Digitalisierung - Europa am Scheideweg

In der ersten Halbzeit der Digitalisierung haben die USA und China Europa gnadenlos abgehängt. Doch noch ist nichts verloren: Ein Plädoyer für souveräne Dateninfrastrukturen und eine Transformation zur serviceorientierten Wertschöpfung.

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„Digitale Souveränität“: ein Fokusthema der deutschen EU-Ratspräsidentschaft / dpa

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Dr. Johannes Winter leitet die Geschäftsstelle der Plattform „Lernende Systeme", in der sich 200 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft mit der Gestaltung von Künstlicher Intelligenz befassen, sowie den Technologiebereich bei der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech). Er ist Mitglied verschiedener Expertengremien, Fachautor sowie Lehrbeauftragter der Hochschule für Oekonomie und Management. Foto: privat

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Jochen Werne ist Chief Development & Visionary Officer in der Geschäftsleitung von Prosegur Germany, Mitglied der Plattform Lernende Systeme und des Royal Institute of International Affairs „Chatham House“, einem der weltweit bedeutendsten Think Tanks. Er ist Keynote Speaker, Co-Autor diverser Fachbücher und Mitbegründer des Global Offshore Sailing Teams. Foto: privat

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Europa steht am Scheideweg – wieder einmal. Diesmal geht es um nicht weniger als den Erhalt der Souveränität des Kontinents, zumindest technologisch und wirtschaftlich gesehen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die „Digitale Souveränität“ ein Fokusthema der deutschen EU-Ratspräsidentschaft ist. Europas größte Volkswirtschaft steht exemplarisch für die gegenwärtigen Herausforderungen inmitten von einem globalen Handelskonflikt und Quasi-Monopolen amerikanischer und asiatischer Plattformunternehmen: denn Deutschlands Stärke als Ausrüster der Welt steht auf den Prüfstand.

Seit den 1970er-Jahren verläuft eine erste Digitalisierungswelle, die durch den Einsatz von Elektronik und IT sowie die Automatisierung und Standardisierung von Geschäftsprozessen geprägt ist. Angetrieben wird sie durch ein für die IT-Industrie typisches exponentielles Wachstum bei Leistungsparametern wie Kommunikationsnetzen, Speichern und Prozessoren. Deutschland hat hiervon als Hersteller von Maschinen, Anlagen, Fahrzeugen oder Prozesstechnologie erheblich profitiert. „Made in Germany“ ist ein weltweites Qualitätsversprechen. Doch wie lange noch? Oder anders gefragt: Wie können wir dieses Versprechen in das digitale Zeitalter überführen?

Die zwei Halbzeiten der Digitalisierung 

Denn eine zweite Digitalisierungswelle rollt bereits und sie verändert bestehende Wertschöpfungsstrukturen: Physische Objekte wie Gebäude, Fahrzeuge, Medizingeräte oder Werkzeugmaschinen werden zunehmend digital anschlussfähig und über das Internet vernetzt.

Die reale und die virtuelle Welt verschmelzen, ein Internet der Dinge, Daten und Dienste entsteht in allen Arbeits- und Lebensbereichen. Durch Künstliche Intelligenz angetriebene automatisierte Systeme lernen im Betrieb und agieren zunehmend autonom, als kollaborative Fertigungsroboter, Robo-Advisor oder intelligente Erntemaschinen.

Europa fällt zurück

Die erste Halbzeit der Digitalisierung haben Consumer-Plattformen wie Amazon, Alibaba und Facebook bestimmt. Europa kommt mit Ausnahme des Streamingdienstes Spotify in den B2C-Plattformmärkten kaum vor. Die zweite Halbzeit schließt den industriellen Sektor ein, sowohl die Digitalisierung und Vernetzung der Produktion (Industrie 4.0) als auch die Erweiterung von Produkten und Dienstleistungen um personalisierte, digitale Services (digitale Geschäftsmodelle).

Soweit die Bestandsaufnahme – was aussteht ist aber die flächendeckende Umsetzung, ohne die Europa im globalen Rennen weiter zurückfällt. Welche Hebel gibt es für Europa, um in der zweiten Halbzeit zu punkten und dadurch Wettbewerbsfähigkeit und Selbstbestimmtheit zu erhalten? Zwei Aspekte erscheinen als besonders wichtig:  

Ohne souveräne Dateninfrastruktur geht es nicht 

Einmal entwickelt, weisen Softwareplattformen Prozesskosten auf, die gegen Null gehen. Das macht es einfach, riesige Datenmengen zu aggregieren, mit Künstlicher Intelligenz aus Daten zu lernen und daraus digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, die exponentiell über Länder- und Branchengrenzen hinweg skalierbar sind. Googles Suchmaschine mit 95 Prozent EU-Marktanteil ist ein Beispiel für Innovationsführerschaft und Quasi-Monopol zugleich. Um die Hoheit über Daten und Dateninfrastrukturen zu erlangen, braucht es digitale Souveränität: von Hardware- und Softwarekomponenten über Kommunikationsnetze, Cloud-Infrastrukturen bis zu Datenräumen und Plattformen.

Europäische Bemühungen wie das politik- und wirtschaftsgetriebene Projekt „GAIA-X" verdienen breite Unterstützung, auch wenn der Erfolg keineswegs sicher ist. Selbstbestimmtheit meint nicht Autarkie und auch nicht den Ausschluss dominanter Wettbewerber. Im Gegenteil: Europas Weg muss durch Vielfalt, Offenheit und Dezentralität bestimmt sein, nicht durch Abschottung. Ein Blick auf die regionale Verteilung mittelständischer Weltmarktführer genügt, um zu verstehen, dass Europas technologisches und unternehmerisches Pfund nicht in den Händen weniger Großunternehmen liegt. 

Deutschland verfügt über Domänenexpertise

Passend dazu sollte Europa auf den Aufbau offener digitaler Ökosysteme setzen, die auf einer gemeinsamen Referenzarchitektur und definierten Standards fußen, technologische Interoperabilität ermöglichen, dezentrale Cloud- und Edge-Dienste anbieten und auf europäische Werte wie Vertrauenswürdigkeit, Sicherheit, Datenschutz und Fairness setzen. Im industriellen Bereich ist das Rennen weiter offen, da produktionsstarke und produktzentrierte Länder wie Deutschland über Domänenexpertise und industrielle Daten wie Maschinen-, Prozess-, User- und Produktdaten verfügen, auf die Hyperscaler wie Google und Amazon bislang nur bedingt Zugriff haben.

Um Souveränität zu erreichen, braucht Europa aber Zugriff auf die Cloud- und Dateninfrastrukturen, ob im Maschinenbau oder im Mobilitätssektor. Und es bedarf sowohl europäischer Regulierung als auch Staat und Unternehmen als aktive Nachfrager europäischer Technologie- und Geschäftsangebote. Dazu müssen diese sicher, performant, kostengünstig und wettbewerbsfähig sein. Ein hoher Anspruch! Wählt Europa aber den passiven Weg, gefährdet dies die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, unternehmerische Freiheit und mittelfristig unseren Wohlstand. 

Wertschöpfung verschiebt sich zugunsten der Plattformbetreiber

Aus der Consumer-Welt kennen wir, dass investorenfinanzierte Technologie-Startups etablierte Geschäftsmodelle in allen Domänen angreifen, sich als Plattformbetreiber zwischen Anbieter und Kunde setzen, Regeln, Standards und Schnittstellen definieren und von Netzwerk- und Skaleneffekten profitieren. Im Ergebnis verschiebt sich Wertschöpfung zugunsten der Plattformbetreiber, traditionelle Anbieter von Produkten und Dienstleistungen werden zu Zulieferern degradiert. Plattformen zu betreiben, zu beherrschen und darauf digitale Produkte und Dienstleistungen zu vermarkten, ist daher eine Kernvoraussetzung für die Überlebensfähigkeit Europas in einer digitalen Ökonomie. 

Da im industriellen Umfeld kein Unternehmen allein über das Know-how und die Daten verfügt, um im digitalen Zeitalter dauerhaft erfolgreich zu sein, sind digitale Wertschöpfungsnetzwerke die Lösung. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und acatech geleitete Plattform „Lernende Systeme" hat kürzlich ein Dutzend Erfolgsbeispiele für digitale Ökosysteme aus Deutschland beleuchtet. Ein Beispiel zeigt, wie eine resiliente Fertigung entsteht, wenn Maschinenbauer mit Hilfe von IoT- und KI-Dienstleistern Produktionsstopps durch datenbasierte Vorhersage minimieren können.

Prozessoptimierung ist skalierbar

Kommt es dennoch zum Stillstand, greift eine Ausfallversicherung. In einer Industrie 4.0-Logik entsteht so eine flexible Produktionslinie, die nahezu niemals ruht und dadurch noch profitabler ist. Und: Diese Prozessoptimierung einschließlich digitalem Geschäftsmodell ist skalierbar und bleibt keine Insellösung. Ein weiteres Beispiel zeigt, wie durch Agrar-APPs und IoT-Plattformen ein herstellerübergreifender Datenaustausch mit Landmaschinen ermöglicht wird, auch wenn Landwirte und Lohnunternehmer Maschinen unterschiedlicher Hersteller einsetzen.

Der gesamte Fuhrpark lässt sich somit über eine Plattform optimieren. Das reduziert Komplexität und ermöglicht, dass mittelständische Technologieführer für Sensorik, Saatgut oder Erntemaschinen in einer vertrauenswürdigen Plattformumgebung skalieren können, ohne ein größeres unternehmerisches Risiko für den Aufbau eigener Plattformen eingehen zu müssen.

Europa muss mit einer Stimme sprechen

Es braucht viel mehr solcher Beispiele – und sie entstehen auch im föderalen Europa. Die Erkenntnis ist schließlich da. Aber: Um eine gewichtige Rolle in der Welt zu spielen, sollte Europa nicht nur schneller werden, sondern zudem mit einer Stimme sprechen, ob bei der Durchsetzung gleicher Wettbewerbsbedingungen oder in der internationalen Normensetzung und Standardisierung.

Auch die Vollendung des digitalen Binnenmarktes ist wichtig, um das zu ermöglichen, was uns China und die USA voraushaben: riesige Verbrauchermärkte, in denen heimische Anbieter skalieren können. Europa steht am digitalen Scheideweg. Nehmen wir die Abzweigung in Richtung Selbstbestimmtheit!
 

Manfred Bühring | So, 23. August 2020 - 12:48

Das hört sich alles wunderbar an und liest sich teils wie in einem Informatik-Pro-Seminar. Nur - wo bleibt denn eigentlich der Mensch ansich in dieser Digitalwelt. Schafft er sich letztlich selbst ab, weil die Maschinen ihn nicht mehr benötigen? Und wer kauft denn die ganzen Produkte der Industrie 4.0, wenn der Mensch kein Einkommen mehr erzielt, denn er wird ja für die Arbeit nicht mehr benötigt. Natürlich können wir die Restwelt durch Export mit unseren Produkten beglücken; aber der Markt ist auch endlich. Also - quo vadis hominum?

Ernst-Günther Konrad | So, 23. August 2020 - 17:15

Alles was Sie da schreiben mag für ein "einiges" Europa erstrebenswert und überlebensnotwendig sein. Nur, die Eigeninteressen und nationalstaatliche Eigenverantwortung, lässt ein solches Denken nicht zu.
"Um die Hoheit über Daten und Dateninfrastrukturen zu erlangen, braucht es digitale Souveränität: von Hardware- und Softwarekomponenten über Kommunikationsnetze, Cloud-Infrastrukturen bis zu Datenräumen und Plattformen."
"Das Internet ist für uns Neuland", stellt A. Merkel am 19.6.2013 gegenüber Obama bei einem Besuch fest. Digitalisierung ist es bis heute in fast allen Bereichen geblieben. Mir würde es reichen, wenn wir hier in DE selbst so etwas könnten. Hardware und Software selbst entwickeln und vermarkten und eigene Datenautobahnen hätten. Weg von China, Asien und den USA in diesem Bereich. Hin zur Eigenverantwortung und Unabhängigkeit. Das bedeute aber auch, das DE investiert, auch in die IT-Spezialisten, die wir hier gut ausbilden und die dann im Ausland das große Geld machen.