Krise in Nordafrika - Vor dem Sturm

Fast überall in Nordafrika kommt es immer häufiger zu Unruhen. Eine riesige Zahl junger Arbeitsloser steht einer kleinen überalterten Machtelite gegenüber, die nicht teilen will. Es droht ein Flächenbrand – mit verheerenden Folgen auch für Europa

Unruhen in Marokko
In Marokko finden regelmäßig Ausschreitungen gegen das marokkanische Regime statt / picture alliance

Autoreninfo

Susanne Kaiser ist als Journalistin spezialisiert auf die arabische Welt und hat über Nordafrika promoviert. Sie ist auch als politische Beraterin tätig. Foto: privat

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Wenn Omar morgens auf die Straße tritt, stellt er sich zwei Fragen: Wo gehe ich jetzt hin? Und: Was mache ich heute? Manchmal ist es da noch gar nicht richtig hell, die Kühle der Nacht hängt noch in der Luft von Al Hoceïma, einer kleinen Stadt an der Mittelmeerküste im Norden Marokkos. An anderen Tagen brennt die Sonne schon senkrecht herunter, wenn er die Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt, denn morgens ist, wann Omar aufsteht. Dann zieht er los, in einen ungewissen Tag, an dem alles offen scheint und am Ende doch nur wenig passiert.

Oft landet er an dem Ort, den er eigentlich meiden wollte: im Café. Mit vielen anderen jungen Männern, die nichts zu tun haben, schlägt er hier die Zeit tot. Gemeinsam schauen sie auf den Fernseher; wer Geld hat, wettet auf seine Fußballmannschaft und kann für kurze Zeit auf den ganz großen Gewinn, auf ein besseres Leben hoffen. Davon träumen hier alle. „Die Leute sind arm, deshalb wetten sie. Das ist die einzige Möglichkeit, an viel Geld zu kommen, wenn man nicht kriminell werden will“, erklärt Omar, warum die Männer ihr bisschen Geld lieber in Sportwetten investieren anstatt sich etwas zu essen oder neue Kleidung zu leisten. Die Hoffnung ist für jene, die sich hier versammeln, wertvoller als ein frisches Hemd oder ein voller Magen.

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helmut armbruster | Di, 28. November 2017 - 10:01

in Marokko, Algerien, Tunesien u. Libyen hat sich die Bevölkerung seit 1950 bis heute im Ø verfünffacht.
Infrastruktur, Wirtschaft, Handel, Bildung, Verkehr und vieles mehr ist nicht im selben Verhältnis gewachsen.
Wenn wir - nur hypothetisch -solche Zuwachsraten auf D übertragen, dann hätte die BRD heute eine Bevölkerung von ca. 350 bis 400 Millionen.
Man braucht nicht viel Phantasie um sich vorstellen zu können welche Verhältnisse wir heute hätten, hätten wir einen solchen Bevölkerungszuwachs erlebt.
Und es gibt noch einen wichtigen Unterschied.
D war schon vor 1950 ein hoch industrialisiertes Land, diese nordafrikanischen Länder jedoch waren zurückgebliebene Agrarländer unter Kolonialherrschaft.
Beides zusammen, x-faches Bevölkerungswachstum und ökonomische Rückständigkeit, haben die heutige Situation verursacht.
Verschärft wird alles noch durch undurchlässige,gesellschaftliche Strukturen. In diesen Ländern kommt nur voran wer Vitamin B hat.

in diesen Ländern selbst anzusetzen, wie auch dem Nahen Osten, den ich erstaunlicherweise nicht wesentlich entwickelter sehe.
Gesellschaftliche Unterentwicklung trifft evtl. beide, den Nahen Osten und Afrika.
Der Kolonialismus hat erschreckenderweise auch Fortschritte in diese Länder gebracht? Er garantierte evtl. unwissend die Herrschaft des einen Clans über die anderen, weshalb man sich mit ihm einrichtete?
Nur wie war diese eventuelle Unterentwicklung möglich?
Strukturell durch Zu-Ordnungen, sprich, Familien-, Herrschaftsverhältnisse und religiösen """Kult"""?
Um Entwicklungshilfe fruchtbar werden zu lassen, muss man überlegen, was genau es zu entwickeln gilt.
Unabhängig davon gilt es natürlich die Menschen am Leben zu erhalten, aber nicht nur als Wiedergutmachung, auch, aber vor allem als genuine Hilfe.

möglicherweise sollten "WIR" gar nichts entwickeln ? Die Leute machen lassen ? Eigenverantwortlich ? Was meinen Sie ? Warum haben wir Schuld ? "Wir" haben das gemacht, was Menschen nun mal machen. Wir haben unsere Überlegenheit ausgenutzt. Jetzt sollten wir darauf achten, das wir überlegen bleiben. Sonst werden andere ihre Überlegenheit ausnutzen. Das möchte ich nicht.

wehrt man sich wirklich gegen Überlegenheit?
Gab es nicht eine hohe Achtung vor den Amis, weil man deren Entwicklungsschritte in kürzester Zeit doch auch bewunderte?
Wir vergaßen allerdings, nach den Kosten zu fragen, Auslöschung der Urbevölkerung, und damit nach dem System überhaupt.
Sie wollen aber nicht wirklich Kopftücher oder Flucht mit Schlauchbooten über das Mittelmeer als Überlegenheit bezeichnen?
In mir streitet das unabweisbare Elend dieser Menschen mit meiner Meinung über sie, vor allem in ihrer Zu-gehörigkeit zu unseren Gesellschaften.
Schon mal überlegt, dass auch, neben anderem, es sich um Leute handeln knnte, die schon mit der Gesellschaftsbildung in ihren Heimatländern überfordert sind?
Es tat mir auch für Amerikas Urbevölkerung leid, dass dorthin diejenigen hauptsächlich strebten, die in Europa keine Möglichkeiten sahen, bis ich anderes "sah".
Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sicher, aber Europa blieb dennoch für viele eine Heimat.

Die Bevölkerung wächst so schnell, da hilft teilen nicht, es gibt nicht genug zum teilen um alle zufrieden zu stellen. Auch die Vorstellung man könne, z. B. mit einem Marschallplan, die Lebensbedingungen deutlich verbessern, ist Angesicht von Industrie 4.0 naiv. Wir können uns nur abschotten, wenn wir nicht mit in den Abgrund gerissen werden wollen.

Tonicek Schwamberger | Di, 28. November 2017 - 14:29

In reply to by wolfgang spremberg

... Herr Spremberg. Ihre Worte "Wir können uns nur abschotten, wenn wir nicht mit in den Abgrund gerissen werden wollen." kannte auch schon P. Sch.-Latour, der sagte " Wer halb Kalkutta aufnimmt, hilft nicht etwa Kalkutta, sondern wird selbst zu Kalkutta!"

Übrigens, Ihre Beiträge lese ich immer gerne. Danke!

Achim Scharelmann | Di, 28. November 2017 - 17:16

Wenn diese kleine Machtelite nicht teilen will, dann werden wir wohl wieder einspringen müssen und unser Vermögen mittelfristig mit den Armen Nordafrikas teilen. Wieso kommt bei dieser Erkenntnis niemand auf die Idee, dafür zu sorgen, daß sich dort die Verhältnisse ändern, bevor deren Probleme in alle Welt getragen werden, die dann in Konsequenz auch bei uns zu Unruhen führt.

Dr. Lothar Sukstorf | Di, 28. November 2017 - 18:45

Zunächst gilt es Ursache und Wirkung zu bedenken, Ursache für den zu erwartenden Sturm ist Merkel mit ihrer unseligen Entscheidung, dazu die unselige Asylgesetzgebung bei uns usw(das hat nach wie vor große Sogwirkung)... die Folgen daraus können wir gerade noch so bewältigen. Wenn die Entwicklung so weitergeht, die Merkelsche Afrikapolitik(ist im Grunde genommen nur ein Ablenkungsmanöver von ihrer Flüchtlinsgpolitik und von ihrer Feigheit zu sagen, wir wollen keinen mehr aufnehmen). Es wird wohl auf eine Orbanisierung des Verhältnisses zu Flüchtlingen hinauslaufen. Wenn bei uns und in Europa die Lebensstandards so massiv durch Flüchtlingsströme gefährdet werden, wird sich Europa zu ganz anderen Mittel der Flüchtlingsbekämpfung, während der nächsten 10-15 Jahre, durchringen.

Bernhard Mayer | Mi, 29. November 2017 - 08:57

In reply to by Dr. Lothar Sukstorf

Nee, Herr Sukstorf die Ursache für diese Probleme liegen schon viel länger zurück. Das begann schon mit dem Import der ersten "Gastarbeiter".

Damit wurde der Zug schon auf das falsche Gleis gesetzt.

Richtigerweise hätten damals die Arbeitsplätze exportiert werden müssen.
Und nicht Menschen nach Europa Importiert.

Japan hat das besser gemacht! Ist aber kaum bekannt.

Claudia Martin | Di, 28. November 2017 - 20:59

Schöner Beginn des Beitrages von Frau Kaiser. Ich kann aber nicht nachvollziehen warum - in letzter Zeit immer mit verstärkter Frequenz - uns LeserInnen diese Entwicklung als Neuigkeit verkauft wird. Dieser Artikel, bzw. dieses Thema ist doch ein mittlerweile sehr alter Hut. Ich kenne aus meiner Jugendzeit einen Prof. Heinz Haber. Einen Aldous Huxley. Es lohnt sich hier bei youtube zu stöbern. Viele alte Aufzeichnungen sind vorhanden. All das was in diesen Tagen abläuft ist längst bekannt. Und natürlich wird sich die Situation noch weiter zuspitzen. Letztlich fällt mir da noch der gute alte Darwin ein. Überraschend ist für mich jedoch, dass die "Politik" darauf keine Antwort hat. Survival of the fittest scheint mir dann doch letztlich zum rein individuellen Problem zu werden. So langsam verstehe ich die amerikanischen Waffengesetze. Wenn der Staat dich nicht schützen kann, musst du es selbst tun. Ist eigentlich nicht meine Priorität, aber leider wohl die realistische Variante in D.

Alexander Mazurek | Mi, 29. November 2017 - 02:40

... "Söhne und Weltmacht" von Gunnar Heinsohn zu lesen, dann wird jedem klar, worum es gnadenlos geht. Und Bundeskanzlerin Merkel ist mit dabei. Macht nichts, ist eh alles egal, weil neoliberal kunter-und regenbogenbunt? Wehrt Euch, solange es noch geht!

Enrico Stiller | Mi, 29. November 2017 - 09:23

wie es gehen kann. Dort ist die Geburtenrate so drastisch gesunken, wie dies in der Bevölkerungsstatistik noch niemals beobachtet wurde. Auf jetzt mitteleuropäisches Level. Bewirkt hat dies ein ganzes Bündel von Massnahmen, in deren Kern ein sich entwickelndes Sozialsystem steckt. Die Gelder, die wir für Immigranten verbraten, sollten wir in Afrika in den Aufbau solcher Strukturen stecken. Und zwar nicht unter der Regie der dortigen Staaten, sondern unter der Oberaufsicht von Hilfsorganisationen. - Aber ist das politisch erwünscht hier? Wenn ich Julia Klöckner höre, die hier "niemanden ausgrenzen" will, dann schaudert mir. Grenzen sind dazu da, auszugrenzen. Nach Meinung unserer Elite soll Deutschland zu einer Art Sozialamt für die ganze Welt werden. Und Deutsche zu Arbeits- und Steuersklaven dieses Amts. Auf unserem Rücken will unsere Elite heilig gesprochen werden.

Thomas Schmid | Mi, 29. November 2017 - 11:22

Am verg. Sonntag verfolgte ich den ARD-Weltspiegel. Thema Ägypten. 96% der Landesfläche sind Wüste. Die Nahrungsmittelproduktion hängt von der künstlicher Bewässerung durch den Nil ab. Der Sudan baut nun einen Staudamm und kontrolliert damit dann den "Nachschub" an Wasser. Aufgrund des mit Salz gesättigten Grundwassers in Ä.ist eine permanente Bewässerung der Anbauflächen nötig. Die Bevölkerung Ä. wächst jährlich um 2 Mio. Menschen.
Ä.ist nur ein Land von vielen, die ähnliche Entwicklungen aufweisen.Entwicklungshilfe, sprich Geld für die korrupten Eliten und "Bekämpfung der Fluchtursachen vor Ort" sind unser offizielles Rezept?! Toll, wir haben das Problem verstanden und gehen dieses seit Jahrzehnten richtig an (fies grins).Diesen Menschen zu helfen ist eine Mehrgenerationen-aufgabe und ich sehe uns in der Pflicht, "Kalkutta" in Deutschland mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern.Wer das nicht leisten kann oder will, hat in Verantwortung nichts zu suchen.

Menschen im Jahr = 2 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze im Jahr um den Status Quo zu halten. 2 Millionen Arbeitsplätze in Konkurrenz zu China, Indien, Vietnam, Bangladesch usw.usw. und, ganz wichtig, fast neu : Industrie 4.0.
Ähnlich sieht es in ganz Afrika, Nahost und auf dem indischen Subkontinent aus.
Wie soll das funktionieren ? Wird das irgendwo diskutiert ?
Es gibt eine Managementmethode, die nennt sich Risikomanagement. Die ist ganz einfach. Man listet Risiken sortiert nach Größe des Risikos ( z.B. Bestandsgefährdend) und Wahrscheinlichkeit des Eintritts und kümmert sich dann vordringlich um große Risiken mit hoher Eintrittswahrscheinlichkeit. Hier haben wir ein Bestandsgefährdendes Risiko mit garantierter Eintrittswahrscheinlichkeit.
Worauf warten die Verantwortlichen ?

Thomas Schmid | Mi, 29. November 2017 - 13:56

In reply to by wolfgang spremberg

natürlich gibt es in Deutschland ein seit Jahren erprobtes Risikomanagement.
Es lautet: Russisches Roulette mit voller Trommel.
Tut mir echt leid, anders kann ich unsere verfehlte Entwicklungshilfe in dieser Region nicht mehr bewerten. Macht aber nichts. Machen wir einfach das, was wir in solchen Fällen immer machen. Wir fordern eine "europäische Lösung" oder rufen nach den Oberschwaflern von der UNO. Wenn das dann nicht hilft, sind die Amis, die Chinesen oder die Russen schuld. Suchen Sie sich`s aus.
Das hört sich zumindest besser an, als die eigentlich betriebene Strategie, die das bekannte Götz von Berlichingen-Zitat so herrlich deftig ausdrückt.
Ersatzweise können wir auch jene von Lothar Matthäus zu trauriger Berühmtheit gebrachte Weisheit nutzen. Wir stecken weiter den Sand in den Kopf und glauben feste weiter: Was keiner weiß, macht keinen heiß.

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