Politische Begriffe - „Ey, Sie Faschist!"

Was meint Martin Schulz (SPD) eigentlich genau, wenn er Alexander Gauland (AfD) als „Faschist“ beschimpft? Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Kampfvokabular der Linken, er hat aber eine traurige Karriere als universelles Schimpfwort gemacht. Von Alexander Grau

19.08.2018, Hessen, Wiesbaden: Ein Plakat mit der Aufschrift "Nie wieder Faschismus" trägt eine Demonstrantin bei einem Protestzug gegen die "Alternative für Deutschland (AfD)".
Vorsicht mit Schimpfworten: Nicht überall, wo Faschist draufsteht, ist auch Faschist drin / picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Alexander Grau

Wumms – da war sie endlich mal wieder: die Faschismuskeule. Niedergesaust kam sie am vergangenen Mittwoch während der Haushaltsdebatte des Deutschen Bundestages auf Alexander Gauland. Zugeschlagen hatte Martin Schulz.

Keine Frage: Schulz Vorwurf hatte durchaus eine gewisse Originalität. Denn der Vorwurf, jemand sei ein Faschist, ist etwas aus der Mode gekommen. Der moderne Tugendwächter hält sich mit solchen mediokren Anklagen erst gar nicht auf. Wer jemanden politisch fertigmachen und ausgrenzen will, der greift daher gleich zum nächst höheren Kaliber: dem Nazi. So gesehen war Martin Schulz rührend old school.

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Gerd Risse | Sa, 15. September 2018 - 13:26

Die Auftritte von Kahrs und Schulz waren auf der untersten Stufe der Zivilisation . Das der Bundestagspräsident nicht eingegriffen hat ist bezeichnend für den Zustand unserer Pseudo-Demokratie. Der Bundestag reiner Parteien-Klüngel. Ich wende mich angewidert ab - von der Politik !

Karin Zeitz | Sa, 15. September 2018 - 13:50

der Bezeichnung “Nazi“ wollte Martin Schulz offensichtlich etwas Neues entgegensetzen. Der historische Ursprung des Begriffs ist zwar gesichert, darüber, wie er heutzutage zu definieren ist, sind sich die Wissenschaftler nicht wirklich einig. Interessant finde ich die Aussage: “wenn der Faschismus wiederkommt wird er sagen, er sei der Antifaschismus“.

wolfgang spremberg | Sa, 15. September 2018 - 18:24

bezeichnete (frei interpretiert) "Naiven Optimismus" einmal als "ruchlos". "Wir schaffen das " "Ohne Obergrenze" ist "ruchlos".
Warner werden pauschal als Nazis / Faschisten etc. bezeichnet und behandelt.
Kurt Schumacher prägte den Begriff der "rotlackierten Faschisten".
Wen er wohl heute gemeint hätte ?

Dorothee Sehrt-Irrek | Di, 18. September 2018 - 09:30

In reply to by wolfgang spremberg

herauskramen müßte.
Links und Grün scheinen aber in Merkel ihren Protecteur zu haben.
Merkwürdigerweise nicht so sehr die SPD.
Vielleicht denken die doch noch zu selbstbewusst? Mich würde es freuen!
Deshalb schwanke ich, ob wir eine neue Form des Etatismus als (Merkel)"Gottesstaat" haben, entfernt vergleichbar mit Erdogans Sicht auf sich selbst, worin den Linken und Grünen nur je nachdem Statistenrollen zufallen oder das Phänomen, das Schumacher und Silone beschreiben, Wehner sicher selbst erlebt hat.
Da ich es für eine Mär halte, dass Deutschland wirklich von Links regiert werden könnte, das ging in der DDR nur unter dem Schutz der Besatzer, gehe ich von ersterem aus.

Dimitri Gales | Sa, 15. September 2018 - 19:35

dass die Nazis einst Unglück über Deutschland und Europa gebracht haben, aber jeden als Nazi oder Faschist zu bezeichnen, der nicht die Meinung des Kontrahenten teilt, ist Schwachsinn. Bei SPD-Schulz wundert mich das nicht, aber es darf allgemein nicht dazu dienen, andere Meinungen mundtot machen zu wollen. Ich schätze die Zahl der wirklichen "Nazis", die die NS-Zeit glorifizieren, für gering. Es handelt sich meistens um junge Leute, die andere für ihre Probleme verantwortlich machen wollen und eine schwache eigene Identität haben - die, so meinen sie, finden sie in einem Nazi-Klub.

Per L. Johansson | Sa, 15. September 2018 - 20:07

Erschreckend ist weniger die Verwendung der Nazikeule. An diese üble Diffamierung des politischen Gegners (und nebenbei inflationäre Verharmlosung des Nationalsozialismus) hat man sich leider schon gewöhnt.
Wirklich wütend macht, wie bereitwillig dieser Inszenierung (ich glaube Herrn Schulz nicht eine Sekunde, daß er „spontan“ wütend wurde) medial Raum geboten wird und wie unkritisch man die intendierte Lesart übernimmt.
Die Presse hat nichts dazugelernt.
Die meisten Journalisten scheinen aus dem Schulunterricht nur mitgenommen zu haben, daß man dem Rechtsextremismus keinen Raum geben darf.
Richtiger wäre aber jeden Extremismus, jedwede Ideologie, zu meiden, egal ob rechts, links, religiös oder wie auch immer motiviert. Mehr noch, sie bloßzustellen.
Wer behauptet, die Wahrheit zu kennen („alternativlos“), Reden und Denken manipulieren will ("political correctness") und Abweichler für böse erklärt („Dunkeldeutschland“) DER unterminiert unsere freiheitliche Grundordnung.

ingrid Dietz | So, 16. September 2018 - 08:15

und Hr. Kahrs wollen eigentlich NUR die Afd-ler beleidigen !
Nicht mehr und nicht weniger !

Brigitte Simon | So, 16. September 2018 - 14:33

Ein toller, fantastisch ironischer, für mich auch ein pädagogisch wertvoller Artikel, Ihre umfangreiche
Analyse des Substantivs "Faschismus".
Danke Herr Grau.

Sehr geehrter Herr Schulz,

O je,
das war nichts, lieber Herr Schulz, Ihre Einlassung
im Bundestag. Sollten Ihre "markigen und kampf-
eslustigen" Sätze eiine Verneigung vor sich selbst sein? Das ging gründlich daneben! Und noch mehr
gingen die "Standing Ovations" Ihrer Partei dane-
ben. Alles zusammen gesehen ein schlechter Tag
für Sie und für die "Sozialdemokratische Partei
Deutschland.
Das war keine Hommage an deren Gründer August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Ferdinand Lassalle.

Wie schlimm muß für Sie Alexander Gaulands sou-
veränes Statement dazu gewesen sein inclusive
der Belehrung von Dr. Wolgang Schäuble, alias
Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge,

Beim Entgegennehmen einer Antwort wird:
"Aufgestanden"!!!

Bernhard Jasper | So, 16. September 2018 - 18:14

Der Abgeordnete Martin Schulz hat im Bundestag eine Zwischenbemerkung gemacht. Mit dieser Zwischenbemerkung hat Herr Schulz einen Aspekt aus der Bewegungsphase des Faschismus benannt und erinnert, der dann Deutschland in den 30er Jahren in den Nationalsozialismus führte.

Zitat Martin Schulz „ Die Reduzierung komplexer politischer Sachverhalte auf ein einziges Thema, in der Regel bezogen auf eine Minderheit im Land, ist ein tradiertes Mittel des Faschismus. Das haben wir heute erneut vorgeführt bekommen. Die Migranten sind an allem Schuld. Eine ähnliche Diktion hat es in diesem Hauses schon einmal gegeben! Und ich finde es wird Zeit, dass die Demokraten in diesem Lande sich gegen diese Art der rhetorischen Aufrüstung, die am Ende zu einer Enthemmung führt, deren Resultat Gewalttaten auf den Straßen sind.“ Zitatende

Bernhard Jasper | So, 16. September 2018 - 18:17

Über den Faschismus gibt es soziologische, ökonomische, politische, psychologische und ästhetische Untersuchungen. Ich beschränke mich hier auf einige Aspekte.

Der Faschismus war zunächst ein rhetorisches Phänomen. Kategorien wie Freund/Feind, Wir/die Anderen, höherwertig/minderwertig wurde propagiert. „Blut“ wurde wichtiger als Staatsbürgerschaft. Es ist eine Bewegung mit einem bestimmten Menschenbild. Den Faschismus kann man auch als eine Ersatzreligion definieren, eine Art Glaubensgemeinschaft mit Erlösungscharakter. Unter ästhetischen Gesichtspunkten entspringt er einer romantischen Tradition, die immer zurückschaut, niemals nach vorne. Die Sehnsucht nach dem Vergangenen, nach apokalyptischen Phantasmen, nach Götterdämmerung und Tod. Im Ergebnis bedeutet Faschismus immer die Zerstörung des Menschen, es ist eine Ideologie mit einem totalitären fiktiven Weltbild. In den Äußerungsformen (ästhetische Kategorie) ist der Faschismus immer Kitsch.

Heidemarie Heim | So, 16. September 2018 - 19:01

Ist ja wie weiland beim heiteren Berufe raten Herr Dr. Grau. Nehme ich jetzt das rote, das grüne, das blaue, das gelbe oder das schwarze Schweinderl`?
Marxistisch-Leninistisch völlig unbeleckt als alte
Besserwessi ,bin ich also historisch gesehen schon immer Faschistin gewesen? Danke für die Blumen! Ey` klasse!Jetzt geht`s mir doch gleich besser;-) MfG Eine dankbare Leserin.

Christoph Kuhlmann | So, 16. September 2018 - 19:18

viel zu viele Faschisten. Nennen wir das Pack doch einfach Schläger. Das erspart uns dann die Unterscheidung des Abschaums nach ethnischen oder politischen Kriterien und vereinfacht die Frontenbildung in der multikulturellen Gesellschaft ungemein. Dann erübrigt sich auch die Ursachenforschung und Kategorisierung nach politischen und unpolitischen Gewalttaten. Beides dürfte für die Opfer von untergeordneter Bedeutung sein. Solange wir nicht in diesem Sinne verfahren, bieten wir den Gewalttätern aller Gruppen immer wieder die Gelegenheit, ihre Gewalt mit der Gewalt der Gegenseite zu legitimieren, ohne das sich die Schläger gegenseitig in die Quere kommen, wenn sie vorzugsweise gewaltfreie Menschen niedermachen.

Dr. Roland Mock | So, 16. September 2018 - 20:52

„Ein Faschist ist aus dieser Sicht jeder, der kein Linksextremist ist.“ Damit ist doch schon alles gesagt. Linke (nicht nur extreme) neigen nun einmal dazu, Wörter zu okkupieren und in Kampfbegriffe umzuwandeln, die ihr Weltbild stützen sollen:
„ Kapitalismus“, „ neoliberal“,
„ fortschrittlich“, “reaktionär“ usw. usw. Warum sollte ausgerechnet der etwas einfältige Martin Schulz dann einen so schön negativen klingenden Begriff wie
„ Faschist“ aus seinem Wortschatz streichen? Übrigens: So aus der Mode gekommen ist der Begriff gar nicht, die linke Szene verkürzt ihn nur etwas und spricht von „ Faschos“.

Peter Wagner | Mo, 17. September 2018 - 03:12

Martin Schulz hat noch nicht gemerkt, dass viele Bürger inzwischen Mitleid mit ihm haben! Wer behauptet, dass Flüchtlinge (Migranten) wertvoller als Gold sind, wer behauptet, dass Gauland ein Faschist ist, hat seine Glaubwürdigkeit bereits verloren! Schulz leidet wie viele andere links-grüne Politiker, an einem schleichendem chronischen Realitätsverlust! Wer immer noch nicht begriffen hat, dass die riesigen ungelösten Probleme der unkontrollierten Masseneinwanderung, in direktem Zusammenhang mit dem Niedergang der Volksparteien stehen, sollte nach Hause fahren und sich ins Bett legen!

Kai-Uwe Schulz… | Mo, 17. September 2018 - 05:52

Martin Schulz - m.E. einer der wichtigtsten und zuverlässigsten "Totengräber" von SPD und "EU" - ausgestattet mit 0% Selbstreflektionsvermögen aber 100% Selbstüberschätzung! Analytische Fähigkeiten sind bei der SPD zur Zeit nicht stark ausgeprägt - aber dafür ideologische Realitätsverweigerung! Stegner - Maas - Schulz - Barley- Dreyer etc.

Ronald Lehmann | Mo, 17. September 2018 - 17:49

Das der Pfad der Demokratie schon lange verlassen wurde, sieht man an den Gehirnwaschanlagen der ÖR sowie anderer Medien. Die wirklich noch "Bericht erstatten", sind doch leider in der Minderzahl und müssen aufpassen, dss es Ihnen nicht so wie Herrn Maaßen geht. All zu schnell ist man vom Fenster weg, trotz Verfassung! Da man mit Fakten heutzutage im Merkelverbund nicht ein Millimeter gewinnt, könnte man meines Erachtens nur die Demokratie durch eine Gewaltenaufteilung der Medien & Justitz auf die gewählten Parteien aufteilen. Aber selbst die FDP wird sich hüten. Zuviel Demokratie wollen herrschende doch gar nicht haben. Zumal wie viele "Merkels" wird es in der AFD geben. So lange es kein Gesetz gibt, das auf dieses Problem eingeht, solange wird die Demokratie gefährdet sein und Politikdiktatur gewinnt. Freiheit ist Freiheit des anders denkenden, denn nur der gewinnt, wer die meiste Liebe & besten Argumente hat.