Homöopathie - Kügelchens Krise

Gesundheitspolitiker und Krankenkassen unterstützten bislang die Homöopathie. Jetzt soll Schluss sein. Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung fordert den Gesundheitsminister auf, sie aus dem Leistungskatalog zu nehmen. Selbst Grüne wenden sich von der alternativen Medizin ab

Homöopathie Globuli
Globuli: Alles nur Placebo-Effekt? / picture alliance

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Nike Heinen ist Wissenschaftsjournalistin und lebt in Hamburg.

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Bastian Brauns leitet das Wirtschaftsressort „Kapital“ bei Cicero und die Onlineredaktion von cicero.de. Zuvor war er Wirtschaftsredakteur bei Zeit Online. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er an der Henri-Nannen-Schule.

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An diesem heißen Donnerstagnachmittag im August liegt kein Duft von warmem Essen in der Luft – dafür ein Hauch von Revolution. Die Mensa der Freien Universität Berlin ist so gut wie leer. Es ist vorlesungsfreie Zeit. Tim Niclas Demisch blickt an die hohe Decke. Er zeigt auf die weißen Lampenkugeln aus Glas. „Die sehen ja aus wie Globuli.“ Der 18-jährige Politikstudent muss lachen – Teilen seiner Partei ist dies hingegen vergangen.

Denn Tim Demisch macht derzeit vor allem zwei Dinge: In den Büchern paukt er Politiktheorie – und 15 Stunden in der Woche mischt er bei den Grünen ganz praktisch die Politik auf. Mitte November steht die Bundesdelegiertenkonferenz in Bielefeld an. Unter seiner Federführung entsteht dafür ein Antrag: Es soll Schluss sein mit der Homöopathie als Kassenleistung.

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Dr. Georg Steger | Mi, 4. September 2019 - 14:52

nachdem ich Ihren Artikel bereits im letzten CICERO-Heft gelesen hatte, habe ich - als Naturwissenschaftler eigentlich absoluter Skeptiker bzgl. dieser Methoden - einen Arzt (kein Homöopath!) über diese "Kügelchen" befragt.

Wenn ich seine Aussagen richtig verstanden habe, ist es ja immer diese Spitze mit absoluter Verdünnung, die in den Diskussionen wie auch in Ihrem Artikel herangezogen wird (nach dem Motto "1 Kaffebohne wird über die Tasse gehalten und der Schatten fällt ins aufgebrühte Wasser: das ist dann verdünnter Kaffee" oder in der Homöopathie noch viel hirnrissiger, weil man hier gar auf atomarer Ebene argumentiert!): das ist für mich Scharlatanerie.

Aber der wesentliche Aspekt scheint ja zu sein, dass der Homöopath mit einer Verdünnung arbeitet, die auf die zu behandelnde Krankheit oder Krankheitsphase abgestimmt ist. Für mich ist das eigentlich ähnlich zu verstehen wie die Einnahme von Tabletten von bspw. 100 mg, 200 mg ... Wirkstoff.
Oder täusche ich mich da?

Die üblichen Medikamente, auch die vom Arzt verschriebenen,
versuchen mit mehr oder weniger Erfolg, Einfluß auf Krankheits-
SYMPTOME zu nehmen. Homöopathika stimulieren den Körper,
sich gegen die ein oder andere Krankheit zur Wehr zu setzen,
aktivieren die zuständigen Immunsysteme. Es besteht eine
gewisse Ähnlichkeit zu den Impfsystemen.
Es gibt hervorragende Homöopathen, die meisten sind
Schulmediziner.
Aber ein Schulmediziner, der mir bei einer Erkältung Antibiotika
verschreibt, ist nicht mehr wert als viele Homöopathen -
´Pecunia non olet´sagte Vespasian vor ca. 2000 Jahren.

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 5. September 2019 - 08:31

In reply to by Karlheinz Wehner

Ihren Kommentar.
Es wäre schade, wenn die Krankenkassen ihre Finanzierung der Homöopatie ganz einstellten, denn ich halte sie für medizinischen Luxus, ein i-Tüpfelchen, eine hochintelligente Form, an Krankheiten heranzugehen etc.
Dafür würde ich nicht in Urlaub fliegen, sondern mich auf eine homöopathische Behandlung konzentrieren.
Der Patient muss schon in sich hineinhorchen, liegt er lieber links oder rechts etc.
Goethe wurde von Hahnemann behandelt?
Gleichwohl, man bedenke wie alt das Leben ist und wie stark sich Krankheiten ebenfalls aufgebaut haben können.
Ich würde, obwohl es sich um etwas eigentlich grundsätzlich Verschiedenes handelt, dennoch die homöopathische Behandlung nur palliativ einsetzen oder zur Genesung, nicht wenn gehandelt werden muss.
Der Stress der heutigen Zeit lässt fast nichts anderes mehr zu.
Wohl dem, der Ruhe findet, andere Wege zu beschreiten.
Sofern Ärzte, können übliche Teilbehandlungen sicher mit der Krankenkasse abgerechnet werden?

Gerhard Lenz | Do, 5. September 2019 - 12:55

In reply to by Karlheinz Wehner

Tun Sie vielleicht ein wenig, im besten Fall, diese Mittelchen, im schlechtesten Fall helfen sie überhaupt nicht.
Es gibt keinerlei empirische Studien, die die Wirksamkeit homoepathischer Medizin ausreichend belegen - dafür aber grundlegende, die jede Wirksamkeit in Frage stellen.
Alle nur von der pharmazeutischen Industrie und der Schulmedizin bezahlt? Wohl kaum. Jeder verantwortlich handelnde Naturmediziner bedient sich auch der Chemie. Es ist kein Zufall, sondern spricht Bände, dass für schwerste und chronische Krankheiten keinerlei homeopathische Mittel empfehlenswert sind. Aber bei einem leichten Schnupfen können sie sicherlich nicht schaden. Vielleicht braucht ein Land, in dem Impfgegner das Wiederauftreten von Seuchen, oder Instant-, selbsternannte und sonstige Heiler den Tod von Krebspatienten in Kauf nehmen (alles schon dagewesen) auch ein Angebot an Alternativmedizin - für die, die unbedingt daran glauben möchten. Aber bitte nicht auf Kosten der Gemeinschaft.

Kathrin Siebert | Sa, 7. September 2019 - 13:13

In reply to by Karlheinz Wehner

Selbstverständlich wehrt sich der Körper ohnehin so gut er kann. da hat er die verschiedensten Mechanismen - sozusagen eingebaut. Der schnupfen verzieht sich deshalb auch ohne Medikamentengabe, und so manchees ander auch.
Wenn das aber nicht gelingt, bei schweren Infekten, Krebs etc. kommt man nich herum um die Gabe echter Wirkstoffe. Manchmal gelingt das auch nicht, je nach Ausgangslage und Krankheit. Aber mit dem hauch bzw. dem durch Verdünnung nicht mehr vorhandenem Stoff (Wirkstoff mag ich es nicht nennen) erreicht man nachweislich nicht mehr als Placeboeffekte. Diese zu nutzen*ist möglich, aber äußerst problematisch.
*Nichts anderes macht Homöopathie - was allerdings in den Globuli drin ist, ist völlig egal, es wirkt nur der Placeboseffekt.

Nach dem ich bei Wiki noch mal über die Herstellungsverfahren, z.B. dem sogenannten Potenzieren, verschütteln und verreiben des Wirkstoffs aus einer sogenannten Urtinktur nachgelesen habe, bin ich im Zweifel, ob man die Wirkstoffangaben wirklich vergleichen kann. Bei der Behandlung mit homöopathischen Mitteln mit verschiedenen Potenzen 1:10,1:100 usw. bis 1:50000,also immer 1 Teil des verbleibenden Wirkstoffs aus der vorhergehenden
Verdünnung plus 49999 Teile Lösungsmittel, wird auch von vorneherein ein völlig anderer Wirkzeitraum angesetzt. Bei brüchigen Fingernägeln;-) kann man je nach Produkt ja auch erst mal mindestens 2-4 Wochen Kieselerde schlucken sozusagen. Stellt man aber relativ rasch fest, das das Fieber je nach Infekt mit Ibu 100 (eingangs bei Kindern) nicht genügend greift, kann man schnell wirksam nachdosieren. Bei den Kügelchen schwieriger, sei denn 3x tägl.1 ganzes Kugellager;).Glaubhafter finde ich dagegen Naturmedizin wie von z.B. Hildegard v.Bingen o. Kneipp. MfG

Da wirkt sicher nicht das "Kügelchen", sondern der Placebo-Effekt. Der ist wissenschaftlich bestätigt und "Kügelchen" können den Effekt auslösen. Übrigens, der Placebo-Effekt wirkt auch wenn man weiß dass da nichts drin ist, die Darreichung und die Verpackung muss nur stimmen. Also, z.B. wenn der "Herr Doktor" einem das "Wässerchen" gibt, wirkt es, gibt es dagegen die Sprechstundenhilfe, dann nicht.

Brigitte Miller | Mi, 4. September 2019 - 16:27

und Arztrezepte haben die Homöopathika geadelt, die jahrzehntelange Werbung "sanft und natürlich" hat das ihre getan, die Leute glauben zu lassen, Homöopathie sei eine Art gleichwertige, aber nebenwirkungsfreie Medizin.
Es ist höchste Zeit, dass mit diesem Aberglauben aufgeräumt wird, mit Natur hat Homöopathie nichts zu tun, sie ist ein Gedankenkonstrukt, das sich als falsch erwiesen hat.
"Da muss eben noch weiter geforscht werden"
Wie lange noch Geld ausgeben für etwas, das niemals bewiesen werden kann.

Karlheinz Wehner | Mi, 4. September 2019 - 16:51

In reply to by Brigitte Miller

Hallo, wie intelligent Sie sind. Sie beurteilen Dinge, von denen Sie
keine Ahnung haben. Was zahlt Ihnen die Lobby der seit vielen Jahren
von allen Medien verrissenen ´Medizin-Industrie´?
Die Zahl der Krebs-Toten steigt von Jahr zu Jahr und Sie hofieren diese
kriminelle Clique.
Intelligenz hat wohl doch nichts mit Verstand zu tun.

ist mir gut bekannt von Homöopathie-Verfechtern. Solche bekam auch Natalie Grams zu Hauf, als sie sich ( Medizinerin und ehemalige Homöopathin) von der Homöopathie abwandte. Und ihr kann man nun wirklich kein Unwissen vorwerfen. Und ob ich Ahnung habe, können Sie nicht wissen.

für einen Menschen, der irgendwann feststellt, dass Homeopathie eher eine Glaubensangelegenheit als ein wirksames Heilmittel ist. Gut, wenn der "Glaube" heilt, ist dagegen natürlich nichts einzuwenden.

Hier lese ich mit einigem Erstaunen, dass Homeopathie auch bei Tieren hilft. Soll das empirisch gesichert sein, oder ist das interessengesteuertes Wunschdenken? Lege ich meinem Hund, wenn es ihm mal nicht gut geht, meine Hand auf - und er geniesst das, beweist das schon die Wirksamkeit von Handlauflegen?

Tatsächlich ist das mit dem Glauben an die Wirksamkeit von Homeophathie schon eine seltsame Sache. Chemie ist grundsätzlich schädlich, Natur ist gut, und überhaupt muss man ja die Selbstheilungskräfte des Einzelnen stärken. Schön gedacht, nur sind Krankheiten eben manchmal stärker. Aber es geht wohl auch um tiefsitzendes Mißtrauen den Etablierten (Schulmedizinern) gegenüber, bei denen man natürlich Gier und Gewinnsucht, besenfalls Unwissenheit vermutet.

Alice Friedrich | Mi, 4. September 2019 - 16:57

In reply to by Brigitte Miller

Es hilft und es hilft und es hilft. Bei Mensch und Tier. Nicht bei jedem. Und selbstverständlich gibt es Grenzen, die ein seriöser Arzt kennt.
Mein erster Kontakt mit einem homöopathischen Mittel: In einer Großstadt bahnte sich bei mir ein Allergieschock nach einem Hotelfrühstück an. Ich war schon unterwegs, und Passanten brachten mich in die nächstgelegene Praxis . Eine Spritze in den Nacken, zehn Minuten später waren die Atemwege abgeschwollen . Der anthroposophische Arzt hatte mir Bienengift in homöopathischer Dosierung gespritzt.

Angela Bösener | Mi, 4. September 2019 - 20:33

In reply to by Brigitte Miller

Bevor Sie vorschnell urteilen, sollten Sie sich ganz gezielt einmal mit den Erfolgen von Samuel Hahnemann (einer der Väter der Homöopathie) vertraut machen.

Jürgen Scheit | Mi, 4. September 2019 - 18:19

Die Schulmedizin (Ärzte, Krankenhäuser) und ihre mächtigen Sponsoren ('wissenschaftliche' Medizinforschung, Pharmaindustrie) sind zu allererst an mögl. hohen Honorar- bzw. Medikamentenumsätzen (bes. 'Blockbuster') durch Kranke interessiert, nicht aber an der Gesundheit, da an Gesunden kaum verdient wird.
Was bewusst nicht erforscht wird (z.B. wegen zu geringer 'Marktaussicht') und durch seriöse unabhängige Studien belegt wird (zu aufwendig oder Verdacht auf unerwünschtes Ergebnis), wird einfach kaltschnäuzig als 'unwissenschaftlich' abgetan & verhindert, so wie jetzt die auf hinreichend positiver LangzeitErfahrung basierende Homöopathie, die der Schulmedizin als preiswerte und unschädliche Alternative insbes. bei chronischen Krankheiten immer mehr Konkurrenz macht.
Warum funktioniert eigentlich die Homöopathie auch bei Haustieren? Ach so, Placeboeffekt mit Hochpotenz!!
Wie erklärt die Schulmedizin die 5-stelligen Toten/Jahr in D durch Falschmedikation? Tote durch HP: Keine!!

Barbara Ebert | Do, 5. September 2019 - 06:43

sie wirkt bei Tieren.
Selbst wenn man "nur" von einem Plazeboeffekt sprechen würde, heißt es doch: Wer heilt, hat recht.

Gerhard Lenz | Do, 5. September 2019 - 12:46

In reply to by Barbara Ebert

nicht bei jedem, sondern natürlich nur bei denen, die daran glauben.

Alle anderen haben dann eben Pech gehabt.

Aber egal, die Kasse zahlt trotzdem.

Ulrich Jarzina | Do, 5. September 2019 - 09:03

Wer sich mit der Geschichte der Homöopathie befasst, kommt an ihrem Gründer, Samuel Hahnemann (+1843), nicht vorbei. Als Arzt und Chemiker stand er der Verordnungspraxis seiner Kollegen recht skeptisch gegenüber. Diese verschrieben nämlich gerne Arsen, Quecksilber und dergleichen, vorzugsweise nach der Devise "viel hilft viel".

Somit ist es kein Wunder, dass es vielen Patienten, die, nach einer konventionellen Behandlung, zu Hahnemann und seinen Schülern kamen, bald besser ging. Seine homöopathischen "Medikamente" schadeten dem Körper nicht, sodass dieser im Heilungsprozess ungestört war.
Damit galt die "Wirksamkeit" der neuen Behandlungsmethode als erwiesen.

Was die Popularität von Homöopathie heute angeht, so glaube ich, dass ein Hauptgrund darin besteht, das der Therapeut sich sehr viel mehr Zeit für das Patientengespräch nehmen kann, als wenn er konventionell abrechnen würde. So lernt er den Patienten besser kennen und bleibt nicht in einem 08/15 -Schema stecken.

Ernst-Günther Konrad | Do, 5. September 2019 - 11:41

Jahrelang wurde die Homöopathie als Unsinn bezeichnet. Vor allem auch Grüne als Alternative zur Schulmedizin ( keine Wissenschaft, sondern Sammelsurium von über 5000 Hypothesen) wollten angeblich naturbezogene Heilmittel, auch um eine ausufernde Schulmedizin einzudämmen. Die Pharmaindustrie baute sich dann ein zweites Standbein auf. Offenbar nehmen sie nicht genug ein. Also wird sie jetzt wieder schlecht geredet und damit Widerspruch zu generieren, weil es eben auch Menschen gibt, die dieses Angebot nutzen. Was wird am Ende herauskommen? Ich vermute mal es wird beibehalten und entweder Zuszahlungen oder höhere Beitragskosten damit begründet.
Verdiener bleibt die Pharma und die Politik kann sagen, die Menschen wollen ja auch die Homöpathie haben, sollen sie dafür zahlen.
Sicher, einen wissenschaftlichen Nachweis für die Wirksamkeit bleibt die Homöpathie schuldig, mit Ausnahme der Notfallmedizin aber auch auch die Schulmedizin. Da hat jeder so seine Meinung. Da fehlt wieder Geld.

Richard Leblanc | Do, 5. September 2019 - 17:13

Die ganzen Diskussion über Homöopathie auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen ist eigentlich völlig überflüssig. Anders als in der Schweiz wird eine homöopathische Anamnese in Deutschland nur von einigen Krankenkassen im Rahmen sogenannter IV (=integrierte Versorgung) bezahlt, die Medikamente - da rezeptfrei - sowieso nicht. Und in der Schweiz (siehe NZZ vom 31.08.2019: https://www.nzz.ch/meinung/homoeopathie-hilft-ja-vielleicht-auch-wenn-m…) wurden zuletzt 0,027% im Gesundheitswesen für Homöopathie ausgegeben. Mir liegen keine Zahlen für Deutschland vor, die Kosten dürften hier aber noch wesentlich geringer sein. Also mal wieder ein Kampf gegen Windmühlenflügel?