comeback-fdj-ddr-sozialismus-mauerfall-deutsche-einheit-fridays-for-future

Auferstanden aus Ruinen - Die FDJ, das Fridays for Future für Pazifisten

Die FDJ ist gar nicht tot. Sie riecht nur ein bisschen merkwürdig. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung marschiert sie wieder durch ostdeutsche Städte. Ihre Mitglieder kommen überwiegend aus dem Westen. Eine Begegnung der dritten Art.

Antje Hildebrandt

Autoreninfo

Antje Hildebrandt hat Publizistik und Politikwissenschaften studiert. Sie ist Reporterin und Online-Redakteurin bei Cicero.

So erreichen Sie Antje Hildebrandt:

Es gibt nicht viel, was meine Freundin Nancy verblüfft. Sie ist dreifache Mutter, alleinerziehend, berufstätig. Eine toughe Ost-Frau, die das Leben gelehrt hat, dass man Autoritäten grundsätzlich misstrauen sollte, egal, ob sie Honecker oder Merkel heißen.

Doch als ich Nancy jetzt einen TV-Beitrag über das Comeback einer Organisation zeigte, die sie noch aus ihrer Jugend kennt, dauerte es keine fünf Minuten, bis mein Handy klingelte. „Was ist das denn?“, fragte sie ungläubig. „Satire, will ich mal hoffen. Oder?“

„Bau auf, bau auf!“

Nein, sie hatte sich nicht versehen. Die Freie Deutsche Jugend – kurz: FDJ – ist zurück. Die DDR ist tot, Good bye Honi. Seit über 30 Jahren schon schaut sie sich die Radieschen von unten an. Doch die FDJ, die Kaderschmiede der SED, ist wieder da. Es war ein gespenstisches Szenario, das sich den Bewohnern von Jena und Zwickau in diesem Jahr bot.

Jungs, Mädchen und junge Erwachsene in blauen Hemden marschierten durch die Städte. Sie trugen blaue FDJ-Fahnen und feierliche Mienen wie Teenager bei ihrer Abizeugnis-Verleihung. Auch die Lieder waren noch die alten. „Bau auf, bau auf!“ oder „Wir sind des Friedens Soldaten“. Nur der umgekippte Trabi, den sie anstelle eines Schreins trugen, war neu. Aus dem Unterboden ragte eine Hyäne, Symbol für den Imperialismus.

Alleebaum schlägt Rennpappe

Das Bild drückte aus, was 30 Jahre nach der Wiedervereinigung wohl viele Menschen im Osten empfinden. Der Trabi ist gecrasht, Alleebaum schlägt Rennpappe. R.I.P, Sozialismus! Doch auch der Traum vom Bananenglück ist jetzt ausgeträumt. Der Kapitalismus hat sein wahres Gesicht gezeigt. Die Bestie.

Cicero Plus weiterlesen

  • Monatsabo
    0,00 €
    Das Abo kann jederzeit mit einer Frist von 7 Tagen zum Ende des Bezugzeitraums gekündigt werden. Der erste Monat ist gratis, danach 9,80€/Monat. Service und FAQs
    Alle Artikel und das E-Paper lesen
    • 4 Wochen gratis
    • danach 9,80 €
    • E-Paper, App
    • alle Plus-Inhalte
    • mtl. kündbar
  • Ohne Abo lesen
    Mit tiun erhalten Sie uneingeschränkten Zugriff auf alle Cicero Plus Inhalte. Dabei zahlen Sie nur so lange Sie lesen – ganz ohne Abo.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Heidemarie Heim | Sa., 3. Oktober 2020 - 17:54

"Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf". Die Fistelstimme bitte dazu denken;)!
Sehn Sie liebe Frau Hildebrandt, es gibt halt nichts was es nicht gibt im imperialistischen Westen an jugendlicher Bewegtheit. Übrigens eine Unverschämtheit;) Herrn Haas auf die Gnade seiner späten westlichen Geburt sowie seiner nie gemachten beruflichen Erfahrung im Akkord-3-Schicht-Ausbeuterbetrieb gemacht zu haben!
Denn wäre er jemals in solch einer kapitalistischen, von Hyänen beherrschten Arbeitswelt gefangen gewesen, hätte er doch überhaupt keine Zeit und Muse gefunden für wichtige Systemkritik, geschweige Demonstrationen zu organisieren und durchzuführen. Was die Eintönigkeit betrifft hat er auch nicht ganz unrecht. Habe mir mein Schulgeld für die Ausbildung davor in 6 Monaten Akkord-Arbeit verdient, was hieß pro Schicht zwischen 12000 und Vollakkord 20000 Kabel mit Kabelschuh zu versehen. Das als Linkshänderin mit Maschinen-Schutzvorrichtung für Rechtshänder. Das fetzte!;)
MfG

Wolfgang Jäger | Sa., 3. Oktober 2020 - 18:17

Es ist unfassbar. LINKE und FDJ und Grüne vereinigt euch! In 30 Jahren sind wir dann wieder da, wo wir vor 60 bzw. 100 Jahren einmal waren! Deutschland schafft sich ab. In jeder Hinsicht.

Das ist etwa so, als würden Hühner aus der Freilandhaltung dafür demonstrieren in die Käfighaltung überführt zu werden.
Und was Linke und Grüne wirklich gemeinsam haben ist, sie wissen wie man die Wirtschaft vernichtet und damit die Grundlage des Sozialstaats.

Christa Wallau | Sa., 3. Oktober 2020 - 18:33

Wie zu allen Zeiten existiert auch in der heutigen Jugend natürlich die Sehnsucht nach Geborgenheit in einer organisierten Gruppe mit gemeinsamen Zielen u. Idealen. Letztere sind austauschbar, aber manche tauchen mit konstanter Regelmäßigkeit wieder auf: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.
Dazu gesellt sich der Tatendrang junger Menschen. Sie wollen sich beweisen! Eben nicht nur mit dem, was sie besitzen, sondern auch mit dem, was sie persönlich auszeichnet: Mut u. Opferbereitschaft.
Das "Gespenst aus der Vergangenheit", wie Sie das nennen, Frau Hildebrandt, ist r e a l, und wir
werden es nie loswerden; denn junge Menschen haben stets etwas gesucht, was ihrem Leben S i n n verleiht. Bei dieser Sinnsuche tun sie sich zusammen!
Es liegt an den Erwachsenen, ihnen gute, vernünftige Sinn-Angebote zu machen, die über bloßen Konsum hinausgehen.
Aber W O sind diese Vorbilder heute? Volks-Kirchen u. -Parteien haben ziemlich abgewirtschaftet.
Wer nicht "grün" tickt, findet nichts...

Tomas Poth | So., 4. Oktober 2020 - 20:51

Antwort auf von Christa Wallau

... es zeigt uns das Marx recht hatte, liebe Fr. Wallau: Religion ist Opium für das Volk. Das trifft auch auf die RotGrüne Denke als Religionsersatz zu.

Günter Johannsen | Sa., 3. Oktober 2020 - 18:49

ist hier wohl voll gerechtfertigt. Wird sich Frau Merkel freuen, war sie doch seinerzeit FDJ-Sekretärin? Ich finde diese Inszenierung widerwärtig und das erweckt in mir Brechreiz, weil schlimmer Erinnerungen wach werden. Diese ewig Gestrigen muss man im Auge behalten. Ich hoffe, dass diese "feine Gesellschaft" nicht von unserem Steuergeld finanziert wird! Nun gibt sich die Antifa wohl deutlicher zu erkennen?

Yvonne Stange | Sa., 3. Oktober 2020 - 19:04

"ob er schon mal in einer Fabrik malocht hat, zuckt er erschrocken zusammen. Er sagt, diese Arbeit wäre ihm viel zu monoton." Ich komme aus dem Lachen nicht mehr raus. Jetzt kommen die Wessies und spielen auch noch FDJ bei uns. Uns bleibt nichts erspart. Und wissen wieder alles besser....
Frau Hildebrandt, die Hemden waren nicht kratzig! Sie waren aus Baumwolle, später aus synthetischen Fasern, man schwitzte aber es hat nicht gekratzt! Und ein "Bayer", der das R rollt, das ist ein FRANKE! Sagen Sie sowas bloß nicht in Franken laut in der Öffentlichkeit, daß es Bayern seien.... Sie spielen mit Ihrer Gesundheit. Das weiß sogar ich als Ossi....

Klaus Funke | So., 4. Oktober 2020 - 12:52

Antwort auf von Yvonne Stange

Oh Frau Stange, Sie sprechen mir, wie so oft, aus dem Herzen und aus dem erlebten Leben. Frau Hildebrandt kann da nur theoretisch mithalten. Ich befürchte, da steckt Absicht dahinter, dass die Wessis solche nostalgisch sozialistischen Ideen entwickeln. Ja, Frau Merkel wird sich freuen, womöglich fördert sie das. Wird sie doch so an ihre glorreiche Jugendzeit erinnert. Alte Menschen sind so: Sie wollen ihre Jugend zurück!

gabriele bondzio | Sa., 3. Oktober 2020 - 19:26

Wie schade, Frau Hildebrandt, dass ich mein FDJ-Hemd in die Lumpen geschmissen. Man sollte eben alles aufheben, was nach Ideologie duftet, kommt alles mal wieder.
Da hätte ich jetzt fröhliche Urstände mit den westdeutschen Kollegen feiern können. Schade,Schade...das ich auch erwachsen geworden bin und den Geruch nicht mehr in der Nase haben will.
Sollte es nicht jetzt auch heißen „Bau ab, Bau ab“...na ja wegen der Radikalität und dem ganzen Rassismus, von dem wir jeden Tag hören.
Meine Tochter war mit den Enkeln in Hamburg auf Besuch und schickt mir doch ein Bild -Sie an Honi angelehnt...wenn ich nicht 100% wüsste das er gestorben ist, hätte ich wohl jetzt Alp-Träume.

Bernd Muhlack | Sa., 3. Oktober 2020 - 19:48

Sehen Sie werte Frau Hildebrandt, das ist doch gleich zu Beginn mMn eine zumindest unglückliche Formulierung.
Gibt es auch Nord-/Süd-/West-Frauen?
Sagt man so?
Was sagt denn der Saarlandbeauftragte dazu?

Okay, da laufen also Blau-Hemden durch die Straßen und skandieren SED-Parolen.
Das sind quasi Reichsbürger, Epigonen der SBZ, DDR, nicht wahr?

In Berlin war heute ein "Aufmarsch" des "Dritten Weges", eine in der Tat rechtsradikale Truppe; etwa 70 Personen.
Ein starkes Polizeiaufgebot trennte diese von den Gegendemonstranten.
Aus dieser "Aktivisten-/Antifa-Klientel" flogen dann Steine und Flaschen - auf die Polizei!

Ja, sie alle sollen und dürfen demonstrieren!
Auch die FDJ-Reloaded-Fraktion.

ABER:
Wir steuern zunehmend auf einen Punkt der irreversiblen Spaltung unserer Gesellschaft zu!

Ost-West wird medial gepusht, mMn zu Unrecht.

Die Gefahr ist die Hypermoral der Weltretter; sie akzeptieren keine Kritik mehr!
Brr, nicht aufregen.

Beste Grüße an Nancy, die "toughe Ostfrau"!

Urban Will | Sa., 3. Oktober 2020 - 20:51

Wenn die als rechts Titulierten Fahnen schwenken und einen Sturz der Regierung fordern, hört und sieht man Betroffenheit allenthalben, werden finsterste Szenarien und Gefahren herauf beschworen, aber wenn die Linken das machen, werden sie milde belächelt. So zumindest lese ich diesen Artikel.
Sie haben ja vollkommen Recht, dass sie das so hinstellen, Frau Hildebrandt, mehr Aufmerksamkeit haben diese Hobby – Revoluzzer sicherlich nicht verdient.
Aber ähnlichen Realismus hätte ich mir vor ein paar Wochen auch gewünscht (betrifft jetzt nicht Sie persönlich).

Aber vielleicht irre ich mich ja auch und der hochverehrte Herr Bundespräsident, sich um die Sicherheit und Existenz seines Landes sorgend, feilt noch an seinen Worten.
Und sucht verzweifelt nach Helden, die sich dem ganzen widersetzten und die er auszeichnen kann...

Die Rechten stellt man an den Pranger, die Linken dürfen ungestört, pfeiffend und singend in ihren bunten Hemdchen durch die Welt spazieren, und niemand stört sich? Die Welt ist ja so ungerecht!
Besonders Kluge sehen gar die Antifa dahinter zu Werke, und die SED selbstverständlich sowieso!
Deutschland steht mal wieder am Abgrund, wegen einem Häufchen Spinner mit dem hypergefährlichem Namen FDJ?
Tatsächlich schätze ich, dass vom Pudel meines Nachbarn eine grössere Gefährdung für die Demokratie ausgeht, als von dieser skurilen Truppe.
Achten wir lieber auf die tatsächlichen Bedrohungen für unsere Demokratie: die politische in Form der AfD, die staatsfeindlichen wie die Reichsbürger und die kriminellen wie den NSU 2.0. Und selbstverständlich einer Reihe anderer Kleinstparteien, Organisationen und Figuren: Identitäre, Pegida, NPD, Kubitschek, diverse "Internet-Aufklärer" usw.

Das muß man Ihnen lassen Herr Lenz.
Zweierlei Maßstäbe anzulegen ist Ihr höchsteigenes Metier.
Haben Sie nicht noch vor ein paar Tagen von einem "Sturm" auf den Reichstag und der in diesem Zusammenhang "aufgepeitschten"
Menge geschrieben?
Nun handelt es sich selbstverständlich nur ein "Häufchen Spinner"

Ihre Kommentare sind auf jeden Fall sehr erhellend.

Gerhard Lenz | So., 4. Oktober 2020 - 17:29

Antwort auf von Ann-Kathrin Grönhall

meldet sich verlässlich.

Frage: Wollte die FDJ-Truppe also auch den Reichstag stürmen?
Hab ich doch glatt verpasst!

Jens Böhme | Sa., 3. Oktober 2020 - 20:56

Warum sollten Links- wie Rechtsextremisten in einer freien Gesellschaft nicht auch ihren Platz haben? Eine gesunde Demokratie hält die wenigen Sympathisanten von links- und rechtsaußen aus. Wohlgemerkt, eine gesunde, stabile Demokratie.

Yvonne Walden | So., 4. Oktober 2020 - 11:55

Antwort auf von Jens Böhme

Die sogenannten "Parteien der Mitte" werden nur dann weiterhin Anerkennung erhalten, wenn sie willens und in der Lage sind, sozial-ausgleichend zu wirken.
Und genau das fehlt in der "Mitte".
Wir könnten doch längst sozial-gerechte Verhältnisse erreicht haben, wenn die Parteien bereit wären, die Steuern und Abgaben gerecht zu erheben. Das Gegenteil ist seit Gründung unsres Staates BRD der Fall.
Die Anzahl der Multimillionäre ist exorbitant gestiegen, insbesondere auch der Multi-Milliardäre.
Warum eigentlich? Hier kann unser Steuersystem doch niemals stimmig sein?
Und dann die Bildungschancen. Warum gibt es nicht flächendeckend Gemeinschaftsschulen, in denen Schülerinnen und Schüler nach ihren Fähigkeiten gefördert werden?
Auf fast allen politischen Feldern herrscht Ungerechtigkeit. Wann wird sich dies, durchgesetzt von den "Parteien der Mitte" endlich ändern?

Fritz Elvers | So., 4. Oktober 2020 - 00:19

Die FDJ wurde von dem SED-Staat vollkommen vereinnahmt und in Westdeutschland 1951 verboten, angeblich weil sie gegen die Wiederbewaffnung sogar eine Volksbefragung durchführen wollte. Bei einer Demonstration in Essen wurde einer von der Polizei erschossen und zwei andere schwer verletzt.
Initiiert wurde die Demo von der Kirche. Die FDJ war in Gesamtdeutschland aktiv und forderte in erster Linie ein einiges, militärfreies Deutschland.

Dieses bewegte Kapitel der 50er Jahre, in denen Teile der CDU sogar ein sozialistisches Deutschland forderten (Ahlener Programm), sollte mal näher beleuchtet werden, mit Distanz, ohne sich gemein zu machen. Dann wird auch diese absurde Veranstaltung vielleicht etwas verständlicher.

dieter schimanek | So., 4. Oktober 2020 - 07:11

Und die Linken und die Grünen und die SPD. Endlich eine Truppe auf dem richtigen Weg. Ich bin echt gespannt mit welchen NGOs sie sich vereinigen. FFF käme doch sicherlich auch in Frage.

Gisela Fimiani | So., 4. Oktober 2020 - 10:28

Warum sollte das FDJ Phänomen überraschen? Es ist doch nur die widerspruchsfreie und schlüssige Erscheinung dessen, wofür deutsches polit-mediales Wirken seit Jahren die Weichen stellte. Insofern ist jede „ungläubige Überraschtheit“ entweder naiv oder zutiefst unaufrichtig.

Günter Johannsen | So., 4. Oktober 2020 - 13:16

wäre gleichermaßen also nichts zum Erschrecken? Das glaube ich weniger. Da wäre der Teufel los ... und das zu recht!
Die FDJ war ein Staatsorgan zur Indoktrinierung der DDR-Jugend unter die menschenverachtende Ideologie der SED-Bonzen! HJ und FDJ müssen meiner Überzeugung nach gleichbehandelt, geächtet werden und verboten bleiben.
Der Herr Haas (besser Hass?) sollte für seine unverschämten FDJ-Aufmärsche mit einem solchen Bußgeld belegt werden, dass er und seine Krawalltruppe die Lust zu weiteren Aufmärschen verliert!

Fritz Elvers | So., 4. Oktober 2020 - 17:45

Antwort auf von Günter Johannsen

Sie sehen also keinen Unterschied darin, ob man Jugendlichen den sozialistischen Gedanken (wenn auch verlogen) und Völkerfreundschaft näher bringen will, oder etwa Untermenschentum, unwertes Leben und Haß auf jüdische Nachbarn?

Die FDJ gab es übrigens auch schon lange vor der DDR, sogar während Hitler, natürlich im Exil.