Ansicht der Rückfront an der Schlossfreiheit / Google Art/Creative Common, Illustration Sören Kunz/WILDFOXRUNNING

Man sieht nur, was man sucht - Schandmal eines von Gott begnadeten Königs

Dem Architekturmaler Eduard von Gaertner war das Berliner Schloss ein Dorn im Auge. Heute fördert es vor allem Geschichtsvergessenheit.

Autoreninfo

Beat Wyss hat an zahlreichen internationalen Universitäten gelehrt. Er hat kontinuierlich Schriften zur Kulturkritik, Mediengeschichte und Kunst veröffentlicht. Beat Wyss ist Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

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Berlins kulturpolitischer Wille zur Restauration vergangener Größe kann das Zündeln nicht lassen. Jetzt ist also auch der Turm der Garnisonkirche zu Potsdam vollendet. Mit befremdlichem Eifer wird zwar stets betont, die Wiederherstellung historischer Architektur diene doch nur dazu, zerstörte Schönheit wiederauferstehen zu lassen.

Das naive Argument verkennt aber die Dialektik der Restaurierung: Erscheinen historisch belastete Bauten wieder wie neu, so fördern sie das Vergessen. Wiederhergestellte Baudenkmale blenden die lästige Mahnung aus, dass das Bombardement deutscher Städte die Folge eines deutschen Angriffskriegs war.

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Thorwald Franke | Do., 30. Mai 2024 - 13:53

Historische Bauten mit der Begründung nicht wieder aufbauen zu dürfen, dass man damit die "Fakten", die durch den NS geschaffen wurden, überschreiben würde, ist falsch.

Diese Argumentation gilt für NS-Bauen. Darum geht es hier nicht. Und wieso sollten wir "Fakten", die durch das NS-Regime geschaffen wurden, "anerkennen"? Ich denke ja gar nicht daran!

Statt dessen schiebt der Artikel dann eine andere Argumentation nach: Die Geschichte Preußens, die Höhen und Tiefen kennt, wird hier schwarz gemalt. Auch das ist nicht so einfach.

Die Kaiserkrone wurde 1848 vor allem deshalb abgelehnt, weil es sonst Krieg mit Österreich gegeben hätte. Dieser Krieg kam dann später, ebenso wie der Kaiser, aber dann war es auch wieder nicht recht.

Wenn der liberale Kaiser Friedrich III. länger regiert hätte, hätte Deutschland eine Entwicklung wie England nehmen können. Wenn, dann war 1888 das fatale Schicksalsjahr.

Im Zentrum des Gemäldes flattert übrigens eine preußische Fahne. Wollte Wyss sie nicht sehen?

Tomas Poth | Do., 30. Mai 2024 - 14:36

Es ist richtig den deutschen Angriffskrieg als solchen zu bezeichnen. Aber es ist gleichzeitig geschichtsvergessen und verkürzend, weil es die Vorgeschichte, den Weg dahin ausblendet.
Der Weg dahin ist nicht nur der Nationalsozialismus gewesen! Es gab viele Mitspieler in ganz Europa, daß es dazu gekommen ist.
Es ist auch nicht verharmlosend, wenn man versucht den ganzen Wahn zu verstehen, wie das alles passieren konnte. Gerade auch im Hinblick aktuell auf die Konflikte in der Ukraine und in Gaza/Israel.
Historische Bauten sind historische Bauten wie sie überall auf der Welt zu schauen sind, sie sind per se unpolitisch, sie haben unterschiedliche Epochen der Geschichte überstanden, auch jeden Scheiß der dazu gehört.
Auch solche ideologisch geprägten Sätze, daß sie das Vergessen Fördern würden.
Zeitgeistigen Müll überdauern die Bauten sämtlich, sie sind ein Stück der Kultur aus der Natur von Menschenhand erschaffen.
Sie werden nur gelegentlich vom Zeitgeist mißbraucht.

Konrad Kustos | Do., 30. Mai 2024 - 22:50

Ich erspare mir die Argumentation angesichts dieser Verdrehtheit der These. Da dies aber zum Realitätsverlust-Sprech ideologisch desorientierter Intellektueller gehört, frage ich ich, was das im Cicero zu suchen hat. Meinungsvielfalt ist eine Qualität des Cicero, aber wenn Vernunftstandards dermaßen unterschritten werden, muss man da doch nicht mitmachen.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr., 31. Mai 2024 - 10:29

des Textes folgen und das Kapitel Monarchie, gar eine Verbindung von Gott und Monarchen, für Deutschland "beerdigen", nicht nur tilgen, sondern auch als Besiegtes präsentieren und darin überdauern lassen?
Das ist nicht meine Tendenz.
Da es aber, auch ersichtlich in der bürgerlichen Restitution der französischen Monarchie durch Napoleon, evtl. gar eine Tendenz geben könnte, Gott zu restituieren aus schlicht innerer Überzeugung oder Be/Anrufung, reichte das vielleicht auch nicht aus.
Ich wähle aus dem Faust aber nicht den Zynismus Mephistos "Drum besser wär´s, dass nichts entstünde", eher Faust´ Streben "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erretten".
"Wer auch immer und es vermögen ALLE", das ist mir ein liebes Motto.
Das sollte nicht auf Trümmern throhnen, darf erinnern im Sinn von Bemühen, nicht als Triumph über das Vergebliche.
Mir schien das Lutherdenkmal in Dresden auch ausreichend, dahinter eine Gedenkstätte.
Dresden wählte den Wiederaufbau und nicht als Restitution.
Nu