Kopfbedeckung außer Mode - Männer, lasst die Finger vom Hut!

Die Stilfrage: Wenn es wieder kalt wird, stülpt sich der Stadtmensch Mützen, Hüte und Kappen aller Art über sein Haupt. Doch mitunter sieht das seltsam aus – insbesondere bei erwachsenen Männern

Im Museum sind Hüte besser aufgehoben als auf dem Kopf. (Ausstellung "Chapeau" im LVR-Industriemuseum in Ratingen)
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Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Zuletzt erschien von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Kopfbedeckungen sind ein heikler Punkt. Das liegt dran, dass sie, zumindest in nördlichen Breiten, mitunter unverzichtbar sind. Zugleich sind Hüte, Kappen und Mützen ein starkes modisches Signal. Jahrhundertelang zeigten sie den sozialen Status ihres Trägers an, ob er dem Adel angehörte, dem Bürgertum, ob er Handwerker war, Bauer oder Tagelöhner.

Dann kamen die bürgerlichen Revolutionen und die Industrialisierung. Der Adlige begann sich wie der Bürger zu kleiden, und der trug Zylinder. Erfunden wurde der angeblich 1797 von dem Kurzwahrenhändler John Hetherington. Aber das ist ziemlich sicher eine Legende. Denn auf einer Grafik Carle Vernets von 1796 ist ein französischer Dandy mit einem solchen Hut zu sehen.

Ursprünglich also das Accessoire etwas extrovertierter Jünglinge, avancierte der Zylinder (Top Hat, Haut-de-forme) zu dem bürgerlichen Kleidungsstück schlechthin. Entsprechend symbolisiert er alles Positive und Negative, das mit dieser Epoche in Verbindung gebracht wird: Bürgerstolz und Autoritarismus, Wohlstand und Kapitalismus.

Hochphase der Hutkultur in den 20ern


Wie populär die röhrenförmige Kopfbedeckung war, zeigt sich daran, dass auch Damen Zylinder trugen, insbesondere beim Reiten – bei der Dressur ist das ja auch heute noch so.

Ende des 19. Jahrhunderts begann der Abstieg des Zylinders. Er wurde wegbefördert zum Accessoire für besondere Anlässe, zu tragen zum Morning Coat oder Black Tie. Da zumindest in Deutschland aber Morning Dress so gut wie nie und Frack nicht einmal bei hochoffiziellen Veranstaltungen zwingend getragen wird, ist er hierzulande zum Bestandteil von Kostümen jeder Art verkommen – schade eigentlich.

Die 20er Jahre brachten dann noch einmal eine Hochphase der Hutkultur. Keine Dame, kein Herr hätte damals die Straße ohne Kopfbedeckung betreten. Die populärsten Hutformen – Homburg, Trilby, Porkpie – wurden zu Ikonen der damaligen Herrenmode. Und die Dame trug natürlich einen Cloche. Auch die berühmten Hutmacher – Brosalino etwa oder Panniza – werden in dieser Zeit zu Legenden.

Der Abstieg des Hutes begann in den 60er Jahren. Missgünstige Historiker machen John F. Kennedy persönlich für diese Entwicklung verantwortlich. Der konnte nämlich Hüte nicht ausstehen, und tatsächlich finden sich kaum Aufnahmen Kennedys mit Kopfbedeckung. Ausnahme: Der Zylinder bei seiner Inauguration. Der stand ihm aber wirklich gut.

Der Hut ist Opfer der Motorisierung


An dem Niedergang des Hutes ist Kennedy also unschuldig, der hat andere Gründe: Er ist ein Opfer der Motorisierung. In einer Tram, einem Bus und erst recht in einem Auto braucht niemand einen Hut. Im Gegenteil, er ist sogar überaus hinderlich. Für Stadtmenschen, die bestenfalls von ihrer Wohnung in ein Auto und von dort ins Büro hetzen, ist ein Hut zudem vollkommen überflüssig. Für die paar Meter, die sich der moderne Mensch unter freiem Himmel bewegt, reicht zur Not ein Regenschirm. Nur im Winter, wenn es eisig wird, benötigt er einen Kälteschutz, dann tut es aber auch das Strickmützchen.

Das Ergebnis: Seit den 60er Jahren geriet der Hut aus der Mode. Er galt als gestrig, als spießig und reaktionär. Der Sieg informeller Kleidung im Alltag, auch sie modernen Lebensgewohnheiten geschuldet, tat ein Übriges.

Seitdem werden Hüte nur noch zu besonderen Anlässen getragen, in Deutschland weniger, in England häufiger. Nicht zuletzt wegen der Monarchie, die es sich leisten kann, unpraktisch zu sein, hat in Großbritannien eine gewisse Hutkultur überlebt. Bewundern kann man das bei den über das Jahr verteilten rituellen Veranstaltungen der Upperclass: in Ascot etwa.

Doch gerade die hutpflichtigen Veranstaltungen Englands lassen mitunter die Frage aufkommen, ob der Niedergang der Hutkultur tatsächlich so ein großer Verlust ist. Man denke nur an den nachhaltigen Auftritt von TRH Princess Beatrice und Princess Eugenie of York bei der Hochzeit ihres Cousins William.

Vorbei ist vorbei


Die Entwürfe dieser Skulpturen – Fascinators genannt – stammten von Philip Treacy, der mitunter auch Lady Gaga ausstattet. Immerhin: HRH Catherine, Dutchess of Cambridge, zaubert er mitunter ganz lustige Kreationen aufs herzogliche Haupt.

Doch es hilft alles nichts: Hüte haben sich überholt. Das klingt jetzt hart, und unter den Hutmachern dieser Welt macht man sich damit keine Freunde, doch seien wir ehrlich: Mit einem Hut sieht man immer verkleidet aus. Insbesondere Männer wirken mit ihnen wie große Jungs, die Mafia spielen oder den Künstler mimen wollen.

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Ausnahme: Damenhüte, zumindest bei gegebenen Anlässen. Vorausgesetzt, siehe oben, der Hut ist auch wirklich ein Hut. Wie großartig und zugleich ungekünstelt auch ein etwas exponierteres Hutmodell wirken kann, demonstrierte Amal Clooney, geborene Alamuddin, auf ihrer Hochzeit mit George Clooney. Ihr cremefarbener, ausladender Hut zu der Hosenkombination von Stella McCartney: absolutely amazing.

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