Rohstoff-Streit im Pazifik - Der Kampf um das 17. Bundesland

Es geht um die zukünftige Energieversorgung und ein gigantisches Ölvorkommen, an dem jeder beteiligt sein möchte: Im Pazifik tobt ein Kampf um die Rohstoffressourcen in der Tiefsee. Spät eingestiegen, droht Berlin bereits jetzt den Anschluss zu verlieren

(picture alliance) Für die Tiefseebohrungen genügen die üblichen Inseln nicht mehr

Es klingt alles so friedlich und passend zur Jahreszeit auch nach Urlaub: Hawaii, Mexiko, „Sonne“, 17. Bundesland. Aber wenn im Bundeskanzleramt diese Worte fallen, geht es nicht etwa um einen vorgezogenen Wahlkampfauftritt Angela Merkels am Ballermann auf Mallorca, sondern um knallharte geopolitische und wirtschaftliche Interessen der Bundesrepublik Deutschland. Das entscheidende Stichwort lautet „Versorgungssicherheit“, weil der Zugang zu den weltweiten Rohstoffen für die Exportnation lebensnotwendig ist. Nicht nur auf der Prioritätenliste der Politiker, sondern auch in den Vorständen der Dax-Unternehmen ist das Thema ganz nach oben gerückt.

Mit Argusaugen beobachtet man in Berlin, wie Chinas Führung gerade zur Rohstoffakquise um die Welt jettet, etwa nach Dänemark, um ein Bergbauprojekt auf Grönland voranzutreiben oder nach Island, um einen Vertrag über Technologien für den Tiefsee-Bergbau abzuschließen.

Trotz Dauerbelastung durch die Eurokrise treibt Bundeskanzlerin Angela Merkel das Rohstoffthema voran. Denn je systematischer China sich weltweit den Zugang zu strategischen Ressourcen sichert, desto mehr geraten deutsche Industrieunternehmen durch hohe Rohstoffpreise unter Druck. Ohne kritische Rohstoffe wie Kupfer, Nickel, Kobalt oder die sogenannten Seltenen Erden ist keine Produktion von Hightechgütern mehr möglich. Auch Windräder, Solarzellen und andere Kern­elemente der deutschen Energiewende kommen ohne diese Materialien nicht aus. Daher untersucht inzwischen auch Berlin auf einem zwischen Mexiko und Hawaii gelegenen Explorationsgebiet die Möglichkeit, die Rohstoffressourcen in der Tiefsee auszubeuten. Aber andere Länder sind schon deutlich weiter, und Deutschland muss aufpassen, will es den Anschluss nicht verlieren.

Wie alarmiert die Politik ist, war Ende April auf dem Rohstoffkongress der Unions-Bundestagsfraktion zu spüren. Kanzlerin Merkel mahnte ungewohnt martialisch an: Man werde „darum kämpfen müssen, Zugang zu Rohstoffen zu haben“. Deutschland stehe „im Wettbewerb mit Staaten, die eine sehr strategische rohstoffpolitische Planung betreiben“, sagte sie mit Blick vor allem auf China. Ab sofort müssten Industrie und Politik sich gegenseitig, „sozusagen im nationalen Interesse, stützen“. Der gesamte deutsche Wohlstand hänge von der Exportfähigkeit ab.

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sieht die Entwicklung kritisch und zieht bereits Parallelen zur blutigen Kolonialzeit. „Vieles am Beginn des 21. Jahrhunderts erinnert an den alten ‚scramble for Africa‘, an den weltweiten Run nach Flottenstützpunkten und Aufkohlstationen“, warnte er vor kurzem.

Drastisch ausgedrückt hat damit auch in Deutschland, wo Staat und Wirtschaft seit 1945 in geostrategischen Fragen eher Distanz wahrten, eine neue Phase begonnen: Ein „politisch-industrieller Rohstoffkomplex“ bekommt Konturen. Künftig soll auch die deutsche Entwicklungspolitik ganz offen die Sicherung von Rohstoffpartnerschaften mit ressourcenreichen Ländern wie Kasachstan oder der Mongolei „flankieren“.

Auf der Seite der Wirtschaft kümmert sich Ulrich Grillo, der designierte Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), um das Thema. Als bisheriger Chef des Arbeitskreises Rohstoffe im BDI gehört er zu den Architekten der neuen deutschen Rohstoffpolitik. Im Hintergrund trieb er die Gründung einer Rohstoffallianz voran, in der sich führende deutsche Industriekonzerne wie BASF, Daimler oder Thyssen-Krupp zusammengeschlossen haben. Anders als noch vor einigen Jahren befürwortet auch Grillo, dass Staat und Firmen hierbei näher zusammenrücken: „Die Rohstoffversorgung selbst bleibt natürlich Aufgabe der Unternehmen, aber die Politik hilft überall bei der Sicherung des Zugangs.“ Das sei nicht nur bei uns und den Chinesen so, sondern auch in Japan, Korea und Frankreich, sagt Grillo.

Dabei ist die Erde entgegen den ursprünglichen Prognosen des Club of Rome reich an Bodenschätzen. Nur ist absehbar, dass viele Vorkommen aus geologischen und politischen Gründen immer schwerer zugänglich sein werden. So hat China die Ausfuhr der sogenannten Seltenen Erden stark reguliert, weil es die Rohstoffe für seine stark wachsende Industrieproduktion braucht.

Seite 2: Die bislang herrenlose Tiefsee wird versteigert

Da viele der Ressourcen an Land schon ausgebeutet und verteilt sind, liegt der Fokus nun auf der Jagd nach den gigantischen Rohstoffressourcen in der bislang herrenlosen Tiefsee außerhalb der 200-Meilen-Zone. Vor allem im Pazifik findet derzeit eine neue Phase der Kolonialisierung statt. In mehreren Tausend Meter Tiefe unter der Wasseroberfläche schlummern Milliarden Tonnen der begehrten Metalle: Kupfer, Zink, Eisen, aber auch große Vorkommen der Seltenen Erden.
Als „Schatztruhe“ hat Bundesforschungsministerin Annette Schavan die Tiefsee bezeichnet, als sie den Vertrag zum Bau eines neuen deutschen Rohstoff-Forschungsschiffs namens „Sonne“ unterschrieb. Doch die Bundesregierung muss viel nachholen, denn in den vergangenen Jahrzehnten hat Deutschland die Erkundung der Tiefsee vernachlässigt.

Es wäre nur folgerichtig, wenn Merkel demnächst einmal zu einer Dienstreise in den Pazifik aufbrechen würde. Denn dort liegt zwischen Mexiko und Hawaii so etwas wie das 17. Bundesland. In einem riesigen Gebiet auf Hoher See, also außerhalb nationaler Ansprüche, hat die Internationale Meeresbodenbehörde ISA seit 1994 Lizenzrechte für die Rohstofferkundung vergeben. Gleich zu Beginn sicherten sich sieben Staaten einen „Pionierinvestorenstatus“. Deutschland verzichtete damals unter Kanzler Kohl, weil das Bundeswirtschaftsministerium die Antragskosten von 250 000 Dollar scheute. Man überließ China, Russland, Japan, Südkorea, Indien, Frankreich und einem Konsortium aus ehemaligen Ostblockstaaten das Terrain.

Erst als die Rohstoffpreise wieder stiegen, erinnerte man sich in Berlin der Schätze auf dem Meeresgrund und beantragte ein Lizenzgebiet, das der Bundesrepublik 2006 zugesprochen wurde. Das potenzielle deutsche Abbaugebiet im Pazifik hat eine Größe von rund 75 000 Quadratkilometern und ist damit etwas größer als Bayern. Bis 2021 muss sich die Bundesregierung entscheiden, ob sie im Pazifik Rohstoffe abbauen will oder nicht.
Für die öffentliche Debatte zumindest in Deutschland wird die Frage nach möglichen Umweltschäden von großer Bedeutung sein. „Der Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee ist vermutlich nicht ohne massive negative Beeinträchtigung der Ökosysteme möglich“, warnt etwa die Biologin und Meeresexpertin Iris Menn von Greenpeace. „Eine umweltverträgliche Ausbeutung der Ressourcen ist nach dem derzeitigen Wissensstand nicht möglich.“

Doch am Ende könnte die Gier nach Bodenschätzen die ökologischen Bedenken übertrumpfen – gerade im Kalkül asiatischer Staaten. Immerhin schätzt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), dass in dem von ihr erkundeten Gebiet etwa eine Milliarde Tonnen wertvoller Manganknollen liegen, im Schnitt mit einer Dichte von zwölf Kilogramm pro Quadratmeter. Diese kartoffelgroßen Erzklumpen enthalten die begehrten Metalle. Der Abbau würde sich wohl vor allem auf jene Gebiete konzentrieren, bei denen man eine Dichte von 30 Kilogramm pro Quadratmeter gemessen hat. Außerdem liegen im deutschen Lizenzgebiet mindestens zwei interessante Vulkane, deren Hänge reich bestückt sind mit Mangankrusten. Nach einer internen Berechnung der BGR hätten die vermuteten zehn Millionen Tonnen Nickel, die acht Millionen Tonnen Kupfer und die 1,2 Millionen Tonnen Kobalt einen Marktwert von rund 561 Milliarden Dollar.

Der aufkommende Tiefseebergbau hat auch schon deutsche Großkonzerne wie Siemens auf den Plan gerufen. Das Münchner Unternehmen kaufte 2011 zwei kleine norwegische Firmen namens Bennex und Poseidon, die Spezialisten für die Stromversorgung in der Tiefsee sind. Im März schlug Siemens erneut zu und übernahm für 470 Millionen Dollar von der britischen Expro Holding deren Geschäftszweig mit tiefseetauglichen Komponenten für Öl- und Gasleitungen. Der deutsche Erdöl- und Bergbauspezialist Aker Wirth ist mit der Entwicklung eines Knollenkollektors beschäftigt. Stück für Stück werden die Bausteine für eine Infrastruktur am Meeresboden zusammengefügt.

Doch der Vorsprung vor allem der asiatischen Länder Korea, Indien und China, die ebenfalls Lizenzfelder für Manganknollen im Pazifik besitzen, ist schwer wettzumachen. Während die BGR im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums im Frühjahr mit dem alten Forschungsschiff „Sonne“ erst die vierte Erkundungsmission in das Gebiet startete, um mögliche Umweltauswirkungen eines Rohstoffabbaus zu untersuchen, hat Korea bereits 30 Missionen im eigenen Lizenzgebiet hinter sich. Die koreanische Regierung hat bereits ein eigenes Testgelände für die Erprobung tiefseetauglicher, automatisierter Abbausysteme für die Manganknollen eingerichtet. Ende Juni tauchte zudem das chinesische Unterseeboot „Jiaolong“, benannt nach einem mystischen Seedrachen, im Pazifik zum ersten Mal tiefer als 7000 Meter.

Seite 3: Amerika pocht auf seine Hegemonialrechte

Im Pazifik droht ein Machtkampf, und das Wettrennen um die Schätze in der Tiefe ist dort längst eröffnet. Hier könnte das Gedrängel um die besten Abbaugebiete besonders riskant werden, weil sich die USA als wichtigster Spieler der Region bisher noch nicht eingeschaltet haben. Da die Supermacht die internationale Seerechtskonvention nie unterzeichnet hat, konnte sie bisher von der ISA auch kein Explorationsgebiet erhalten. Doch nun pocht Amerika verstärkt auf seine Hegemonie im Pazifik. US-Präsident Barack Obama hat das „pazifische Jahrhundert“ ausgerufen, und das Pentagon kündigte Anfang Juni an, künftig den Großteil der US-Flotte im Pazifik zu stationieren.

Noch geht es dabei um die strategische Kontrolle von Transport und militärischen Versorgungsrouten. Aber wenige Experten zweifeln daran, dass auch die USA aus Sorge um die Rohstoffversorgung des Landes mit Macht versuchen könnten, sich in die lukrativsten Gebiete im Pazifik zu drängen, zumal die vielversprechendsten Manganknollengebiete direkt vor der amerikanisch-mexikanischen Westküste liegen.

Gleichzeitig macht China mobil. Der renommierte chinesische Politologe Pang Zhongying von der People’s University of China bezeichnet sein Land bereits als zweite „Hegemonialmacht“ neben den USA. Andere chinesische Strategen entwickeln bereits Planspiele für den Aufbau von bewaffneten Rohstoff- und Fischereiflotten. Der Bau mehrerer Flugzeugträger markiert die Rückkehr Chinas auf die Weltmeere – das erste Mal seit dem Ende der Kaiserflotte im 16. Jahrhundert beansprucht das Land wieder eine globale Präsenz. Dazu kommt, dass sich das Riesenreich im Pazifik durch geschickte Entwicklungskooperationen längst auch bei kleinen Inselstaaten den Zugriff auf Rohstoffgebiete sichert. Manche Vorkommen liegen in den exklusiven Sonderwirtschaftszonen dieser Staaten, andere fallen ihnen durch eine Uno-Sonderregelung aus den Lizenzgebieten in internationalen Gewässern zu.

Die drohende Ressourcenknappheit birgt großes Konfliktpotenzial und bedroht die friedliche Erforschung der Rohstoffvorkommen im Pazifik zwischen Asien und Amerika. Im Streit um die vermuteten Gas- und Ölvorkommen im südchinesischen Meer sind bereits Schüsse zwischen China und anderen ostasiatischen Staaten gefallen.

Wo Deutschland und die Europäer in diesem geopolitisch hochbrisanten Umfeld bleiben, sorgt Industrie und Politik auf dem alten Kontinent gleichermaßen. Sie kommen bei der Erkundung des Pazifiks nicht nur spät. Sie sind auch militärisch und politisch zu schwach, um erfolgreich Einfluss auf die anderen Erdteile auszuüben. Bereits im Rennen um Rohstoffe in Afrika und anderen Kontinenten droht Europa zurückzufallen – zumal auch hier die Dominanz der nationalen Blickwinkel weiter ein gemeinsames Vorgehen der Europäer verhindert.

SPD-Fraktionschef Steinmeier, der in seiner Amtszeit als Außenminister die „Energieaußenpolitik“ entdeckt und strategische Interessen Deutschlands pointiert formuliert hat, hält sogar die Gefahr von Rohstoffkriegen für real. Das moderne China wolle zwar die Fehler des wilhelminischen Reiches vermeiden und nicht zu aggressiv auftreten. Aber es genüge nicht, „ein etwas klügerer Wilhelm II zu sein“. Der Druck auf die chinesische Regierung, die eigene Wachstumsmaschine mit der Zufuhr von immer mehr Rohstoffen zu schmieren, ist enorm. „Wer blutige Konflikte wie den Ersten und Zweiten Weltkrieg vermeiden will, muss den Weg internationaler Kooperation gehen“, sagt Steinmeier. Das sieht Kanzlerin Merkel ähnlich, aber ihr Satz, dass Deutschland künftig um Rohstoffe „kämpfen“ müsse, zeigt, dass im Kanzleramt auch weniger kooperative Entwicklungen für möglich erachtet werden.

Ein künftiger Rohstoffkonflikt gehört deshalb zu den Szenarien, auf die sich die deutsche Politik einstellen muss. Umso mehr erhalten Investitionen in neue Recycling-Technologien für kritische Rohstoffe, wie sie etwa am Helmholtz-Zentrum im sächsischen Freiberg erfolgen, eine geo- und verteidigungspolitische Bedeutung. Je geringer die Abhängigkeit von Rohstofflieferungen aus sensiblen, umstrittenen Regionen der Welt ist, desto stabiler kann die deutsche Wirtschaft funktionieren.

Denn sollte in nicht allzu ferner Zukunft der Kapitän eines deutschen Rohstoff-Frachters nach Berlin melden müssen, dass U‑Boote einer unbekannten Macht die Fördermaschinen im deutschen Lizenzgebiet zerstört haben, stünde die deutsche Politik vor ganz neuen sicherheitspolitischen Fragen. 

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