Volksbegehren Artenvielfalt - Rettet die Bienen! - Moderner Ablasshandel

Die Bauern sollen ausbaden, was die Industriegesellschaft zu verantworten hat: Sie allein sollen den Artenschwund stoppen. Denn die grünen Städter wollen blühende Wiesen - und natürlich weiterhin eine kostengünstige Vollversorgung, ohne selbst Verzicht zu üben

31.01.2019, Bayern, München: Drei Aktivistinnen vom Bund Naturschutz stehen während der Kundgebung zum Volksbegehren Rettet die Bienen in einem Bienenkostüm auf den Marienplatz und werden von Passanten fotografiert.
Naturschutz? Ja, bitte – aber nur auf dem Land / picture alliance

Autoreninfo

Wolfgang Bok war Chefredakteur und Ressortleiter in Stuttgart und Heilbronn sowie Direktor bei der Berliner Agentur Scholz & Friends. Der promovierte Politologe lehrt an der Hochschule Heilbronn Strategische Kommunikation. Regelmäßig schreibt er für verschiedene Medien Kolumnen zu gesellschaftspolitischen Themen und ist Buchautor.

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Gerade mal 105.975 Bayern (1,7 Prozent) gaben bei der Landtagswahl am 14. Oktober ihre Stimme der ÖDP. Dabei hat die konservative Öko-Partei schon im Herbst mit dem „Kampf gegen das Insektensterben“ für sich geworben. Doch erst als die Initiatoren die possierliche Biene zum Maskottchen erhoben, wurde ihre Kampagne für mehr Artenschutz zur Massenbewegung: Mit fast 1,8 Million Unterschriften hat das Volksbegehren das notwendige Quorum von zehn Prozent der 9,4 Millionen Wahlberechtigten deutlich überschritten. Nun muss der Landtag in München entscheiden.

Was die Initiatoren – neben ÖDP die Grünen und Naturschutzverbände – als „gigantischen Erfolg“ feiern, ist bei Licht besehen allerdings gar nicht so gigantisch: Allein die Grünen haben bei der Landtagswahl mit knapp 1,2 Millionen Stimmen 17,6 Prozent der Wähler von sich überzeugt. Zusammen mit anderen Bürgern, die sich bis weit in die CSU hinein dem Natur- und Tierschutz verbunden fühlen, dürften sogar weit über drei Millionen Bayern mehr Artenvielfalt fordern. Wer will schon nicht Bienen-Schützer sein?

Naturschutz, aber nicht in der Stadt

Die gibt es vor allem in den Großstädten. In München, Nürnberg, Augsburg oder Regensburg beteiligt sich gut jeder fünfte Wähler am „Volksbegehren Artenvielfalt - Rettet die Bienen!“. In ländlichen Regionen sind es dagegen oft nur rund zehn Prozent. Kurzum: Je weiter entfernt von der Mühsal des Nährstandes, desto rigider die Forderung nach mehr Naturschutz. Die Städter wollen am Wochenende mit ihren SUV zu den Blumenwiesen fahren und Bienen summen hören. Den Landwirten wollen sie auferlegen, wann (erst ab 15. Juni) und wie (nicht von außen nach innen) sie das Grünfutter für die Kühe zu mähen haben; derweil macht in den eigenen Garten der Rasenroboter den Insekten den Garaus oder rauben mit ihren zu Steinwüsten verödeten Vorgärten den Käfern und Ameisen die Lebensgrundlage. 

Kein Wunder also, dass sich die Landwirte einseitig gegängelt fühlen. Sie spielen den Ball zurück und verweisen auf „Flächenversiegelung durch Neubau- und Gewerbegebiete, die zunehmende Lichtverschmutzung und steigende Freizeitaktivitäten in sensiblen Bereichen“, wie etwa das grassierende Mountainbiking in Wäldern. Auch von Skifahrern oder kommunalen Flächen sei in dem Volksbegehren nichts zu lesen. Wer dies unterschreibe, klagt daher der Bayerische Bauernverband (BBV), wolle sich auf Kosten seiner hart arbeitenden Mitglieder „einen schlanken Fuß machen“. Dies sei „moderner Ablasshandel“. 

„Rettet die Bienen und die Bauern!“

Um die wachsende Wut der Landwirte zu dämpfen, haben die Initiatoren des Volksbegehrens ihren Slogan inzwischen erweitert auf „Rettet die Bienen und die Bauern“. So wird die Forderung, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Nutzfläche in „ökologischem Landbau“ umzuwidmen, mit den Argument versüßt: Mehr (teurere) Bioware steigere das Einkommen der Bauern. Worauf der BBV erwidert: „Wenn ihr mehr Bio wollt, müsst ihr auch mehr Bio kaufen.“ Gerade an Bio-Milch sei der Bedarf gedeckt. Im Zweifel greift Otto-Normalverbraucher zum deutlich günstigeren Fleisch oder Gemüse. Selbst im idyllischen Bayern stagniert der Bio-Anteil bei unter zehn Prozent. 

Die These vom „schlanken Fuß auf Kosten anderer“ belegt auch das Angebot eines Landwirts aus dem Nürnberger Land: Er schaltete auf Ebay eine Kleinanzeige mit dem Angebot, insgesamt zwei Hektar seines Ackerlandes zu einer mehrjährigen Bienenweide umzuwandeln – finanziert durch Bürger. Für 50 Euro je 100 Quadratmeter können sie sich aktiv am Bienen- und Artenschutz beteiligen. Doch während die „Bienenretter“ vor den Rathäusern Schlange standen, um sich in die Listen für das Volksbegehren einzutragen, registriert der fränkische Bauer eine nur „schleppende Nachfrage“. Selbst das Angebot, daneben auf eigene Kosten „das größte Insektenhotel Bayerns zu bauen“, zieht nicht.  

Bioenergie, die gar nicht bio ist

Markus Söder, den bayerische Medien schon mächtig unter Druck sehen, nutzt diese Widersprüchlichkeit elegant aus. Als Ministerpräsident gibt der ehedem raubeinige CSU-Politiker inzwischen den Versöhner von „Ökologie und Landwirtschaft“: Schon für die kommende Woche (20. Februar) bittet er Initiatoren wie Kritiker des Volksbegehrens an einen Runden Tisch. Wohl wissend, dass sich nicht einmal alle Bauern grün sind und es auch zwischen Vogelschützern, Fischern und Jägern Interessenkollisionen gibt. Spannend dürfte etwa sein, ob die Ausweitung der Uferschutzzonen auch dann noch so hartnäckig gefordert wird, wenn dadurch der grün-affinen Spaßgesellschaft das lärmende Baden oder Grillen an Isar und Donau untersagt wird. 

Merkwürdig ist auch etwas anderes: Etwa ein Viertel des bayerischen Ackerlandes (547.100 Hektar) ist mittlerweile zu riesigen Maisplantagen umfunktioniert. Der rasante Zuwachs ist dem wachsenden Bedarf an Biomasse zuzuschreiben. Daraus wird dann Bio-Energie gewonnen, die so gar nicht bio ist. So fordert ein Landwirt, der selbst 28 Bienenvölker unterhält, die Städter via Internet auf, „mal auf den Boden eines Maisfeldes mit über einem Meter Wuchshöhe zu schauen: Da krabbelt kein Insekt. Zu kühl, zu schattig, keine Pflanzenvielfalt, nirgends.“ Diese Vermaisung der Landschaft ist mitverantwortlich für das Bienensterben. 

Windenergie versus Artenschutz

Bundesweit steht inzwischen jedes vierte Windrad in einem Schutzgebiet, wie das Bundesamt für Naturschutz (BfN) ermittelt hat. Auch das gefährde den Artenschutz. Doch davon ist in der hitzig geführten Debatte kaum etwas zu hören: Die Bauern wollen sich nicht ihrer guten Einnahmequelle und die umweltbewegten Bürger nicht den Glauben an die gute „erneuerbare Energie“ nehmen lassen. 

Ach ja: In einem Jahr stehen in Bayern bereits wieder Kommunalwahlen an. So lange muss die Angstkampagne um den drohenden Bienentod tragen, denn davon leben Grüne und ÖDP. 

Christa Wallau | Do, 14. Februar 2019 - 17:37

Die Hysterie wegen der bedrohten Artenvielfalt löst jetzt die vorherige Erregungswelle ab, bei der es um Bio-Energie ging. Dabei wurde gerade wegen der verstärkten Produktion von (vermeintlicher) Bio-Energiemasse aus Mais erst jeder Menge von Tierarten der Lebensraum genommen - wie der Autor zutreffend bemerkt.

Man erkennt daran: Die Konzepte der Grünen und ähnlicher Organisationen sind meist überhastet, kurzsichtig und völlig unausgegoren, sowohl vom Eingriff in die Natur her als auch vom finanziellen Standpunkt aus gesehen.
Daß die Landwirte, die immerhin über Generationen an Erfahrung im Umgang mit der Natur verfügen, sich nicht gern von solchen Dilettanten sagen lassen wollen, wie sie in Zukunft arbeiten könnten und sollten, leuchtet mir ein. Den Preis für eine natürlichere Landwirtschaft will sowieso kaum jemand bezahlen, selbst diejenigen nicht, die es sich leisten könnten, von den weniger Betuchte, die auf billige Lebensmittel angewiesen sind, ganz zu schweigen.

ingrid Dietz | Do, 14. Februar 2019 - 17:59

Ich nehme an, auch Hr. Schmidt - bekannt als "Glyphosat-Schmidt" - hat auch seine Unterschrift unter die Petition gesetzt hat !

Oder irre ich mich ?

Das sollte man vielleicht eher die Grünen fragen, die ja den Ausbau von Bioenergie massiv gepuscht haben oder die vielen Hausbesitzer die Glyphosat in ihren Gärten einsetzen.

Tomas Poth | Do, 14. Februar 2019 - 18:10

von den Angstkampagnen trifft es dann haargenau auf den Kopf, davon leben die Grünen Politiker sofern es um Themen wie Waldsterben, Klima, Diesel, Insektensterben etc. geht. Das ist ihr Geschäftsmodell.

Wolfgang Mattick | Sa, 16. Februar 2019 - 09:10

In reply to by Tomas Poth

Es ist leider keine Angstkampagne was sich da tut. Ich lebe auf dem Lande und weiß
was von was wir reden. Mal vor Ort sich informieren und dann überlegt einen Komentar schreiben.

Ernst-Günther Konrad | Do, 14. Februar 2019 - 19:49

Umweltschutz immer und überall. Aber nur, wenn man nicht selbst verzichten muss und die Bequemlichkeiten des Lebens dadurch nicht eingeschränkt werden. Kein Flughafenausbau, aber nach La Gomera fliegen. Energie ja, woher mir egal, die Hauptsache ökologisch. Ich unterstelle mal den allermeisten Menschen, dass sie für den Erhalt der Natur sind und die Artenvielfalt schützen wollen. Meine Generation hat noch gelernt, welchen wichtigen Anteil Bienen für die Natur haben und das Obstblüten bestäubt werden müssen, damit wir Äpfel usw. pflücken und verzehren können. Soweit so klar. Dann aber Maisplantagen - Monotkultur- zur Gewinnung von Biomasse zur Herstellung von Bioenergie. Wo war da der Tierschutz zum Erhalt der Bienen?
Den Grünen geht es in Warheit nicht um Umweltschutz, sondern um Erhalt einer widersprüchlichen Ideologie. Umwelt- und Tierschutz fordern, machen sollen es die anderen, in diesem Fall die Bauern. Bekanntlich sieht Galle grünlich aus, die steigt mir gerade hoch.

gabriele bondzio | Fr, 15. Februar 2019 - 07:51

Nicht das erste Beispiel, für Wasser predigen und Wein saufen.
"Bundesweit steht inzwischen jedes vierte Windrad in einem Schutzgebiet, wie das Bundesamt für Naturschutz (BfN) ermittelt hat."...wenn man seine Energiepolitik durchpeitschen muss, kommt man auch dem Naturschutz ins Gehege. Wenn man zig Migranten unterbringen muss und für ca. 2 Millionen Jetzige (was noch folgt ist offen) Wohnungen braucht. Werden immer mehr Flächen versiegelt. Die Spitze der Vera... war für mich, die politisch-grüne Freigabe des Hambis. Mit der darauf folgenden Protest-Besetzung, durch grüne Truppen. Zwist zu säen, sowie Misstrauen, Spaltung und Zerstörung zu verankern, ist eher ein Hauptanliegen grüner Politik.

Romuald Veselic | Fr, 15. Februar 2019 - 08:29

Donald Trump ist fettleibig, steht in allen dt. Medien.
Damit ist das Wochenende gerettet.
Was sagt Peter Altmaier dazu, der Bundeswirtschaftsminister? Wie gut, dass Helmut Kohl dies nicht mehr erleben musste.

Norbert Heyer | Fr, 15. Februar 2019 - 08:33

Zuerst werden Kinder animiert, für Ziele zu streiten, die - zumindest - völlig unklar sind. Keiner weiß, was uns morgen erwartet, aber wir machen 20-Jahres-Pläne, die schwer an kommunistische Handlungsweisen erinnern. Wer die Grundsicherung der Energie gegen Energie aus unsicheren Quellen aufgibt, ist entweder naiv oder ideologisch fest auf den Boden der Unwissenheit. Jetzt geht es wieder mal gegen Menschen, die für Grundsicherung zuständig sind: Das Recht auf preiswerte und gute Lebensmittel, selbstverständlich auch mit Bio-Anteil zur Beruhigung der Besitzer von Eigenheimen mit Kaminheizung, gepflastertem Vorgarten, SUV und Zweitwagen in der Garage. Diese Menschen bemerken noch nicht einmal, wie weit die Wirklichkeit ihres Lebens von ihrer Wunschvorstellung abweicht. Alle, wirklich alle anderen sollen für die Natur Opfer bringen, damit sie beruhigt mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen können - vorher allerdings mit dem Taxi zum Flughafen, eben Realität trifft auf Ideologie.

Hans Jürgen Wienroth | Fr, 15. Februar 2019 - 10:47

Mit den Bienen ist es wie mit allen „grünen“ Umweltprojekten: Es wird ein Hype erzeugt, alle wollen es haben und wenn es an das Bezahlen geht bleibt der Wirt (Staat und damit der Steuerzahler) auf den Kosten sitzen. Wenn es um „grüne Projekte“ geht wird nur national gedacht, alles soll in unserem Land umgesetzt werden. Beim Einkauf wird dann auf das günstige Produkt aus dem Ausland ausgewichen, weil es aber nicht mehr kosten soll.
Wollten die Umweltverbände wirklich eine Verbesserung für die Umwelt, würden sie den Handel mit umweltschädlichen Produkten verbieten. Das gilt für Nahrungsmittel, Tierwohl sowie auch für Strom aus Atom oder Kohle, Kleidung und alles andere. Das dürfen dann allerdings nicht nur entsprechend gekennzeichnete Waren sein, sondern muss auch richtig und mit Konsequenzen geprüft werden.

Christoph Prüm | Fr, 15. Februar 2019 - 12:36

Mit dem letzten Satz ("Angstkampange um den drohenden Bienentod") disqualifiziert sich der Autor selber. Wen der dramatische Insektenrückgang (75% in 28 Jahren) nicht erschreckt, der lebt nicht wirklich in dieser Welt. Schade, da waren ein paar Argumente drinnen die es wert gewesen wären sachlicher vorgetragen zu werden.

Hans Jürgen Wienroth | Fr, 15. Februar 2019 - 21:42

Mit den Bienen ist es wie mit allen „grünen“ Umweltprojekten: Es wird ein Hype erzeugt, alle wollen es haben und wenn es an das Bezahlen geht bleibt der Wirt (Staat und damit der Steuerzahler) auf den Kosten sitzen. Wenn es um „grüne Projekte“ geht wird nur national gedacht, alles soll in unserem Land umgesetzt werden. Beim Einkauf wird auf das günstige Produkt aus dem Ausland ausgewichen, weil es nicht mehr kosten soll.
Wollten die Umweltverbände wirklich eine Verbesserung für die Umwelt, würden sie den Handel mit umweltschädlichen Produkten verbieten. Das gilt für Nahrungsmittel, Tierwohl sowie auch für Strom aus Atom oder Kohle, Kleidung und alles andere. Die Waren dürfen dann allerdings nicht nur entsprechend gekennzeichnete sein, sondern müssen auch richtig und mit Konsequenzen geprüft werden.