Cicero im Juni - Der russische Problembär

Krim-Annexion, Sanktionen, Syrien-Konflikt: In den vergangenen Jahren haben sich der Westen und Russland entfremdet, die Atmosphäre erinnert an Zeiten des Kalten Krieges. Vor der Fußball-WM gehen wir in der aktuellen Cicero-Ausgabe der Frage nach, wie es so weit kommen konnte

Angela Merkel und Wladimir Putin
Der Schein trügt: Zwischen Deutschland und Russland herrscht Eiszeit / picture alliance

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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Es gab eine Zeit, da verheirateten sich europäische Königshäuser und die russische Zarenfamilie untereinander, die kulturellen Verbindungen waren eng, die Mentalitäten und Menschen sich nah. Fjodor Dostojewski hat in seinem brillanten Kleinod „Der Spieler“ dieser Phase 1867 ein Denkmal gesetzt. Sein fiktives Roulettenburg ist eine Hommage an das Kurstädtchen Baden-Baden, dem russische Dauergäste seit jeher ein eigenes, mondänes Flair gegeben haben.

Dann kamen die Weltkriege, schließlich der Kalte Krieg, Chruschtschow drosch einmal mit dem Schuh aufs Pult der Vereinten Nationen in New York. Aber jenseits der Kubakrise etablierte sich ein vergleichsweise stabiles Gleichgewicht des Schreckens zwischen dem amerikanisch geführten Westen und dem russisch dominierten Osten. Bis Gorbatschow kam und der Mauerfall und die Strick­jacken- und Saunapolitik des Helmut Kohl.

Neuer Kalter Krieg

In den vergangenen zehn Jahren aber haben sich der Westen und Russland entfremdet. Die Nato expandierte Richtung Osten, Russland verleibte sich die Krim ein. Mit seiner törichten Äußerung von der „Regional­macht“ Russlands demütigte und reizte der amerikanische Präsident Barack Obama ohne Not Wladimir Putin, der seither alles tut, um dem Westen geopolitisch das Gegenteil zu beweisen. Russland wiederum wird mit Sanktionen belegt und darf zugleich in den nächsten Wochen die Weltmeisterschaft des größten Massensports des Westens ausrichten.

Wie konnte sich alles so verkanten? In einem persönlichen Essay schildert unser Autor Moritz Gathmann mit leiser Wehmut, wie es zu dieser politischen und kulturellen Entfremdung kam und was getan werden kann, um ihr entgegenzuwirken. Gathmann war viele Jahre Korrespondent in Moskau und ist nach wie vor eng verbunden mit Land und Leuten, ohne dabei seinen kritischen Blick zu verlieren.

Alexander Marguier bat den CDU-Außenpolitiker und Russlandkritiker Norbert Röttgen zum Streitgespräch mit dem Putin-Intimus Wladimir Jakunin. Die Debatte der beiden, respektvoll und doch immer wieder konfrontativ, veranschaulicht, dass bei allem Bemühen um wechselseitiges Verständnis gemeinsamer Boden erst wieder errungen werden muss.

Cicero Cover Juni 2018Dieser Text stammt aus der Juni-Ausgabe des Cicero, die Sie ab morgen am Kiosk oder heute schon in unserem Onlineshop erhalten.

Darin lesen Sie außerdem, wieso noch immer jeden Monat Tausende Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Mittlerweile haben sich jedoch die Routen geändert, stellt Christoph Wöhrle fest.

Petra Reski berichtet darüber, wie die Kreuzfahrttouristen Venedig, Barcelona und Dubrovnik langsam ruinieren.

Bikesharing Anbieter fluten deutsche Großstädte momentan mit Fahrrädern. Andrea Reidl hat dieses Chaos für uns genauer untersucht.

Und: Christoph Schwennicke hat ein Gespräch mit dem umstrittenen Journalisten Matthias Matussek geführt. In dem hitzigen Gespräch geht es um die Grenze zwischen Aktivismus und Journalismus, aber auch darum, welches das beste Riff der Rockgeschichte ist. 

Christoph Rist | Mi, 30. Mai 2018 - 11:03

dass man sie nach dem Zerfall der SU mit ihren Ängsten schlichtweg alleingelassen hat. Sie haben Orientierung und ihre Zukunft in der Welt gesucht. Vom Westen - insbesondere den Europäern - kam nichts substanzielles. Ich bin absolut kein Freund von Putin, doch er selbst hat in der Vergangenheit mehrfach vor problematischen Beziehungsentwicklungen gewarnt und sogar Vorschläge eingebracht. Man nahm ihn nie ernst. Wenn das "Feindbild West" endlich schwinden soll, muss man den Russen aufrichtige Angebote machen, die sie nicht ablehnen können: Das ist a) eine ökonomische Assoziierung der EAWU mit der EU und b) eine umfassende europäische Sicherheitspartnerschaft, die alle Problemherde vom Balkan über Transistrien und die Ostukraine bis Georgien einbezieht. Wir haben schon heute weit schlechtere Partner (den irren Polterer vom Bosporus) als die Russen sehr umfassend assoziiert. Die wenigen echten Interessensgegensätze mit den Russen lassen sich gut lösen, indem man sie in Verantwortung holt.

Es gibt im sogenannten Westen, also insbesondere innerhalb der EU, eine Vielzahl von Politikern, insbesondere Wirtschaftspolitikern, die aus einem Spannungsverhältnis zwischen Europa und der Russischen Föderation ihre Profite schöpfen.
Gäbe es dieses Spannungsverhältnis nicht bzw. nicht mehr, würde dies zu einer wirklichen und konsequenten Abrüstung führen - auf beiden Seiten.
Und was geschieht dann mit dem Militärisch-industriellen Komplex? Mit der Rüstungsbranche insgesamt?
Diese Befürchtungen waren ja auch maßgebend für Ronald Reagan, der nach Ende des Kalten Krieges sofort ein Raketenabwehrsystem planen ließ, um den "Russischen Bären" zu umzingeln und einzukesseln.
Anstatt auf Frieden und Abrüstung zu setzen also das genaue Gegenteil. So war und ist Amerika, so laufen die Dinge, wenn es in der Rüstungsindustrie zum möglichen Stillstand kommen könnte.
Und wir Deutsche trotten immerzu hinter den USA her, wie lange noch?

würden mehr Menschen zugute kommen, wenn man Wandel durch Annäherung betriebe?
So wird es evtl. eher auf eine Politik à la Jelzin hinauslaufen, ausser dass die Besitzer evtl. bekannte Investoren wären und Russland evtl. US-Amerikanische Verhältnisse bekäme.
Da auch nicht wenige Russen davon profitieren würden, würde ich die Gewogenheit demgegenüber als relativ hoch einschätzen.
Putin wäre gut beraten, eine offensive Eigentumspolitik für die Bevölkerung zu betreiben.
Völker lassen sich nicht so gerne enteignen.

Das Hauptproblem für eine Annäherung an Rußland besteht aber leider darin, daß
die deutsche Politik sich nicht frei macht von ihrer vasallenhaften Bindung an
die USA. Ob sie nicht will oder gar nicht kann (auf Grund von lange bestehenden
geheimen Verpflichtungen), das ist letztlich egal. Jedenfalls liegt in dieser
willfährigen Beugung unter die Interessen der Amerikaner das entscheidende Hindernis für gute und wirtschaftspolitisch vielversprechende Beziehungen zu Rußland.
Im Vergleich zu Trump ist Putin auf jeden Fall der verläßlichere Partner, mag er
auch ein eiskalter Machtpolitiker sein.
Wir Deutschen sollten vor allem u n s e r e Interessen im Auge haben und uns nicht
abschrecken lassen von moralistischen Argumenten, die sowieso - außer den
Deutschen - niemand auf der Welt ernst nimmt. Wenn wir selbstbewußter aufträten, könnten wir zu beiden - Trump und Putin - bessere Beziehungen haben. Aber wir ziehen es ja vor, in der zerbröckelnden EU den Zahlmeister zu spielen.

Marie Werner | Mi, 30. Mai 2018 - 11:06

zur Wahrheit gehört auch, dass ein besseres Verhältnis zu Russland nicht unter einer verbissenen Kanzlerin zu schaffen ist.

gesucht und gefunden haben. Spätestens als unsere Perle aus der Uckermark sich Herrn Bush anbiederte wusste die US Administration "die und keine andere" mit der bekommen wir unsere Wünsche und Vorstellungen erfüllt. Nur zur Erinnerung mussten sich doch diese US Boys gerade mit einem selbstbewussten und aufmüpfigen Herrn Schröder herumschlagen der so gar nicht nach dem Geschmack des Oval Offices war. Ubd wenn man jetzt noch berücksichtig wie zum Teil die Verbindungen zu diversen "Transatlantischen Denkfabriken" der Mainstreampresse sind kann man die Gloriolen die Frau Merkel angedichtet wurden eher einordnen. (Beitrag kann ein Hauch Verschwörungstheorie enthalten aber nur so läßt sich die schützende Hand über Merkel erklären so z.B. während Frau Merkel dafür gelobt wird bei ihrer Mutter Teresa-Aktion die Menschen im Blick zu haben wird gerade eine BAMF Mitarbeiterin für den gleichen Ausspruch niedergewalzt).

Hans W. Koerfges | Mi, 30. Mai 2018 - 11:25

Sattsam bekannte Argumente müssen nicht wiederholt werden. Sehen wir uns die russische Bevölkerung an. Sie hatte bis 1918 zu mehr als 90% fast als Sklaven gelebt. Dann kam Stalin und brachte die Kollektivierung. Die Masse der Bevölkerung lebte weiter als nahezu Sklaven, verbrämt mit sozialistischen Parolen. Dann kam der Zerfall der SU und die ganze Bevölkerung trieb angeblich neuen Ufern zu. Tatsächlich kam die Bevölkerung erneut unter die "Knute". Dieses Mal unter die Knute einer Kleoptokratie, die die Ausbeutung der Menschen erst beendet, wenn sie am Galgen hängt oder in Sibirien erfroren ist.

Die Kleoptokratie personifiziert sich in der Person Putin. Er sieht sich in der Klemme zwischen Europa und China, was sicher völliger Unsinn ist. Das ist aber für die meisten der indoktrinierten Russen ganz einfach Realität. Alles Gerede über Beziehungen usw. sind solange sinnlos, wie die Kleptokratie noch lebt. Russland braucht den berühmten weissen Ritter.

Juliana Keppelen | Mi, 30. Mai 2018 - 14:47

In reply to by Hans W. Koerfges

Ja wir Deutschen haben schon immer gewußt was Russland braucht und wenn es die (Russen) nicht kapieren müssen sie als Bestrafung Sanktioniert werden. Aber die dummen Russen wollen einfach nicht auf uns hören und ihren eigenen Weg finden und gehen und in ihrer Verblendung wählen sie auch noch Putin die Inkarnation des Bösen. Da sind wir mit Mutti besser dran die befolgt strickt die Wünsche und Order aus Übersee komme was da wolle egal welches Land gerade mit Bomben zwangsdemokratisiert wird oder welcher blutige Regime Change gerade angeleiert wird wir unterstüzen das denn wir wissen das was da in Übesee für uns entschieden wird es kann nur gut sein und wer das anzweifelt ist ein Troll. (Beitrag kann Spuren von Ironie enthalten).

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 30. Mai 2018 - 13:18

der Ankündigung.
Alle Achtung Herr Schwennicke.
Freue mich auf die Juni-Ausgabe

Michaela Diederichs | Mi, 30. Mai 2018 - 15:00

"Russland ist ein westlich-östliches Halbblutland, mit seiner doppelköpfigen Staatlichkeit, seiner hybriden Mentalität, seinem zwischenkontinentalen Territorium, seiner biopolaren Geschichte ist es, wie es sich für ein Halbblut gehört, charismatisch, talentiert, schön und einsam". Ganz großartiger Artikel, längst überfällig. Es ist dringend geboten, vom hohen Ross herabzusteigen und dem "Halbblut" die Hand zu reichen. Russland steht uns näher als die Türkei, es ist eurasisch, Teil von Europa sollte es werden. Leider ist das brüchig gewordene Transatlantische Bündnis dem Denken und Handeln der gegenwärtigen Regierung im Wege. Auch hier: neue Wege braucht das Land.

Udo Dreisörner | Mi, 30. Mai 2018 - 15:22

Ich sehe auch nen Problemdackel auf dem Bild!

Michaela Diederichs | Mi, 30. Mai 2018 - 16:12

Danke für das Kurzportrait zu Düzen Tekkal. Mit dieser Frau als Staatsministerin für Integration hätte ich gut leben können, obwohl ich sonst eine große Abneigung gegen sogenannte Aktivisten habe.

Michaela Diederichs | Mi, 30. Mai 2018 - 20:50

Streitgespräch Schwennicke Matussek. Das Gespräch finde ich hoch interessant. Es zeigt wie fragil das Leben und Arbeiten von Journalisten ist. Matussek wird wegen eines politisch inkorrekten Smileys gefeuert und es wird abschätzig über ihn und andere gesprochen und er findet für sein neues Buch keinen Verlag. War das sein Damaskuserlebnis - wurde er deswegen von Saulus zum Paulus? Das allein kann es nicht gewesen sein. Er spricht sehr deutlich aus, was andere auch fühlen: es stimmt etwas nicht mehr mit unserer Demokratie, wenn Bürger nicht mehr demonstrieren können ohne bedroht zu werden, wenn der Innensenator davor warnt zu Protesten zu gehen, wo man möglicherweise mit Rechten in Berührung kommt, wo Verleger und Journalisten auf die Bremse steigen müssen, damit sie nicht in die rechte Ecke gestellt werden. Herr Matussek benennt die Dinge klar und deutlich. Danke, dass er das im Cicero noch darf.

Klaus Wolf | Do, 31. Mai 2018 - 07:32

Die Übernahme der Krim war seit Jahrzehnten strategisch vorbereitet, und dazu wurde auch der kreml-freundliche Politiker Jaunuwitsch installiert, der aber seine Agenda nicht zuende bekam. Heute Geschichten zu erfinden, warum Russland sich provoziert gefühlt haben könnte, unterschätzt die Intelligenz der Leser.

Ich stimme ihnenzu es ist wahrscheinlich dass diese Übernahme der Krim schon immer geplant war. Nur der Auslöser um diese Übernahme zu vollziehen war der blutige Putsch in Kiew, das Strunzdumme agieren der Putschregierung und die Plöne des "Westens" einen Natostützpunkt auf der Krim zu installieren und letztlich der Wunsch der Krimbevölkerung (daher so unblutig) nach einer Wiederverinigung mit, nach ihrer Ansicht nach, ihrem Mutterland. Die Krim wurde wieder russisch dank dem mehr als dummen Einmischen und Vorgehen des Westens in der Ukraine.

Es erscheint sehr fragwürdig, ob die Rückholung der Krim nach Russland 'seit Jahrzehnten geplant' gewesen sein kann. 2008 haben die USA, wieder einmal, damit gedroht, sowohl Georgien als auch die Ukraine in die Nato zu holen. Der Kiewer Präsident der Zeit hat auch im Georgienkonflikt Sewastopol in Frage gestellt. Damit war das Mass voll. Kein russischer Präsident kann daran denken, im relativ kleinen russischen Küstenabschnitt um Sotschi zu sitzen und auf ein US-dominiertes Nato-Meer zu schauen. Die Nato ist seit den Balkan-Konflikten eine out-of-area-Intenventionstruppe - die amerikanische Stärke vor der Haustür wird in Russland als Demütigung gesehen, die es auch ist und sein soll.

Jürgen Placzek | Do, 31. Mai 2018 - 08:04

Der Antikriegsfilm des Regisseurs Elem Klimow
zeigt die unglaublichen Verbrechen der Deutschen
Wehrmacht nach dem Einmarsch in die Sowjet
Union.27 Millionen Tote auf russischer Seite sollten
doch Mahnug genug sein für ein vernüftiges Miteinander.Aber scheinbar hat der Deutsche dem Russen Stalingrad nie verziehen.Dumm
nur das der russische Bär nicht nach der Melodie
der Transatlantiker tanzen möchte.

Wilhelm Maier | Do, 31. Mai 2018 - 18:00

„Russlandkritiker Norbert Röttgen“- wie weich Sie es ausgedruckt haben Herr Schwennicke.
Norbert Röttgen ist Vorstandsmitglied der in Berlin ansässigen transatlantischen Denkfabrik Atlantik-Brücke. Und er wird alles wie bisher tun, das Verhältnis zwischen uns und Russland im Sinne von „Brücke“ bleibt.

Bernhard K. Kopp | Do, 31. Mai 2018 - 19:37

Die sog. Wutrede Putins in München war im Februar 2007. Man sie registriert, aber nie ernst genommen. Die Nato-Bomben auf Serbien, im Ergebnis für einen Staat Kosovo und eine eklatante Verletzung der 'europäischen Friedensordnung' durch 'uns'. Wenn wir die genannten Jahre nicht ehrlich analysieren wollen, sondern nur die Konfliktspirale immer weiter treiben, weil wir unter dem amerikanischen Schutz ( und der Bundeswehr unter Frau von der Leyen) so unverwundbar sind, dann werden wir keinen Reset der europäischen und deutschen Russlandpolitik zustande bringen.