Villa Semmel - Der Raubbau

Die Villa Semmel in Berlin-Dahlem, einst einem jüdischen Kaufmann entrungen, beherbergt heute die irakische Botschaft – ohne Hinweis auf das Schicksal des einstigen Hausherrn. Das muss sich ändern, nicht nur in diesem Fall

Die Villa Semmel in Berlin-Dahlem / picture alliance

Autoreninfo

Julien Reitzenstein ist Historiker an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, spezialisiert auf Liegenschafts- und Restitutions­forschung. Für sein 2014 erschienenes Buch „Himmlers Forscher – Wehrwissenschaften und Medizinverbrechen im ‚Ahnenerbe‘ der SS“ (2. Auflage 2019) hatte er das Schicksal der Liegenschaften von Richard Semmel (Messelstraße 33 und Pacelliallee 19/21) erforscht sowie erstmals die Vorgeschichte der Dienstvilla des Bundespräsidenten (Pücklerstraße 14 in Dahlem) publiziert. Der Autor ist im Internet präsent.

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Zu den schönsten Villen Berlins gehört die Immobilie an der Pacelliallee 19/21. Es handelt sich um ein schlossartiges Haupthaus, bei dem der Architekt alles berücksichtigt hatte, was die Harmonielehre hergab. Das ganze Anwesen, einschließlich Nebengebäuden, wirkt vornehm, aber nicht protzig. 

Damit hebt es sich von vielen eher pompösen Villen im Nobelstadtteil Dahlem im Südwesten Berlins ab. Das Gebäude zieht die Blicke von Passanten unweigerlich an und erregt Aufmerksamkeit in seiner Eleganz. Nichts erinnert an den Hausherrn mit dem distinguierten Geschmack, der hier 1926 einzog: Richard Semmel, vermögender Jude und schon vor 1933 im Visier der Nationalsozialisten. Eine vor dem Haus wehende Flagge gibt hingegen Auskunft über den heutigen Hausherrn. Es ist Dhia Hadi Mahmoud al Dabbass, der Botschafter des Irak in Deutschland. 
Sarkasmus der Geschichte: In einer Villa eines vertriebenen und weitgehend um seinen Besitz gebrachten Juden amtiert heute der Statthalter eines Staates, der sich im Unterschied zu den anderen Angreifern von 1948 bis heute völkerrechtlich im Kriegszustand mit dem Staat Israel befindet. Oft erinnern heute Stolpersteine an das Schicksal der jüdischen Voreigentümer. Vor der Botschaft des Irak liegen keine Stolpersteine. Keine Gedenkstele erinnert an das Schicksal ihres Erbauers, Richard Semmel.

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Andreas Zimmermann | Fr, 26. Juli 2019 - 13:29

Nach dem Lesen des Artikels hat es wohl der deutsche Staat mehrfach versemmelt und ist wohl in erster Linie für diesen pikanten Zustand verantwortlich. Das sich der außenpolitisch offen antiisraelische Iran aus der Nummer raus oder bedeckt hält ist nun wirklich nichts womit man nicht hätte rechnen können. Eine Auflösung des Problems von dieser Seite wäre wohl eine riesen Überraschung. Also darf man wohl weiter gespannt sein.

Ich muss meinen Schreibfehler hier mal korrigieren, ich meine natürlich den im Artikel beschriebenen Irak. Sorry.