Bei einer Razzia gegen sogenannte Reichsbürger sitzt ein vermummter Polizist mit Heinrich XIII. Prinz Reuß in einem Polizeifahrzeug / dpa

Vereitelter Reichsbürger-Putsch - Exklusiv für Xing-Leser: Wie das Drehbuch für einen Film der Coen-Brüder

Der aufgeregten Medienberichterstattung und den Statements von Politikern und Sicherheitsbehörden zufolge konnte ein bevorstehender Staatsstreich gerade noch verhindert werden. Bei Lichte besehen wirkt der Hype um das Umfeld zweier spinnerter Reichsbürger-Revolutionäre und ihrer Umsturzpläne allerdings reichlich grotesk.

Alexander Marguier

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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Auch auf die Gefahr hin, als „Verharmloser“ zu gelten: Ich habe mir jetzt sämtliche zur Verfügung stehende Nachrichten über den angeblich bevorstehenden Staatsstreich durchgelesen – und finde die geradezu hysterische Berichterstattung einigermaßen grotesk. In aller Deutlichkeit eines vorweg: Als Reporter bei den beiden großen Berliner Anti-Coronamaßnahmen-Demonstrationen im Sommer 2020 war ich selbst erstaunt über das Mobilisierungspotential der sogenannten Reichsbürger, denn ich hatte bis dahin angenommen, eine derartig spinnerte Glaubensgemeinschaft (deren Ideologie mir bis heute weitgehend unverständlich ist) könne deutschlandweit kaum mehr als ein paar wenige hundert Anhänger bei sich versammeln.

Auf der Straße des 17. Juni waren dann aber doch erschreckend viele, sicherlich ein paar tausend Leute mit Reichskriegsflaggen unterwegs, um gegen die bestehende Ordnung zu demonstrieren. Ich weiß noch genau, dass ich damals auf eine Flaggenträgerin zuging und sie fragte, was für ein Gesellschafts- und Regierungsmodell ihr denn als Alternative vorschwebe. Ihre Antwort war völlig wirr; wahrscheinlich war ihr selbst nicht ganz klar, was sie eigentlich wollte. Ein anderer „Reichsbürger“ hielt ein Plakat mit der Aufschrift „Putin & Trump: Give us free!“ in die Höhe. Tut mir leid, aber auf mich wirkte das alles eher komisch als gefährlich.

So kann man sich irren. Praktisch sämtlichen Medien zufolge (zumindest jene, die ich für grundsätzlich seriös halte), stand jetzt also eine Gruppe von 25 mutmaßlichen Anhängern oder Angehörigen dieser „Reichsbürger“-Sekte kurz davor, nach einem geplanten „gewaltsamen Umsturz“ in Deutschland die Macht zu übernehmen. Laut Bundesanwaltschaft sei die neue Staatsform „schon in Grundzügen ausgearbeitet“ gewesen, so die Karlsruher Behörde am Mittwochmorgen: „Den Angehörigen der Vereinigung ist bewusst, dass dieses Vorhaben nur durch den Einsatz militärischer Mittel und Gewalt gegen staatliche Repräsentanten verwirklicht werden kann.“ Hierzu zähle auch „die Begehung von Tötungsdelikten“.

„Abgrund terroristischer Bedrohung“

An dieser Stelle bin ich dann aber doch ein bisschen stutzig geworden: Haben die verhinderten Umstürzler denn konkret militärische Einsätze oder gar Morde geplant? Oder spielt sich das eher, sagen wir mal, auf der Ebene der Abstraktion ab? Es macht ja schon einen gewissen Unterschied, ob man sich gemeinsam mit irgendwelchen anderen Verstrahlten in Umsturz-Phantasien ergeht – wobei natürlich jeder konspirativ geplante Umsturz geradezu zwingend mit dem Einsatz von Gewalt einhergeht. Oder ob wirklich Gewaltakte geplant waren, worauf beispielsweise das Einrichten eines Waffenarsenals klare Hinweise gegeben hätte.

Nach aktuellem Stand der Dinge scheint letzteres aber nicht der Fall gewesen zu sein. Die offizielle Verlautbarung wiederum, einige mutmaßliche Mitglieder des „militärischen Arms“ der Gruppe hätten aktiv Dienst in der Bundeswehr geleistet oder seien legal im Besitz von Jagdwaffen gewesen, deutet zwar durchaus auf eine ernstzunehmende Gefahr hin. Aber die daraus resultierende Hyperventilation (Bundesinnenministerin Nancy Faeser sprach von einem „Abgrund terroristischer Bedrohung“) ist nahezu grotesk.

Ein bisschen arg viel Show-Effekt

Rädelsführer sind nach bisherigen Erkenntnissen also ein gewisser Prinz Heinrich VIII. Reuß, 71 Jahre alt, aus thüringischem Adel stammend und offenbar Immobilienunternehmer in Frankfurt. Sowie die Berliner Richterin und frühere AfD-Bundestagsabgeordnete Birgit Malsack-Winkemann, 58 Jahre alt. Dass zwei derartige Senioren die rechten Wiedergänger von Ulrike Meinhof und Andreas Baader sein sollen, erscheint auf den ersten (und auch auf den zweiten) Blick recht weit hergeholt – aber nichts ist unmöglich.

Dass es allerdings 3000 Polizeibeamter bedurfte inklusive SEK, um die verhinderten Umstürzler festzusetzen – und dass am frühen Mittwochmorgen Spezialkräfte vor Malsack-Winkemanns Reihenhaus im Berliner Villenviertel Wannsee anrückten, um die Eingangstür mit einer Ramme zu durchbrechen: Ist das bei Lichte besehen nicht ein bisschen arg viel Showeffekt, zumal ausgewählte Pressevertreter, die schon Tage zuvor über den Einsatz informiert wurden, das Spektakel live vor Ort begleiten durften?

Rädelsführer mit Lederknopf-Tweedsakko

Wie gesagt: Nur weil ein 71-Järiger mit Halstuch und Lederknopf-Tweedsakko von vermummten Polizeibeamten als „mutmaßlicher Rädelsführer“ mit Handschellen in Empfang genommen wird und man dieses Bild eher mit einem Finanzbetrüger wie Bernie Madoff assoziieren würde, heißt das noch lange nicht, Heinrich XIII. käme eher für eine Köpenickiade in Frage denn als Bannerträger bei einem baldigen Sturm auf den Reichstag.

Aber die ernsthafte Besorgnis, mit der in praktisch sämtlichen Medien darüber berichtet wurde, die beiden Hauptverdächtigen hätten bereits postrevolutionäre Strukturen entwickelt, denen zufolge Malsack-Winkemann für Justiz zuständig gewesen wäre (und Heinrich XIII. wahrscheinlich den Königsthron bestiegen hätte), das ist dann wirklich lächerlich. Nochmal: Ich will hier nicht als Verharmloser in Erscheinung treten, aber das gesamte Szenario scheint sich mehr als Drehbuchvorlage für einen Coen-Brüder-Film zu eignen denn als Stoff für ein Terror-Drama. 
 

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Besonders unangenehmer Beigeschmack in dieser mit Live-Schaltungen und Korrespondentenberichten von vor Ort aufgebrezelten Räuberpistole (aktuell zumindest entsteht exakt dieser Eindruck für jeden, der halbwegs bei Verstand ist und mit einer gewissen Distanz auf diese graumelierte Terrorbande schaut) sind die unvermeidlichen Hinweise auf das notorische Corona-Leugnertum der Reichsbürger.

In der Tat habe ich diese Leute bei den Großdemos in Berlin vor mehr als zwei Jahren als groteske Verschwörungstheoretiker in jeglicher Hinsicht erlebt. Aber natürlich läuft ein nicht unerheblicher Teil der aktuellen Berichterstattung auf folgendes Framing hinaus: Coronamaßnahmen-Skeptiker gleich Reichsbürger gleich Terrorist. Das mediale Spiel ist an dieser Stelle genauso unwürdig wie durchschaubar.

„Technisch überlegener Geheimbund“

Halten wir also lieber fest, was die deutschen Sicherheitsbehörden nach ihrem Präventivschlag zu vermelden hatten, mit dem die deutsche Demokratie gerade noch einmal gerettet werden konnte: Die Mitglieder seien der festen Überzeugung, „dass Deutschland derzeit von Angehörigen eines sogenannten Deep States“ regiert werde, hieß es in einer Mitteilung der Bundesanwaltschaft. Sie erwarteten, dass eine „Allianz“ sie befreie, also ein (zitiert nach dpa) „technisch überlegener Geheimbund von Regierungen, Militärs und Nachrichtendiensten verschiedener Staaten, einschließlich der Russischen Föderation sowie der Vereinigten Staaten von Amerika“.

Die Vereinigung gehe außerdem fest davon aus, deren Angriff stehe kurz bevor, und mit den alliierten Siegermächten des Zweiten Weltkriegs hätte „eine Übergangsregierung die neue staatliche Ordnung in Deutschland verhandeln“ sollen. „Zentraler Ansprechpartner für diese Verhandlungen ist aus Sicht der Vereinigung derzeit ausschließlich die Russische Föderation.“ Die russische Botschaft allerdings hat den revolutionären Reichsbüger-Oldies offenbar eine Abfuhr erteilt – so verzweifelt scheinen nicht einmal Putins Statthalter in Berlin zu sein, als dass sie sich mit einem Haufen Derangierter einlassen wollten.

Reichsbürger im Rentenalter

Mal ganz am Rande: Ich habe heute mit etlichen Kollegen aus anderen Medien gesprochen – auch solcher Medien, die bei der überschäumenden Umsturzplan-Berichterstattung ganz vorne mit dabei waren. Unisono (und natürlich nur im Vertrauen) hieß es: Uns kommt das alles auch völlig übertrieben vor, aber wenn die Konkurrenz so dramatisch reagiert, können wir die Sache nicht auf kleiner Flamme kochen. Und überhaupt könnte ein falscher Eindruck entstehen, wenn wir nicht groß miteinsteigen. 

Zwei Dinge jedenfalls haben sich heute wieder bestätigt: Die größte Gefahr für dieses Land sind Reichsbürger im Rentenalter, die ganz klar unter Wahnvorstellungen leiden. Und die Deutschen sind für Revolutionen einfach nicht geeignet. Bei Lichte besehen wären das eher gute Nachrichten.