Weltmeisterschaft 2006 - Auch Deutschland muss gegen die Fifa ermitteln

Die Selbstreinigung der Fifa ist gescheitert, die Glaubwürdigkeit des Fußballs ramponiert: Politik und Justiz in Deutschland sollten nun die gleiche Entschlossenheit aufbringen wie ihre US-Kollegen – und noch einmal das „Sommermärchen“ 2006 prüfen

Abgekreideter Rasen ist in einem Fußball-Stadion neben Kunstrasen zu sehen
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Christoph Seils ist Ressortleiter „Berliner Republik“ von Cicero. Im Januar 2011 ist im wjs-Verlag sein Buch Parteiendämmerung oder was kommt nach den Volksparteien erschienen.

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Das System Blatter hat gesiegt. Korrupt ist die Fifa, selbstherrlich und heuchlerisch. Sie redet von Aufklärung und versucht Spuren zu verwischen. Sie redet von Erneuerung und ist vor allem bemüht, die mafiösen Strukturen in eine neue Zeit herüberzuretten. Der Deutsche Fußball-Bund kuscht wieder. Auch die Politik zeigt sich bislang handzahm.

Dabei müsste in einem demokratischen Rechtsstaat eigentlich das Motto gelten, was die USA können, kann Deutschland auch: aufräumen. Den Mut und die Entschlossenheit der amerikanischen Justizministerin Loretta Lynch sollten auch deutsche Politiker und die deutsche Justiz aufbringen.

Vor allem drei Dinge könnten sie tun, um dem Treiben der Fifa etwas entgegenzusetzen und Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Drei Dinge, bei denen der Kuschel-DFB, der ja möglicherweise auch tief in die Affäre verstrickt ist, außen vor wäre.

1. Offizielle Untersuchung der Vergabe 2006

Seit Langem gibt es Gerüchte, dass es auch bei der Vergabe der WM 2006 an Deutschland nicht mit rechten Dingen zugegangen sein soll. Warum setzt der Bundestag keinen Sonderermittler oder Untersuchungsausschuss ein, der diesen Gerüchten nachgeht? Das Argument, die Politik sei nicht zuständig, ist fadenscheinig: Denn in die Weltmeisterschaft flossen Steuergelder in Milliardenhöhe. Das Gremium könnte Akten anfordern, Zahlungsströmen nachspüren, Zeugen laden. Wenn alles sauber war – umso besser. Dann könnte Sepp Blatter auch nicht mehr mit Enthüllungen drohen, um den DFB zu disziplinieren. Wenn das Sommermärchen 2006 hingegen auf einer Lüge fußt, dann muss eine solche Korruption im Vorfeld der WM-Vergabe ohne Rücksicht auf Blatter und die damals in Deutschland handelnden Personen aufgeklärt werden.

2. Ermittlungen gegen Franz Beckenbauer

Ohne Zweifel hat sich Franz Beckenbauer um den deutschen Fußball verdient gemacht. Aber „Kaiser Franz“ ist nicht sakrosant. Seine Rolle bei der Vergabe der WM an Russland ist nicht ganz klar. Der Vorwurf, er habe sich mit einem Beratervertrag des staatlichen russischen Energieunternehmens Gazprom kaufen lassen, steht im Raum. Stutzig macht zudem, dass Gazprom einer der fünf Hauptsponsoren der Fifa ist. Auch Beckenbauers Widerwillen, an der Aufklärung mitzuwirken, macht ihn verdächtig. Korruption ist ein Offizialdelikt. Warum also findet sich in Deutschland keine Staatsanwaltschaft, die den Vorwürfen nachgeht und zumindest Vorermittlungen einleitet. Es mag sein, dass der Anfangsverdacht nicht ausreicht, um anschließend ein Ermittlungsverfahren gegen Beckenbauer einzuleiten. Dann aber sollten Politik und Medien diesem zumindest ein paar unangenehme Fragen stellen.

3. Keine WM mehr bei ARD und ZDF

432 Millionen Euro berappen ARD und ZDF für die Übertragungsrechte der Weltmeisterschaften 2018 und 2022. 218 Millionen für die Spiele in Russland und 214 Millionen für die in Katar. Mit einer halben Milliarde Euro also nährt das gebührenfinanzierte Fernsehen in den kommenden Jahren das System Blatter. Mit dem Bildungsauftrag, der die Zwangsgebühren rechtfertigt, hat das nichts zu tun, auch nicht mit einer Stärkung der demokratischen Ordnung. Solange die Fifa ihre undurchsichtigen Geschäfte betreibt, haben Weltmeisterschaften deshalb bei den Öffentlich-Rechtlichen nichts zu suchen. Wenn die Privaten in Fußballübertragungsrechte investieren wollen, sollen sie es tun. Mal sehen, ob sich angesichts der Glaubwürdigkeitskrise des Weltfußballs genügend Werbepartner finden lassen.

Wer noch Hoffnung hat, dass sich die Fifa selbst reformiert, belügt sich selbst. Der sollte sich aber auch nicht wundern, wenn irgendwann herauskommt, dass die Fifa nicht nur auf die Vergabe von Weltmeisterschaften unlauter Einfluss nimmt, sondern auch auf den Ausgang von Spielen. Hinweise darauf hat es bei Weltmeisterschaften immer mal wieder gegeben.

Wer also die Korruption im Weltfußball bekämpfen will, sollte jetzt nicht dem Paten Sepp Blatter die Hand reichen, sondern sich stattdessen an die Seite der US-Justiz stellen. Nicht mit Worten, sondern mit Taten. Der DFB ist dazu offenbar nicht in der Lage. Deshalb sind jetzt Politik und Justiz gefordert.

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