Übergangsregierung in Österreich - Die Stunde des Präsidenten

Mit Brigitte Bierlein wird erstmals eine Frau Kanzlerin in Österreich. Die Übergangskanzlerin wurde von Alexander Van der Bellen eingesetzt. Mit besonnenen Entscheidungen wie dieser verschafft der Bundespräsident dem Land dringend benötigte Stabilität

Alexander van der Bellen
Alexander Van der Bellen zeigt, wozu es einen Bundespräsidenten eigentlich braucht / picture alliance

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Oliver Pink leitet das Ressort Innenpolitik bei der österreichischen Zeitung „Die Presse“. Foto: Bruckberger/ Die Presse

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Alfred J. Noll hat eine Idee: SPÖ und FPÖ sollten Herrn Sebastian Kurz in der Grube sitzen lassen, die er selbst ausgehoben habe und im September nicht wählen lassen, also keinen Neuwahlbeschluss fassen, meinte der Abgeordnete der Liste Jetzt. Man stelle sich vor, ein FPÖ-Politiker hätte so eine Idee gehabt. Die Hölle wäre los, die Demokratie in Gefahr.

So aber: Tolle Idee! Freies Spiel der Kräfte! Wobei dagegen ja auch nichts zu sagen wäre, nach einer Wahl, es wäre ein demokratisch zulässiges, vielleicht sogar spannendes Experiment, wenngleich auf Dauer nicht wirklich zielführend. Aber vor einer Wahl ist die Absicht doch erkennbar: Die SPÖ will so spät wie möglich wählen lassen, da zuvor die Senioren, eine ihrer größten Wählergruppen, teils noch auf Urlaub sind (allerdings haben diese bei der EU-Wahl überdurchschnittlich ÖVP gewählt). Die FPÖ will so spät wie möglich wählen lassen, damit so viel Gras wie möglich über die Ibiza-Sache gewachsen ist. Und die Liste Jetzt alias Liste Pilz würde wohl gern die gesamte Legislaturperiode noch auskosten. Denn bei Neuwahlen wird sie es voraussichtlich nicht mehr in den Nationalrat schaffen.

Eine von niemandem gewählte Regierung

Man darf aber davon ausgehen, dass auch der Bundespräsident solchen Fantasien eine Absage erteilen wird. Er setzt nun eine Übergangsregierung ein. Mit Betonung auf Übergang. Dass diese Regierung dann einfach weiterregiert, mit einer Mehrheit im Parlament aus SPÖ, FPÖ und Liste Pilz, ist absurd. Denn diese Regierung hat keiner gewählt.

Nun werden die besonders Schlauen einwenden: Keine Regierung ist gewählt, gewählt werden die Abgeordneten zum Nationalrat. Das ist richtig. Aber auf Basis der Stärke der Parteien finden dann Koalitionsverhandlungen statt, an deren Ende eine Regierung steht. Das findet hier nicht statt. Diese neue Regierung wird vom Bundespräsidenten eingesetzt. Um ein Funktionieren der Verwaltung bis zum Tag, an dem wieder der Souverän, der Wähler, das Wort hat, zu gewährleisten.

Brigitte Bierlein ist die logische Wahl

Alexander Van der Bellen hat sich bisher strikt der Verfassung entlang bewegt, auch keine Spielräume ausgereizt. Er hat sich an die geschriebenen und auch ungeschriebenen Gesetze, an die demokratischen Usancen gehalten. So könnte er theoretisch auch die erst vor kurzem angelobten Expertenminister wieder bestellen. Doch da der Nationalrat am vergangenen Montag auch ihnen das Misstrauen ausgesprochen hat, wird er es nicht tun. Es käme einer Brüskierung des Parlaments gleich.

Van der Bellen hat nun auch eine passende Wahl für die Leitung des Übergangs getroffen: die Präsidentin des Verfassungsgerichtshof, Brigitte Bierlein. Die an sich auch logische Wahl. Die Frage war, ob sie diese Tätigkeit übernehmen wollte. Sie wollte offensichtlich. Damit ist garantiert, was auch die Intention des Bundespräsidenten ist: Dass in der Phase des Übergangs nicht Politik gemacht wird, sondern das Funktionieren der Organe des Staates gewährleistet. Nicht mehr und nicht weniger. Eine Beamtenregierung. Aber es wäre nicht Österreich, wäre nicht auch diese fein austariert: Brigitte Bierlein, die auf einem ÖVP-Ticket im Verfassungsgerichtshof saß, als Kanzlerin. Der SPÖ-nahe Clemens Jabloner als Vizekanzler.

Van der Bellen macht einen großen Job

Das Parlament kann nun in einem freien Spiel der Kräfte ja noch immer beschließen, was es möchte. Es könnte dann nur teuer werden. Was das Parlament aber nicht tun sollte, ist, an den demokratischen Usancen, die eben der Bundespräsident peinlichst genau einhält, herumzudeuteln: Es sollte nicht die Übergangsperiode künstlich verlängern, um daraus parteipolitische Vorteile zu lukrieren, sondern dem Wähler schnellstmöglich die Gelegenheit zu geben, zu beurteilen, was da seit der Nationalratswahl 2017 geschehen ist: in der Regierung, auf Ibiza, in den Oppositionsreihen. Somit auch bei der Liste Jetzt, die damals noch Liste Pilz hieß.

Und weil es in der Vergangenheit immer wieder die Frage gab, wozu es eigentlich einen Bundespräsidenten braucht: Nun weiß man es. Alexander Van der Bellen macht dieser Tage einen großen Job, wie die von ihm so geschätzten Angelsachsen sagen würden.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Die Presse.

Monika Templin | Fr, 31. Mai 2019 - 17:35

Diesen Artikel von Herrn Pink finde ich sehr objektiv. Genauso sollte eine Übergangsregierung arbeiten und die Idee des Herrn Alfred J. Noll finde ich so daneben und sind aber auch typisch für diese Partei des Herrn Pilz! Unter der Regierung des jungen Kanzlers Kurz war Österreich auf einem guten Weg und die SPÖ hat sich bestimmt die Hände gerieben, als das Ibiza-Video veröffentlicht wurde. Angeblich hat Kanzler Kurz die FPÖ salonfähig gemacht - das Gegenteil ist der Fall. Die Politik der SPÖ u.a. hat wahrscheinlich die Wähler so abstimmen lassen wie sie abgestimmt haben. Ich wünsche den Österreichern, dass sie sich nicht beirren lassen.

Günter Johannsen | Fr, 31. Mai 2019 - 17:50

Nachdem Herr van der Bellen durch eine verzögerte zweite Wahl zu seinem Amt kam, was allgemein sehr umstritten war, kann ich ihm als BP nicht viel Positives abgewinnen. Die Linken lassenhalt gern solange wählen, bis das für sie richtige Ergebnis zustande kommt … kennen wir doch von Deutschland auch.
Einzig wichtig ist: Ich hoffe, dass Sebastian Kurz gestärkt aus dieser Farce hervorgeht und nicht nach links zieht, denn das wäre sein Ende. Er sollte aus dem Dilemma mit Söder in Bayern lernen: wer links einknickt, hat keine Chance, politisch zu Überleben!

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