Rubin gibt gern orakelhafte Tips und meidet Büros
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Musikproduzent - Ein Guru für Black Sabbath und Johnny Cash

Rick Rubin kann keine Noten lesen, kein Mischpult bedienen und spielt auch kein Instrument. Trotzdem ist er für Bands, die längst in der Versenkung verschwunden sind,  der Garant dafür, wieder ganz nach oben zu kommen. Seine Zauberformel: Esoterik, orakelhafte Sprüche und Reduktion

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Winkler, Thomas

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Dieser Text ist eine kostenlose Leseprobe aus der Juli-Ausgabe des Magazins Cicero, das Sie am Kiosk oder direkt hier im Online-Shop bestellen können.

 

Die überraschende Nachricht ist nicht, dass eine legendäre Band nach mehr als drei Jahrzehnten der Trennung zusammengefunden hat. Auch nicht, dass es drei Mittsechzigern gelungen ist, ein neues Album einzuspielen. Die Nachricht ist es ebenfalls nicht, dass Starproduzent Rick Rubin die Rentnercombo zu ihrem faszinierend vitalen Auftritt angeleitet hat. Die Überraschung ist, dass sich alle Welt auf Black Sabbath einigen kann. Tatsächlich hat „13“, das erste in Originalbesetzung aufgenommene Album seit 35 Jahren, sich zur Konsensplatte des Jahres entwickelt. Sie stürmt weltweit die Verkaufscharts – trotz sperriger, schwer dräuender, abweisender Songs.

Black Sabbath, die 1968 in der Stahlstadt Birmingham gegründete Rockband, gelten als Erfinder des Heavy Metal. Sie waren stilprägend, von der Einführung des als Teufelsakkord bekannten Tritonus
in die Rockmusik über die Endzeitsymbolik bis zu den abgebissenen Tauben- und Fledermausköpfen, mit denen sich Sänger Ozzy Osbourne nicht nur bei Tierschützern unbeliebt machte. Seitdem hat Osbourne eine Reality-TV-Show und unzählige Entziehungskuren überlebt, während Gitarrist Tony Iommi erst während der Aufnahmen zu „13“ eine Chemotherapie gegen Lymphdrüsenkrebs hinter sich
brachte. Bassist Geezer Butler, seit Jahrzehnten als weitgehend skandalfreier Veganer der ruhende Pol der Band, schrieb wieder die Texte, in denen religiöse Zweifel, Konsumwahn und Weltfrieden, vor allem
aber Tod und Teufel verhandelt werden.

Das große Thema der Band ist die Vergänglichkeit. Damit prägte sie den Heavy Metal bis in seine letzten Verästelungen. Metal ist sich immer bewusst, dass etwas nur lebt, um zu sterben: die Liebe, der
Mensch, das System, die Welt, wie wir sie kennen. Seit der Kapitalismus in einer Dauerkrise festsitzt, ist das Genre noch am ehesten von der Krise des Popgeschäfts verschont geblieben. Metal-Fans sind treu, und die Musik setzt dem Vergehen des Lebens die schwergewichtige Wertigkeit eines traditionellen Handwerks entgegen.

Um sich auf diese Qualitäten zu besinnen, engagierten Black Sabbath den richtigen Produzenten: Rick Rubin hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte etabliert als der große Restaurator und Wertbewahrer der Popmusik. Der mittlerweile 50 Jahre alte New Yorker hat auch die Red Hot Chili Peppers, Glenn Danzig oder die Beastie Boys zu Branchengrößen geformt. Seinen legendären Ruf als Soundgestalter aber verdiente er sich, indem er scheinbar hoffnungslos versackte Karrieren von ausgemusterten Altstars wie Johnny Cash, Neil Diamond, ZZ Top wieder in Gang brachte. Dazu wendet Rubin stets dieselbe Methode an: Er reduziert das Werk seiner Schützlinge auf deren unverzichtbare Essentials, auf das schlichtweg Wesentliche. Das Ergebnis, sagt Rubin nun, sei „Black Sabbath being Black Sabbath“.

 

Rubin sieht mit seinem Weihnachtsmannbart nicht nur aus wie ein Guru, er arbeitet auch so. Seinen Jugendjahren verpflichtet, die er in Punkbands verbrachte, beherrscht er bis heute kein einziges Instrument. Rubin kann keine Noten lesen und dürfte der einzige erfolgreiche Musikproduzent der Welt sein, der nicht einmal rudimentär ein Mischpult bedienen kann.

Büroräume meidet Rubin aus Prinzip, hat aber lange Jahre erfolgreich Plattenlabel geleitet, darunter die legendäre Firma Def Jam, die er noch im Studentenwohnheim gründete. Als er vom Entertainment-
Konzern Sony eingekauft wurde, um das berühmte Label Columbia zu retten, schaffte er nicht nur Hierarchien ab und führte neue, mitunter esoterische Geschäftsprinzipien ein, sondern ließ sich angeblich
auch vertraglich garantieren, dass er niemals einen Anzug tragen muss und dass niemals eine Telefondurchwahl für ihn eingerichtet wird. Einem schwerkranken Johnny Cash verschaffte er neben einer unerwarteten Spätkarriere auch einen Kinesiologen, der den Country-Helden mit Alternativmedizin verjüngte.

Vor allem aber erzählen Musiker, die mit ihm gearbeitet haben, von einem Fleischbündel, das auf einer Couch ruht, mit geschlossenen Augen im Takt der neuen Aufnahmen hin und her wogt, bevor
Rubin seltsam orakelhafte, aber erstaunlich hilfreiche Ratschläge aussendet. Er versuche zu vermeiden, seinen Auftraggebern konkrete Verbesserungsvorschläge zu machen, erzählt Rubin, „in neun von zehn Fällen kommen die von selbst auf eine Lösung, die besser ist als alles, was ich mir ausdenken könnte“.

Auch Osbourne, Iommi und Butler irritierte der erklärte Black-Sabbath-Fan Rubin, indem er sie ausführlich mit der Musik konfrontierte, der sie ihren Legendenstatus verdanken. Black Sabbath mussten sich immer wieder das eigene Frühwerk anhören, um zu erkennen, was Black Sabbath eigentlich ausmacht. Wer das herausgefunden hat, der kann den ganzen überflüssigen Ballast eliminieren.

Folgerichtig klingt „13“ nun grundsätzlich, ja zeitlos. Osbournes Stimme quengelt sich durch Nahtoderfahrungen und existenzielle Fragestellungen wie „Is god really dead?“, Butlers Bass grummelt bösartig
und Iommis Gitarre sägt tiefer gelegte Riffs, die, wenn sie nicht die Abgründe menschlicher Ängste durchschreiten, das Bauchfell gewaltig zum Flattern bringen. Und dass es drei Rentner sind, die unsere
Zeit so quicklebendig und passgenau zum Klingen bringen, ist angesichts des demografischen Wandels vermutlich nur eine kleine Überraschung.

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