben. Selbst Aufrufe zum Boykott eines sozialen Netzwerks werden über soziale Netzwerke kommuniziert. Kein Wunder also, dass es schon seit geraumer Zeit einen Account „Delete Your Account Permanently“ gibt – auf Facebook wohl gemerkt.

Gute und böse Netzwerke

Immerhin macht die Begeisterung, mit der in den vergangenen Tagen Tausende von Menschen bekundeten, ihr Facebook- oder auch Instagram-Konto gelöscht zu haben, Hoffnung. Allerdings unterstreicht dieser Delete-Hype, wie mental abhängig diese Menschen tatsächlich von Facebook und Co. sind. Denn all die wild entschlossenen Deleter entsagen nicht etwa der Idee des sozialen Netzwerkes. Man meint vielmehr, zwischen guten und bösen sozialen Netzwerken unterscheiden zu können.

Die „bösen“ Kommunikationsdienste sind aktuell alle, die irgendwie mit Mark Zuckerberg zu tun haben: Facebook, WhatsApp, Instagram. Die „guten“ Plattformen sind hingegen jene, die noch unabhängig von der Krake Facebook sind: also etwa Twitter oder Snapchat. Das erklärt auch den Hype um Apps wie Vero oder um das inzwischen schon wieder vergessene Ello vor einiger Zeit.

Nicht Algorithmen sind das Problem

Doch es gibt keine bösen und guten Kommunikationsplattformen. Die Idee sozialer Netzwerke an sich ist das Problem. Und solange Menschen aus irgendwelchen Gründen meinen, dass es Mehrwert hat, die Welt mit ihren Fotos von Suppentellern, Urlaubsorten oder Katzen zu quälen, solange werden automatisch Daten von ihnen anfallen, und die werden gesammelt und ausgewertet werden. Das ist nicht zu verhindern und zwar aus technischen Gründen.

Auch Facebook arbeitete einst ohne Algorithmen. Doch das ist schon lange nicht mehr möglich, selbst wenn man das wollte. Ab einer gewissen Größe der Plattform müssen die Nachrichten, die bei einem User erscheinen, vorsortiert werden, und genau das besorgen Algorithmen. Anderenfalls bekämen die Nutzer täglich Tausende von Beiträgen auf ihre Feeds.

Soziale Netzwerke fressen sich selbst. Je erfolgreicher sie sind, desto stärker muss der Datenfluss gesteuert werden – selbst wenn es keine wirtschaftlichen Interessen gäbe.

Einziger Ausweg: der Verzicht

Das Problem ist die amoklaufende Kommunikation selbst. Denn Kommunikation ist die Verbreitung von Information, auch wenn die Informationen noch so uninformativ sind. Und diese Informationen müssen gebündelt und strukturiert werden – bei Facebook angeblich 4 Petabytes pro Tag.

Es ist nicht ohne Ironie: Wir brauchen künstliche Intelligenz, um die Produkte menschlicher Einfalt zu verarbeiten. Zugleich untergräbt die notwendige Organisation der dabei anfallenden Datenmassen jede Möglichkeit, sich aus deren Kokon zu befreien. Im Gegenteil, der Kokon wird immer undurchdringlicher. So untergräbt die Massenkommunikation, aufgrund der technischen Notwendigkeit sie zu organisieren, sich selber. 

Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma ist der Verzicht – nicht auf Facebook wohlgemerkt, sondern auf die Nutzung sozialer Netzwerke generell. Digitale Kommunikation ist das Gegenteil von Freiheit. Die Versprechen grenzenloser Kommunikation haben sich aufgelöst in die Realität gesteuerter Datenmengen. Analog ist das neue digital.

Dirk Klostermann | Sa, 24. März 2018 - 11:01

"Digitale Kommunikation ist das Gegenteil von Freiheit." Steile These im Zeitalter der weltweiten Vernetzung. Niemand würde auf die Idee kommen, Zeitungen als das Gegenteil von Freiheit zu bezeichnen. Warum? Es gibt sehr viele davon. Der Markt funktioniert. Es gibt Meinungsvielfalt.

Bei den Sozialen Netzwerken gibt es nur wenige Große, darunter twitter, Facebook und Xing. Alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie nutzen ihr Alleinstellungsmerkmal gnadenlos aus - mehr oder weniger. Das Netz ist demokratisch, aber wo bleibt die Vielfalt?

Gundi Vabra | Sa, 24. März 2018 - 11:40

Kostenlos ist das Zauberwort der Krake digitalen Konsums.
Oder wie soll ein Unternehmen, das für sein angebotenes Produkt keine Kosten erhebt überleben? Einen Börsenwert generieren, der höher ist als von Weltkonzernen die etwas produzieren und greifbare Werte in ihren Bilanzen stehen haben?
Das Internet und die darauf folgende digitale Revolution ist vom kostenlos Fieber ergriffen. Nur, der Nutzer zahlt nichtmonetär dafür in seine Persönlichkeitsrechte eingreifenden Weise die in aller Konsequenz des gläsernen Menschen nur den Wenigsten bewusst sein dürfte.
Es fragt sich allerdings, ob diese Revolution so ausgefallen wäre, wenn schon immer für die Bereitstellung der Leistung monetär in Zahlung gegangen hätte werden müssen. Beim Geldausgeben setzt der Verstand und oft auch die Vernunft ein. Ist etwas kostenlos setzt ein Mitnahmeeffekt ein der nicht zum Nachdenken zwingt, mit allen Nachteilen die daraus entstehen.

Es lebe das analoge Telefon. Das persönliche Gespräch.

Gerd Steimer | Sa, 24. März 2018 - 11:46

Ich habe nie Facebook Twitter und Co. benutzt, mein Misstrauen war einfach zu stark. Motto: "was nix kostet, taugt nix" oder - es kostet dann doch was, und wenn es nur meine Daten sind die dann für belästigende -Verzeihung- personalisierte Werbung benutzt werden.
Vermissst habe ich nichts, mit wem ich Kontakt habe, kann ich mir selbst aussuchen

Helmut W. Hoffmann | Sa, 24. März 2018 - 12:21

für mich sind es höchst unsoziale Netzwerke, in denen sich die Gesellschaft über Nichtigkeiten und Banalitäten austauscht. Ich habe kein Smartphon, nur ein einfaches Handy, damit ich im Notfall jemanden erreichen kann (nicht umgekehrt), somit ist es i.d.R. ausgeschaltet. Kontaktaufnahme geht auch per Festnetzt, ansonsten rede ich mit den Menschen persönlich.

Robert Polis | Sa, 24. März 2018 - 13:45

Ja, Herr Grau, und danke für Ihren Artikel.
Ich empfehle, sich selbst einige wenige schlichte Fragen zu stellen, und zwar nicht nur zur Nutzung sozialer Netzwerke:
Brauch ich das?
Will ich das?
Soll ich das?
Darf ich das?
Muß ich das?

helmut armbruster | Sa, 24. März 2018 - 16:51

in einem Dorf kennt jeder jeden und es wird getratscht, was das Zeug hält. Wie bei Facebook nur eben ohne Facebook.
Der Großstadtmensch fühlt sich dem Dörfler überlegen, weil er dessen kleinlicher, dörflicher Tratsch- und Klatschwelt nicht (mehr) angehört.
Dabei macht er genau dasselbe wie der belächelte Provinzler. Er tratscht, was das Zeug hält.
Und er macht es dümmer als der Dörfler.
Denn der Dorftratsch hinterlässt keinerlei Spuren , der Facebook-Tratsch dagegen schon.
Komische, dumme, neue Welt.

Dimitri Gales | Sa, 24. März 2018 - 19:59

Ich selbst war nie bei Facebook oder anderen ähnlichen Plattformen, schon allein aus Diskretionsgründen nicht. Ich habe mich nur darüber gewundert, was die Leute dort alles an persönlichen Details preisgeben, sogar optisch. Einem Bekannten von mir hat man die Identität bei Facebook geklaut, das heisst seinen Namen etc. usurpiert und damit im Netz Unsinn getrieben. Internet ist ein riesiger, anarchischer Marktplatz, da ist grösste Vorsicht geboten. Prinzip: Das Mittel ist niemals kriminell oder gefährlich, auch eine Waffe nicht, es kommt darauf, was man damit macht.

Heidemarie Heim | Sa, 24. März 2018 - 22:25

Milliarden Suchtkranke, soziale Exhibitionisten und deren Voyeure auf eiskalten Entzug setzen? Good luck! Habe mich, aus inzwischen bestätigten Zweifeln, weitgehend aus den Netzwerken ferngehalten bis auf WA um eng begrenzte Kontakte zu pflegen, bin mir aber sicher, das ich mit meinem Google-Konto in sämtlichen Algorithmen dieser Welt vertreten bin. Auch schwächelte ich schon "Datendiskretionsmäßig" (Herausgabe Email gegen Newsletter für 70€ Rabatt beim Einkauf;-) Eine weitere digitale Venusfalle in die ich Schnäppchenjägerin wenigstens "bewusst" tappte. Ich denke das
(Hamster)-Rad dreht keiner mehr zurück und Datensicherheit ist in der heutigen Zeit eine Utopie bzw. eine Selbstlüge, der wir uns all zu gern bezichtigen. MfG

André Oldenburg | So, 25. März 2018 - 07:38

Die meisten Menschen neigen dazu sich einer Gruppe anzupassen, deren Urteil, wenn möglich deren Lob zu bekommen. So verhalten sich viele Menschen in sog. sozialen Netzwerken wie bei einer Castingshow und lassen jedes Hirn vermissen, Hautsache man ist für den Weltfrieden. Viele Facebookseiten sind der Vorgarten, das was man den anderen Menschen gerne verkaufen möchte, wer und was man ist. Viele Fotos von vielen glücklichen Menschen. Man präsentiert sich, mein Haus, mein Auto, mein Pferd, aber von den Darlehensverträgen erfährt natürlich keiner was.
Die Menschen, die sich die Profile betrachten könnten in eine Depression verfallen, allen geht es gut, ausser ihnen. Somit sind soziale Netzwerke Ideal für Poser (englisch = to pose ‚sich geben als', ‚posieren'). Psychiater und Psychologe freuen sich.
Das wir, und das ist das schlimmste an der Sache, uns total preisgeben. Bei Facebook kann man ein Gesichtsverbrechen (Neusprech, aus "1984") erkennen, verhalte dich unauffällig.

Christoph Kuhlmann | So, 25. März 2018 - 11:07

diskutieren. Auf einem subkulturellem Forum, wo jeder Nutzer einen Nick hatte,eine virtuelle Tarnidentität also und ein Nachrichtenfach, so dass auch die E-Mail-Adresse verborgen blieb. Die Moderation hielt sich gerne rausund trat meistens nur in begründeten Fällen, auf mehrfachen Wunsch der User in Aktion. Der Administrator,der dieses Forumbetrieb hatte ca.im Jahr 2000 die Software gestrippt, so dass nur Text gespeichert wurde. Keine Bilder, Avatare oder Likes und was es sonst noch für Mittel gibt, die Inhaltsleere vorhandener Kommunikation zu kaschieren. Ich habe im Internet nie wieder solch einen intensiven Meinungsaustausch erlebt und ost darüber nachgedacht, was Facebook anders macht? Erstens,es gibt keine Anonymität- zweitens man ist an seine sozialen Kontakte gebunden und kann sich keinen Überblick über die Themenbereiche verschaffen, die auf der Plattform vorhanden sind. Suchanfrage wie politische Diskussionen laufen ins Leere. Ich habe 4950 unbekannte Freunde auf Facebook.

Michael Thomas Bauer | So, 25. März 2018 - 13:34

Um bei der Vorstellung des Kokon zu bleiben, wäre das Löschen des eigenen Profil, eine Selbsttötung im Puppenzustand. Angeregt durch eine Glaubensrichtung. Ein heute fast einmaliger Vorfall. Aber vorprogrammiert. Genau wie die Heilversprechung, auf welche eine neue folgt. Erklären kann das nur jeder sich selbst. Ein Ansatz zur Erklärung wäre vielleicht Luhmann's Satz zur Erwartungserwartung. Funktioniert das heute im Digitalen nicht. Löschen ist nicht dem menschlichen Vergessen gleich, oder ein Ungeschehenmachen. Wer naiv rein geht und genau so wieder raus, kann nichts gelernt haben. Die Bedeutung von Lernen ist im Digitalen der einzige Pluspunkt, den man sich als Indivituum noch sichern kann. Das fehlt aber der Masse, die sich keine Alleinstellungsmerkmale erlauben möchte. Nur in einer Alleinstellung für das Individuum, wird das 21. Jahrhundert seine Werte und Gewinne erhalten. Ein Gewinnspiel in dem #Grauemaus gegen #Star antritt. Nur mit einer Gleichstellung kann etwas werden.

Gerry Richter | So, 25. März 2018 - 18:55

Sehr guter Artikel. Ich finde die Idee der sozialen Netzwerke grundsätzlich eine sehr gute, doch haben wir Menschen längst vergessen wie Kommunikation wirklich funktioniert und daher verwendet die Mehrheit soziale Netzwerke und moderne Kommunikationskanäle wie E-Mail oder Messengerdienste falsch oder suboptimal. Kommunikation gehört besser geschult und ist für mich auf alle Fälle ein eigenes Schulfach wert. Nutzen wir die Tugenden guter Kommunikation in der digitalen Welt dann wird es uns eine gewisse Freiheit geben.

Klaus Wolf | Mo, 26. März 2018 - 01:49

Facebook hat Daten gesammelt, für die es weder die Genehmigung hatte, noch sie angefordert hat (Telefonate, SMS). Facebook hat alle Daten unkontrolliert an Geschäftspartner weiter gegeben. Das hat nichts mit angeblicher Naivität der Kunden zu tun - eine solche pauschal zu behaupten, zeugt von einer vereinfachten, um nicht zu sagen primitiven Weltsicht.

Gisela Fimiani | Mo, 26. März 2018 - 12:31

Eigenverantwotung ist "out" .......
"Sündenbockpsycholgie" ist "in".
Der paternalistische Staat formt seine Kinder.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mo, 26. März 2018 - 13:58

schon zu den Genies der sozialen Netzwerke und also zu den GUTEN.
Die Schlechten habe ich mir gestern mal wieder vorgeführt in "Stirb langsam" 4.
Und selbst die sind nicht einmal die schlechten, weshalb solche Filme letztlich auch sehr unrealistisch wirken, denn der "Böse" des Films" ist ein auf Abwege geratener "Überkritischer" jedenfalls ehemals Warnender.
Herr Grau, wir brauchen dringend geschulte technische Intelligenz, die mit all den Möglichkeiten umgehen kann und sehr wohl Nutzung und Missbrauch voneinander zu unterscheiden wissen und das auf BREITER Basis, beginnend in den Schulen.
Gleichwohl bin ich nur bei Qwant, web.de, Tichys Einblick und dem Cicero, sorry, ab und zu standard online.
Ich mag intelligente soziale Kommunikation.
Meine größte Sorge aber wäre ohnehin, dass zwar Leute meine Kommunikation sammeln könnten, aber nichts davon verstünden.
Für mich selbst handhabe ich es daher wie es bei den Päpsten gemacht wird.

Willi Beckert | Mo, 26. März 2018 - 22:37

Tja, ich bin wieder modern!!!
Facebook, WhatsApp, Instagram, Twitter und Co. habe ich als ehemaliger IT-Leiter nie benützt. Wozu benötige 1000 Freunde, die ich nicht kenne? Meldungen, das ich gerade in einem teuren Lokal auf dem Donnerbalken sitze und es da sehr gemütlich finde, sind mir unverständlich. Ich bin ein wenig schadenfroh über die Entrüstung, dass die sozialen Netzwerke unsere Daten missbrauchen. War doch absehbar, wenn man ein wenig nachdenkt.