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Netflix gefährdet die Demokratie - „Die Digital Natives sind zutiefst narzisstisch“

Der Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner glaubt, dass uns Streaming-Dienste wie Netflix zu passiven Konsumenten machen und am Ende sogar demokratiegefährdend sein können. Im Interview erklärt er, warum uns die Digitalisierung mehr und mehr entmündigt.

Autoreninfo

Björn Eenboom ist Filmkritiker, Journalist und Autor und lebt im Rhein-Main-Gebiet.

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Marcus S. Kleiner ist Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der SRH Berlin University of Applied Sciences und dort Vizepräsident für Kreativität und Interaktion sowie Studiengangleiter des Master-Studiengangs Medien und Kommunikation. Sein aktuelles Buch trägt den Titel „Streamland. Warum Netflix, Amazon Prime und Co unsere Demokratie bedrohen".

Herr Kleiner, Sie setzen sich als Medienwissenschaftler in ihrem aktuellen Buch kritisch auseinander mit modernen Sehgewohnheiten und deren Inhalten. Die französische Schriftstellerin Françoise Sagan sagte über das Fernsehen des letzten Jahrhunderts: „Das Fernsehen hat aus dem Kreis der Familie einen Halbkreis gemacht.“ Hat dieser Satz noch Bestand?

Die Gültigkeit dieser Betrachtung ist mittlerweile verfallen, da sich die Sehgewohnheiten innerhalb der Familie radikal verändert haben. Fernsehrituale, wie etwa die große Familienshow am Samstagabend um Viertel nach acht gehören der Vergangenheit an. Bewegtbilder werden heutzutage zumeist singulär gesehen. Viele Kinder besitzen bereits ein Tablet und schauen dort hinein. Zudem ist Mobilität ein wichtiges Thema. Denn Inhalte müssen sich meinem persönlichen Bewegungsrhythmus anpassen. Wenn ich im Zug sitze und mir etwas anschauen möchte, muss das möglich sein. Entweder schaut man sich das Programm der Öffentlich-Rechtlichen über einen ruckeligen Livestream an, oder es werden bei Filmen und Serien die Streaming-Dienste wie beispielsweise Netflix, Amazon Prime Video, Apple TV in Anspruch genommen. Im Gegensatz zum klassischen Fernsehen, das mir vorschreibt, was ich wann zu sehen habe, kann ich bei Streaming-Diensten überall das sehen, was ich vermeintlich will, wann ich will. Das Fernsehen mit seinen Bewegtinhalten ist nicht mehr das Fenster zur Welt, sondern ist in die Welt hinausgetreten.

Ihre Hauptthese lautet, dass Streaming-Dienste das Potenzial haben, die Demokratie zu gefährden. Wie meinen Sie das?

Streaming-Dienste tragen wesentlich zur Selbstentmündigung und zur Selbstausbeutung bei. Ein mündiger Bürger, der die Demokratie stützt und weiterentwickelt, lässt sich nicht von äußeren Einflüssen lenken und gründet sein Weltbild auf der Basis von Informationen und Handlungen, die er selbst frei bestimmt hat. Die Idee der Streaming-Dienste ist hingegen, dem Nutzer die Entscheidungen abzunehmen, was sie sehen wollen. Das geschieht durch einen hochkomplexen Algorithmus, der das Nutzungsverhalten eines jeden Einzelnen komplett überwacht und analysiert, um daraus zu interpretieren, was ich sehen will, bevor ich es eigentlich weiß. Paradoxerweise zahle ich für diese Dienste doppelt. Zum einen durch das Abonnement und zum anderen kostenlos mit meinen Daten. Und Daten sind das Öl der Gegenwart. 

Wieso?

Marcus S. Kleiner
Marcus S. Kleiner / Westwind Medien

Unterhaltung ist ein ernstes Geschäft. Die Kreativindustrie ist die viertstärkste Wirtschaftsmacht in unserer Gesellschaft. Daten sind deshalb das wichtigste Äquivalent zum Geld, weil ich mit meinen Daten Einblicke gebe in all das, was mich als Menschen auszeichnet: meine Psyche mit all meinen Bedürfnissen und Wünschen. Streaming-Dienste wie Netflix bieten mir dann vermeintlich das an, was zu mir passt und filtert auf diese Weise meinen Blick auf die Welt. Und da ich nur das sehe, was mich interessiert, denke ich gar nicht mehr darüber nach, ob das, was mir angeboten wird, tatsächlich auch das ist, was mir interessant erscheint. Das Empfehlungsmanagement von Netflix füttert nur die Perspektive, die sie von mir kennt und intensiviert sie. Im Endeffekt führt das zu einer kompletten Entscheidungsabgabe, die zu einer Entmündigung führt. 

Aber wie werden nun aus Serienliebhabern Feinde der Demokratie?

Mich interessieren bei Netflix die Widersprüche. Denn sie verstehen sich durchaus als ein diskursorientiertes Medium mit einem politik- und gesellschaftskritischen Programm, aus dessen Serien sie meinungsstarke Bürger hervorbringen wollen. Doch was bleibt von einer Serie wie „House of Cards“ übrig? Die Politiklandschaft ist korrupt, machtversessen und geht sogar über Leichen. Es wird ein negatives Politikbild vermittelt, das im Endeffekt nur Stereotype zeigt. Netflix gibt also nach außen vor, wir interessieren uns persönlich für unsere Abonnenten, stattdessen schicken sie die Leute in einen unreflektierten Taumel. Das ändert sich auch nicht, wenn die Inhalte sich ändern, solange das System der algorithmischen Auswertung bestehen bleibt. Insofern trägt diese Dialektik von Inhalt und System zu einer Schwächung der Demokratie bei. 

Wenn Streaming-Dienste nun so demokratiefeindlich sind, müsste Ihrer Meinung nach die Politik hier nicht einschreiten, um zu regulieren?

Ich bin ein Zensurgegner, da Regulierung letztendlich Verbot bedeutet und somit den Diskurs verunmöglicht. Die Datenauswertung der Streaming-Dienste fußt auf der Grundlage des Rechtsstaates, und mit unserer Einwilligung in die allgemeinen Geschäftsbedingungen erlauben wir es ihnen. Ich finde es wichtig, einen Diskurs anzustoßen, damit die Politik gemeinsam mit dem Verbraucherschutz und den Abonnenten in den Dialog treten mit den Streaming-Anbietern, um für mehr Transparenz in das Datengeschehen zu werben. Denn nur Transparenz schafft eine fundierte Basis, um Entscheidungen zu treffen. 

Denken Sie, der mündige Bürger kann nicht mehr zwischen Bildung und Unterhaltung unterscheiden? Wir haben schließlich die Freiheit, umzuschalten von Netflix zu den Öffentlich-Rechtlichen.

Wir haben immer die Wahl umzuschalten, noch nie war die Vielfalt größer. Aber es ist kein Umschalten mehr zwischen besser und schlechter, wenn es um das Unterhaltungsangebot geht. Die Öffentlich-Rechtlichen senden mittlerweile genauso viel Trash wie die Privaten. Es ist zu einfach gedacht, zu sagen, die Öffentlich-Rechtlichen sind die Guten, die Privatsender sind die Bösen, und der Teufel sitzt bei Netflix. Es ist vielmehr eine Melange, die kein Außen mehr kennt. Die Schwierigkeit besteht darin, aus diesem Strom von Gleichheit und Gleichförmigkeit auszubrechen, um Bildung zu erfahren und nicht nur dazusitzen, und zu schauen, was mir vorgesetzt wird. Adorno bringt es auf den Punkt: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der Anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ Das ist eine Haltung, die ich auf die heutigen Verhältnisse transformiert, immer noch sehr klug finde. 

Besonders anfällig für diese Unterhaltungsfilterblasen seien die sogenannten „Digital Natives“. Warum?

Die Generation der „Digital Natives“ ist eine schizophrene Generation. Einerseits ist sie hochsensibel, was die Themen des Zeitgeistes anbelangt wie Sexismus, Rassismus und den Klimaschutz, andererseits ist sie durch das Aufwachsen in den digitalen Medienkulturen zutiefst narzisstisch. Es handelt sich hierbei um eine sogenannte „Like“-Ökonomie, die ständig nach Bestätigung giert. Seien es die Herzchen von „Instagram“ und „Twitter“ oder die Daumen von „Facebook“. „Digital Natives“ haben eine On-Demand-Haltung, die ein Ergebnis in Windeseile erzielen wollen. Sei es, um eine Bar in einer fremden Stadt zu finden, oder was sie als Nächstes lesen wollen. Die Antworten auf diese Fragen finden sie vorsortiert in Empfehlungslisten. Man will keine dicken Theorieschinken mehr lesen und lange über die Themen der Welt zu diskutieren. Komplexität und Ambivalenz ist ihnen fremd.

Ist diese digitale Anfälligkeit für Manipulation eine mögliche Erklärung für den Aufstieg eines schillernden Unternehmers wie Donald Trump zum US-Präsidenten?

Amerika hat seit dem 20. Jahrhundert schon immer diese Verbindung von Unterhaltung und Politik gehabt. Man denke an den mittelmäßigen Schauspieler Ronald Reagan, der vor den Karren der Republikaner gespannt wurde. Trump ist ein Unterhaltungsprofi, der mit seiner Twitter-Politik genau verstanden hat, wie man Leute in einen Erregungszustand bringen kann. Es geht ihm dabei nur um Emotionen. Dem Anspruch auf Rationalität stellt er sich gar nicht. Diese Verhältnisse werden wir in Deutschland in den nächsten Jahren noch nicht abbilden – zum Glück, man stelle sich einmal einen Bundeskanzler wie Heiner Lauterbach oder Til Schweiger vor. Mit der AfD haben wir jedoch bereits eine Partei der negativen Emotionalität. Statt mit Inhalten und Programmen, ist die AfD vor allem gut darin, den Leuten Angst zu machen, um Hassgemeinschaften zu bilden. Wie gut diese unterhaltungsbasierte Politik funktioniert, sieht man an Figuren wie Björn Höcke und Andreas Kalbitz, die im Wesentlichen für diese Erregungsspiralen stehen. Das funktioniert auch digital sehr gut, wenn man sich die Verbindungen der AfD zu Identitären wie Martin Sellner anschaut. 

Neil Postman konstatierte in den 1980er Jahren, dass wir uns zu Tode amüsieren. Sind wir auf dem besten Weg, ins digitale Delirium abzugleiten und zu Unterhaltungs-Untoten zu werden?

Wir haben immer noch die Wahl, zu entscheiden. Wir haben die Wahl, in einen Dialog zu treten, mit uns selbst und der Welt. Wir müssen den Strom der Fremdbestimmtheit unterbrechen, ansonsten unterwerfen wir uns den Vermittlern der Digitalwirtschaft und des Überwachungskapitalismus. Wir müssen darauf hinaus, Differenzerfahrungen zuzulassen und Widersprüche herauszustellen. Nur so können wir den medialen Strom unterbrechen, das kann unangenehm sein, aber wir können das System von außen nicht neu gestalten.

Streamland

 

 

 

 

Marcus S. Kleiner: Streamland. Wie Netflix, Amazon Prime und Co unsere Demokratie gefährden. Verlag Droemer und Knaur. 304 Seiten. 20,- Euro.

Yvonne Stange | So, 1. November 2020 - 19:24

- Politik ist niemals nicht korrupt und machtversessen und geht auch so gar nicht über Leichen.
- Streamingdienste sind alle sowas von böse und verblöden die Zuschauer.
- Die ÖR bringen zwar hin und wieder auch Trash aber sind dem allemal vorzuziehen.
- Die AfD ist megaböse, will den Menschen nur Angst machen und der Martin Sellner ist die Reinkarnation des Teufels.
Und das in einem oberlehrerhaften Tonfall von jemandem, der die allumfassende Wahrheit mit Löffeln gefressen zu haben scheint.
Oh man. Dieser Mann unterschätzt Menschen, die sich selbst um das kümmern, was sie konsumieren wollen. Ich brauche weder ihn noch sein Buch. Und ich mag Bücher sehr.

Käme die AfD in die Regierungsverantwortung, würde das das Ende des Öffentlichen Rundfunks bedeuten.
Stattdessen würde man uns wohl eine Art bundesweites AfD-TV fortsetzen, nach der Art, wie man es jetzt schon im Internet bewundern kann. Mit Meuthen, Weidel, Lengsfeld und Ibsen und den ganzen anderen Polit-Popstars als Nachrichtenverkündern.
Nachrichten, wohlgemerkt, die bei Sitzungen der Partei enstanden wären.

So wie man während eines Parteitags "herausfand", dass der von Menschen gemachte Klimawandel nicht exisitert - der Wissenschaft zum Trotz.

Wer zuviel des Guten irgendwann nicht mehr vertragen könnte, der dürfte sich im Bezahlfernsehen mit irgendwelchen Flachprogrammen, russische Heldenepen eingeschlossen, zudröhnen.

Mangels Vergleichsmöglichkeiten würden Anfällige früher oder später AfD-Verlautbarungen wohl durchaus für bare Münze halten. So wie das ja schon heute vereinzelt passiert.

Der AfD-Rundfunkauftrag wäre also erfolgreich umgesetzt.

Köstlich Ihre Ironie, Frau Stamme: Ein Jeder mit gesundem Menschenverstand stimmt Ihnen zu !
Das hohe Gut, in Freiheit zu wählen, zwischen Agitation, Information und Unterhaltung sei jedem aufgeklärten Menschen gegönnt. - Die Maschinerie des Vertuschens, der Verharmlosung und der Frechheiten: Man denke an einen gestrigen Beitrag aus "Bericht aus Berlin" in dessen Verlauf Frau Hassel in unverhohlener, unverschämter Weise versucht hat, Friedrich Merz zu diskreditieren, nimmt weiterhin seinen verheerenden Lauf. - Diese obstinaten Frechheiten häufen sich im ÖR und sind eine perfide Form der besonders billigen Agitation; eigentlich müsste der Michel langsam reif sein, diese primitive Art der Beeinflussung zu durchschauen.

Karl-Heinz Weiß | So, 1. November 2020 - 19:28

Als Leser mit 2-Programm-Sozialisation kann ich über die angebliche Unmündigkeit der Digital-Generation nur den Kopf schütteln. Viele Netflix-Nutzer wählen für ihre politische Meinungsbildung sehr wohl die Tagesschau oder überregionale Printmedien und können auch umweltpolitische Irrlichter wie Frau Neubauer von abwägenden Politikern sehr wohl unterscheiden. Wenn aber eine Bundeskanzlerin seit 2005 Ihren Ankündigungen keine Taten folgen lässt und Frau Thunberg für den Tritt gegen ihr Schienbein lobt, darf man sich über den Narzissmus vieler Jugendlicher nicht wundern. Manche nennen es auch Demokratiezweifel.

Manfred Bühring | So, 1. November 2020 - 19:52

"Die Antworten auf diese Fragen finden sie (die Digital Natives) vorsortiert in Empfehlungslisten. Man will keine dicken Theorieschinken mehr lesen und lange über die Themen der Welt zu diskutieren. Komplexität und Ambivalenz ist ihnen fremd." Daraus speisen nicht nur populistische Parteien und popularsierende Medien, die dieses noch zusätzlich bedienen, sondern auch die ganze Klimarettungshysterie mit einer Weltuntergangskatastrophe nach der anderen und Bewegungen wie FfF. Die Komplexität der ökonomischen und ökologischen Zusammenhänge passt eben nicht in das 1/0-Denken der Digital Natives. Da heisst es dann schnell: macht kaputt, was euch kaputt macht.

Bernd Muhlack | So, 1. November 2020 - 19:52

Ich besaß einen ollen Röhren-TV (ebay, 2,50 €; Selbstabholung); er hatte jahrelang treu und
gewissenhaft seine Dienste getan.
Im Herbst 2018 gab er irreversibel den Geist auf.
Ein neuer TV?
Wozu?
Ich erledige (fast) alles online, auch TV.
Game of Thrones, House of Cards, Zores in Gedöns?
Brauche ich alles nicht!
netflix, amazon, zalando etc?
Auch das brauche ich nicht!
facebook, twitter, instagram etc?
dito!
Bin ich ein Eremit, Asket, gar militanter Veganer?
NEIN!

Ist all das eine Gefahr für die Demokratie?
Nun ja, wenn man TV, Gaming, i-phone etc. im Dauerbetrieb hat kann man schon zu einem Avatar mutieren, oder?

Ja, Daten sind eine Macht!
Ich suchte kürzlich nach Schuhen, Jacken, grübelte einige Zeit - okay, kaufen!
Seither zack auf jeder Site die passende Werbung!
Yeah: Big Brother is watching you!

"Wir müssen den Strom der Fremdbestimmtheit unterbrechen..."
Aha, soso.
Und wieder dieses ominöse WIR!

Mein WIR suche ICH mir selbst aus!

Eines noch: was hat die AfD damit zu tun?

Die personalisierte Werbung ist wirklich eine interessante Sache. Ich lerne dabei ein wenig über mich selbst, wobei das dann doch ein wenig wie ein Zerspiegel ist. Das mit der Gefahr für die Demokratie halte ich auch für Unsinn. Letztlich lernen wir alle mit den neuen Medien umzugehen und dann gleicht die neue Technik wieder der alten Technik. Das Fernsehen und das Radio waren zu Zeiten von Göbbels ganz gefährlich, was heute keiner mehr sagen würde. So wird das auch mit Netflix, Twitter, Facebook, ...

Zuallererst - Danke Cicero!!!
Da ich meine Hoffnunf, Humor & andere tolle Geschenke hier im C. immer wieder finde.
Und Frau Stange wie Herr Mullack & ihr viele anderen, die ein eigenständiges Denken & Humor bewahrt haben: Danke & alles Gute - Gott beschütze euch & den "Lichtbringern" in der AFD

Bettina Jung | So, 1. November 2020 - 21:06

Wie gut, dass ich noch selber denken kann. Kein ÖRR, keine Privaten und was ich mir anschauen möchte, um mich vom Alltagswahnsinn zu erholen, entscheide ich immer noch selbst, ganz demokratisch

Marc Schulze-Niestroy | Mo, 2. November 2020 - 01:50

Netflix, ebenso wie die Mediatheken geben mir die Möglichkeit nach meinem Geschmack auswählen. Oft scrolle ich ewig rum, bis ich etwas finde. Dass ich da von Algorithmen gebrainwashed werde, kann man nun wirklich nicht sagen. Im Gegenteil empfinde ich diese Algorithmen als ebenso dumm, wie die Google Algorithmen, die mir online stets Werbung bescheren, die ich nicht gebrauchen kann. Und da ich mich nicht als Erleuchterter betrachte, sondern denke, dass der Durchschnittsmensch schlauer ist, als sich das Elfenbeinturm-Eierköpfe vorstellen mögen, halte ich Streamingdienste für genauso ungefährlich für die Demokratie, wie es Fernsehen in den 60ern war.

Romuald Veselic | Mo, 2. November 2020 - 05:50

die Oberhand. Das absolute (TV-)Glauben, ist zum vitalen Feind des Wissens geworden. Denn; man tut alles, um dass, was man glaubt, mit allen Mitteln durchsetzen, ohne Rücksicht auf Verluste. Wie viele "Enthauptungen" braucht man, um dies Wahrzunehmen?
Zitate:
1) Streaming-Dienste tragen wesentlich zur Selbstentmündigung und zur Selbstausbeutung bei. Ein mündiger Bürger, der die Demokratie stützt und weiterentwickelt, lässt sich nicht von äußeren Einflüssen lenken und gründet sein Weltbild auf der Basis von Informationen und Handlungen, die er selbst frei bestimmt hat.
2) Adorno bringt es auf den Punkt: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der Anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“
Ich versuche diese 2 Punkte zu finalisieren: Rechtsglaube ist der Dreh- & Angelpunkt des Nichtwissens, wozu auch Vernunft, gepaart m. Aufklärung ergänzend zueinander stehen.
Es gibt (noch) kein Nobelpreis für die beste praktizierende Glaubensgemeinschaft.

Tobias Schmitt | Mo, 2. November 2020 - 08:34

Also in einem Satz: Streamingdienste erzeugen Blasen. Und das stimmt. Dazu gehören auch alle sozialen Medien. Alle Tageszeitungen, alle Online Magazine, eigentlich inzwischen alles. Was bei den einen der Algorithmus macht, macht bei den anderen die ideologische Vorauswahl der Angestellten - siehe Bari Weiss. Und warum sollten Blasen in Medien weniger gefährlich sein Blasen bei Streamingdiensten?

Karl Kuhn | Mo, 2. November 2020 - 09:00

... aussuchen kann, was man sehen will, ist man fremdbestimmt. Und das war man früher bei den Öffis, die einem vorschrieben, was wann geguckt wird (wie der Interviewte es selbst sagt), implizit nicht?

Die Aussagen sind im wesentlichen eine logisch inkohärente Ansammlung von reinen Behauptungen ohne jegliche Faktenbasis, die eigentlich nur wie die Essenz der Ressentiments des Interviewten aussehen.

Diese schreiende Unlogik ist mir auch augestoßen. Im Cicero (nehmen Sie es mal als Kompliment, liebe Redaktion) ist mir noch nie etwas so nachhaltig Unterkomplexes wie dieser Beitrag begegnet.

Hans Meiser | Mo, 2. November 2020 - 09:34

wenn Herr Kleiner vorangestellt hätte, dass er Lobbyist für den ÖR-Rundfunk / Presse ist. Und von dort gut mit finanziell attraktiven Auf- und Verträgen ausgestattet wird und wurde.
Das macht zwar seine küchenpsychologischen Ausführungen gegen das Recht auf Bildung einer eigenen Meinung nicht besser - aber so könnte jeder Leser den Beitrag richtig einordnen.

Danke für den wichtigen Hinweis. Habe mir das fast schon gedacht. Wikipedia gibt weitere Infos.

Dana Winter | Mo, 2. November 2020 - 10:59

Also, ich sehe viele andere Dinge, die meiner Meinung nach demokratiegefährdend sind, von einsamen Entscheidungen ohne Parlamentsbeteilligung über den Wunsch nach Rückgängigmachung einer Wahl, vielen nicht ausreichend auf Fakten basierenden Eingriffen in Freiheitsrechte bis zu Verstößen gegen EU-Verträge (Schengen, Maastricht). Und nicht zu vergessen, das bildungsferne Programm und die unzureichende Berichterstattung des öR, die die Demokratie gefährden können. Ob ich bei amazon bestelle oder ein Netflix-Abo abschließe - oder auch nicht, das kann ich ganz demokratisch selbst entscheiden. Auf die anderen genannten Demokratiegefährdungen ist mein Einfluss leider sehr gering.

Ernst-Günther Konrad | Mo, 2. November 2020 - 13:05

Wenn schon, dann soll sich der Zuschauer das kleinere Übel ÖRR antun? Verstehe ich das richtig?
Kinder in guten Familienstrukturen aufgewachsen, mit Eltern als Vorbild haben gute Chancen, kritische und aufrechte Menschen zu werden. Das sie heute Streamingdienste und Onlinebestellungen nutzen ist dem Zeitgeist geschuldet. Ich weiß nicht, wer da mehr Einfluss auf die Nutzer nimmt. Das politisch einseitig und an keiner Stelle dem Bildungsauftrag mehr nachkommende ÖRR oder die Privaten oder Streamingdienste. Das ist am Anfang sicher verführerisch sich jederzeit und überall was anzusehen. Nur mit dem Eintritt ins Berufsleben werden die allermeisten schnell mit der harten Realität konfrontiert. Das zwingt sie in aller Regel auch zur Selbstinformation. Bei denen ist die Gefahr der Beeinflussung genauso groß wie bei uns, wenn auch sich die Technik geändert hat. Für viele Großeltern war der Plattenspieler und der Fernseher "Teufelswerk".
Es gibt immer einen Knopf zum abschalten.

Robert Schmidt | Mo, 2. November 2020 - 18:02

Ich schaue keine Tagesschau, Tagesthemen, RTL mehr.
Seit ein paar Jahren immer weniger und seit vielleicht 2 Jahren gar nicht mehr. Es ist sogar so, dass ich es seelisch nicht mehr verkrafte, alle Sender (kabel) durchzuzappen - mir wird auf halber Strecke schlecht! Die "Qualität" ist derart bodenlos.
Seit September 2015 und der Kölner Silvesternacht sind bei mir alle TV News außer EuroNews und BBC durch.
Manchmal unternehme ich noch Versuche, aber ich muss völlig entsetzt feststellen, dass in praktisch JEDER politischen Sendung nicht nur nicht "sine ira et studio" gesendet wird, sondern allen Ernstes sogar Meinung des Redakteurs nochmal explizit obendrauf gelegt wird.
- journalistische Standards ? - Vergangenheit...
Den tatsächlich grassierenden Narzissmus kann man hier ganz besonders gut feststellen - es gilt nur die Meinung des Journalisten und seiner Blase ...
Dabei bin ich kraft Internet, Mediatheken, eigenen Aufnahmen von Dokus und Reportagen so gut informiert wie noch nie!

Heidemarie Heim | Mo, 2. November 2020 - 18:15

Da ich noch nie in meinem digital ziemlich minderbemittelten Leben auch nur einen einzigen stream-Vorgang tätigte, und mich auch in keiner emotionalen Hassgemeinschaft bewege, noch mich eine wie immer geartete identitäre Lebensführung interessiert und ich nur auf Drängen meiner Freundin ein whats app Konto führe sowie auf die Vorschläge "Das könnte Sie auch interessieren" bei Amazon selten bis gar nicht reagiere, dürfte das oben beschriebene manipulative Geistesexperiment bei mir bisher gründlich gescheitert sein. Ich glaube ich habe soeben einen neuen Rekord im Schachtelsatzbau aufgestellt;). Wahrscheinlich ist meine Vorliebe dafür auch ein Symptom für die Abwesenheit von Twitter und Co in meinem Leben;)! Denn ich käme nie ohne die hier geduldeten 1000 Zeichen zurecht um meine geistigen "Eigengewächse" kund zu tun.
Ich vermisse übrigens seit Tagen unsere liebe Mitkommentatorin Frau Sehrt-Irrek. Sie ist doch hoffentlich nicht krank? Falls doch, Alles Gute! und bis bald! MfG