Naive Kunst - Vor Warhol kam Grandma Moses

Eine greise Bäuerin greift in den 30er Jahren zum Pinsel und wird mit ihren Gemälden schlagartig berühmt. Noch zehn Jahre vor Warhol machte Grandma Moses die naive Kunst wieder salonfähig und eroberte mit ihren patriotischen Werken sogar das Weiße Haus.

Grandma Moses malte am liebsten idyllische Szenen
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Beat Wyss hat an zahlreichen internationalen Universitäten gelehrt. Er hat kontinuierlich Schriften zur Kulturkritik, Mediengeschichte und Kunst veröffentlicht. Beat Wyss ist Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

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Menschen strömen aus dem Bürgerhaus eines Dorfes, beflaggt mit den Fahnen der Vereinigten Staaten. Es ist Nationalfeiertag. Der Zug bewegt sich entlang des Fuhrwegs zum Garten eines Bauernhauses, wo einige Frauen, umschwärmt von Kindern, Tische für das Festmahl gedeckt haben. Auf der Wiese spielen Burschen Baseball. Der Himmel ist bedeckt, vielleicht entlädt sich da noch ein Sommergewitter.

Am Rand dieser ländlichen Idylle stehen zwei Soldaten, einer mit Gewehr, der andere lädt die Kanone, beide bereit für die obligaten 13 Salutschüsse zum Fest. Sie erinnern daran, dass die Unabhängigkeitserklärung der 13 britischen Kolonien an der Ostküste Nordamerikas am 4. Juli1776 von einem achtjährigen Krieg begleitet
war.

Die Malerin der Szene, Anna Mary Robertson, weltberühmt geworden als Grandma Moses, war eine große Patriotin. Schon längst Witwe und Mitte siebzig, entdeckte die zehnfache Mutter das Malen als Hobby neben ihrer vielfältigen Tätigkeit als Hausfrau, Bäuerin und Großmutter. Das Heimatmuseum von Bennington in Vermont, etwa 25 Kilometer entfernt vom Gehöft der Künstlerin in Eagle Bridge, New York, besitzt die größte öffentliche Grandma-Moses-Sammlung samt Memorabilien, darunter den reich bemalten Küchentisch, an dem die Greisin zu malen pflegte.

Die naiven Bilder aus dem Landleben passen gut in ein Museum, das zugleich lokale Gedenkstätte des amerikanischen Revolutionskriegs ist. In der Schlacht von Bennington am 16. August 1777 erlitten die britischen Truppen, darunter auch verbündete Indianer und 200 Braunschweiger Dragoner, eine erste empfindliche Niederlage gegen die rebellierenden Amerikaner. Grandma Moses war stolz auf ihren Ururgroßvater Archibald Alexander, der damals in einem Kampfverband aus Albany mitmarschiert war. Sie widmete ihr Gemälde „July Fourth“ dem amerikanischen Präsidenten Harry Truman. Das Werk gelangte 1952 vom Bauernhof direkt ins Weiße Haus in Washington. Der Kalte Krieg nach außen fördert die Idylle im Innern.

 

Der kometenhafte Aufstieg von Grandma Moses begleitete das amerikanische Selbstbewusstsein nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Armeen der USA das seit Jahrhunderten verzankte und in Totalitarismen zerfallene Europa unter der Pax Americana zivilisiert haben. Und Westeuropa schloss sich willig dem Grandma-Moses-Triumph an: Bereits im Sommer 1950 zog eine Wanderausstellung von Wien über München, Salzburg, Bern, Den Haag nach Paris. Ich erinnere mich, als Kind von Grandma Moses gehört zu haben. Von den großen Namen des abstrakten Expressionismus, Jackson Pollock oder Mark Rothko, erfuhr ich erst als Student.

Grandma Moses war die Schwalbe, die den Frühling amerikanischer Vorherrschaft im Kunstsystem der Nachkriegszeit eröffnete. Es wäre zu kurz gegriffen, sie als naive Bauernmalerin abzutun. Zehn Jahre vor Andy Warhol hat die Bäuerin aus Eagle Bridge gegenständliche Kunst, damals verpönt in intellektuelle  Kreisen, wieder salonfähig gemacht. Ihr Werk ist Pop-Art avant la lettre. Seit den frühen fünfziger Jahren überschwemmten Grandma-Moses-Motive Tapeten, Sofakissen, Gardinenstoffe und Zuckerdosen, ganz zu schweigen von den Postkarten mit Bauernszenen und Winterlandschaften: Bei ihrem Tod 1961, so wurde geschätzt, waren deren 100 Millionen in Umlauf gesetzt. Eine 6-Cent-Briefmarke nach dem Gemälde „July Fourth“ wurde im Mai 1969 ausgegeben.

Anekdoten säumen ihren späteren Weg zur Malerei: Gestickt und gehäkelt hatte sie ja seit ihrer Zeit als Hausmädchen, doch zu malen habe sie begonnen, als Arthritis in den Fingern es ihr zunehmend schwerer machte, die dünne Nadel zu halten als den Pinsel. Zudem war Malerei haltbarer als ihre von Familie und Freundeskreis so geschätzten Stickereien, von denen einige durch Mottenfraß beschädigt wurden. Solch hausfrauliche Sinnesart machte es dem Feminismus der ersten Stunde nicht leicht, die spät berufene Malerin als Kampfgenossin anzuerkennen; die emanzipierte Frau sah im malenden Mütterchen mit der gestärkten Küchenschürze ein Opfer weiblichen Rollenzwangs.

Der Laufbahn in den Olymp schadete das kaum. Im Alter von 92 Jahren wurde Grandma Moses für ihre Verdienste um ihr Vaterland in die Frauenvereinigung „Töchter der Amerikanischen Revolution“ aufgenommen.

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