Computerspiele und Realität - Wir sind alle NPCs

Der Ausdruck NPC stammt aus der Welt der Computerspiele, er bezeichnet Charaktere ohne freien Willen. Doch unterscheiden sie sich wirklich so deutlich von uns realen Menschen? Darüber ist eine Debatte entstanden, die den Finger in die Wunde unserer Diskussionskultur legt. Von Alexander Grau

NPCS
Wir alle sind NPCs – insbesondere diejenigen, die behaupten, keine zu sein / Screenshot Rebel media

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Wir alle bilden uns ein, kritisch zu sein. Kritisch, selbstbestimmt und autonom. Denn wir sind Kinder der Moderne und der Aufklärung. Und deren größter Stolz ist das rationale, allein auf Argumenten beruhende Bewusstsein. Die Mitläufer, die Nachplapperer, die Verführten – das sind immer die anderen.

Insbesondere die politisch Linken haben das kritische Bewusstsein gepachtet. Das liegt in ihrer DNA. Denn entstanden ist die Linke – das bleibt ihr historischer Verdienst – gegen die etablierten Meinungen, gegen die Macht der Mächtigen und gegen normative Kraft der Tradition. Links sein, das hatte immer den Anspruch, nicht korrumpierbar zu sein vom Zeitgeist und der Überlieferung, sondern allein dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments verpflichtet.

Meinung ist Teil unserer Identität

Aber was ist eigentlich das bessere Argument? Das bessere Argument ist immer jenes Argument, das am besten zu unserem jeweiligen Lebensgefühl passt. Unser Lebensgefühl aber kondensiert in einem Bündel von Überzeugungen. Sie machen unsere Identität aus. Einzelne Meinungen bilden wir daher nicht aufgrund rationaler Urteile, sondern anhand verinnerlichter Meinungscluster: Wer gegen Atomkraft ist, ist zumeist auch für eine offene Einwanderungspolitik. Wer sich vegetarisch ernährt, ist auch für eine multikulturelle Gesellschaft.

Das eine hat zwar mit dem anderen wenig zu tun, es garantiert aber die Zugehörigkeit zu einem Lebensgefühl. Und da wir Angst vor sozialer Isolation haben, haben wir ein sicheres Gespür dafür, welche Meinung wir haben müssen, um Mitglied unserer Lebensgefühl-Partei zu bleiben. Das Ergebnis: Wenn wir das Gefühl haben, nachzudenken, denken wir nicht nach, sondern gleichen lediglich ab, welche Meinung in unserem sozialen Umfeld opportun ist.

Sind auch wir Figuren ohne freien Willen?

Diese Beobachtung verbirgt sich hinter dem Kürzel NPC. Ein NPC ist ein Non-Playing-Character. Der Ausdruck stammt aus der Welt der Computerspiele. Dort ist ein NPC eine computergesteuerte Person, eine Figur, die nicht aufgrund der Befehle eines Spielers handelt, sondern aufgrund des Spielprogrammes. Ein NPC handelt also nur scheinbar autonom. Er hat keinen freien Willen. Er hat eine Scheinintelligenz. Tatsächlich agiert er aufgrund vorprogrammierter Handlungsanweisungen. Die Monster bei „Minecraft“ etwa sind solche NPCs: scheinbar autonom, tatsächlich aber nach vorprogrammierten Schemata handelnd.

Im politischen Kontext verwendet wurde der Ausdruck NPC das erste Mal im Juli 2016. Da definierte ein anonymer Nutzer des Internetforums 4Chan NPCs als Menschen, die immer die gleichen Schlagworte benutzen und denen unbehaglich wird, wenn man das herrschende Einerlei dieser Schlagworte durchbricht.

Dass der anonymer Nutzer „Pepe the Frog“als Kennzeichen gebrauchte, legt nahe, dass es sich hier um einen Anhänger des damaligen Wahlkämpfers Donald Trump, der Republikaner oder der amerikanischen Rechten handelt. Das ändert jedoch nichts daran, dass der Finger in die richtige Wunde gelegt wurde.

Sind Verwender des NPC Memes Faschisten?

Zwei Jahre schlummerte das Konzept des NPC in den Weiten des Netzes. In diesem September ging es jedoch explosionsartig viral: Die Munition dazu lieferte ein älterer Artikel in der Zeitschrift Psychology Today über Menschen, die keinen inneren Monolog führen, sondern einfach Meinungen übernehmen. Es dauerte nur ein paar Tage und NPCs hatten ein Gesicht: das NPC-Meme war entstanden. Es zeigt graue Figuren, die ein ausdrucksloses, stark vereinfachtes Aussehen haben.

 

Ab dem Moment kochte die Debatte über. Vertreter der Linken fühlten sich angegriffen und diffamiert und schossen zurück: Verwender des NPC-Memes seien Faschisten. Die NPC-Verwender wehrten sich, indem sie ihren Kritikern Opportunismus und intellektuelle Bequemlichkeit vorwarfen. Seitdem schwappt eine Woge wechselseitiger Herabsetzung munter durchs Netz.

Wir alle stecken in einer Matrix

Das spaßige daran: Der Verlauf der ganze „Debatte“ zeigt, wie richtig die Theorie ist. Menschen organisieren sich in Gruppen. Eine Meinung ist deshalb richtig, weil sie in meiner Gruppe vertreten wird. Ansichten, die nicht in meiner Gruppe vertreten werden, sind falsch, weil sie nicht in meiner Gruppe vertreten werden. Und Menschen, die Sympathien für Gruppen haben, die ich nicht mag, mag ich nicht, da ihre Ansichten ohnehin falsch sind.

Wir alle sind NPCs – insbesondere diejenigen, die behaupten, keine zu sein. Wir alle Stecken in einer Matrix, glauben aber die berühmte rote Pille geschluckt zu haben, also diejenigen zu sein, die die Matrix durchschauen. Hier liegt das eigentliche Problem. Denn wenn jeder den jeweils anderen für einen NPC hält, wird Kommunikation zur Simulation ihrer selbst. Die Folge ist soziale Fragmentierung.

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa, 27. Oktober 2018 - 11:27

unabhängig sein wollen?
Weil wir dieses Moment des Freiseins/selbständig Seins bei UNSerer Zeugung spüren.
Ab dem Zeitpunkt beginnt eine neue Welt im Ausklingen der alten.
Gesellschaftlichkeit macht aus uns noch keine NPCs.
Gott an den Anfang gesetzt, wären wir dann automatisch von diesem verlassen, "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen"?
Doch nur, wenn wir annähmen, dass Gott nicht ebenfalls "wieder"geboren wird.
Entsprechend groß war das Entsetzen über den Tod des Gottessohnes am Kreuz, zumal in früheren Zeiten.
Die Matrix wirkt nur dann bedrohlich, wenn wir glauben, sie unabhängig von uns betrachten zu können.
Auf so eine Idee käme ein Gott nicht. Der würde eher sagen, ich bin diese Matrix, als rote Pillen schlucken zu müssen, mit dem Resultat, seine Umwelt nicht mehr als sinnstiftenden "Funktionszusammenhang" sehen zu können.
Evtl. verselbständigt sich bei Manchen die Realität des Computers gegenüber der Realität?
Gleichwohl ist auch der PC uns ein Innen

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa, 27. Oktober 2018 - 11:46

Man könnte als Matrix doch auch bezeichnen, was uns als Lebende möglich macht und erhält?
Prof. Lesch fragt, was ist die Gravitation, ein kleiner Nachkomme fragte einmal, wieso fallen die Planeten etc. nicht alle runter, was hält sie.
Das finde ich immer noch sinniger als wenn Lebewesen, die sich ohne ihre Raumschiffe nicht von Punkt A nach B bewegen können, aufbegehren und fallen gelassen werden wollen, mithin eigentlich nur ihre eigene kleine Matrix wollen.
Dieses Aufbegehren kleiner Gruppen gegen gesellschaftliche Zusammenhänge ist nicht neu und sollte mit einer möglichst direkten Demokratie beantwortet werden.
Rote Pillen schlucken zu müssen, wer bin ich denn?
Meine "Vorbehalte" Ärzten gegenüber resultieren einzig aus meinem Ärger darüber, dass ich sie brauche:)
Ich stelle mir eine lebendige Matrix gewissermassen fähig zur Selbstheilung vor, überhaupt fähig.
Ich kann mich darüber ärgern, dass ich vieles nicht schaffe, das Leben halte ich aber für im Prinzip vollkommen.

Christa Wallau | Sa, 27. Oktober 2018 - 12:39

Bei jüngeren Menschen (Schülern/ Studenten) scheint mir diese Spezies sehr verbreitet zu sein.
Ich habe den Eindruck, daß viele von ihnen tatsächlich keinen inneren Monolog führen, sondern freudig Meinungen von sich geben, die ihnen einprogrammiert wurden. Da die überwältigende Mehrheit der Gruppierungen, zu denen sie gehören(wollen), die gleichen Meinungen von sich geben, ist ihr Wohlgefühl gesichert.
Diese jungen Leute dünken sich unabhängig (geistig autonom) und sind es mitnichten.

Es ist keineswegs die Logik, welche bei der Schlagkraft von Argumenten für sie eine wichtige Rolle spielt, sondern die NPCs entscheiden nach der puren Häufigkeit der Aussagen innerhalb ihrer
"Spielgruppe".
Was gilt, das haben die Spielemacher v o r h e r
längst entschieden. Man braucht sich nur noch an die Regeln zu halten - dann läuft das Spiel wie
geschmiert.

Gisela Fimiani | Sa, 27. Oktober 2018 - 12:47

Gestern lauschte im Deutschlandfunk der Sendung „medial res“. Alle Anrufer lobten den Sender. Wenn man sich wirklich gut und vielseitig informiert fühlen wolle, sei man hier hervorragend aufgehoben, so die Begründung. WHY? Antwort : Den Privaten sei nicht zu trauen. WHY? Weil der Staatsfunk das Beste ist, so meine Vermutung. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Der Bürger vertraue seinem Staat......anderenfalls gerät die Welt womöglich aus den Fugen. Hegel nicht Kant...

Erika Rojas | Sa, 27. Oktober 2018 - 13:26

Am kritischsten ist es allerdings für diejenigen, die in gar kein Raster passen, also die vegetarisch essen und gegen Multikulti sind, die der Atomkraft kritisch gegenüberstehen, aber gegen unkontrollierte Einwanderung sind. Müssen die dann cheaten, also so tun also ob, je nachdem, in welcher Gruppe sie sich gerade bewegen, oder landen sie am Ende gar in der Psychiatrie.

Peter Heins | Sa, 27. Oktober 2018 - 14:18

Das ganze geht ja sehr in die Richtung, woran Frank Schirrmacher seine letzten Lebensjahre gearbeitet hat. Unser Bewusstsein wird immer mehr von Algorithmen gesteuert, durch Gamifikation werden banale Beeinflussungen zu einem schönen, erlebbaren Spiel. Ich stimme dem zu, dass wir alle Teil dieser Beeinflussumg sind und auch der Kommunikationsstil änderte sich in die Richtung, dass wir oft meinen, andere "zu ihrem Vorteil" beeinflussen zu müssen. Es ist kaum möglich, dem zu entrinnen, außer man wird sich nach und nach der eigenen Beeinflussbarkeit und Manipulationen bewusst. Das reflexhafte Austeilen gegen Trump ist ja zu einem Ausdruck des aufgeklärten Individualisten geworden. Egal ob man Medien konsumiert oder auf eine Fachkonferenz geht, überall wird gegen Trump ausgeteilt. Und gerade dieser kollektive Reflex ist wohl ein Ausdruck, wie simple Stammestriebe uns beherrschen.

H. Joachim Luig | Sa, 27. Oktober 2018 - 14:35

Seit einigen Jahren propelle ich in meinen Sudelbüchern um diese Einsicht herum.
So treffend wie in in der Grauzone formuliert ist es mir bisher leider nicht gelungen.
Von "Pepe the Frog" hätte ich gern früher erfahren
Es nun mal ausgesprochen schwierig, einen Zeitgenossen zu finden, bei dem sich Lebenseinstellung, Selbsteinschätzung und Lebenslüge inhaltlich nicht decken. Mögliche Therapie: Man mache den Lieblingsbären, den man sich von sich selbst aufbindet, zu seinem Therapeuten und stelle fest: Staunen ist doch noch möglich.

Paul J. Meier | Sa, 27. Oktober 2018 - 14:43

Genau diese merkwürdigen Korrelationen sind es, die ein vernünftiges Kommunizieren verhindern. Frau Wagenknecht hat eine Torte abbekommen und Boris Palmer Hassmails aus den eigenen Reihen, nur weil man, obwohl durchaus im Kontext der eigenen Gruppe stehend, in einer expliziten Frage, aus der Vernunft heraus, eine gegenläufige Meinung artikuliert hat.

Die Frage der Wertefreiheit ist altbekannt, z.B. Humes Gesetz: https://de.wikipedia.org/wiki/Humes_Gesetz

Max Weber hat das einmal so ausgedrückt:
"Eine empirische Wissenschaft vermag niemanden zu lehren, was er soll, sondern nur was er kann und -unter Umständen- was er will!"

Wer sich in einer Metaethik wähnt oder um mit ihnen zu sein, einer Hypermoral, darf eben auch nicht mit Techniken wie z.B. Mathiness arbeiten, genau das führt zu sozialer Fragmentierung. Offene Türen einrennen und wohlwissend, skeptisch-schlafende Hunde wecken. Wertfreier Respekt ist das was fehlt und wer könnte hier behaupten optimistisch sein zu können?

Markus Michaelis | Sa, 27. Oktober 2018 - 14:47

Das eine ist die soziale Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Wäre es nur das, würde man sich im Bewusstsein der Relativität für eine Meinung entscheiden, weil das Gruppenkonform ist. Darüber hinaus ist es aber ein Weltbild, ein inneres Koordinatensystem, das jeder Mensch hat und braucht. Solange ich fest in viele Säulen eingebunden bin (Familie, Arbeit, Gesellschaft, Freunde), die mein Weltbild tragen, fühle ich mich frei, stimmig, offen für alles. Wackeln zuviele Säulen, wackelt irgendwann das Selbst.

Ein Teil (nicht alles) der verfahrenen Diskussionen kommt daher, dass manche Menschen in ihrem Umfeld noch fest in ihre Säulen eingebunden sind und noch von der Absolutheit ihres Weltbildes ausgehen, während bei anderen ein paar Säulen ins Wanken geraten sind.

Romuald Veselic | Sa, 27. Oktober 2018 - 17:05

dass sich Gleichgesinnte zusammen tun, egal um welches Interessenfeld sich handelt. Dem folgendes Tun ist entscheidend. Die schlimmsten davon sind die Romantiker, Idealisten, Fantasten und Polit-/Klerikalfanatiker. Wobei die Veganer/Vegetarier sowie Genderbekenner, sich per se als bessere Menschen betrachten, im Verhältnis zu den ungezügelten, vulgären, fleischessenden Heteros, indem der Mann wesensbedingt schlimmer/böser ist, als die Frau.
Man darf allerdings nicht vergessen, dass der Gröfaz ebenso ein Vegetarier, Tierliebhaber, nicht rauchender Antialkoholiker und Asexueller war. In einer Person!
Ein Faktum, dass nie angesprochen wird, um es als Argument zu verwenden.

Ellen Wolff | Sa, 27. Oktober 2018 - 18:21

Es gibt sie, Menschen, die sich keiner Gruppe, Partei, Ideologie, Religion usw. unterordnen. Es sind Menschen die Freier aber auch einsamer als die anderen sind. Sie ecken in den meisten Gruppen recht schnell an, weil sie Nicht bereit sind sich übermäßig anzupassen oder zu verbiegen. Und sind Sie nicht auch so ein unangepasster Freigeist? ;)

Michael J. Glück | Sa, 27. Oktober 2018 - 20:04

sehr interessanter Bericht, Herr Grau. Doch was wird so aus der schönen Erkenntnis "cogito, ergo sum" von Rene Descartes? Bleibt uns dann nur noch ein "ich werde gedacht..." und der Trost, dass wir es uns leisten können, denken zu lassen?
Beste Grüße! Michael Glück

Stefan Leikert | Sa, 27. Oktober 2018 - 22:05

Da endet der Artikel abrupt. Warum? Nicht mal ein link zum weiterlesen...sollen wir uns damit abfinden?
Hier könnte man zum Beispiel weitermachen: ARD und ZDF bei der AFD in Dresden