Ahmad al Tayyeb - Der Imam, der den IS stoppen soll

Wenn Frankreichs Präsident François Hollande eine Allianz gegen den „Islamischen Staat“ schmiedet, wird er auch ideologische Hilfe aus der muslimischen Welt brauchen. Die hat der wichtigste Scheich des sunnitischen Islams, Ahmad Al Tayyeb, angeboten. Was verbirgt sich hinter der Theologie des Religionsführers?

Imam Ahmad Al Tayyeb (l). wurde erst im Mai von Außenminister Steinmeier besucht
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Elisabeth Lehmann ist freie Journalistin in Kairo.

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Großscheich Ahmad Al Tayyeb ist seit den Anschlägen von Paris ein gefragter Mann. Seit Tagen spricht er in Mikrofone, um seine Solidarität mit den Opfern zu bekunden – und vor allem, die Terroristen zu verurteilen. Die Welt, sagte er nach den Anschlägen, müsse sich „einen, um diesem Monster entgegenzutreten“.

Al Tayyeb ist Rektor der Al-Azhar-Universität in Kairo, eine der führenden Institutionen des sunnitischen Islam, den 90 Prozent der Muslime praktizieren. Die Strahlkraft des Instituts reicht bis nach Südostasien und zieht jährlich Tausende Studenten nach Ägypten. Wenn sich jemand gegen die geistige Vergiftung des Sunni-Islams stellen kann, dann er.

Al Tayyeb ist Frankreich besonders verbunden. Er war dort nicht nur Gastprofessor, er hat auch zahlreiche Schriften aus dem Französischen ins Arabische übersetzt und sich damit einen Namen unter Islamwissenschaftlern gemacht.

Er spricht von der „Bestie Terror“


Als ich mit Khalid El Kaoutit den Imam im April interviewte, begrüßte er uns mit Schokolade: „Französische, keine ägyptische.“ Er reichte mir als europäischer, nicht verschleierter Frau auch die Hand und schaute mir im Gespräch in die Augen.

Schon damals fand er für den sunnitischen Extremismus starke Worte und sprach von der „Bestie Terror“.

Seine Botschaft hat sich insofern nicht geändert – sie ist höchstens eindringlicher geworden. Am Samstag nach den Terroranschlägen sagte Al Tayyeb am Rande einer Konferenz über einen „neuen Aufbruch des islamischen Denkens“ auch: „Solche Taten laufen allen religiösen, humanitären und zivilisierten Prinzipien zuwider.“

Am Montag ließ er seinen Vize Abbas Shuman gegenüber der Nachrichtenagentur AFP erklären: Die Al-Azhar-Universität sei bereit, „gemäßigte“ Imame für Europa und speziell Frankreich auszubilden, um den Extremismus zu bekämpfen. Das „Heilmittel“ gegen den Extremismus müsse auch ein intellektuelles sein und dürfe sich nicht auf einen sicherheitspolitischen Ansatz beschränken.

Al Tayyeb legt den Islam sehr konservativ aus


Diese Erkenntnis sickert langsam auch im Westen durch, kurz nachdem der französische Präsident Hollande von einem „Krieg“ gesprochen hatte. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen sagte in der Talkshow von Günther Jauch, der Kampf gegen den „Islamischen Staat“ sei keiner des Westens allein, „sondern vor allem der arabisch-muslimischen Welt.“ Entscheidend sei der „politische Versöhnungsprozess. Da brauchen wir die Hilfe der syrisch-muslimischen Welt. Ich glaube, wenn wir zusammenstehen, dann können wir den IS auch besiegen.“

In seiner Auslegung des Islam ist Al Tayyeb allerdings sehr strikt und konservativ.

Bei der Frage, ob der Islam eine „fundamentale Erneuerung“ brauche, fühlte er sich angegriffen. „Das Wort fundamental bedeutet, den Koran und die Fundamente der Religion anzutasten. So ist es nicht gemeint“, sagte er damals. Und: „So wie ihr nicht fordert, dass sich die Bibel ändern muss, fordert bitte auch nicht, dass sich der Koran ändern muss.“

Seine konservative Lehre zeigt sich auch an seiner Haltung zu Israel. An einer Stelle ließ er sich dazu hinreißen zu fragen, welche Existenzberechtigung dieser Staat habe, wenn man seine religiöse Decke abnehme. Auf den Einwurf, dass es den Holocaust gegeben habe, stellte er die Gegenfrage: „Haben wir die Leute vergast? Nein, im Gegenteil! Die, die die Menschen vergast haben, sind im Westen.“

Opportunist und Anhänger Al Sisis


Diese konservative Lehre ist natürlich auch Teil des Erfolgs der Al Azhar. Über Dissens innerhalb der Universität ist wenig bekannt. In Ägypten selbst gelten die Interpretationen, die Azhar zu Sachverhalten veröffentlicht, als absolut.

Ahmad Al Tayyeb, 69, hat Islamwissenschaften im pakistanischen Islamabad, in Assuan und Qina gelehrt, bevor er 2002 Großmufti von Ägypten wurde. Es folgte das Rektorat an der staatlich finanzierten Al Azhar Universität, der zweitältesten Hochschule der Welt. 2010 wurde er zum Scheich ernannt.

Al Tayyeb gilt als Opportunist. Er war ein treuer Anhänger Mubaraks und sogar Mitglied des Politbüros der damaligen Regierungspartei NDP. Er stellte sich gegen die Proteste auf dem Tahrir-Platz, versuchte, die Jugend zurückzupfeifen. Ohne Erfolg. Die Muslimbruderschaft von Mursi unterstützte er indes nicht – weil er einen politischen Islam ablehnt. Damit zog Al Tayyeb auch die Feindschaft der Muslimbrüder auf sich. Heute wiederum ist er ein treuer Anhänger Al Sisis.

Versöhnung mit den Schiiten


Großscheich Ahmad Al Tayyeb hatte uns in seinem Amtssitz, dem Hauptgebäude der Al Azhar, empfangen. Das Gebäude an sich war heruntergekommen, eine große Baustelle. Doch der Trakt des Großscheichs in der dritten Etage ähnelte einem Palast. Die Wände waren überzogen mit aufwendigen Mosaiken, der Parkettboden glänzte. Der Scheich selber residiert hinter einem edlen Holzschreibtisch, den ein reich verzierter Koran schmückt.

Generell ist Al Tayyeb darauf bedacht, als Versöhner und Stimme der Vernunft aufzutreten. Einen Krieg zwischen Sunniten und Schiiten sieht er nicht. Dieser sei konstruiert: „Warum sollten sich Kinder derselben Religion bekämpfen?“ Man muss seine Worte jedoch immer vor der Hintergrund der aktuellen Politik – vor allem auch der ägyptischen – sehen. 

Während des gesamten Gesprächs waren Al Tayyebs Assistenten anwesend. Einer filmte die Szenerie. Sie verhielten sich auffällig unterwürfig ihm gegenüber, küssten ihm zur Begrüßung die Hand, redeten stets mit gesenktem Kopf und Blick zu Boden mit ihm. Als sie den Raum verließen, kehrten sie ihm nie den Rücken.

Ein Satz von Al Tayyeb wirkt heute schon fast prophetisch. „Sollte der Terror hierbleiben“, sagte er uns damals, „wäre es vollkommen falsch zu denken, dass der Westen verschont bleibt.“

Mitarbeit: Khalid El Kaoutit und Petra Sorge

Link: http://www.cicero.de/weltbuehne/die-bestie-terror/59667

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