Kevin Spacey
Kevin Spacey: Über die Personen, die er darstellt, wissen wir alles, über ihn selbst nicht viel / picture alliance

Fall Kevin Spacey - Guter Künstler, böser Mensch?

Kevin Spacey soll Mitarbeiter sexuell belästigt haben. Ein Sender stellte die Zusammenarbeit mit dem Schauspieler ein, aus einem Film wird er herausgeschnitten. Dabei waren viele große Künstler keine Sympathen, einige sogar kriminell. Haben wir verlernt, zwischen Werk und Person zu trennen?

Manuel Scheidegger

Autoreninfo

Manuel Scheidegger studierte Philosophie und Szenische Künste in Berlin und Hildesheim. Er arbeitete u.a. in der Werbung, am Theater und war Co-Gründer eines Startups für digital storytelling. Mit seinem Unternehmen Argumented Reality inszeniert und moderiert er zu aktuellen Themen wie Artificial Intelligence, Zukünfte, Neue Arbeit, Nachhaltigkeit oder Diversity Events und Workshops für Unternehmen, Organisationen und die Öffentlichkeit.

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„Eigentlich dreht sich alles nur um Sex. Außer Sex. Sex dreht sich um Macht.“ Diese Worte kamen vor nicht allzu langer Zeit ausgerechnet aus Kevin Spaceys Mund. Nach den gravierenden Vorwürfen sexuellen Missbrauchs und sexueller Belästigung, die vergangene Woche gegen ihn publik wurden, klingen sie wie Hohn. Es scheint, als ob sich hier ein Mann seiner Position und deren Unantastbarkeit so sicher war, dass er sich die Anmaßung erlaubte, vor den Augen der Öffentlichkeit über seine perversen Neigungen zu sprechen. Dem ist auch so. Nur dass es sich bei diesem Mann nicht um Kevin Spacey handelte, sondern um den von ihm dargestellten Frank Underwood.

Verlorene Trennschärfe zwischen Figur und Werk

Die Serie „House of Cards“ erzählt die Geschichte von Underwoods Aufstieg als Politiker, der ihn über zahlreiche echte und sprichwörtliche Leichen bis ins Oval Office führt. Die Figur von Frank Underwood ist der personifizierte Ekel, eine der bösartigsten, zugleich faszinierendsten Versionen des Willens zur Macht, die die Kunstgeschichte bisher gesehen hat. Zweifellos heißt dies aber: Frank Underwood und seine Gattin Claire, die ihm in diabolischer Kühle und machtpolitischer Raffinesse in nichts nachsteht, sind Kunstfiguren, Fiktionen, sie entstammen der Feder und der Fantasie von Drehbuchschreibern. Spacey und Underwood hatten bisher so viel miteinander zu tun wie jeder andere Künstler mit seinem Werk: Goethe ist nicht Faust, Pablo Picassos Gesichtszüge sind nicht kubistisch, Quentin Tarantino hat nie ein Blutbad angerichtet und Elfriede Jelinek spricht kaum in vertrackten Sprachkollagen, wenn sie Brötchen holt.

Nun ist alles anders. Seit Ende Oktober überschlagen sich die Nachrichten über Kevin Spaceys übergriffiges, moralisch verwerfliches und womöglich gesetzeswidriges Verhalten gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Mitarbeitern, Kollegen und Bekannten. Wie in jedem Rechtsfall herrscht die Unschuldsvermutung und jede Vorverurteilung wäre fehl am Platz. Gleichwohl gilt es, auch die mutmaßlichen Opfer ernst zu nehmen, deren schiere Zahl die Glaubwürdigkeit ihrer Vorwürfe untermauert. Es sieht so aus, als hätte der Unterschied zwischen Kevin Spacey und Frank Underwood an Trennschärfe verloren. Wir sehen das Bild eines despotischen, übergriffigen und möglicherweise straffälligen Egomanen vor uns, und meinen damit nicht länger nur Frank Underwood. Wie sollen wir mit diesem Zusammenfall von Werk und Person umgehen?

Uns gruselt vor so viel anrüchigen Parallelen. Heißt es nicht zu Beginn von Filmen und Serien stets: Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig? Als ob es keine sexgeilen, gierigen und machtbesessenen Menschen gäbe und nie ein schwerreicher, sexistischer und narzisstisch gestörter Mann Herr des Weißen Hauses werden könnte. War die Wahl Trumps für die Macher der Serie Ansporn, ihre scharfsinniges Politdrama noch weiter auf die Spitze zu treiben, scheint der Fall Spacey Netflix Anlass zu sein, die Figur Frank Underwood zu streichen, womöglich sogar die Serie vorzeitig zu beschließen. Aus dem Film „Alles Geld der Welt“, der im kommenden Monat in den US-amerikanischen Kinos anläuft, wurde die von Spacey verkörperte Figur komplett herausgeschnitten. Diese Schnitte sind radikal. Ein gutes Werk wird zerstört, weil es von einem bösen Menschen gemacht wurde. Ist diese Maßnahme gerechtfertigt und sollten wir, wie derzeit vielfach in Feuilletons und Leserforen gefordert wird, nicht mehr ansehen, was Bill Cosby, Dustin Hoffmann, Roman Polanski, Klaus Kinski, Harvey Weinstein und eine nicht bekannte Dunkelziffer gedreht und produziert haben?

Der entscheidende Unterschied

Die Geschichte der Kunst ist voll von mehr oder weniger prominenten Künstlern, die kriminell waren. Das Buch „Schlimme Finger“ von Gudrun Schury und Rolf-Bernhard Essig nennt zahlreiche Beispiele: François Villon rühmte sich seiner Verbrechen; Karl May wurde wegen Betrugs, Diebstahl und Hochstapelei verurteilt; Norio Nagayama war ein Mörder, aber auch ein in Japan bekannter Bestsellerautor. Erinnern wir uns zuletzt an Otto Mühl, einen der prägenden Köpfe des Wiener Aktionismus. Obwohl er wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt worden war, wurden ihm auch nach seiner Haftentlassung mehrere größere Werkschauen zuteil. Jedes Mal gab es Proteste, genauso wie sie jetzt die Werkschau Roman Polanskis in Paris begleiten. Es wird zu recht darüber gestritten, wie man mit den unheilvollen Allianzen von Kriminalität und Kunst umgehen soll. Stets gab es Fälle, in denen Kunstwerke selbst kriminalisiert wurden. Das Folkwang Museum in Essen hat 2014 eine Balthus-Ausstellung gestoppt, als eine heftige Diskussion darüber entbrannt war, ob bestimmte seiner Bilder nicht als kinderpornographisch anzusehen seien. Aber um solche Fälle geht es hier nicht. Wir sprechen vom Moralbruch und möglichen Gesetzesverstoß eines Künstlers, nicht seines Werks. Genau dieser Unterschied ist es, den die Verfechter denn auch betonen, wenn sie weiter für die Werke eintreten.

Auch die Kunstphilosophie beharrt auf der Relevanz dieses Unterschieds: Kunstwerke werden zwar von Menschen geschaffen, und es kann gut sein, dass ein Künstler in einem Werk bestimmte Ideen darstellen oder Gefühle ausdrücken möchte. Im schlimmsten Fall gelingt ihm dabei aber nichts weiter als eine subjektive Äußerung: Statt Poesie entsteht ein Pamphlet, statt eines Romans ein Therapietagebuch. Sofern ein Kunstwerk gelingt, hängt dieses Gelingen allein davon ab, ob in seiner Gestalt, den in ihr verarbeiteten Bezügen und Diskursen (zu denen Aspekte des Künstlerlebens gehören können) etwas hergestellt wird, was andere der Auseinandersetzung wert finden. Diese Unabhängigkeit der Gestaltung von den Absichten der Künstler macht es überhaupt möglich, dass wir Werke auch lange nach deren Ableben interessant finden, dass wir sie (anders als ihre Schöpfer) interpretieren können und dass wir nicht davon ausgehen, dass alles, was das Werk von sich gibt, die Meinung des Künstlers wiederspiegelt. Goethe war eben nicht „der Geist, der stets verneint“, sondern der Autor eines Buchs, in dem Figuren mitunter teuflische Dinge tun.

Was, wenn böse Menschen Gutes vollbringen?

Warum sollten wir also nicht Werke für sich stehen lassen, genauso wie wir Kinder nicht aufgrund ihrer Eltern verurteilen? Gewiss sollten wir die Frage stellen, ob man einem Künstler wie Otto Mühl eine Werkschau zugestehen soll. Aber diese Frage hat mehr mit unserem gesellschaftlichen Umgang mit dem Bürger Otto Mühl zu tun, als mit der Frage nach der Qualität seiner Werke. Sie ist zweifellos nicht einfach zu beantworten. Man kann ihre philosophische Schwere illustrieren, wenn man sie in einem Vergleich zuspitzt: Was wäre, wenn eine kriminelle und abgrundtief böse Wissenschaftlerin ein Medikament gegen Krebs entwickeln könnte? Würden wir sie nicht daran arbeiten lassen? Wie wir auch antworten: Wesentlich ist, dass dieses Szenario keinen Zusammenhang zwischen der Bösartigkeit der Wissenschaftlerin und dem Medikament herstellt. Genau das sind wir aber geneigt bei Kevin Spacey zu tun.

Wir haben das Gefühl, betrogen worden zu sein. So als hätte sich herausgestellt, dass nicht Goethe, sondern Mephisto den Faust geschrieben hätte. War alles denn gar keine Kunst, sondern nur ein Offenbarungseid darüber, nicht wer Frank Underwood, sondern wer Kevin Spacey ist? Im Rahmen der Debatten um die Relevanz von Kunst im Angesicht krimineller Urheber wiegt die Schauspielerei besonders schwer. Das hat mit einer uralten Frage zu tun: Inwiefern muss ein Schauspieler das, was er spielt, selbst erlebt haben? Wie viel echte Gefühle muss er investieren, um andere Figuren darzustellen? Theoretische Schriften um Schauspielerei debattieren darüber seit Jahrhunderten: Verfechter der „heißen“ Schauspielkunst gehen davon aus, dass echte Gefühle im Spiel sein müssen. Ihre Opponenten betonen im Namen „kalter“ Schauspielkunst, dass es primär um die rationale Distanz zum eigenen Körper geht, der als Instrument bestmöglich in Szene gesetzt werden muss. Kevin Spacey offenbart sich als schauspielerisches Rätsel: Ist er denn nun ein heißer Schauspieler, der in House of Cards ganz zu sich selbst findet, oder ein kalter Darsteller, der uns jahrelang getäuscht hat, wer er eigentlich ist: kein virtuoser Darsteller, sondern ein Sexverbrecher?

Spielen wir alle nur Theater?

Wie keine andere Kunst steht Schauspielerei für eine unauflösliche Verbindung von Realität und Fiktion. Spielen wir alle Theater, wie der Soziologe Erving Goffman gesagt hat? Wie unterscheiden wir den perfekten Hochstapler, der sich als Arzt ausgibt, von einem echten Arzt, wenn beide ihre Kunst perfekt beherrschen? Das Problem der Schauspielerei ist, dass sie im „Material der eigenen Existenz“ stattfindet, wie der Anthropologe Helmuth Plessner schrieb. Ein Schauspieler investiert sich selbst – mit Haut und Haar. Misslingt sein Werk „(streift) die Verachtung immer zugleich die Person“, wie schon 1785 Johann Jakob Engel beklagte. Und das scheint eben auch umgekehrt der Fall: Misslingt sein Leben, streift die Verachtung seiner Person unweigerlich auch das Werk. Wer heute den fiktiven Gynäkologen Cliff Huxtable in der Cosby Show sieht, wird daran denken, dass zahlreiche Frauen den Darsteller Bill Cosby sexueller Übergriffe bezichtigt haben. Die sinnbildliche Unschuld des freundlichen, liebenswerten Huxtable bricht sich am schlechten Image ihres Darstellers. Wer diese Ambivalenz nicht sieht, gehört zu denen, die glauben, dass etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen tatsächlich Zufall seien. Nein. Sie sind der Stoff, aus dem Filme und Serien gemacht werden. Keine Grenze zwischen Kunst und Leben ist fragiler als diejenige der Schauspielkunst.

Gleichwohl bleibt eine Grenze. Nehmen wir einmal an, Kevin Spacey sei das Ekel, das Frank Underwood in der Fiktion der Autoren ist. Selbst dann wäre Spacey immer noch ein begnadeter Darsteller, der sich darauf versteht, das Ekelhafte in Szene zu setzen. Es ist eine Sache, privat ein mieser Charakter zu sein, eine ganz andere aber, zum begnadeten Charakterdarsteller zu reifen. Man braucht höchste Virtuosität, um seine Stimme auf einem Set vor Kälte klirren zu lassen und seinen Blick so zu führen, dass für uns der Eindruck entsteht, zwei gefühlslose Augen schauen uns an, obwohl es nur Pixel auf einem Bildschirm sind.

Die Entscheidung von Netflix ist falsch

Was wissen wir denn über Kevin Spacey? Eigentlich wenig. Wir haben davon Notiz genommen, dass er bestimmte Taten begangen haben soll. Aber wir wissen nichts über seine Person, seine Beweg- und Hintergründe. Genau das ist anders bei Frank Underwood: Eine Figur ist so angelegt, dass wir sie bis ins Detail interpretieren können. Wir kennen sie oft besser als uns selbst, schrieb der Drehbuchexperte Robert McKee. Underwood ist ein Psychogramm der Bösartigkeit. Das Bild eines Psychopathen ohne Gewissen. Auf keinen Fall dürfen wir aber von Underwood wieder auf Spacey rückschließen und Bild mit Wirklichkeit verwechseln. Deren Unterschied besteht nicht in den Handlungen, die wir beiden zuschreiben. Er besteht darin, dass Kevin Spacey ein Mensch ist. Einem Menschen müssen wir unbedingt zugestehen, dass er sich verändern kann. Frank Underwood aber wird immer das Scheusal bleiben, das er ist – und gerade darum in die Filmgeschichte eingehen. Kevin Spacey hingegen soll für seine Taten gerade stehen; wenn er straffällig geworden sein sollte, auch juristisch. Das heißt aber auch: Er muss sich bessern können.

Nur allzu schnell überlagern sich in dieser Debatte das Bild Frank Underwoods mit dem Image des Starschauspielers und beide wiederum mit der Person Kevin Spacey. Netflix hat ebenso schnell reagiert. Aber falsch: Mit der Entlassung Spaceys übernimmt der Filmdienst nicht Verantwortung; er rettet bloß das eigene Image. Netflix, groß geworden im Netz, fürchtet die Wut der Sozialen Medien. Besser hätte es den Fall aber da geklärt, wo er zu klären ist: im Medium des Sozialen, mit den Leuten, die es betrifft, konkret und privat. Das will nicht heißen, dass die öffentliche Auseinandersetzung mit Spacey und all den anderen Prominenten schlecht war. Im Gegenteil: Sie regt sie eine wichtige Debatte an. Von den grellen Scheinwerfern der Medienwelt richtet sie hoffentlich auch Licht auf den Alltag anderer Menschen, die in einem Klima des Sexismus und allzu oft der sexuellen Gewalt leben müssen.

Das Zitat zu Beginn dieses Texts stammt übrigens von Oscar Wilde. Er wurde seiner Zeit wegen Homosexualität zu Zuchthaus verurteilt und als Autor geächtet. Auch Spacey hat sich im Zuge der Vorwürfe zu seiner Homosexualität bekannt. Es scheint allerdings, als vetrsuche er mit seinem Coming Out, sich der drohenden gesellschaftlichen Ächtung gerade zu entziehen. Als ob sein Image als homosexueller Filmstar noch einmal das böse Bild überblenden könnte, das die Enthüllungen von ihm zeichnen. Eine unschöne Instrumentalisierung der LGBT-Bewegung. Sie wird in Erinnerung bleiben. Geächtet werden muss deswegen trotzdem kein Film von Spacey. Auch braucht es kein Arbeitsverbot oder überstürzte Filmschnitte. Kevin Spacey soll weiter Bösewichte spielen und Frank Underwood bitte nie in Therapie gehen. Die größte Strafe für Spacey wird es sein, dass viele nun nicht mehr recht glauben mögen, dass er ein großer Verwandlungskünstler ist. Das mag für ihn bedauerlich sein. Sein Werk wird deswegen nicht schlechter.

Robert Müller | Fr, 10. November 2017 - 10:04

Ich glaube so schwierig ist das gar nicht. Wenn ein Künstler sich etwas zu Schulde kommen lässt, wird er deshalb vor Gericht gestellt. Das Spacey seine Rolle verliert, ist dagegen keine Strafe, sondern dürfte so gehandhabt werden, um das wirtschaftliche und rechtliche Risiko für das eigene Unternehmen zu reduzieren. Übrigens, weitere Schauspieler wurden auch schon beschuldigt. Es scheint, Hollywood ist ein rechtes Sündenbabel.

Dimitri Gales | Sa, 11. November 2017 - 15:57

In reply to by Robert Müller

ist ein Sündenbabel. Das gibt es in Europa auch, und zwar nicht zu knapp!

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr, 10. November 2017 - 11:05

auch hergeleitete spielen, wie z.B. Heath Ledger in Batman gehen leicht daran kaputt.
Rollen, die zu nah an der eigenen Persönlichkeit siedeln, können auf die eigene übergreifen.
Deshalb habe ich großen Respekt vor der Schauspielkunst.
Vom Faust wäre aber zu melden, dass er während der NS-Zeit so gespielt wurde als hätte Mephisto ihn geschrieben, innerhalb katastrophaler Begleitumstände.
Ich kann an "Pulp Fiction" nichts witzig finden und zähle mich nicht zu den Tarantinofans.
Tom Cruise habe ich ganz aus meinem Sehen genommen.
Alice im Wunderland sehe ich ganz gewiss nicht mehr als "hübsche Geschichte".
Villon würde ich nie als Vorbild lesen, wie es gerade Biermann m.E. zu stark tat, sondern als Scheiternden, der damit aber den Blick freigibt auf die Gesellschaft.
Kevin Spacey scheint ein beeindruckender Schauspieler, eine starke, reife - evtl. durch schwere Kindheit? - Persönlichkeit, deren Ambitionen auf andere evtl. schnell! zu Zumutungen werden können.
Es braucht Zeit

Hans-Hasso Stamer | Fr, 10. November 2017 - 11:48

...dem ich nur voll zustimmen kann. Auch ich halte die Entscheidung von Netflix für falsch.

Ich würde allerdings den Fokus noch ein wenig anders setzen: je mehr man an die Spitze kommt, umso einsamer wird es, und umso mehr Feinde sammeln sich an. Künstler sind per se emotionale Menschen, da sind auch die Feindschaften nicht unbedingt weniger gnadenlos als im echten Leben. Und Jedes gesellschaftliche Element und jede gesellschaftliche Erscheinung wird auch als Waffe mißbraucht. Insofern bin ich gegen eine vorschnelle Verurteilung.

Kevin Spacey ist ein absoluter Großverdiener, während nicht weniger bessere Schauspieler in Hollywood um ihre Existenz kämpfen müssen.

In diesem Klima geht zu allererst die Wahrheit unter. Wir wissen eigentlich nichts, außer daß gerade die McCarthy-Ära wieder aufersteht. Ich glaube, dass die Vielzahl der Vorwürfe nicht unbedingt ein Zeichen für deren Wahrheitsgehalt ist, sondern nur zeigt, wie viel Feindschaft und Haß in diesem Klima gedeiht.

Peter Huber | Fr, 10. November 2017 - 12:04

Ich frage mich warum sie jetzt, mit Verlaub, aus allen Löchern gekrochen kommen. Mir kommt das eher so vor, als wäre es Vorbereitung einer zu einer weiteren "unauffälligen" Attacke gegen Trump - auf kleinen Umwegen. Er ist ja stark vorbelastet.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr, 10. November 2017 - 12:42

In reply to by Peter Huber

Ein Merkmal niederer Motivationen ist evtl., dass man diese Vorwürfe nie auf sich selbst zurückbezieht.
Ich halte Ihre Überlegung für möglich, aber ob evtl. niedere Motivationen ausschlaggebend für die Verbiegung des höchsten Amtes in den USA selbst bei einem umstrittenen Präsident ausschlaggebend sein werden?
Die Angreifer riskieren einen Bürgerkrieg.
Ich würde zudem unterscheiden zwischen sexueller Belästigung und Nötigung.
Menschen, die nur autoerotisch orientiert sind, haben da eher gute Karten...
Müssen wir bei Kevin Spacey mit Opfern rechnen oder mit evtl. zurecht Verärgerten ob der Belästigung?
Bei Kennedy hat sich wohl niemand beschwert, Marilyn Monroe wurde woanders Opfer.
Jemand soll Spacey als "sexuelles Raubtier" bezeichnet haben, wir erinnern uns an Vorwürfe gegen DSK.
Die Wortwahl beinhaltet, dass man sich nur schwer wehren kann und die Person sich nicht im Griff habe.
Eine Sexual-Therapie machten doch mehrere Personen des öffentlichen Lebens (schweres Pflaster)

Liebe Frau Dorothee Sehrt-Irrek, ich bin extrem mißtrauisch wenn solche "alten" Suppen plötzlich wieder aufgekocht werden. Meist soll von etwas wichtigerem abgelenkt werden oder man bereitet verdeckt etwas vor. Dafür gibt es genügend Beispiele.

Karl Kuhn | Fr, 10. November 2017 - 13:17

Und dann spielt so einer dann vor allem Unsympathen. Spacey sogar den Ultra-Unsympathen schlechthin. Ich glaube, dass der Umstand, dass das Publikum ihn mit einem Ekel identifiziert, einer gnädigeren Aufnahme seiner Verfehlungen massiv im Wege steht. Oder hätte man sich über Ben Kingsley ('Ghandi') genauso echauffiert?

Enrico Stiller | Fr, 10. November 2017 - 13:33

infantilisiert ist. Sie weigert sich, Kindern gleich, das Leben zu sehen, wie es ein Erwachsener normalerweise zu sehen gelernt hat: Überall gut und böse vermischt, gebrochene Charaktere, schwarz und weiss. Es gibt für sie nur Gutmenschen - sie selbst - und die Pfui-Anderen, die unterm Teppich zu verschwinden haben. Lord Acton, der grosse Historiker, meinte, "almost all great men are bad men". Friedrich der Grosse hetzte Trenck Mörder auf den Hals, Napoleon überliess in Palästina seine eigenen kranken Soldaten dem Feind, liess einen Adligen, den er des Komplotts verdächtigte, aus Deutschland entführen und füsilieren, Alexander der Grosse... Man muss als Erwachsener Widersprüche aushalten können. Unsere Elite kann es nicht. Es sind überwiegend autoritäre, ja sogar pseudo-religiöse Charaktere, die da unser öffentliches Leben bestimmen. Erich Fromm würde heute seine Arbeit aus den 30iger Jahren entsprechend ergänzen.

Danke, lieber Herr Stiller, für diesen guten Beitrag zum Thema
"Moralische Empörung".
Es sind "überwiegend autoritäre, ja sogar pseudo-religiöse Charaktere, die da unser öffentliches Leben bestimmen", schreiben Sie.
Absolut richtig!

Man braucht sich nur bei den Grünen umzuschauen, um diese Aussage sofort verifizieren zu können. Aber auch in den anderen Parteien und in den Medien
tummeln sich jede Menge Leute, die niemals in dem Sinne erwachsen geworden sind, daß sie auf Grund von Lebenserfahrung und Beschäftigung mit Literatur und Geschichte erkannten, wie komplex die menschliche Natur ist und daß es fast nie ein Weiß ohne ein Schwarz gibt.

Was kann nur man dagegen machen?

Die Infantilisierung betrifft ja nicht nur die Eliten, aber diese haben naturgemäß den größten gesellschaftlichen Einfluß. Ich erinnere mich, wie in den neunziger Jahren plötzlich die Jugendkultur immer infantiler wurde: Die Ausdrucksweise verfiel teilweise in eine Gaga – Sprache, die Hosen der Jungs ähnelten denen von Kindergartenkindern. Insgesamt drängte sich der Eindruck auf, als wollte da eine Generation nicht erwachsen werden und in der oralen Phase verharren.

Diese Generation kommt jetzt, 20 - 25 später, in die Machtpositionen der Gesellschaft, das ist überall zu spüren. Das eindimensionale Menschenbild, so wie es jeder Actionfilm mit gut und böse zelebriert, scheint diese Generation tatsächlich ernst zu nehmen. Und der gute Held darf sich auch unsauberer Mittel bedienen, wenn es nur gegen den korrekten Bösewicht geht.

Die political correctness scheint mir unter anderem genau ein Ausdruck dieser Infantilisierung zu sein, genauso wie Ausgrenzungswut und Intoleranz.

Man kann den Leuten - oder besser, denen, die von ihnen verführt und gegängelt werden - das Lächerliche dieser Weltsicht vor Augen führen. Lachen ist nicht nur körperlich gesund. Für einige, die sich für moralische Autoritäten halten, allerdings umgekehrt sogar gefährlich. Umberto Ecos "Der Name der Rose" zeigt dies sehr plastisch in der Angst des alten christlichen Dogmatikers vor einem (fiktiven) Buch von Aristoteles über das Lachen. Lachen lässt die Luft aus lächerlichen Laffen.

Lucas Schult | Fr, 10. November 2017 - 13:36

Hollywood stellt sich selbst als moralisch überlegen dar und gibt uns ständig Verhaltensregeln vor. Da sie das aber selbst nicht einhalten können, kann ich mir die Filme nicht mehr ansehen, wenn ich weiß, dass er ein widerwertiger Heuchler ist. Hollywood war gegen Trump sehr aktiv, nun fällt ihnen das auf die Füße. Das ist für mich Unterhaltung/Kunst genug. Eine Redemption-Storry im echten Leben, statt nur im Film. ERSTKLASSIGE Leistung, Hollywood, großes Kino.

Ich empfinde ähnlich, finde es trotzdem schade. Die Zensur gibt’s im übrigen nicht nur in Hollywood. Die hiesigen Inquisitoren sind gerade dabei, Hand an alte deutsche Märchen zu legen. Hexen und Teufel sollen verbannt werden, weil sie irgendwelche politisch korrekte Gefühle verletzen. Und in Schweden soll Pippi Langstrumpf wegen eines „ Negerkönigs“ verschwinden. Ich werde mir in den nächsten Tagen die DVD meiner liebsten Märchenfilme kaufen. Ehe die von durchgeknallten Rettern unseres Seelenheils verstümmelt werden oder ganz vom Markt verschwinden.

hängt nicht davon ab, ob die Akteure gute Menschen sind.
Trumps Gerede wurde doch nur noch einmal vom wahren Leben bestätigt. Er hat gesagt wie es ist, was man sich als Star erlauben kann. Die moralische Elite hat aufgeheult während sie Weinstein & Co. gewähren ließ und selber....na ja ......

Peter Krämer | Fr, 10. November 2017 - 14:01

wir scheinen wirklich wenig Sorgen zu haben, wenn solch eine Gechichte diese Dimension annimmt.
Ich werde mir übrigens noch schnell ein paar filmische Meisterwerke eines der grössten Schauspieler und Komiker kaufen,
bevor dieser aus seinen Filmen entfernt wird.
Auch den Louvre werde ich bald besuchen, wer weiß, wie lange einige Kunstwerke da noch zu sehen sein werden.

Rolf Pohl | Fr, 10. November 2017 - 14:41

Doll, dass er soll. Hat er auch?

Schön wär`s, wenn sich jeder zunächst nur an belegte Sachverhalte hielte.

Soll er auch noch kleine Kinder gefressen haben? Keine Ahnung ob er hat.

Rudi Ehm | Fr, 10. November 2017 - 15:00

Bei meiner kleinen Firma, werde ich den Frauenanteil mittelfristig senken und was ich jetzt schon mache ist, dass bei Personalgesprächen mit Frauen, immer meine eigene Frau mit dabei ist. Und während des normalen Tagesablaufes versuche ich zu verhindern mit einer Frau allein etwas zu besprechen. Privates ist sowieso tabu. Hört sich schrecklich an, aber ist wohl besser für alle.

Rolf Pohl | Fr, 10. November 2017 - 17:13

In reply to by Rudi Ehm

Noch besser wär`s, "kurzfristig senken".
Vor allem, niemals allein mit einer unbekannten Frau, z.B. den Fahrstuhl nutzen Herr Ehm.
Es sei denn, "Sie" halten kurzfristig einen unterschriftsreifen, schriftlichen Beförderungsvertrag vor.
;-)

Katharina Liedtke | Fr, 10. November 2017 - 17:51

In reply to by Rudi Ehm

Rudi Ehm, was hat Ihre Firma mit Kevin Spacy zu tun? KS wurde bisher allein von Männern beschuldigt, also sollten Sie, wenn sie tatsächlich so paranoid sind, auch Männer meiden :)
Sie müssen nicht zwangsläufig Angst vor Frauen haben, es reicht wenn Sie einfach Grenzen andere Mitmenschen akzeptieren und keinem an die Wäsche gehen :)

Bernd Fischer | Fr, 10. November 2017 - 20:18

In reply to by Katharina Liedtke

wenn der / die "gegenüber" die Grenzen nicht einhalten werte Katharina Liedtke ?

Aber darüber darf ja nicht geprochen werden.

Rudi Ehm | Sa, 11. November 2017 - 08:25

In reply to by Katharina Liedtke

Der heutige Trend zeigt. Vorwurf ist gleich Verurteilung. Da braucht man niemanden mehr an die Wäsche gehen.

Marianne Bhatia | Fr, 10. November 2017 - 15:32

Brauchen wir eigentlich, um die Wahrheiten zu sehen, immer erst einmal sogenannte „ Beruehmtheiten”
aus Film/Medien, Wirtschaft/Politik, KirchelGesellschaftseliten?
Warum traut man jedem Busfahrer oder Maurer
all diese Verwerfungen zu aber nicht den sogenannten ”Neuen Goettern”? Sind wir alle so verblendet obwohl wir jeden Tag von Drogen,
Alkoholkonsum, Fresssucht und Sex lesen und höheren?

Rolf Pohl | Fr, 10. November 2017 - 16:53

In reply to by Marianne Bhatia

... um die Wahrheiten zu sehen, immer erst einmal sogenannte „ Beruehmtheiten”
aus Film/Medien, Wirtschaft/Politik, KirchelGesellschaftseliten?"
Nein, brauchen wir nicht. Andererseits, Busfahrer und Maurer wärn an der Stelle ziemlich uninteressant für die breitere Öffentlichkeit.
Verhält sich ähnlich, etwa bei kosmetischer Körperreparatur. Uninteressant welcher Busfahrer/Maurer oder Strassenbahnschaffner die machen lässt.
Das wiederum, obwohl man auch Busfahrern, Maurern und Strassenbahnschaffnern etc.pp, nicht vorbehaltslos trauen kann.

" ...... verblendet obwohl wir jeden Tag von Drogen,
Alkoholkonsum, Fresssucht und Sex lesen und höheren?"
Nö, zum Lesen ist/wird kein Mensch verpflichtet, beim Hören darf man den Ton abstellen. ;-)

Holger Stockinger | Fr, 10. November 2017 - 19:02

Wird Merkel Nobelpreisträgerin oder von PROASYL: rettet das Mittelmeer gewählt?

Jeder ist sein eigener Fremdenfeind, scheint eine Parole, die immer zündet.

Der Erfinder des Dynamits, Herr NOBEL, konnte nicht wissen, dass passlos ein drittes Geschlecht Eingang findet: Mit Jellinek zum GRASS seinem Lübeck?

Vor lauter "Gleichstellungsbeauftragtenposten" wird es demnächst ein viertes Geschlecht geben: der daumenspielende Handyappartschick! - Mit GENDER zum Feminismus!

Cecilia Mohn | Fr, 10. November 2017 - 19:10

Danke für diesen super Artikel!

Natürlich möchte ich Kevin Spacey gern weiter auf der Leinwand sehen! Ich halte die Entscheidung, ihn zu verbannen, für lächerlich. Was hat er denn verbrochen? Nichts. Die Anschuldigungen stammen von Menschen, die sich mit ihm auf Partys begeben haben usw. .... er hat einige versucht "anzumachen" und ist abgewiesen worden .... na und? Ganz abgesehen davon, dass ich nur einen Bruchteil der Anschuldigungen glaube. Da wollen viele auf den "Zug aufspringen" und ein bisschen Aufmerksamkeit ergattern. Was hier angezettelt wird, ist eine Hexenjagd gegen einen begnadeten Schauspieler von irgendwelchen Nobodys, die neidisch sind, dass sie ihm nicht das Wasser reichen können. Ist das erbärmlich! Wenn es weiter so geht, werden große Talente eliminiert, um den Mittelmäßigen oder Unterbemittelten Platz zu machen. Schnell noch alle guten DVDs, Bücher, Kunstwerke aufkaufen, bevor das kalte NICHTs einen angrinst.

Cecilia Mohn

Holger Stockinger | Fr, 10. November 2017 - 19:11

Wehe, jemand liest BRODER!

Das wäre wie der SPIEGEL in der taz: RUDI, verdutscht sich in der Friedrichstraße.

Oder Heinrich Böll wird sexistisch - er hat der Bertelsmannstiftung an den Harem gegriffen ...

Andreas Fischer | Sa, 11. November 2017 - 11:12

Das wird hier gerade von Ihnen betrieben, Herr Scheidegger.

Er hat also einen guten Film gemacht, ein gute Rolle gespielt, eine tolle Rede gehalten, etc.

Das soll jetzt seine Schandtaten relativieren. Und natürlich stellen sie die Unschuldsvermutung voran. Ja die gilt, wissen wir, akzeptieren wir.

Es soll ja niemand vorverurteilt werden. Ausser Netflix - da ist ihr Urteil ja eindeutig.

Argumentativ ist das ganz schwach, was sie da schreiben. Eine Relativierung eben.

Ich finde es richtig das diesen Menschen keine Plattform mehr geboten wird und ihre bisherigen Leistunge hinterfragt werden. Denn wie und mit welchen Mitteln sind die wohl Zustande gekommen?

Jürgen Jansen | Sa, 11. November 2017 - 13:25

Die linke Schickeria ist empört, dass, wo der Feind doch rechts steht - Trump und die bösen Rechtspopulisten - plötzlich die Leichen im Keller
der linksliberalen "Intellektuellen" ans Tageslicht gezerrt weden - und was für Leichen - !
Knabenchöre und Odenwaldschule -Verlogenheit "links und rechts" - Volker Sigusch im Ärzteblatt (!): Tabu infantile Sexualität -
Ähnlich wie die Katholische Kirche jubilierte:
die meisten Täter waren gar nicht pädophil, sondern - nur - sadistisch - soll das besser sein?
jubiliert das Feuilleton: nur weil er selber böse ist,
hat er das Böse so gut spielen können - man müsse Werk und Person trennen - oder grade nicht!?
Diese völlig gegensätzliche Einschätzung ist intellektuell eine Bankrotterklärung: sexuelle Entgleisungen darf sich jeder kulturell "Hochstehende" leisten - der Zweck heiligt die Mittel -. Spacey braucht den Machtmissbrauch,
jeder Intellektuelle Ihrer Sorte darf seine Macht missbrauchen:
SIE SIND SELBER TÄTER
ich bestelle Sie ab

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