Beirut nach der Explosion - „Wären anständige Politiker am Hebel, wäre das nicht passiert“

Die Explosion im Hafen Beiruts hat das krisengeplagte Land zusätzlich erschüttert. Für junge Libanesen ein weiterer Rückschlag, viele von ihnen haben keine Perspektive. Eine von ihnen ist Cloe Hajjar, die über ihre Eindrücke und ihre Wut auf Libanons Regierung spricht.

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Explosion im Hafen von Beirut: „Im Umkreis von ungefähr fünf Kilometern ist der Schaden enorm“ / dpa

Autoreninfo

Ulrich Thiele lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Er schreibt für Cicero Online.

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Ulrich Thiele

Cloe Hajjar, Jahrgang 1999, lebt mit ihrer Familie in Beirut, wo sie Pharmazie studiert. In ihrer Freizeit engagiert sie sich ehrenamtlich bei einem Kirchen-Projekt für behinderte Menschen. Transparenzhinweis: Unser Autor kennt die Interviewte durch Libanon-Aufenthalte persönlich und ist mit ihr befreundet.

Cloe, geht es dir den Umständen entsprechend gut?
Physisch geht es mir Gott sei Dank gut. Aber die ganze Situation ist mental auslaugend. Ich war heute in der Stadt und habe mitgeholfen, aufzuräumen und Lebensmittel an die Betroffenen zu verteilen. Darunter sind Menschen, die ihr Leben lang für ein Haus gearbeitet haben – und plötzlich liegt alles in Trümmern. Wo die Explosion war, ist ein gigantisches Loch. Im Umkreis von ungefähr fünf Kilometern ist der Schaden enorm. Vorhin ist vor meinen Augen ein fünfstöckiges Gebäude eingestürzt. Die Straße musste zur Sicherheit abgesperrt werden. 

Wie hast du die Explosion erlebt?
Ich war zu dem Zeitpunkt nicht zu Hause, ich war mit Freunden etwa 15 Kilometer außerhalb von Beirut in den Bergen unterwegs. Wir haben plötzlich diesen Knall gehört und konnten aus der Entfernung die Rauchwolke sehen. Natürlich haben wir alle Angst bekommen und sofort unsere Familien angerufen, um sicherzugehen, dass ihnen nichts passiert ist. Unsere Wohnung ist unbeschädigt. Aber meine Eltern wurden ohnmächtig, die Druckwelle hat sie erwischt.

Und deine anderen Verwandten und deine Freunde?
Das Haus meiner Großmutter hat ein bisschen was abbekommen, die Fenster sind zertrümmert. Die Häuser einiger Freunde von mir sind komplett kaputt, sogar die Dächer sind eingebrochen. Viele von ihnen haben leichte Verletzungen wie Schnittwunden und Prellungen wegen der zersplitterten Fenster. Eine Freundin von mir liegt im Koma, sie hat eine schwere Kopfverletzung. Ich habe eine Nachricht von ihrer Familie bekommen, dass sie nicht sicher sind, ob und wann sie wieder aufwacht.

Du hast heute Morgen auf Instagram einen frustrierten und wütenden Text gepostet. Du entschuldigst dich darin für deine Regierung und ihre Politiker. Was genau meintest du damit?
Zunächst wollte ich in der Botschaft ausdrücken, wie traurig ich bin und wie sehr mir diese ganze Situation für alle Libanesen leidtut. Und ich entschuldige mich im Namen unserer Politiker, weil ich weiß, dass sie sich niemals entschuldigen werden. Sie werden nie zugeben, wie sehr sie unser Land zerstört haben. Ich hatte das Gefühl, dass jemand es für sie sagen musste. Es ist verheerend, dass ein so schönes Land so schlecht geführt wird. Die Explosion hat unsere ohnehin schwere Wirtschaftskrise verschärft, die Menschen leiden und unsere Regierung tut immer noch nichts. Andere Länder haben uns konkrete Hilfe angekündigt, aber von unserer eigenen Regierung kommt nichts.

Gibst du der Regierung die Schuld für die Explosion?
Sie ist vielleicht nicht direkt, aber auf jeden Fall indirekt schuld an der Katastrophe. Wären anständige Politiker am Hebel, wäre das nicht passiert. Die Korruption hat dazu geführt, dass Gesetze und Sicherheitsmaßnahmen nicht eingehalten worden – trotz der Warnungen von Experten.

Der Gouverneur von Beirut, Marwan Abbud, brach am Ort der Explosion in Tränen aus. Ministerpräsident Hassan Diab sagte, er wolle die Verantwortlichen hart bestrafen. Kaufst du ihnen das ab?
Dann müsste er sich selbst bestrafen. Und ganz ehrlich: Ich habe genug von all den leeren Gesten und Versprechungen. Natürlich weinen sie in der Öffentlichkeit, zeigen ein paar Tränen und versprechen, etwas unternehmen zu wollen. Aber sie tun nichts. Die Leute brauchen Unterkünfte und finanzielle Unterstützung, nicht leere Worte.

Es ist kein Geheimnis, dass die libanesische Regierung korrupt ist. Was genau läuft falsch?
Die Korruption herrscht schon seit dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1990. Unsere Politiker haben der Bevölkerung Milliarden gestohlen und nichts davon für den öffentlichen Bereich zurückgegeben. Sie haben Offshore-Konten in der Schweiz, kaufen sich private Jets und luxuriöse Villen – während wir im Land immer noch nicht richtig funktionierenden Strom und kein sauberes Wasser haben und die Straßen und die ganze Infrastruktur ein Desaster sind. Es gibt in vielen Teilen des Landes noch nicht einmal Straßenlichter, nachts ist es stockduster auf den Straßen. 

Du warst deswegen mit dabei, als letztes Jahr im Oktober die Massenproteste in Beirut gegen die Regierung begannen. Wie fing das an? In den Medien las man, dass eine angekündigte Whatsapp-Steuer der Auslöser gewesen sei.
Alle reden über dieses Whatsapp-Ding (lacht)! Nein, es begann damit, dass die Regierung grundsätzliche Steuererhöhungen angekündigt hat. Die Regierung betreibt seit Jahren Misswirtschaft, ist korrupt, viele Libanesen wissen nicht, wie sie ihre Familien ernähren sollen – und dann kündigen sie ohne Erklärung Steuererhöhungen an. Es hatte schon lange in uns gebrodelt, die Whatsapp-Steuer war höchstens der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

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Cloe Hajjar bei den Massenprotesten in Beirut Ende letzten Jahres / privat

Vor allem junge Menschen verlassen wegen der schlechten Wirtschaftslage und der fehlenden Perspektiven das Land. Es gibt mehr Libanesen im Ausland als im Libanon. Was macht diese Situation mit einem jungen Menschen wie dir?
Es ist kompliziert. So viele Verwandte von mir sind ins Ausland gegangen. Auf der einen Seite wünsche ich mir das Beste für sie, und die beste Zukunft finden sie nicht hier. Auf der anderen Seite ist es unfassbar traurig, weil ich sie liebe. Erst letztes Jahr musste ich mich von meinen Cousins verabschieden, die nun in Kanada leben. So ist es für alle libanesischen Familien: Sie sind immer getrennt voneinander. 

Willst du auch ins Ausland?
Ja. In zwei Jahren werde ich meinen Abschluss machen. Danach will ich erst einmal für den Master oder ein Praktikum nach Frankreich. 

Die korrupte Regierung ändert nichts daran, dass der Libanon atemberaubende Natur und eine reiche Kultur zu bieten hat, in der du verwurzelt bist.
Genau das macht die Situation so traurig. Ich verlasse eines der schönsten Länder und meine Freunde und Familie. Aber ich weiß, dass ich eines Tages wiederkommen werde. Auch wenn ich meine Zukunft in einem anderen Land beginne, weiß ich, dass ich zurückkommen werde. Es ist so ein schönes Land, das verlässt man nicht mit leichtem Herzen.

Es sind viele junge Akademiker, die das Land verlassen. Obwohl das Land sie eigentlich braucht. Beunruhigt dich das?
Natürlich beunruhigt mich das. Weil wir diese Menschen und ihr Wissen brauchen. Aber gleichzeitig kann man ihnen keinen Vorwurf machen. Und alle meine Freunde, die das Land verlassen haben, sagen immer noch, dass sie in den Libanon zurückkehren und dem Land helfen wollen – nicht heute, denn dafür ist es momentan zu schwer für die junge Generation. Aber vielleicht in zehn Jahren.

Aber bis dahin müsste sich wirtschaftlich und politisch einiges ändern ...
Das ist das Dilemma. Will man sein Land vor seine eigene Zukunft stellen? Wer jetzt bleibt, setzt sich zwar für sein Land ein, opfert dafür aber auch seine persönliche Zukunft.

Unter welchen Umständen würdest du bleiben?
Mein Traum ist es, für ein wichtiges Pharmaunternehmen in der Forschung zu arbeiten – und diese Unternehmen sind nicht im Libanon. Ich würde diesen Traum aufgeben, wenn ich die Zusicherung hätte, dass ich im Libanon gute Arbeit kriege und tatsächlich etwas bewegen kann. Das geht aber nur, wenn sich die Regierung ändert. Deshalb war ich auch bei den Protesten Ende letzten Jahres so aktiv dabei – weil ich wirklich gerne bleiben würde, was nur mit einer anderen Regierung denkbar ist. Alle meine Freunde und ich wollen im Libanon bleiben, wir wollen nicht weg. Aber die Situation treibt uns weg.

Was glaubst du, wie es die nächsten Monate im Land weitergeht?
Es wird hart. Es ist schön zu wissen, dass so viele Länder uns unterstützen und an uns denken, gerade weil unsere Regierung nichts tut. Um diese Unterstützung zu wissen, hat mir heute geholfen, aus dem Bett zu kommen. Und ich bin mir sicher, dass die Revolution weitergeht, wenn die Lage es zulässt. Die Menschen werden wieder auf die Straße gehen und protestieren, bis diese Regierung verschwindet. Wir brauchen echte Führungspersönlichkeiten an der Spitze. Zur Not mache ich den Anfang und gehe allein auf die Straße (lacht). Außerdem ist es tröstlich, zu sehen, dass jeder Libanese in diesen Zeiten ein Bruder oder eine Schwester für jeden anderen Libanesen ist. Menschen, deren Häuser heil geblieben sind, geben denen Unterkunft, die ihr Haus verloren haben.

Trotz religiöser Spannungen?
Ja. Unser Land hat religiöse Konflikte, aber mein Eindruck ist, dass niemand nach der Religion fragt, wenn es darum geht, einander in der Krise zu helfen. Ich sehe einen Libanesen als Libanesen und nicht als christlichen oder muslimischen Libanesen.

Christa Wallau | Do, 6. August 2020 - 13:41

auf der Welt: Die Bevölkerung sehnt sich nach Ordnung u. Frieden, und die Politiker kümmert das einen feuchten Kehrricht. Ihnen geht es darum, sich selbst zu bedienen. Ob das Länder in Afrika, in Südamerika oder im Nahen Osten sind: Skrupellose
Korruption verhindert jede gute Entwicklung.
Dies hat mit der jeweiligen Religion nur zweitrangig zu tun. Sowohl in muslimischen wie in christlich geprägten Gesellschaften läuft es so ab, wenn sich das Prinzip der Selbstbedienung u. Selbstjustiz einmal durchgesetzt hat.
Viele Länder Europas verdanken ihren(noch) vorhandenen relativ positiven Ordnungs- und Gesetzmäßigkeitscharakter Generationen von Vorfahren, die mit eiserner Disziplin, Fleiß und christlichem Tugendbewußtsein
die bestehenden Strukturen geschaffen haben.
Preußen läßt grüßen!
Es ist tausendmal schwieriger, ein verkommenes Staatswesen wieder auf Vordermann zu bringen als ein bestehendes zu erhalten. Dazu gehören n u r (!) unbedingter Wille u. Wachsamkeit. In DE fehlt
beides!

►Zu den Folgen für Deutschland und EU-Europa.

Kommt Libanons Kriminalität und systemische Korruption jetzt auch mit der Fluchtbewegung von Hunderttausenden nach Deutschland?

►Das schaffen wir nicht!

Hunderttausende Flüchtlinge und Familienclans aus dem Libanon nach Deutschland?

In den nächsten Monaten die Flüchtlingswelle aus dem Libanon nach Deutschland und EU-Europa

»Das schaffen wir« nicht in Deutschland!

Hilfe vor Ort, aber keinen Export und Import des religiösen Wahns des ISLAM und der SCHARIA nach Deutschland. –

Das wäre die Aufgabe einer gegenüber der libanesischen und deutschen Bevölkerung verantwortlichen Bundesregierung und Parlamentsmehrheit!

Hunderttausende Menschen werden sich auf den Weg machen! Eine Aufnahme müssten hier vor allem die islamischen Bruderländer leisten! Vorrangig Saudi-Arabien und Katar, die VAE und Kuwait.

Merke: Die ideologische und gesellschaftspolitische Nüchternheit ist kein Rassismus und auch keine Fremdenfeindlichkeit!

In den Jahren nach Beginn des Bruderkrieges in Syrien konnte ich aus einer wissenschaftlichen Publikation entnehmen: nur am Konflikt in Syrien wären 98 islamische Gruppen und deren Kampfverbände beteiligt. Sie vertreten abweichende Positionen zum Islamischen Staat (IS). Ihre gemeinsame weltanschauliche Grundlage ist der Koran. Dabei in unterschiedlichster Interpretation und Auslegung.

Diese Islamisten vereint der Hass auf das weltliche Assad-Regime, aber auch gegen die Einflussnahme durch den (westlichen) US-NATO-EU-Imperialismus in der islamischen Welt, so auch wenn sie deren geheimdienstlich-logistische und finanzielle Hilfe beanspruchten.

Sie arbeiten geopolitisch und militärisch zusammen, teils bekämpfen sie sich untereinander. Finanziert, materiell und militärisch, werden sie aus der Türkei, aus dem EU-Exil: FR, GB, BRD, Belgien etc. und USA, Saudi-Arabien und Golfstaaten, allen islamischen Staaten Afrikas.

Demnächst der Exil-Libanon mit allen Religionen in Deutschland?

Klaus Peitzmeier | Do, 6. August 2020 - 13:44

Gibt es im Nahen Osten ein stabiles Land? Gibt es dort ein nicht diktatorisches Land?
Nur Israel ist stabil und demokratisch. Könnte man nicht vielleicht mal auf die Idee kommen, daß diese Instabilität etwas mit dieser Steinzeitreligion, dem Islam, zu tun hat?

... für Deutschland. Beirut war das Paris des Nahen Ostens. Es war.... bevor der Kampf der Kulturen begann. Ich habe ein Video einer christlichen Libanesin gesehen, schon ein paar Jahre alt. Es war erschreckend und verstörend. Und es machte und macht mir immer mehr Angst.

Ernst-Günther Konrad | Do, 6. August 2020 - 14:23

Cloe ist sicher eine nette, sympathische und engagierte Person. Ich nehme ihr jedes Wort ab. Nur, wer soll den Libanon ändern, aufbauen und ein gewaltfreies Land installieren, wenn nicht die jungen Menschen mit Bildung und Tatenkraft? Gerade ihr Jungen seid doch offenkundig freier im Denken, religiös und politisch unvorbelastet. Wenn nicht ihr, wer denn dann?
Erwartet nicht vom Ausland, von wem auch immer, einen ehrlichen Wiederaufbau. Die Hilfe, die ihr da bekommt, dient ausschließlich Eigeninteressen und soll im Geberland Aktionismus vorspiegeln. Macron kommt jetzt heute zu Euch ins Land. Stellt ihn, fragt ihn was er all die letzen Jahre für den libanesischen Bürger getan hat und wohin die EU-Gelder verschwunden sind. Der Protest gegen die Regierung wird erstmal ausgesetzt sein. Hilfe nach dieser Katastrophe ist Gebot der Stunde. Dennoch ist Flucht ins Ausland nicht der richtige Weg. Sammelt Euch und jagt das Regime aus der Regierung und sagt den Clans den Kampf an. Befreit Euch.

Bernd Muhlack | Do, 6. August 2020 - 17:08

Dr. XY ist Oberarzt (Urologe) in einem KH eines Mittelzentrums.
Seit 2017 bin ich des Öfteren dort in stationärer Behandlung.
Wie es der Zufall will, war ich gestern dort, eine Besprechung.
Er ist Libanese, lebt schon länger hier.
Ich war der "letzte Patient", wir sind dann auf ein Käffchen in die Caféteria; man kennt sich ja inzwischen gut.
Früher sei alles besser gewesen und seit dem Chaos in Syrien sei der Libanon quasi nicht mehr beherrschbar.
Zu viele Flüchtlinge, es gebe ja auch noch die Palästinenser.
Und das politische System sei korrupt ohne Ende.
Er zeigt mir Videos und erklärt.
Seine Familie stamme aus der Bekaa-Ebene, jedoch leben nur noch seine zwei Schwestern - dann schweigt er eine Weile.
Dieses Unglück sei quasi die Manifestierung des drohenden Untergang seines geliebten Landes.

Ausländische Hilfe?

"Herr BM, ohne diese Hilfe wird es nicht gehen. Aber bitte kein Geld, Spenden, Sie verstehen!"

Ja, ich verstehe sehr gut, bis Oktober Firass!
أتمنى لك كل خير
Alles Gute!

Klaus D. Lubjuhn | Do, 6. August 2020 - 19:58

Natürlich - die Regierung ist schuld.
Aber welche Art der Kultur des Zusammenlebens ist dort zerfallen.
Ist die libanesische Gesellschaft - ähnlich wie in den Nachbarländern - nicht gerade deshalb zerfallen, weil es keine Fähigkeit zum Kompromiss gibt zwischen den verfeindeten Clans und Religionen? Denkt man an Syrien, wo der Hass zwischen den verfeindeten muslimischen Gruppierungen ein Ende des Bürgerkriegs immer wieder verhindert. Assad ist nicht der einzige Schuldige, außer dem IS gibt es vergleichbar gewaltbereite und tatsächlich Gewalt ausübende Gruppierungen, die ihre Variante des Islam zum Durchbruch bomben wollen. Staat scheint in Nah-und Mittelost allein als islamischer Staat denkbar, ohne Pluralismus, ohne Freiheit.