Brewed-Coffee-Trend - Der Filterkaffee ist wieder da

Kolumne: Stilfrage. Filterkaffee? Da denken viele eher an Häkeldeckchen und Würfelzucker. Von wegen: Hippe Großstädter sagen „No“ zum Coffee „To go“ und genießen das Heißgetränk lieber wieder in seiner pursten Form

In Großstädten wird wieder „Brewed Coffee“ gereicht. Das neumodische Wort steht einfach nur für – Filterkaffee
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Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Totgesagte leben länger, heißt es. Und manchmal stimmt das ja auch. Die Vinylplatte zum Beispiel feiert seit Jahren fröhliche Urstände, und auch das Fotografieren – das richtige Fotografieren mit Film und Fotopapier – erlebt eine Renaissance.

Nur einem geht es scheinbar gnadenlos an der Kragen: dem guten alten Filterkaffee. Zu spießig, zu altbacken, zu uncool. „Filterkaffee“, schon das Wort weckt Assoziationen an Kaffeekränzchen, Blümchenservice und Häkeldeckchen, an Dosenmilch und Würfelzucker. Und natürlich an das berühmten Kännchen, das man im Freien bestellen musste.

Wer sich weltgewandt vorkommt, polyglott und auf eine diffuse Art modern, der trinkt Cappuccino, Caffè Latte oder Latte Macchiato, am besten im Pappbecher und „to go“, in einem angesagten Straßencafé oder zumindest in einer Filiale einer amerikanischen Kaffeehauskette.

„Latte“ durch den Trinkschlitz im Becherdeckel nuckeln


Das in Szenebistros und diversen Ablegern der Systemgastronomie ausgeschenkte kaffeeartige Gebräu hat mit dem, was man in Italien unter einem Cappuccino, einem Caffè Latte oder einem Latte Macchiato versteht, meist wenig zu tun. Das liegt an der Qualität des Kaffees sowie an der Art der Zubereitung. Aber egal, der durch einen Trinkschlitz im Becherdeckel genuckelte „Latte“ gehört zum Lifestyle des urbanen Wohlstandsproletariats wie das Sabbern an der Wasserflasche.

Das liegt unter anderem daran, dass dem modernen Zeitgeistopfer alles als hip gilt, was dynamisch aussieht, aktiv und spontan und die Aura von Internationalität hat. Auf keinen Fall möchte man starr, unbeweglich oder gar provinziell wirken, sondern mobil, geschäftig, stets das Smartphone am Ohr und den Pappbecher in der Hand.

Vor allem aber bedient die Latte-Welle das Bedürfnis nach geschmacklicher Schlichtheit und möglichst einfacher Zubereitung. Dafür hat die Industrie gesorgt. Denn eigentlich ist ein Cappuccino oder Latte Macchiato alles andere als leicht zuzubereiten – erst recht daheim in der eigenen Einbauküche.

Bereits in den 70er Jahren experimentierten Ingenieure von Nestlé mit Kapselkaffee. Dennoch ließ man die Idee damals wieder fallen. Niemals, so war man sich damals sicher, könne man mit so einem Unfug Geld verdienen. So kann man sich täuschen.

Kapselkaffee: Populär, teuer, blödsinnig


Denn der Blödsinn von vor zwanzig Jahren kann heute schon der totale Hype sein. Alles begann, als in den 90er Jahren Nestlé seine Espressokapseln samt Maschine lancierte. Der Durchbruch gelang dann 2001 Philipps/Douwe Egberts mit ihrem Kaffeepadsystem – insbesondere, seit mit den Pads auch eine Art Cappuccino hergestellt werden konnte.

Und dann gab es kein Halten mehr: Nestlé rüstete sein Kapselsystem so um, dass man mit ihm alle möglichen Sorten Kaffee herstellen konnte. Andere Anbieter zogen nach. Der Erfolg: Nach Zahlen des Deutschen Kaffeeverbandes steigerte sich dem Verkauf von Kaspelkaffee von 800 Tonnen im Jahr 2005 auf 12.700 Tonnen 2013, der von Kaffeepads von 6.650 auf 32.200 Tonnen. Das sind zwar in der Summe nur 11,75 Prozent des deutschen Gesamtverbrauches (382.100 Tonnen), doch die Zuwachsraten sind sensationell.

Was eigentlich verwunderlich ist. Denn das Zeug, das aus den Wundermaschinchen läuft, hat mit Kaffee nur am Rande zu tun, die Crema ist keine Crema, und von dem Milchschaum wollen wir besser schweigen. Teuer ist der Spaß zudem: Kostet ein Pfund Kaffeepulver im Schnitt vielleicht 6 Euro, so zahlt man für die gleiche Menge in Pads 12, als Kapseln 70 (!) Euro.

Aber das schreckt den Großstadtsingle nicht. Denn für ihn sind die Portionierungen optimal. Zudem hält er sich zwar für einen großen Genießer, aber im Kern ist er stinkfaul: mehr als einen Knopfdruck darf der Kaffeegenuss nicht erfordern. Sich selbst einen Kaffee zubereiten, der auch noch nach Kaffee schmeckt? Das ist für den durchschnittlichen Zeitgeistmitläufer dann doch etwas viel verlangt.

Man darf sich also keinen Illusionen hingeben: Die Chance, dass der Latte-Pappbecher aus dem Straßenbild verschwindet oder die Portionsmaschine aus der Designerküche, ist eher unwahrscheinlich.

Doch was die Kaffeekultur angeht, ist immerhin Rettung in Sicht: der Filterkaffee ist zurück!

Filterkaffee boomt in den USA


Begonnen hat alles vor zwei, drei Jahren in den USA. Die sind zwar nicht gerade berühmt für ihren vorzüglichen Kaffee und ihre exquisite Kaffeekultur. Andererseits hat man dort immer auch eine Schwäche für alles Einfache und Ungekünstelte. Die Craft-Beer-Bewegung hat deshalb dort ihre Wurzeln, ebenso Craft Spirits oder Craft Design.

Wie alle Gegentrends begann auch die Rückkehr des Filterkaffees als Eskapismus: in New Yorker Nobelrestaurants und edlen Bistros begann man „brewed coffee“ zu servieren – in der berühmten Chemex-Karaffe. Die wurde 1941 von dem Chemiker Peter Schlumbohm erfunden und steht als Ikone modernen Designs im Museum of Modern Art.

Allerdings ist die Chemex nicht nur schön, sondern auch unpraktisch. Insbesondere der Filter ist schwer zu bekommen und nicht ganz billig. Was lag also näher, als zur guten alten Filtertüte zu greifen?

Deren Vorteile sind unbenommen: Sie ermöglicht – bei richtiger Zubereitung – einen unvergleichbar vollmundigen, aromatischen, harmonischen und unverfälschten Kaffee. Zudem ist sie unschlagbar günstig und umweltfreundlich.

Kein Wunder also, dass der Trend zum Filterkaffee – in England und den Staaten spricht man inzwischen von „Third-Wave Coffee Shops“ – nun auch in Deutschland angekommen ist. Da aber der deutsche Szenemensch eben so ist, wie er ist, heißt der Filterkaffee hier nicht mehr Filterkaffee, sondern läuft ebenfalls unter „brewed coffee“ und wird in der „brewed bar“ gereicht. Davon gibt es in den einschlägigen Vierteln Berlins inzwischen eine kleine Hand voll.

Doch keines davon ist so radikal wie die „Penny University“ in London. James Hoffmann und Tim Williams, die Gründer dieser puristischen Kaffeebar, servieren Kaffee in seiner einfachsten, saubersten und klarsten Form: keine Milch, kein Zucker, kein Pappbecher, kein „to go“. Bravo!

Aber so streng muss man ja gar nicht sein. Es reicht schon, wieder zur guten alten Filtertüte zu greifen. Denn Kaffee ist kein Gesöff für überdrehte Großstadtneurotiker. Kaffee ist eine Delikatesse. Und man sollte ihn genießen und dabei entspannen.

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