WM 2018 und Adidas - Der Lohn reicht kaum zum Überleben

Mehrere Teams stattet Adidas bei der Fußball-WM in Russland aus – auch die Nationalelf. Die Arbeitsbedingungen für die Näherinnen verbessern sich zwar, aber nur langsam und auf Druck von außen. Ein Besuch in einer Textilfabrik in Honduras

Näherin in einer hondurianischen Textilfabrik
Nähen im Akkord: Noch immer werden die Mitarbeiter in den Adidas-Fabriken unterbezahlt / EMIH

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Petra Sorge ist freie Journalistin in Berlin. Von 2011 bis 2016 war sie Redakteurin bei Cicero. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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San Pedro Sula. In einer grün-weiß getünchten Holzhütte im Norden von Honduras zieren bunte Papierblumen und Schmetterlinge die Wände. Dazwischen hängen Fotos und Malereien von Frauen bei der Arbeit: auf dem Feld, in der Produktion, an der Nähmaschine. Die Hilfsorganisation „Unabhängiges Beobachterteam von Honduras“ (EMIH) hat hier ihren Hauptsitz – in der Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate im ganzen Land. Sie überwachen die Arbeitsstandards in den Kleiderfabriken.

An einem Montag im Mai laden sie ein zu einer Gesprächsrunde über einen Giganten der Industrie, der in San Pedro Sula T-Shirts nähen lässt –  Adidas. Adidas hat die Nationalelf sowie 11 weitere Teams, die bei der WM in Russland an den Start gingen, ausgestattet. Das Herzogenauracher Unternehmen ist auch größter Sponsor des DFB: 65 Millionen Euro fließen jährlich. 2016 lag der Konzerngewinn bei einer Milliarde. Möglich war das durch die umfassende Auslagerung.  Weltweit hat der Konzern etwa 800 Lieferanten in mehr als 55 Ländern. Aber was heißt das vor Ort, zum Beispiel in der Zulieferfabrik Pinehurst Manufacturing in San Pedro Sula mit mehr als 1800 Angestellten?

In Einklang mit den Adidas-Standards

Costas Fernando, 25, struppiges Haar, nähte dort bis vor kurzem T-Shirts. „Das Arbeitsklima ist gut“, schwärmt er und zählt auf: „Sie haben Gratistransporte, günstiges Mittagessen, Gehälter über dem Mindestlohn und eine Gewerkschaft.“ Auch funktioniere endlich die Klimaanlage. Eine Vorzeigefabrik in Zentralamerika also: „Pinehurst Manufacturing“, erklärt die Adidas-Pressestelle auf Anfrage stolz, „verhält sich im Einklang mit den von adidas vorgegebenen Arbeitsplatzstandards."

In San Pedro Sula erzählt Costas Fernando allerdings nach einer Weile, dass es bei Pinehurst eigentlich nicht immer so war: „Vor acht Jahren herrschten hier verheerende Arbeitsbedingungen.“ Als sich eine Gewerkschaft gründen wollte, reagierte die Firmenleitung mit Drohungen, Mobbing und persönlichen Attacken, wie ein Bericht des Arbeiterrechtskonsortiums in Washington dokumentiert. 52 Mitarbeiter wurden entlassen, darunter vier der Betriebsräte. Eine obrigkeitshörige Parallelgewerkschaft wurde aufgebaut. Menschenrechtsorganisationen schlugen weltweit Alarm, US-Studenten riefen zum Boykott der T-Shirts auf.

„Adidas reagiert nur auf Druck“

Adidas erklärt, man sei den Vorwürfen gegen die Zulieferfabrik damals „unverzüglich nachgegangen“. In Pinehurst habe Adidas erst die Vereinigungsfreiheit sichergestellt und 2011 einen einen Tarifvertrag eingeführt. Aktuell werde bei Pinehurst bereits der dritte Tarifvertrag verhandelt.

Sicher dagegen ist für Maik Pflaum von der Menschenrechtsorganisation „Christliche Initiative Romero“ (CIR) in Nürnberg nur eines: „Adidas reagiert nur auf Druck." Das hätten auch andere Fälle in Lateinamerika gezeigt.

Zum Leben zu wenig: Gehälter über dem Mindestlohn

In San Pedro Sula bestätigt EMIH-Aktivistin Carla Castro, dass die Gehälter in der Adidas-Zuliefererfabrik um bis zu fünf Prozent über dem staatlichen Mindestlohn liegen. Das wären rund 280 Euro im Monat.

Davon könne man aber gar nicht leben, sagt Castro. „Wenn man alleine wohnt und in der Fabrik arbeitet, muss man also Prioritäten setzen: Will man sich lieber Essen kaufen, Strom haben oder seine Miete bezahlen?“ Es brauche schon drei Familienangehörige, die in Pinehurst arbeiten, um über die Runden zu kommen, sagt Castro. Der Tarif knapp über Mindestlohn, für den sich Adidas so rühmt, relativiert sich noch mehr, wenn man sich andere Branchen in Honduras ansieht. Im Durchschnitt liegt der Industrie-Mindestlohn bei 340 Euro. Das ist rund ein Viertel mehr als das, was die Adidas-Fabrik ihren Angestellten zahlt.

Der Druck auf die Lieferanten ist immens

„Adidas-Zulieferer zahlen weltweit nur Mindestlöhne für eine normale Monatsarbeitszeit“, sagt CIR-Referent Pflaum. Zwar könne es auch Zuschläge für Überstunden oder das Erreichen einer Bonus-Schwelle geben, „aber was macht jemand, der keinen Bonus schafft oder keine Überstunden leisten kann? Verhungern?“

„Foul Play“ – „Foulspiel“ nennt die „Clean Clothes Campaign“ die Adidas-Praktiken in einem gerade erschienenen Bericht, der auch die Arbeitsbedingungen beim Sportartikelhersteller Nike untersucht. Demnach zahlen beide Konzerne Gehälter, die kaum zum Überleben reichen. Und der Druck auf die Lieferanten, noch billiger zu produzieren, ist immens: Der Anteil der Arbeitslöhne am Endprodukt ist seit 1995 um knapp ein Drittel gesunken. Von einem Adidas-Schuh geht rund die Hälfte für den Zwischenhandel, rund ein Viertel für Markenwerbung drauf. Nur 2,5 Prozent davon gehe an Löhne für die Arbeiterinnen und Arbeiter, so der Bericht.

Die Angestellten haben Angst

Sichere Arbeitsbedingungen und faire Löhne in Fabriken entlang der gesamten Beschaffungskette seien „integraler Bestandteil unserer Unternehmenspolitik“, erklärt Adidas. Diese sollen mit eigenen Arbeitsplatzstandards, einem „Team von weltweit mehr als 70 Experten“ und „rund 1.000 Betriebsprüfungen bei Lieferanten“ allein im vergangenen Jahr sichergestellt werden.

Adidas inspizierte erst im Mai 2017 eine andere Fabrik in San Pedro Sula: in „Bay Island“. Aus dieser Fabrik hat sich lange Zeit niemand getraut, mit der Hilfsorganisation EMIH oder der Presse zu sprechen. Die Angestellten haben Angst, sagt Carla Castro von EMIH. In Bay Island gibt es auch keinen Betriebsrat.

Einen Monat dauert es, bis sich ein Mitarbeiter anonym per Telefon meldet. Er erzählt, dass er in Bay Island Ärmel T-Shirts annähen soll. „Die Zielvorgaben sind aber kaum zu schaffen“, sagt er, und die Mitarbeiter würden massiv unter Druck gesetzt. „Es ist schlimm.“ Eigentlich genau wie in Pinehurst vor wenigen Jahren.

Die Krisen-PR funktioniert perfekt

Adidas erklärt, bei der Überprüfung im vergangenen Jahr hätten sich die Vorwürfe nicht bestätigt. Zudem unterhalte der Konzern „keine direkte vertragliche Beziehung mit Bay Island“, sondern nur über seinen Lizenznehmer Streetwear, der auch nur etwa ein Prozent der Ware im Auftrag von Adidas fertige.

Also ziemlich genau so, wie es das Outsourcing-Modell vorsieht. Die Krisen-PR funktioniert trotzdem perfekt: „Wir werden dennoch sicherstellen, dass die von Ihnen aufgeworfenen Fragen in der demnächst anstehenden Prüfung erörtert werden“, verspricht Adidas. Ob das auch ohne Boykott klappt?

Die Recherchereise wurde von der Christlichen Initiative Romero ermöglicht.

Thorsten Rosché | Fr, 6. Juli 2018 - 10:59

Die ganze Kohle geht für die Werbung bei den Eröffnungsfeiern und Schmiergelder für die FIFA drauf. Und die Mädels sollen doch Fußball gucken, es gibt doch Fußball satt im TV - das macht zwar nicht satt, aber man ist ein Glied in der großen Fussball -Familie und durfte die Trikos nähen ;-)

Yvonne Walden | Fr, 6. Juli 2018 - 11:54

Ob Adidas, Puma oder Nike, alle Textil- und Sportkleidungshersteller agieren als hemmungslose Ausbeuter in Staaten und Regionen, in denen sich einfach strukturierte Arbeiterinnen und Arbeiter immer noch ausbeuten lassen.
Allerdings sollten wir immer daran denken, daß Ausbeutung auch hier bei uns in Deutschland längst noch kein Fremdwort ist, im Gegenteil. Die Fleischindustrie, diese Großschlachtereien, lassen grüßen.
Hierzulange werden zumeist ausländische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Zeit- und Leiharbeiter aus Bulgarien und Rumänien) zu Niedriglöhnen beschäftigt, mit denen der sogenannte Mindestlohn einfach unterlaufen wird.
Bevor wir also mit Fingern auf Honduras zeigen, sollten wir uns zunächst an die eigene Nase fassen.
Auch unsere Gewerkschaften sind an diesen Zuständen nicht schuldlos. Vermutlich sitzen jedoch hohe Gewerkschaftsfunktionäre in den Aufsichtsräten dieser Konzerne und werden auf diese Weise mundtot gemacht.

Oha Frau Walden . Was würden Sie denn machen ? Das Jobangebot einfach nicht annehmen ? Und dann ? Oder Streiken ? Die Auftraggeber können auch woanders kaufen...Sie scheinen davon auszugehen, das alles eine Frage der gerechten Verteilung ist. Da liegen falsch. In den Sozialistischen Gesellschaften, in Gewerkschaftseigen Betrieben, in sPd eigenen Betrieben, herrschen besser herrschten auch keine tollen Verhältnisse. Übrigens, in den Konzernen sitzen Gewerkschafter in den Aufsichtsräten, aber auch die verstehen, das man Profite für Bestand und Weiterentwicklung des Konzerns benötigt.

Michaela Diederichs | Fr, 6. Juli 2018 - 12:21

Wir boykottieren schon lange diese Marken. Die Unternehmen, die allesamt bei der WM präsent sind, halte ich für unsauber im Hinblick auf Soziales. Fifa, Uno, Wirtschaft sind für mich ein Konglomerat, das eine unglaubliche Show abzieht auf Kosten der Ärmsten.

Th.F. Brommelcamp | Fr, 6. Juli 2018 - 12:38

Die Produktion in Billiglohnländer ermöglicht den hohen Gewinn in D. Die dadurch hohen Steuerabgaben ermöglichen unseren Näher*innen das hohe BAföG zum Fachabi und das nachfolgende Soziale Arbeit/ Journalismus/ irgendwas mit Klima Studium auf der geistigen Höhe des Start-ups.
Oder sollten sie etwa Näher*innen bleiben und den Leuten dort das karge Einkommen wegnehmen?

Reiner Kraa | Fr, 6. Juli 2018 - 12:49

Änhlich wie denen in Honduras ging und geht es den Stahlarbeitern und Autobauern in den USA. In Deutschland sind in den letzten Jahrzehnten ganze Industriezweige verschwunden (z. B. Textilindustrie).
Unsere T-Shirts werden heute in Südostasien, Indien und China zusammengeschossen und zwar unter ähnlichen Bedingungen, wie im Beitrag beschrieben. Trump sei Dank ist begonnen worden, dagegen etwas zu unternehmen. Die merkelsche Globalisierung bedeutet Armutsimport in unser Land.

wolfgang spremberg | Fr, 6. Juli 2018 - 17:25

Weltweit herrscht ein Überangebot an Arbeitskräften und dieses Überangebot wird durch Bevölkerungswachstum und Digitalisierung / Robotisierung noch wachsen.
Was tun ? Regionale Produkte, von regionalen Herstellern und regionalen Arbeitskräften ? Wovon leben die, z.B. in Honduras, die keine feste Arbeit haben ? Schlechtbezahlte Arbeit ist offensichtlich besser als keine .

André Oldenburg | Fr, 6. Juli 2018 - 18:54

Das System ist eigentlich von Nike damals eingeführt worden, viel Geld für die Werbung und kein Geld für die Herstellung. Hat Adidas und Co. fasst in den Ruin gestoßen. Danach haben sie das Geschäftsmodell kopiert und jetzt läuft es wieder.
Das Problem muss in den Ländern der Hersteller gelöst werden, die müssen Mindestlohn und Mindeststandards einführen oder aber man folgt einfach Trump seiner Idee, das man unfairen Wettbewerb durch Zoll einschränkt, dann würde wohl die EU gefordert sein.
In allen Szenarien ist aber nicht der Hersteller gefordert, der muss in den gesetzlichen Rahmenbedingungen möglichst viel gewinn machen und die Politik muss diesen Rahmen liefern, keine Firmen und auch keine undemokratischen NGOs

helmut armbruster | Fr, 6. Juli 2018 - 19:10

Fast die gesamte hier verkaufte Bekleidung kommt aus Billigländern.
In Indien z.B. verdienen Textilarbeiter weniger als 200 $ pro Monat.
In D dagegen kostet 1 Arbeitsstunde € 34,50.
Mit ca. nur 5 Arbeitsstunden hier kann man in Indien die Arbeit eines ganzen Monats bezahlen.
Wer als nur ein kleines bisschen nachdenkt, muss sich sagen, dass das T-shirt für 20 € unmöglich in D hergestellt sein kann.
Trotzdem kauft er es, weil es ihn nicht interessiert wo es für welchen Arbeitslohn hergestellt wurde.
Ein Hersteller oder Vermarkter muss sich am Markt orientieren. Wenn also der Käufer nicht bereit ist mehr als 20 € zu zahlen, dann hat er kaum eine andere Wahl als in ein Billigland auszuweichen.
Ich finde es wird Zeit, dass die Konsumenten diese Wahrheit endlich zur Kenntnis nehmen.

Bernd Fischer | Fr, 6. Juli 2018 - 21:00

Ist doch alles schon seit 30 bzw. 40 Jahren bekannt.

Es wird sich auch nichts ändern an diesen Tatsachen, weil die politischen Akteure in aller Welt ( trotz scheinheiliger Lippenbekenntnissen ) die indirekten Erfüllungsgehilfen der Industrie sind.

Na gut, dann haben wir eben einmal wieder darüber geredet.

Dimtri Gales | Fr, 6. Juli 2018 - 22:53

auf externen Druck - wie auch die Politik. Die Politik reagiert und agiert nur auf Druck. Man muss schon aktiv werden, Initiative entwickeln, um die Verhältnisse zu verändern. Und nicht einer Politikerin wie Frau Merkel ("Mutti") vertrauen.

Christian Glöckl | Sa, 7. Juli 2018 - 02:34

irgendwo müssen doch die Millonen für die Sportler und Aktionäre herkommen........

Melanie Koppke | So, 8. Juli 2018 - 19:04

Ich verstehe nicht ganz den Zweck dieses Artikels. Seit der Erfindung der kapitalistischen Produktionsweise sind weltweit Heere unter- oder gar mies bezahlter Arbeiter*innen für den Profit zwingend erforderlich. Alle Massenprodukte folgen diesem universellen Mechanismus (Telekommunication, Klamotten, selbst Obst und Gemüse, etc., etc.). Und die Karawane der globalen Produzenten zieht von einem Land zum anderen weiter, wenn sich noch ein paar Cent mehr pro Stück erwirtschaften lassen. Das ist das Erfolgskonzept tradierter kaptalistscher Produktionsmechanismen. Wer das beklagt oder nicht will, muss aufhören den Wohlstandsmüll zu kaufen, und die freie Zeit nutzen, um vielleicht einen Artikel zu schreiben, wie man von diesem System wegkommt. Nachfrage: Warum ist es gut, dass die Flüchtlinge / Migranten in Deutschland kaum qualifiziert sind? Anders gefragt: wo kommen diese Qualifikation im deutschen Arbeitsmarkt unter? In 6/2018 können angeblich bereits 25% von ihnen einen Job nachweisen.

Es geht um Marktwirtschaft. In einer Marktwirtschaft ist der Preis ein sehr wichtiges Kriterium. Auch der Preis der Arbeit (Lohn). Ohne ein günstiges (niedriges) Angebot gäbe es keine Arbeit für den Markt der "Reichen" in Honduras, Indien....auch die rasant wachsende Bevölkerung Afrikas "möchte" für uns arbeiten....das ist mit "Fluchtursachen bekämpfen" gemeint....was denn sonst...

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