Jahrestag des Genozids - „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“

Am 24. April 1915 begann die Vertreibung und systematische Vernichtung von schätzungsweise über drei Millionen Armeniern, Assyrern und Pontosgriechen durch das jungtürkische Regime. Der Bundestag verabschiedete 2016 eine Resolution über die Anerkennung des Genozids - damit einher ging die Forderung, das Thema in die Lehrpläne aufzunehmen. Doch was hat sich geändert?

Frühjahr 1915: Eine Gruppe armenischer Flüchtlinge aus dem Osmanischen Reich sitzt in Syrien auf dem Boden / dpa

Autoreninfo

Ninve Ermagan (Foto privat) ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und Tochter assyrischer Christen. Die 21-jährige Studentin bloggt über den Nahen Osten und die Rolle der Frau in patriarchalen Kulturkreisen.

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„Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ Diese Aussage soll Adolf Hitler vor den Oberkommandierenden am 22. August 1939 auf dem Obersalzberg getätigt haben. Die rhetorische Frage illustriert, weshalb der Völkermord von 1915 nicht verschwiegen oder geleugnet werden darf. Der Genozid an den christlichen Minderheiten diente bei der Endlösung der Judenfrage als Vorbild.

Wäre es den Jungtürken nicht so erfolgreich gelungen, den Genozid ohne internationale Einwände durchzuführen, hätte Hitler es vielleicht nicht gewagt, die industrielle und systematische Ermordung der europäischen Juden auf den Weg zu bringen. Es ist deshalb wichtig, den Schülern diese Zusammenhänge zu erklären und zu vermitteln, dass sich ohne Aufarbeitung und Aufklärung die Geschichte wiederholt.

Widerstand türkischstämmiger Eltern

Die Überlebenden des Völkermords flohen damals in den Irak und nach Syrien, wo ihre Nachfahren 100 Jahre später erneut von islamistischen Gruppierungen verfolgt, vertrieben und ermordet werden. Der Aufstieg des Islamischen Staats in dieser Region zeigt: Die Geister des Genozids von 1915 kehren zurück. Und sie werden so lange zurückkehren, wie versucht wird, die Verbrechen zu leugnen.

Obwohl die Resolution des Bundestags von 2016 vorsah, den Völkermord künftig in den Schulen zu thematisieren, ist dieser in keinem Lehrplan eines Bundeslands explizit als verpflichtendes Thema enthalten. Es liegt am Engagement der Lehrer, das Thema trotzdem im Unterricht zu setzen. Dabei stoßen sie immer wieder auf massiven Widerstand türkisch-stämmiger Eltern.

Nahrin D. (Name geändert) berichtet gegenüber Cicero, dass sie eine Assyrisch-AG gründen wollte, um etwas über die Geschichte des Alten Orients zu vermitteln. Als sie ihren Schülern das Konzept vorstellte und erwähnte, dass auch der Völkermord an den Christen im Osmanischen Reich behandelt werden würde, warf ein türkischstämmiger Vater der Schule Rassismus vor und drohte mit einer Anzeige.

Protest des türkischen Botschafters

Der türkische Mitschüler wurde von seinem Vater gezwungen, zu behaupten, dass andere Schulkinder ihn nach Nahrins Aussagen gemobbt hätten. „Scheiß Türken, ihr habt damals alle Christen umgebracht“, sollen sie ihm zugerufen haben. Auch im Elternbeirat fanden sich türkischstämmige Genozidleugner, die die Rassismusvorwürfe gegen die Lehrerin bestärkten. „Der Schulleiter stand kurz davor, mich zu entlassen“ führt Nahrin weiter fort. „Ich durfte aber unter der Bedingung bleiben, nie wieder über das Thema zu sprechen.“

Das ist leider kein Einzelfall im Bildungswesen. Als das Institut für Diaspora- und Genozidforschung in Brandenburg eine Handreichung zum Genozid verfasste, protestierte der türkische Botschafter. Die Handreichung wurde später nicht neu aufgelegt. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinden in Deutschland verlangte im September 2015 vom Land Brandenburg, die Bezeichnung Genozid für die Massaker an den Armeniern im Lehrplan zu streichen. Das gefährde den „inneren Frieden“.

Deutschland hat besondere Verantwortung

Dass insbesondere Deutschland der Opfer der Jungtürken gedenken sollte, hängt damit zusammen, dass das Deutsche Kaiserreich im Ersten Weltkrieg enger Verbündeter des Osmanisches Reichs war. Deutsche Militärs und Diplomaten wussten von den Massakern und sie hießen sie sogar gut, geht aus historischen Dokumenten hervor.

Aus dieser historischen Verantwortung sollte auch hervorgehen, dass in Deutschland Mahnmale eingerichtet werden und der Genozid in die Lehrpläne aufgenommen wird. Doch das wird nicht passieren, solange sich die Bundesregierung von der Türkei erpressen lässt und nicht das Signal an die AKP sendet, Menschenrechte über wirtschaftliche Interessen zu stellen.

Vor dem Hintergrund des Bergkarabach-Konflikts ist der diesjährige Völkermord-Gedenktag für die armenische Gemeinschaft mit einem noch größeren Schmerz verbunden. Es ist ein Wunschdenken, dass sich Deutschland oder die Europäische Union auf die Seite Armeniens stellen und damit gegen Aserbaidschan und das NATO-Mitglied Türkei agieren würde. Oder sich ganz allgemein für den Minderheitenschutz in der Türkei engagiert. Doch kann man durchaus erwarten, dass man sich wenigstens für den Schutz der in der Diaspora lebenden Armenier einsetzt.

Drohungen gegen Armenier in Deutschland

Seit dem Wiederaufflammen des Bergkarabach-Konflikts im September häuften sich auch die Angriffe und Todesdrohungen der rechtsextremen türkischen Grauen Wölfe und radikaler Aserbaidschaner auf Armenier in Deutschland. Armenische Familien haben Drohbriefe erhalten, ihre Geschäfte wurden demoliert, ein Auto der armenischen Botschaft in Berlin wurde angezündet. Betroffene baten deutsche Politiker um Hilfe, die jedoch ausblieb.

Deutschland hat für die Verbrechen seiner Vergangenheit die Verantwortung übernommen. So steht die Leugnung des Holocausts in Deutschland unter Strafe. Obwohl der damalige Großwesir des Osmanischen Reiches, Damad Ferid Pascha, am 11. Juni 1919 den Völkermord offen eingestand, wird in der modernen Türkei nicht etwa nur die Leugnung, sondern das Aussprechen der historischen Wahrheit sanktioniert.

Die Türkei entschied sich damit für einen Weg, der die Opfer verhöhnt und dazu beiträgt, dass ethnische und religiöse Minderheiten noch heute auf türkischem Boden diskriminiert werden. So ist die Bezeichnung „Armenier“ ein gängiges Schimpfwort in der Türkei. Diese staatliche Leugnungspolitik führt auch dazu, dass die Christen noch heute unter dem türkischen Nationalismus leiden. Sie werden selten als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft angesehen und stoßen auf rechtliche und bürokratische Hindernisse.

helmut armbruster | Sa, 24. April 2021 - 16:03

erinnern. Und schon gar nicht die jungen Menschen.
Diese können sich nicht einmal mehr vorstellen, dass solche Verbrechen großen Maßstabs überhaupt jemals begangen wurden.
Fragen Sie Jugendliche einmal nach Folgendem:
- was versteht man unter dem Dreieckshandel Liverpool - afrikanische Goldküste - Virginia (USA)?
- wie viele Todesopfer haben ein Stalin, oder ein Maotsetung zu verantworten?
- wie viele Deutsche wurden 1945 aus ihrer Heimat vertrieben und wie viele sind dabei umgekommen?
- wie viele sowjetische Kriegsgefangene sind in deutscher Kriegsgefangenschaft verhungert?
-wann wurde in USA die Sklaverei abgeschafft?
Über die Naziverbrechen mögen sie einiges gehört haben, weil sie damit in der Schule konfrontiert wurden.
Aber über alle sonstigen Verbrechen weltweit? Nichts, keine Ahnung.

Zustimmung Herr Armbruster!
Die Liste kann ergänzt werden:
- wie viele deutsche Kriegsgefangene sind in sowjetischer Kriegsgefangenschaft verhungert?
- wie viele deutsche Frauen waren nach dem 2. Weltkrieg „vogelfrei“?
- wie viele deutsche Zivilisten sind in Osteuropa ab Herbst 1944 ermordet (z.B. in Serbien), total entrechtet, in die Zwangsarbeit verschleppt und zwangsumgesiedelt worden? Wie viele davon sind verhungert oder für den Rest ihres Lebens schwer erkrankt?
- wie viel Schuld wurde der anderen Seite „in die Schuhe geschoben“ (z.B. Katyn) ?
- wie viele Menschen sind im kommunistischen Osteuropa wegen geringster Opposition verurteilt worden und in Gefängnissen unter Zwangsarbeit elend verstorben? Oder in den Selbstmord getrieben worden, wenn es denn einer war?
- wo bleibt die Freiheit der Geschichtswissenschaften?
Wer der ganzen Wahrheit nicht ins Gesicht schauen möchte, ist ganz einfach feige!

Wolfgang Tröbner | Sa, 24. April 2021 - 17:04

Vielen Dank an die Autorin, dass sie an den Völkermord am armenischen Volk erinnert. Ich selbst bin vor langer Zeit über den Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel (sehr zu empfehlen) auf diese Thematik gestoßen. In der Schule wurde das leider nie thematisiert. Es ist aber gut, dass zumindest die deutsche Literatur sich dieses Themas angenommen hatte, so dass es nicht ganz in Vergessenheit geriet. Ich verstehe die Autorin voll und ganz, wenn sie beklagt, dass Europa auch heute den Armeniern die Unterstützung versagt. Die EU und die Bundesregierung müssten und könnten hier tatsächlich wesentlich mehr machen. In einem Punkt muss ich der Autorin allerdings vehement widersprechen. Deutschland trägt keine historische Verantwortung für diesen Völkermord, nur weil es im 1. Weltkrieg ein Verbündeter der Türkei war. Verantwortung trägt einzig und allein die Türkei

Heidemarie Heim | Sa, 24. April 2021 - 17:34

Papier ist geduldig und das Gedächtnis wohltuend kurz, liebe Frau Ermagan! Vielleicht, so meine zugegeben gewagte These;), liegt es gerade daran, dass AH diese fürchterliche Frage in den Raum stellte und man mal wieder meint, dies bedeutete Wasser auf die Mühlen der islamkritischen AfD zu geben oder ist es tatsächlich die Angst vor den Genozid-Leugnern in unseren migrantischen Communities, der extrem nationalistischen Grauen Wölfe im Schafspelz, von denen sich unsere wahren Völkischen noch eine Scheibe abschneiden könnten? Durchaus interessant war damals ja auch das Abstimmungsverhalten und "enthalten" unserer Regierung. Was schon da wenig Hoffnung aufkeimen ließ, was an Substanziellem folgen könnte, bzw. ob man die gleiche Ernsthaftigkeit im Gedenken bezüglich dieser Verbrechen an der Menschheit an den Tag legen würde wie bei anderen Gelegenheiten. Man scheut ganz offensichtlich die gleiche Zuweisung/Aufforderung an die Türken ihre Vergangenheit zu bewältigen wie bei uns üblich! MfG

Bernd Muhlack | Sa, 24. April 2021 - 18:21

Vorab:
Ninve - ich wünsche Ihnen Alles Gute und viel Erfolg!

Wissen Sie, meine Tochter ist nachem Abi 2010 auffe Insel - Edinburgh.
Ein perfektes Bachelor-Master Studium.
Inzwischen ein TOP-Job in London; egal.
Zusammen mit Ihrem Freund will sie jedoch nach Edinburgh zurück.

Ich hatte Tochtern qua Abi ein einziges Mal geholfen - eine Arbeit qua Palästina, Israel.
"Hier sind die Bücher!
Lesen, schreiben musste selber!"
Natürlich war ich hilfreich!
Letztlich nochmal "queer" gelesen und PERFEKT!

"Armenier, Jesiden, Kopten ...
Ninve, wie Sie trefflich schreiben: ja, das könnte (sollte!) man in unseren Schulen thematisieren;
sei es Geschichte, Gemeinschaftskunde etc.

Sie haben das mMn richtig erkannt:
manche Themen sind TABU! - Das ist nie passiert!

Übrigens:
Bei der Abstimmung zu Armenien war die Kanzlerin, die "Regierung" nicht anwesend.
"Sie kennen mich!" - uns

Ninve Ermagan, just 21!
Die Welt steht Ihnen offen!
Alles GUTE!

Albert Schultheis | Sa, 24. April 2021 - 23:58

Deutschland hat bei der Aufnahme und Integration von Muslimen und insbesondere von Türken in unserem Land von Anfang an grundlegend versagt, indem wir zu feige, zu verunsichert, zu zerstritten waren in der Durchsetzung der Grundprinzipien unserer eigenen westlichen Menschenrechte und Pflichten! Wir waren uns trotz überragender technologischer Kompetenz, trotz wissenschaftlicher Überlegenheit, trotz schwergewichtiger, herausragender philosophischer und sozialwissenschaftlicher Tradition, trotz liberaler Errungenschaften - trotz alledem nicht einmal über die Prämissen unseres eigenen überaus erfolgreichen Gesellschaftsmodells im Klaren, ja wir sind uns nicht einmal unserer eigenen Interessen bewusst! Wenn eine solche Gesellschaft noch mit völlig überzogenen moralischen Ansprüchen und Überlegenheitsallüren daherkommt, wird sie sich unweigerlich völlig übernehmen, sich völlig überfordern und mit allem, was sie anpackt, scheitern. Nein, wir werden DAS mit Sicherheit NICHT schaffen!

Wir haben nicht versagt. Als erstes haben wir - das, was vom deutschen Volk
noch übrig war - Frauen, Kinder und Greise, das Kriegsende 1945 überlebt.
Erstaunlicherweise, denn einigen der ´Sieger´, vor allem dem Staat Frankreich,
wÄre es lieber gewesen, Deutschland wäre verschwunden. Aber die USA haben sich durchgesetzt: Sie haben die deutsche Wirtschatsmentalität richtig eingeschätzt
und dann auch eingesetzt und Sie hatten endlich einen Fuß in Europa, indem sie
der Türkei den NATO-Beitritt ermöglichten! Daß dafür Deutschland sofort mit
Türken - `ich will nicht arbeiten, ich will Geschäfte machen` geflutet wurde,
war Kollateralschaden. Wir sind ja dämlich, intelligent, aber dämlich.
Mehr lesen, bitte, auch das SPIEGEL-Archiv. Steht alles geschrieben.

Ernst-Günther Konrad | So, 25. April 2021 - 10:37

Was Wahrheit ist muss auch gesagt werden können. Ziehen Sie ihre eigenen Schlüsse aus dem Verhalten der Politik. Ich habe für mich bereits einige Erkenntnisse erlangt. "Erst" 2016 hat man das sinnlose und religiös gesteuerte "Abschlachten" der Armenier also als Genozid bezeichnet. Da hat die deutsche Regierung aber lange gebraucht. Wo ist ein Gedenktag in DE zu diesem Thema? Wo ein Mahnmal? Immerhin leben hier auch jede Menge Menschen aus der islamischen Region, die ein Recht darauf haben, geschichtspolitisch aufgeklärt zu werden. Ach stimmt, hatte ich vergessen. Wenn das die türkischen Eltern nicht wollen, geht das ja nicht. Hier leben wollen, alle Vorteile des Alltags annehmen, sich dann aber der eigenen Geschichte nicht stellen?
Ja, Frau Heim schrieb es schon. Resolutionen und Forderungen sind ein politisches Steckenpferd unserer Regierung. Man sehe nur die vielen Resolutionen gegen Israel. Und Christen? Die Union hat sich diesem "C" im Namen schon längst inhaltlich entledigt.

Klaus Funke | So, 25. April 2021 - 13:00

Die türkische Regierung wird nicht darum herumkommen, sich zu ihrer Vergangenheit zu bekennen. Sie wird sich bei den Armeniern entschuldigen müssen. Immer wieder empfehle ich in diesem Zusammenhang den Roman von Franz Werfel "Die vierzig Tage des Musa Dagh" - den muss man einfach gelesen haben, wenn man das Problem verstehen will. Bezeichnend: In der Türkei ist dieses Buch verboten!

Walter Bühler | So, 25. April 2021 - 15:34

Die Geschichte ist voll von Gräueltaten. Mit Tataren, Mongolen, Türken, Deutschen, Arabern und Russen gibt es viele Völker, die für ihre Gräueltaten wohl sehr lange als "böse" gelten werden. Wir Deutschen sind wohl die einzigen, die die Sieger vollständig von den eigenen Untaten überzeugt haben. Jedes Gedenken an Gräueltaten anderer Völker trägt deshalb bei uns ein wenig zur Relativierung der "eigenen" Gräueltaten bei.

Aber gerade wir Deutschen wissen auch, dass es problematisch wäre, wenn mit solchen "Schmuddel"-Völkern "zur Strafe" niemand mehr politisch zusammenarbeiten wollte.

Deshalb halte ich nichts davon, wenn man die Politik gegenüber anderen Ländern moralisierend nur nach einer "Untatenliste" gestalten würde. Genauer betrachtet findet man nämlich auch in der Vergangenheit der meisten "guten" Völkern ebenfalls Gräueltaten. Außerdem ist es in der medialen Kriegführung einfach zu bequem, zuerst einen Staat auf die "böse" Liste zu setzen, wenn man ihn angreifen will.