Wahl zur Kulturhauptstadt - Drei für Europa

Der Weg zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 ist lang. Die drei Bewerbungsverantwortlichen erklären im Interview Motive, Wegmarken und Ziele

Ferenc Csák, Kai Grebasch und ­Michael Schindhelm im Portraet
Konkurrenten und Partner: Ferenc Csák, Kai Grebasch und Michael Schindhelm (v.l.n.r.) / Stephan Floss

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Im Jahr 2025 wird Deutschland – neben Slowenien – ein weiteres Mal eine Kulturhauptstadt Europas stellen. Mit Chemnitz, Dresden und Zittau haben sich gleich drei sächsische Städte um den Titel beworben. Bis im Herbst 2020 die Kultusministerkonferenz zusammen mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien den eigentlichen Sieger küren wird, gibt es in den drei Städten noch viel Arbeit. Im Gespräch erklären die Bewerbungsverantwortlichen Ferenc Csák (Chemnitz), Kai Grebasch (Zittau) und ­Michael Schindhelm (Dresden) den jeweiligen Fahrplan zum ersehnten Ziel.

EINBLICKE: Seit dem Jahr 1985 ernennt die Europäische Union jährlich eine neue „Europäische Kulturhauptstadt“. Dieser Titel scheint unverändert ­attraktiv zu sein. Was hat Ihre Stadt ­jeweils zur Bewerbung für das Jahr 2025 inspiriert?
KAI GREBASCH: Wir haben in der gesamten Neißeregion einschließlich unserer polnischen Nachbarn sehr viel Kraft aus der ­letztlich nicht erfolgreichen Görlitzer Bewerbung 2010 gezogen. Die Idee, eine solche Bewerbung nochmals an­zustreben, kam vom Görlitzer Landrat Bernd Lange. Eine Stadt, nicht noch einmal Görlitz, sollte für die Region ­vorangehen. So hat der Landrat unseren kulturell sehr engagierten Oberbürgermeister Thomas Zenker gefragt, ob er sich das vorstellen könne.

FERENC CSÁK: Als ich im Sommer 2015 als Leiter des Kulturbetriebes nach Chemnitz kam, hatten mehrere Kultureinrichtungen und die Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig Gespräche über eine Kulturhauptstadtbewerbung längst angestoßen. Wegen meiner Erfahrun­-gen mit Pécs 2010 wurde ich dann um meine Meinung gefragt. Ich denke, jede Stadt sollte sich gut überlegen, welche Ziele sie sich mit solchen Bewerbungen setzt. Die Kulturhauptstadtbewerbung von Chemnitz entwickelt sich zum Katalysator für Stadtentwicklungsprozesse der nächsten zwei Jahrzehnte. Unsere Arbeit ist inspirierend und nachhaltig.

MICHAEL SCHINDHELM: Als ich das Mandat als Kurator für Dresden übernahm, haben mich viele in Unkenntnis gefragt, wieso Dresden nicht ohnehin Kulturhauptstadt sei. Es gibt historisch ­ge­wachsene Städte, die diesen Rang ­haben, und wahrscheinlich würde man Dresden hier auch einordnen wollen. Deshalb meinen viele wiederum, Dresden hätte geringe Chancen, weil die Stadt in den Augen der Jury schon alles habe. Und so hätte man es in Dresden womöglich auch gesehen, wenn sich ­gesellschaftliche Konflikte nicht gerade hier zugespitzt hätten, Stichwort ­Pe­gida. Hinzu kommt der Imageschaden durch den Verlust des Welterbetitels nach dem Bau der umstrittenen Waldschlösschenbrücke. Deshalb hat sich der Stadtrat relativ früh für eine Bewerbung 2025 entschieden.

In diesem Kontext würde ich gern eine steile These vortragen, der Sie widersprechen dürfen: Haben nicht alle drei Städte ein Trauma zu kompensieren und erhoffen Heilung durch den Kulturhauptstadt-Prozess?
CSÁK: Chemnitz galt und gilt als die Stadt der Brüche, gesellschaftlich und industriell. Die vergangenen 28 Jahre seit der Wende erlauben aber eine ­komplett neue Perspektive für die Stadt.

SCHINDHELM: Das Ruhrgebiet ist auch – eine Region, die der Heilung bedurfte. Es gab – etwa bei Essen 2010 oder bei Weimar 1999 – ein Narrativ, nach dem Kultur eine mögliche Form der Neuentwicklung von Städten im postindus­triellen Zeitalter sein könne. Kultur sei demnach die neue Energieressource ­der Städte. Wir sind aber jetzt in einer anderen Phase. In den vergangenen 25, 30 Jahren haben viele Städte von Glasgow bis Herrmannstadt den Kulturhauptstadttitel benutzt, um ihre Hardware upzugraden und um in ihre kulturelle Infrastruktur zu investieren. Heute prägt Zerrissenheit den Kontinent, die Spaltung in ein Lager, das Zukunft in einer offenen Gesellschaft will, und in ein anderes, das in die Vergangenheit schaut und Abgrenzung fordert. Auch hier im Osten stehen wir in dieser Entwicklung.

Es geht also um Investitionen in Menschen, in die Gesellschaft. Wie halten wir eine Gesellschaft zusammen, die zunehmend auf Grenzen setzt?
GREBASCH: Die Oberlausitz bietet ein ­gutes Beispiel für viele ländliche Räume in Europa. Aus der Perspektive der ­großen Städte sind wir an den Rand gerückt. Die Leute nehmen das auch so wahr: Niedergang, Abwanderung, demografischer Wandel, ein politischer Rechtsruck. Das ist ein Problem für die Dynamik in einer solchen Region. Wir müssen Identität schaffen, das Gefühl geben, dass man nicht zu den Verlierern gehört; auch, dass Nachbarschaft nicht nur wirtschaftliche Konkurrenz zu ­Polen oder Tschechien bedeutet. Insofern ergibt die Kulturhauptstadt­bewerbung allein schon dadurch einen Sinn, dass wir als Region gemeinsam ein Thema angehen.

CSÁK: Der Wirtschaftsregion Sachsen-Chemnitz-Zwickau ging es immer gut, wenn sie in der Familie Europa zu Hause war. Das gilt auch für Zuwanderung. Ich beobachte wie Herr Schindhelm auch verschiedene Phasen der ­Kulturhauptstadtbewerbungen. Aber eigentlich hat es das Programm Kulturhauptstadt Europas in 40 Jahren immer wieder geschafft, Kulturpolitik als
Gesellschaftspolitik zu verstehen.

Stadtkultur versteht sich also als Labor für die großen kulturellen Fragen?
CSÁK: Die Zeiten sind vorbei, in denen man von der Bundes- oder der Landesebene maßgebliche Ziele und Strategien erwarten sollte. In der Kommune, in der Region sollten Zukunftsperspektiven aufgezeigt werden.

Darin scheinen Sie übereinzustimmen, aber daraus erwächst auch eine ­innersächsische Konkurrenzsituation. Stehen Chemnitz, Dresden und Zittau mit der Bewerbung also gegeneinander?
GREBASCH: Ich sehe keine echte Konkurrenz und würde treffender von einem Wettbewerb sprechen. Die Programme, mit denen wir ins Rennen gehen, sind sehr unterschiedlich und regionalbe­zogen, und wir verschaffen uns keinen Vorteil, indem wir andere schlecht machen.

CSÁK: Wichtig ist, aus Görlitz 2010 die Lehre zu ziehen, dass die Lichter nicht einfach ausgehen, sollte man den Titel nicht bekommen. Auch die Jury verlangt einen Plan B für den Fall der Nichtnominierung, erwartet, dass die Landesregierungen die Bewerbungs­leistungen finanziell anerkennen. Dafür sollten wir gemeinsam gegenüber der Landes- und Bundesregierung eintreten.

„Es hat sich auf jeden Fall gelohnt“, haben Sie, Kai Grebasch, damals gesagt, als Görlitz Essen den Vortritt lassen musste.
GREBASCH: Wir haben leider die Kulturhauptstadtidee nicht über Görlitz hi­naustragen können; wir waren zu klein und auf uns bezogen. Das wollen wir mit dem Schritt in die Region jetzt ­anders machen. Bei uns kann man ­europäische Musterlösungen studieren: ­das alltägliche Leben mit den östlichen Nachbarn, das Leben in einer geteilten Stadt wie Görlitz, das Leben mit Minderheiten wie den Sorben.

Dresden bildet die natürliche Dominante. Herr Schindhelm, wie sehen Sie Ihre Mitbewerber?
SCHINDHELM: Ich sehe schon einen sport­lichen Wettbewerb. Brüssel möchte von den Bewerbern nachhaltige Konzepte sehen, doch werden die Jury­mitglieder zu diesem Zeitpunkt der ­Bewerbung nicht in den einzelnen Städten vorbeikommen. Das ist ein Problem, und ­so kommen Fehlentscheidungen wie die italienische Stadt Matera zustande, die im kommenden Jahr den Titel tragen wird und die die meisten Pläne nicht umgesetzt hat. Außerdem wissen wir nicht einmal, ob es die ­EU 2025 noch gibt – eine bizarre Situation. Deshalb halte ich den Plan B fast noch für ­wichtiger. Es geht um das, was wir ohnehin tun müssen. Die Bewerbung ist nur ein Instrument, diese Hausaufgaben an­zugehen. Dabei sollten wir ­die gemeinsamen Schnittmengen betonen.

CSÁK: Einspruch! Ich beobachte schon eine größere Sorgfalt der Jury bei der Titelvergabe. Man möchte für die Stadtgesellschaft relevante Projekte sehen.

Ungeachtet der Titelvergabe – kann der Bewerbungsprozess schon zu dieser ­notwendigen Verständigung auf unsere kulturellen Grund­lagen beitragen? Von einem neuen Kulturbegriff sprechen auch kleine Zentren der kulturellen Basis, die im Zuge der Kulturhauptstadtbewerbung verstärkt ans Licht drängen.
SCHINDHELM: Die Zukunft wird durch Technologie und Migration zu radika­leren Veränderungen unserer Städte führen. Wir müssen mit der nächsten Generation gemeinsam darüber nachdenken, wie wir das Nichtwestliche, Nichtchristliche, möglicherweise auch Nichtdemokratische einbeziehen und damit umgehen.

CSÁK: Europa hat ein Jahrzehnt verschlafen, in dem antidemokratische Kräfte die neue geopolitische Lage dominieren, finanziert von Ländern außerhalb Europas, aber auch nach Europa hineinwirkend. Es wird Aufgabe der Kommunen sein, die ja größtenteils Träger der kulturellen Infrastruktur sind, dem etwas entgegenzusetzen. Und natürlich hat eine Kulturhauptstadtbewerbung immer einen Horizont von zwei Jahrzehnten, und der Erfolg zeigt sich oft erst nach den Jahren, in denen die Veranstaltungen stattgefunden haben.

GREBASCH: Ich will nicht von der ­Oberlausitz auf die große Weltpolitik schließen oder glauben, dass wir auf sie Einfluss nehmen können. Ich bemerke aber, dass offene Grenzen einigen Angst machen, obschon sie uns eigentlich helfen. Die jüngsten Kommunalwahlen in Polen und Tschechien nähren wiederum Hoffnung, dass Nationalisten nicht die Oberhand gewinnen. Erfreulicherweise verschiebt sich eine Wahr­nehmung. Nicht das 130 Kilometer entfernte Dresden gilt als die nächste Großstadt, sondern das früher schon einmal vertrautere Liberec.

Das Marseille-erfahrene Jurymitglied Ulrich Fuchs hat gesagt, die Rolle ­der Kultur werde bei der Lösung ­der dringenden Zeitfragen überschätzt.
SCHINDHELM: Das halte ich bei aller ­Wertschätzung für Quatsch. Kultur ist wichtiger geworden, das kann man überall beobachten. Sie stiftet gerade dort Identität, Zusammenhalt und Kommunikation mit dem Fremden, wo die Politik versagt. Bei uns wird sie auch als ein ­Instrument der Partizipation und ­des Widerspruchs in der Demokratie gebraucht.

Stichwort Partizipation. In Dresden haben sich von Anfang an freie Künstler, Initiativen und die Soziokultur ­gemeldet und gesagt: Nicht ohne uns! Gibt es in Zittau oder Chemnitz überhaupt eine vergleichbare Spannung zwischen sogenannter Hoch- und Basiskultur?
CSÁK: Wir sind bei einem breiten Kulturbegriff angelangt, der die Kleingärten ebenso einbezieht wie unsere großen städtischen Kunstsammlungen. Das hilft auch der Freien Szene, und Chemnitz ist da beispielhaft mit einem Anteil von fünf Prozent der Kulturausgaben. Nicht die Intendanten und Leiter der großen Kultureinrichtungen haben sich ein Programm für die Bewerbung überlegt, sondern alle haben dazu einen offenen Zugang.

GREBASCH: Den Titel bekäme auch bei uns nicht das Gerhart-Hauptmann-Theater, sondern das Kulturleben einer ganzen Region. Wir brauchen die Menschen dafür. Einige können leider nur zum geringen Teil etwas mit diesem Titel anfangen und reden dann prompt zuerst von dem, was sie für Hochkultur halten. Da müssen wir aufklären und ein Bewusstsein für die Chancen schaffen.

CSÁK: Eine Kulturhauptstadtbewerbung bietet auch der Verwaltung eine riesige Spielwiese, neue Förderinstrumente zu erfinden. Bei uns sind es die mit bis zu 2500 Euro unterstützten „Mikro­projekte“ des kulturellen Zusammenlebens. Die Stadtverwaltung insgesamt ist zur Reflexion über ihre Umgangsformen aufgerufen. Die Bewerbung ist eine Querschnittsaufgabe. Die Bewerbungskriterien tun in dieser Hinsicht auch weh und verlangen eine Auseinander­setzung mit der eigenen Situation. Dazu gehören bei uns auch die Spuren der Vergangenheit von Industrie und Arbeit.

Wie schätzen Sie die Resonanz in der Einwohnerschaft ein? In Dresden ­begann es mit einer Postkartenaktion, in die sogar der Fußballklub Dynamo Dresden einbezogen war.
CSÁK: Ich kenne keine Kulturhauptstadtbewerbung, bei der sich bereits am ­Anfang des Prozesses spontan 100 000 Leute versammelt hätten. Das ist zunächst eigentlich immer eine Sache der Avantgarde. Auch mit Kampagnen und Basisarbeit wird man erfahrungsgemäß etwa die Hälfte der Einwohner nicht erreichen. Bei manchen fällt erst nach dem Titeljahr der sprichwörtliche ­Groschen. Aber immerhin hat eine ­Umfrage in Chemnitz kürzlich gezeigt, dass Dreiviertel der Einwohner wissen, dass wir uns bewerben.

GREBASCH: Der Weg ist das Ziel. Und da wollen wir möglichst viele mitnehmen. Immerhin gibt es bei uns als einziger Stadt im Mai 2019 einen Bürgerentscheid darüber, ob wir uns im Herbst wirklich bewerben wollen.

CSÁK: Das ist mutig! Aber man braucht auch eine greifbare Mehrheit.

Wie fühlen Sie sich mit Ihren kleinen Stäben? Nur als Provisorium angesichts der Erfolgsaussichten?
GREBASCH: Für die gegenwärtige Phase sind in Zittau erst einmal drei Stellen in einer städtischen Gesellschaft geschaffen worden. Der Vorteil des Bürgerentscheids überwiegt das Risiko. Wir werden ohne Frage über das nicht allzu ­ausgeprägte „kulturelle Grundrauschen“ hinaus Menschen mobilisieren. Solche Impulse für gemeinsame Ziele brauchen Zittau und die Oberlausitz sowieso, und falls es nicht für den Titel reichen sollte, werden wir das Angestoßene weiter­führen.

CSÁK: Solch eine Bewerbung muss in jedem Fall gelebt werden, ins Blut gehen, damit muss man aufstehen und zu Bett gehen. Denn ich teile die Meinung von vielen Experten nicht, dass wegen des Ost-West-Prozesses nach Essen nun wieder eine ostdeutsche Stadt den Titel erhalten müsste. Man hat in der Bewerbungsphase die Chance, einen Traum zu leben, und das mit wunderbaren Leuten. Aber das ist auch ein Weg, den wir mit der Taschenlampe gehen. Wir wissen heute nicht, wo wir in zwei Jahren herauskommen werden.

Cover EinblickeDies ist ein Artikel aus dem Sachsen-Sonderheft „Einblicke“ von Cicero und Monopol.















 

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