US-Präsident Joe Biden mit einem Gewerkschaftsvertreter / picture alliance

Reindustrialisierung in den USA - America First

Ob Donald Trump oder Joe Biden: Die USA ziehen mit Subventionen und Protektionismus europäische Unternehmen an. Während hierzulande also die Deindustrialisierung droht, scheint in den USA eine Reindustrialisierung zu beginnen – auch dank deutschen Kapitals.

Autoreninfo

Gregor Baszak (Foto privat) ist Journalist, Autor und politischer Kommentator. Er arbeitet am English Department der University of Illinois at Chicago und publizierte unter anderem in American Affairs und der Los Angeles Review of Books.

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Volkswagen will für zwei Milliarden Dollar ein neues Werk für batteriebetriebene SUVs im US-Bundesstaat South Carolina errichten. Klaus Rosenfeld, Vorstandschef des Automobil- und Maschinenbauzulieferers Schaeffler, sagt, er werde seine nächsten Werke in Amerika bauen. Und der ehemals deutsche Gasproduzent Linde wird seit März dieses Jahres nicht mehr an der Frankfurter Börse gehandelt, sondern ausschließlich an der Wall Street. Die deutsche Industrie zieht es in die Vereinigten Staaten. Während hierzulande die Deindustrialisierung droht, scheint in den USA eine Reindustrialisierung zu beginnen – auch dank deutschen Kapitals.

Zwar wachsen dort der Beschäftigungsgrad im herstellenden Gewerbe sowie die Produktionsleistung existierender Betriebe noch langsam. Und viele US-Ökonomen zögern noch, bereits von einer industriellen Renaissance zu sprechen, auch weil laut der National Association of Manufacturers bis zum Jahr 2030 aufgrund fehlender Facharbeiter mehr als zwei Millionen Stellen unbesetzt bleiben könnten. Aber das Land erlebt bereits einen industriellen Bauboom: Seit Januar 2022 haben sich die Investitionen in neue oder modernisierte Fabriken mehr als verdoppelt, von 97 Milliarden auf rund 200 Milliarden Dollar. Fast überall im Land sprießen die neuen Fabriken aus dem Boden.

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S. Kaiser | Do., 30. November 2023 - 18:58

Vieles von dem geschilderten lässt sich von hier aus beobachten. Teils sind es die angesprochenen externen Faktoren, die dt Firmen veranlassen, ihre Produktion dorthin zu verlagern, wo der Zielmarkt ist, also dazu führen, dass global in verschiedenen Regionen Parallelstrukturen aufgebaut werden. Das ist die eine Seite der Medaille, die hier thematisiert wird. Die andere Seite ist allerdings auch, dass auf Seiten der EU und in Dtschl viel „dafür“ getan wird, die Industrie proaktiv zu vertreiben. Der Inflation Reduction Act (IRA) in USA wird von der hiesigen Industrie sehr gelobt, wohingegen man unter der überbordenden Bürokratie seitens der EU und Dtschls ächzt. Als Stichwort zB das dt. 'Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz'. Allein der Name ein Ungetüm. Und über die deutsche Energiepolitik - aka “The world’s dumbest energy policy.” (c)Wall Street Journal - wird der diskrete Mantel des Schweigens ausbreitet ....

Tiri Tomba | Do., 30. November 2023 - 19:00

Tja, jede Regierung wird vereidigt "...zu Wohle des deutschen Volkes...", nur bis jetzt hat das deutsche Volk die Wohltaten nicht erlebt aus meiner ganz unmaßgeblichen Sicht als Wähler. Habe ich da etwas verpaßt? Anderen Ländern geht es besser oder: Monaco, Luxemburg, VAE, Liechtenstein, Schweiz.-

Helmut W. Hoffmann | Do., 30. November 2023 - 19:10

hat denn hier von normal denkenden Menschen jemand geglaubt, die Ansage von Donald Trump wäre nur auf seine Präsidentschaft beschränkt gewesen? Dafür sind die Amis viel zu clever. Während hier ein ökonomisch/geistiger Tiefflieger das Wirtschaftsmiinisterium besetzt hält, werden jenseits vom großen Teich Nägel mit Köpfen gemacht und unsere Industrie zieht es mit wehenden Fahnen (siehe Linde) dorthin - was auch verständlich ist, denn wer will schon in einem Land Arbeitgeber sein und investieren, wo sich hanebüchene Politiker darüber freuen, daß z.B. 600 (sechshundert!) Faulpelze mehr pro Jahr abgeschoben werden.

Tiri Tomba | Do., 30. November 2023 - 19:12

Wo verbessert sich Deutschland seit Jahrzehnten? Ich erkenne nur eine Vergrößerung des Wasserkopfes bei den politischen Eliten.
Gern lasse ich mich eines anderen belehren.

Henri Lassalle | Do., 30. November 2023 - 19:56

man eine weit verbreitete Unternehmermentalität, in Deutschland eher eine Angestellten-und Beamtenmentalität. Ein Land ohne eine bedeutende Industrialisierung wird machtlos, hat lediglich eine bescheidene Zukunft. Ich erfahre immer wieder, dass Erben florierender Unternehmen die Firma verkaufen, um das Geld anzulegen. Andere sagen, die materiellen Bedingungen für Unternehmen seien schwierig geworden, daher denke man ans Ausland, falls dieser Schritt noch gemacht wurde - die Globalisierung macht es möglich. Kapital ist überall willkommen.

Fritz Elvers | Do., 30. November 2023 - 20:32

wegen der Sanktionen gegen Rußland gescheitert ist, verschwindet Linde mit dem gesamten  Knowhow in die USA.
Womöglich liefert dann die US-Linde, was Linde Germany nicht mehr liefern darf. Der Rus-US- Handel ist ja keineswegs zum Erliegen gekommen.

ins eigene Knie geschossen um Russland in die Knie zu zwingen. Spätestens als Putin von einer Handelszone von Lissabon bis Wladiwostok redete sind in den USA alle Warnlampen angegangen. Und oh Wunder heute ist unser Verhältnis zu Russland zerrüttet wie noch nie und die EU schnürt ein Sanktionspaket nach dem anderen um den eisernen Vorhang so dicht wie möglich zu machen aber das ist ganz sicher purer Zufall. (Beitrag kann Spuren von Ironie enthalten).

Herr Elvers,
das Amur Projekt ist NICHT gescheitert: Meldung vom 11.09.2023 von Reuters, u. a. :

11. September (Reuters) – Gazprom, Russlands größtes Erdgasunternehmen, plant, Anfang nächsten Jahres zwei weitere Verarbeitungslinien in der Gasverarbeitungsanlage Amur in Betrieb zu nehmen, sagte Vitaly Markelov, stellvertretender Leiter des Unternehmens, am Montag der russischen Nachrichtenagentur TASS.

„Wir planen, Anfang nächsten Jahres zwei weitere Linien in Betrieb zu nehmen, und bis 2025 sollten wir alle sechs Linien in Betrieb nehmen und ihre Auslegungskapazität erreichen“,

Christoph Kuhlmann | Fr., 1. Dezember 2023 - 05:58

sehe ich positiv. Allein im September 2023 betrug das Handelsbilanzdefizit 90 Milliarden. Das kann nicht so weitergehen. Die Führungsmacht der westlichen Welt lebt in einem exorbitanten Ausmaß auf pump. Sobald der Dollar seine Funktion als globale Leitwährung einbüßt, gibt es ein enormes Finanzierungsproblem. Deutschland hat Jahrzehnte lang Handelsbilanzüberschüsse mit den USA erzielt und wird das wahrscheinlich weiter tun. Die Probleme in Deutschland sind weitgehend hausgemacht und haben sehr viel mit der Illusion zu tun, dass Planwirtschaft möglich ist, ohne Niedergang und Mangel zu erzeugen. Statt die Rahmenbedingungen zu setzen, greift der Staat viel zu direkt in die Wirtschaft ein. Dazu fehlt der Bürokratie einfach die Kompetenz. Zudem muss der Steuerzahler haften. Die Einwanderung in die sozialen Systeme tut ein Übriges, um den Standort Deutschland unattraktiv zu machen. Dafür können die Vereinigten Staaten nichts.

Ernst-Günther Konrad | Fr., 1. Dezember 2023 - 08:42

American First hat doch schon immer gegolden. Ob es einer lautstark und polternd wie Trump in die Welt schreit oder sprachlich geschickt wie Biden umschreibt. Wann hat die USA denn mal nicht an sich gedacht? Nicht das ich das unbedingt verurteilen will, jeder ist sich selbst der nächste. Es sei denn, man lebt in Deutschland, dann eben nicht. Wir retten erst Mal alle anderen und koste es uns das eigene wirtschaftliche Überleben. Und das sich Unternehmer umschauen, wenn in ihrem Herkunftsland die Bedingungen zum Geldverdienen derart schlecht werden ist doch auch nur natürlich. Wir sollten uns endlich daran gewöhnen, das die neue Transformation dazu hinführt, uns zum Entwicklungsland zu machen. Und es ist ja nicht so, dass wir es nicht hätten verhindern können. Und mal ehrlich, was die USA von uns nicht abgreifen, holen sich die Chinesen. Und fällt Deutschland, fällt auch Europa. Und mit Russland haben wir es uns ohnehin verdorben, während die anderen klammheimlich mit denen handeln.

Marianne Bernstein | Fr., 1. Dezember 2023 - 09:18

Energie ist die Lebensader des Kapitalismus, deshalb darf Energie nicht teuer sein, außerdem gibt es eine Verpflichtung zur Bereitstellung von Energie und nicht wie in Deutschland einen Freibrief zum Abschalten.
Man ist Technologie offen und fördert neue Ideen bis sie funktionieren und schreibt sie erst dann ab, wenn klar ist, dass es bessere Ideen gibt. In Deutschland rennt man dem letzten Cent hinterher und ist dann erstaunt, wenn eine deutsche Idee woanders Profit bringt.
Zwischen Egoismus und dem Schützen eigener Interessen liegt ein weites Feld. Leider haben wir in Deutschland nicht verstanden, dass niemand außer wie selber deutsche Interessen vertreten wird und wir es deshalb müssen. Die Ampel lebt in Seifenblasen der Zukunft und vergißt, dass einer die Seifenblasen produzieren muss. Wenn die Industrie aus Deutschland flieht werden wir alle arm und an das Klima wird dann keiner mehr denken.

Gerhard Lenz | Fr., 1. Dezember 2023 - 10:18

Trumps Politik war es z.B., in Naturschutzgebieten nach Öl zu bohren. Er kann ja versuchen, die Kohleöfen wieder anzuschmeissen. Warum sollte in der Industrie- und Wirtschaftspolitik nicht funktionieren, was auch anderswo klappt?
In der Gesellschaftspolitik sind die USA dank Leuten wie Trump bereits wieder auf dem Weg zurück in den Wilden Westen: Jeder wird mit einer Knarre ausgestattet, jeder ballert selbst, und der Staat - eine durch und durch sozialistische Einrichtung - soll sich doch bitte zurückhalten.

Nichts ist zu doof, als dass es von den Einfältigen die es auch endlich mal DENEN DA OBEN zeigen möchten, nicht doch bejubelt werden kann.

Und Trump, offensichtlich eher gescheiterter als gescheiter Millionär, ist doch ein Mann des Volkes - behauptet er jedenfalls, während er mit irgendwelchen Bankern auf eigenem Golfplatz unterwegs ist.

Ein paar starke Sprüche reichen eben oft schon. Wir brauchen ja nicht weit zu schauen: Warum sonst ist die AfD in Umfragen bei uns so stark?

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr., 1. Dezember 2023 - 11:10

vorsichtige Überlegungen an:
Haben die USA die Weltwirtschaftskrise 1929 und die Finanzkrise zu verantworten?
Natürlich freue ich mich für die USA, wenn das europäische Kapital entlang der Leitlinien "Marktgröße" und "Kundennähe" agiert.
Ansonsten gilt es bei jeder Investition in den USA - m.E. mehr noch als im arabischen, asiatischen oder afrikanischen Wirtschaftsbereich - zu beachten, dass die USA in ihrem Ernstfall in ihrer eigenen Welt leben und da die Interessen Anderer gegenüber den USA nie militärisch flankiert sein können, muss man eigenes Kapital anders schützen, auch in den USA selbst.
Das Desaster mit den unerlaubten Messdaten in der Automobilbranche darf sich nicht wiederholen.
Der Aufbau der europäischen Wirtschaft ist notwendig und schlicht sinnvoll.
Die USA haben seit der Finanzkrise noch nicht wieder mein Vertrauen.
In gewisser Weise empfinde ich sie als Hochrisikoland.
Die europäische Industrie sollte das eventuell im Hinterkopf behalten.
Be Friends But Beware
RESPECT

Gerhard Weißenberger | Fr., 1. Dezember 2023 - 12:39

Die angedeutete Invasion Taiwans und die damit befürchtete Kappung des westlichen Zugangs zur dortigen Halbleiterindustrie wird nicht stattfinden. Denn diese weltweit führende Industrie sichert die Freiheit Taiwans gerade weil die Volksrepublik sie unbeschadet in die Hand bekommen will. Um eine Invasion abzuwenden, genügt die Androhung einer von Taiwan selbst durchgeführten Zerstörung.

Heidemarie Heim | Fr., 1. Dezember 2023 - 13:16

Wissenschaftsfreiheit? Nur wenn diese Gen-frei stattfindet. Schnellere Genehmigungsverfahren bei Projekten und Investment aller Art? Klar doch! So man 5-15 Jahre Zeit hat bevor das erste Produkt die Halle verlässt. Bürokratieabbau? "Wollten wir ja. Ehrlich! Aber die in Brüssel...." Günstigen Strom rund um die Uhr ohne das die Sicherung rausfliegt in rauen Mengen? Bei Sonne und Wind satt und irgendwann mal ausgebauten Netzen samt Speichern no problem;). Logistik? Wir haben zwar mit DB Schenker ein Top-Logistikunternehmen, aber mit dem Schienennetz und so hapert es leider ein wenig. 5G bis in den letzten Winkel? "Also jetzt ist aber mal gut mit Ihren völlig überzogenen Ansprüchen, die Sie hier stellen! Siedeln Sie sich doch an wo der Pfeffer wächst!" MfG