Mauerfall - Als wir nicht erschossen wurden

30 Jahre ist der Mauerfall her. Der Lyriker Jörg Bernig nahm 1989 an den Leipziger Montagsdemonstrationen teil. Heute fragt er sich: Ist die Unfreiheit des Denkens und Redens ganz überwunden?

30 Jahre nach dem Mauerfall ist vieles besser, aber nicht alles, schreibt Jörg Bernig / picture alliance

Autoreninfo

Jörg Bernig ist Lyriker, Romancier, Essayist und lebt bei Dresden. Er gehört u. a. der Bayerischen Akademie der Schönen Künste an.

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In der Nacht des Tages, an dem wir nicht erschossen wurden, glaubten meine Frau und ich, dass wir das alles nun hinter uns gelassen hätten: das alltäglich Oppressive, die Belauerungen, die offenen und die versteckten Drohungen, die Einschüchterungen, die Anfeindungen, die Verleumdungen, die Lügen und auch die Denunziationen. Das alles, so glaubten wir, würde mit dem untergehen, dessen Realität und Wesensausdruck es war.

Liebe Geschwister in den westlichen Landesteilen, ich erzähle euch jetzt keine Geschichte von „helden lobebæren, von grôzer arebeit“. („Nibelungenlied“, schlagt’s nach!) Ihr könnt ja nichts dafür, dass ihr ein ereignisloses Leben gelebt habt und das Existenzielle einen großen Bogen um euch gemacht und euch verzärtelt hat. Das Revolutionsgedenken wird euch nerven, denn ihr wart ja nicht an der Revolution von 1989 beteiligt. Und die Feierlichkeiten zum Jahrestag des Mauerfalls werden euch nerven, denn ihr wart ja auch nicht am Niederreißen der Mauer beteiligt. Ich verstehe euch, aber ich habe kein Mitleid mit euch. Ich erzähle lieber eine kleine Geschichte aus diesem unserm Land. Also: Lest weiter! Denn die kleine Geschichte hat auch Protagonisten aus euern Reihen.

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Wolfgang Tröbner | Di, 10. September 2019 - 08:55

Beim Lesen Ihres wunderbaren Artikels fühlte ich mich an mein eigenes Leben erinnert. Obwohl ich ein ganz anderes Leben als Sie hatte. Ich bin nie auf einer Montags-Demo gewesen, weil ich da bereits in Ungarn war, um dem Regime Adieu zu sagen. Angst habe ich auf meiner langen Reise von Ost nach West aber durchaus kennengelernt. Es war vielleicht nicht die Angst, erschossen zu werden, es war aber die Angst, von der Stasi-Krake verhaftet zu werden, selbst in Ungarn noch. Denn die Stasi hat uns auch in Ungarn und später im Westen stets begleitet. Ich habe so wie Sie erfahren müssen, dass mir Jahre danach von Menschen die Demokratiefähigkeit abgesprochen wurde. Nur, weil ich aus dem Osten kam. Menschen, die in ihrem Leben selbst nie eine existenzielle Bedrohung erfahren hatten. Menschen, die Freiheit als Selbstverständlichkeit ansahen, sich diese aber nie selbst erkämpfen mussten. Menschen, die mir noch heute sagen wollen, was richtig ist, aber eigentlich von nichts etwas verstehen. Danke!

lieber Herr Tröbner.
Was Jörg Bernig hier schreibt, trifft die Lage in unserem wiedervereinigten Land sehr genau.
Als eine Deutsche, die im Westen aufgewachsen und immer nur dort gelebt hat,
schäme ich mich inzwischen für meine "westlichen" Landsleute, die ihren Mitbürgern
im Osten mit ihrer Überheblichkeit (die nichts anderes ist als Dummheit und
Verständnislosigkeit) so sehr unrecht und weh tun.

Ich freue mich über diesen Artikel im CICERO mehr als über die meisten anderen
in letzter Zeit, weil hier ein authentischer Zeitzeuge seine Stimme erhebt und - trotz des bösartigen, hefigen Gegenwindes - bei der Wahrheit bleibt, die ihm aus seinen persönlichen Erfahrungen aufgeleuchtet ist.

Mehr davon, bitte.

Ernst-Günther Konrad | Di, 10. September 2019 - 09:08

Herr Bernig. Ich kannte Sie bislang nicht. Bin halt Wessi. Viele der Ossis die hier schreiben, sie schildern ähnliche Geschichten und erlitten ähnliches Schicksal wie Sie. Nur nicht so öffentlich. Ja, Sie und ihre Familie wurden dann doch nicht erschossen. Sie dürfen weiter leben, wie viele andere sich selbst befreiende Ossis auch. Ja, ich hätte auch geglaubt, das nach dem Mauerfall zusammenwächst was zusammen gehört.
Und heute? Ossis können keine Demokratie, weil sie aus eigenem Erleben feststellen müssen, das mit den gleichen Mechanismen der DDR-Diktatur, die Menschen in eine bunte Ideologie gezwungen werden.
Nein, natürlich erscheinen heute nachts keine Männer mit Schlapphüten, die Kritiker und zur falschen Rasse gehörenden Menschen deportieren, nachdem man Familien und Nachbarn, Freunde und Verwandte zuvor dazu ermuntert hatte, die Systemfeinde zu melden.
Sie schreiben: " " Es wird stigmatisiert, ausgestoßen, verbannt, denunziert."
Genau das passiert wieder. Das hatten wir schon.

Wilfried Düring | Di, 10. September 2019 - 12:57

In reply to by Ernst-Günther Konrad

Liebe Leser und Autoren des Cicero, ich möchte Sie auf einen neuen Kino-Film aufmerksam machen, der letzte Woche 'gestartet' wurde.
Der Film "Und der Zukunft zugewandt" erzählt am Beispiel einer Frau - und nach wahren Begebenheiten - das weitere Schicksal überlebender Gulag-Häftlinge, welche nach jahrelanger Haft erst Anfang der 50-er Jahre in die DDR entlassen wurden. Die Regierung der 'sozialistischen' DDR verurteilte diese Menschen - zu lebenslangem Schweigen. Ähnlich wie die Vertriebenen und die vielen von den angeblichen ‘Befreiern’ der Roten Armee vergewaltigten Frauen durften diese Menschen - OFFIZIELL - nicht sprechen, über ihr Leid: ihre ermordeten und verstorbenen Angehörigen, die menschenunwürdigen Haftbedingungen, ihre Not und Einsamkeit und - den Verrat durch die eigenen Genossen in den Jahren der stalinistischen ‘Säuberungen'.
Der Film versucht, an das Leid dieser Menschen angemessen zu erinnern und ihre Schicksale vor dem Vergessen zu bewahren.
Unbedingt ansehen!!

Ellen Wolff | Di, 10. September 2019 - 09:23

Danke für den, mich sehr berührenden, Artikel. Ich hoffe, das genügend Menschen in unserem Land dafür einstehen, um die Freiheit, die wir trotz allem immer noch haben, zu bewahren. Ich kann Ihr Unbehagen nachvollziehen und kann Ihnen nur sagen, Sie sind nicht alleine. Ich bin übrigens ein Wessie.

Klaus Funke | Di, 10. September 2019 - 09:31

Jörg Bernig, ein hochtalentierter Autor und subtiler Denker, ja, auch aus Dresden! (wenn auch
Radebeul wie Karl May), ist zugleich ein kritischer Geist. In seiner Kamenzer Rede hat er sich kritisch mit den Auswirkungen und Realitäten der Merkel´schen Flüchtlingspolitik befasst, Auswirkungen , die sogar ihn selbst betroffen haben. Klar, er wurde von der Mainstreampresse und von angepassten Künstlerkollegen, wie nicht anders zu erwarten war, angefeindet und verleumdet. Er blieb standhaft. Indes, er ist ein eher sanfter Mahner mit großem Tiefsinn und einer großen literarischen Allgemeinbildung. Freilich, da kommt dann mancher Zeitgenosse nicht mit. Er ist sozusagen die leisere Kehrseite der Dresdner Szene. Die andere ist Uwe Tellkamp. Schön, dass er bei CICERO schreibt. Jedes Wort sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ich bin stolz in einer solchen Stadt zu leben, wo es noch derartige Geister gibt. Leider sind es aus dem "Tal der Ahnungslosen" nur einsame Rufer. Danke Jörg!

Andreas Zimmermann | Di, 10. September 2019 - 10:21

Dem ganzen Artikel ist nichts hinzuzufügen!
Ja, da stehen wir jetzt und nun schauen wir mal ob uns diese Spaltung in die nächste friedliche Revolution, einen Bürgerkrieg, eine Abspaltung oder sonst wohin führt.

Vielen Dank Herr Bernig für diesen Einblick in ein reales Schicksal im besten aller Deutschlands.

gabriele bondzio | Di, 10. September 2019 - 10:28

Dieses -Distanzieren- wurde wirklich nach allen Regeln der "Kunst" über die vergangenen Jahre aufgebaut. Es widersprach ja völlig der undifferenzierten-staatlich-forcierten Meinung: "Was die Flüchtlinge mit zu uns bringen, ist wertvoller als Gold." (Hoffnungsträger SPD Schulz, 2016). Den Gold-Status, für alle die über die Grenze kamen, zu verteidigen. Brachte mit sich, Bürger dieses Landes zu verleugnen, schikanieren und auszugrenzen. Die schon 2015 nicht dem Jubelchor beigetreten sind, weil sie differenzieren konnten.Weil sie um die Problematik, die muslimisch-archaischen Kulturen anhaften, nachgedacht haben. Die Beispiele, welche im Land zur Genüge(und über Jahre) offen lagen, konnte man nicht übersehen.
Der Artikel von Herrn Bernig war überfällig. So wurden und werden in DE, welches sich als Demokratie versteht, Bürger mundtot gemacht.
Und genau der Satz: „Wir glaubten, wir hätten das hinter uns gelassen..."...ist eine Begründung, warum im Osten die Wahlen anders laufen.

Bernd Hartke | Di, 10. September 2019 - 11:49

Danke für diesen Text! Hier kann jemand mit Sprache umgehen. Ohne "Action"-mäßige Aufgeregtheit, ohne plumpe Effekthascherei und ohne pöbelhafte Vorwürfe wird ein ergreifendes Bild gezeichnet, das mich als "Wessi" betroffen und beschämt zurückläßt. Aber ganz jenseits solchen Schubladendenkens: Wir alle, die wir hoffentlich noch meinen, dass etwas falsch läuft, wenn Dinge so laufen wie dargestellt, sollten uns hiervon inspirieren lassen, nicht nur über Filterblasen, "political correctness", tendentiöse Berichterstattung und machtgeile Politiker ohne jegliche Sachkenntnisse zu jammern (vielleicht sogar nur im Kreis Gleichgesinnter), sondern bei scheinbar kleinen Gelegenheiten im Alltag klarer und offener Stellung zu beziehen, immer wieder und immer häufiger, und auch gerade dann, wenn Leute mit vermutlich anderer Meinung zugegen sind. Nur dadurch kann sich etwas ändern.

Ines Schulte | Di, 10. September 2019 - 14:05

In reply to by Bernd Hartke

Dabei begegnet man häufig manchen Leuten, die zwar wortgewaltig auftreten, aber nur mit Wasser kochen. Der Artikel erschüttert auch deshalb, weil wir als Wessis schon vor der Wende Einblicke ins Ossileben nehmen konnten. Ein Freund wurde z.B. wegen Tragens eines schwarz-rot-goldenenen Schals bei einem Fußballspiel herausgefiltert und einbestellt. Vielleicht ist unsere Bundesfahne auch schon deshalb von größerer Bedeutung. Bei der letzten weltoffenen Dresden-Gegendemo war sie ja wieder unerwünscht....

Josef Olbrich | Di, 10. September 2019 - 11:51

Mit Interesse habe ich ihren Artikel gelesen und kann Ihnen nur zustimmen. Ja, die DDR ist untergegangen, aber das linke Gedankengut, was schon vor dem Mauerfall hier sein Unwesen trieb, hat sich in Westdeutschland erhalten und bevormundet uns noch heute. Man glaubt mit der Moral des "Gutmenschentums" die Realität des Dasein ausblenden zu können. Nur begreift man nicht, dass nicht alle der vorgegebenen Denkrichtung folgen, da sie Individualisten sind, was für die sozialistische Denkweise eine Ungeheuerlichkeit darstellt. Denn im Sozialismus wird der Mensch als Objekt angesehen, den man betreuen muss, damit er die Welt versteht. Herr Bernig bleiben Sie weiterhin ein Individualist, denn Menschen wie Sie braucht die Demokratie - sie lebt von der Diskussion.

Wolfgang Luf | Di, 10. September 2019 - 13:26

In diesem Jahr wird der 30. Jahrestag der friedlichen Revolution von 1989 begangen. Ich glaube, vielen ehemaligen DDR-Bürgern - so wie auch mir - wird nicht nach Feiern zumute sein. Wir können uns jetzt zwar alles kaufen und überall hinfahren - es bleibt aber für alle die, die nicht nur an der „Spaßgesellschaft“ interessiert sind, ein schaler Nachgeschmack. Dieser Nachgeschmack hängt definitiv mit den Erscheinungen zusammen, die im vorliegenden Artikel beschrieben wurden.

Stefan Heym am 4. November 1989:
„Liebe Freunde, Mitbürger, es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen, wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit …“

Inzwischen scheinen die Fenster wieder total „verrammelt“ zu sein.

Wilfried Nauck | Di, 10. September 2019 - 13:56

Meine morgentliche Zeitungsschau findet ausschliesslich im Internet statt, teilweise bezahlt. Heute morgen las ich zunächst einen Artikel von Ines Geipel ( die ich wegen ihrer Aufklärungsarbeit über die DDR-Dopingpraxis schätze), in welchem sie bitter beklagt, dass das Erstarken der AfD in den neuen Bundesländern zu einer neuen innerdeutschen Spaltung führen kann. Insbesondere beklagt sie, dass ostdeutsche Unzufriedenheit als Undankbarkeit gegenüber den deutschen Transferleistungen verstanden werden kann. Auf diese Gefahr bin ich auch aufmerksam geworden und werde in meinem Jahresbrief an meine gesamtdeutschen Freunde darauf hinweisen, dass ich nach wie vor die deutsche Einigung als ausgesprochenen Glücksfall betrachte und dankbar für die Hilfe bin. Anschliessend las ich den Artikel von Bernig im „Cicero“. Liest man die beiden Artikel nacheinander, muss man feststellen, dass beide Autoren eine bessere deutsche Republik beschwören, die für Geipel noch existiert, für Bernig kaum noch.

auch habe den Artikel oder besser, das Interview mit Ines Geipel gelesen. Zuvor war sie noch bei Lanz, zu dem ich nur reingezappt habe, weil Gottschalk da war. Und ich mußte leider mit Fassungslosigkeit sehen und hören, was Frau Geipel dort für einen Popanz an die Wand malt, ganz schlimm. Die Sachsen hat sie dort als braunen Sumpf bezeichnet und weiter behauptete sie (im Interview auch), daß Eltern ihre Kinder in Freital aus der Schule nehmen würden, damit sie nicht mit "Nazikindern" zusammen lernen müßten. Schlimmere Hetze geht gar nicht. Diese Frau hat sich so unmöglich in Rage geredet, daß sogar die anwesende Spiegel-Redakteurin, Frau Geipel bremsen mußte, um wieder Differenzierung reinzubringen.
Diese Frau ist für mich erledigt und völlig unglaubwürdig. Das grenzt ja schon an Verhetzung und üble Nachrede.

Wilfried Nauck | Di, 10. September 2019 - 14:02

Und das hängt unmittelbar mit der Merkel-Politik und dem Verhalten der ÖR-Medien zusammen. Früher gab es ein Spektrum von Löwenthal über Hauser und Kienzle bis Panorama. Heute weitgehend grün-linke Gutmenschensosse mit wenigen Ausnahmen vor Mitternacht. Zu DDR-Zeiten der Partei-Holzhammer: Bist Du für den Frieden oder für den Krieg? Der neue Holzhammer: Bist Du für die Merkel-Politik oder für die AfD ? Ich wähle im Oktober in Thüringen. Den Höcke möchte ich nicht wählen, die Befürworter der Merkelschen Migrationspolitik auch nicht. Hier wähle ich vorraussichtlich FDP, im Bund ist mir die FDP zu blass. Aber das Dilemma treibt mich um, das kaum noch vernünftiger politischer Raum zwischen der Merkel-Politik und der AfD bleibt, wie auch Bernig beschreibt. Und es ist unverantwortlich von den meisten Medien, jeden, der den Merkel-Mainstream nicht mitmacht, in die Nazi-Ecke zu stossen, was Bernig schildert und auch andere, z.B. Tellkamp schon erlebt hat.

dieter schimanek | Mi, 11. September 2019 - 02:47

...Glück gehabt Herr Bering, ein paar Jahre weiter und sie würden der Hexenverbrennung zum Opfer fallen. Bisher werden ja nur Autos angezündet und gelegentlich ein paar Jungfrauen geopfert. Auch den Überbringern von schlechten Nachrichten, dürfte in Zukunft Ungemach drohen. Meterologen sind so eine gefährtete Berufsgruppe. Wenn da einer behauptet, der Klimawandel könnte auch natürliche Ursachen haben, dann ist das ganz schlecht für seine Gesundheit. Prof. Latif sonst eigentlich eher ein Befürworter des Weltuntergangs, hat zu Brasilien verkündet: Dem Klima seien die Waldbrände egal, ein ganz gefährliches Pflaster. Vielleicht hofft er, dadurch früher in Rente geschickt zu werden. Tja Herr Bering, noch gefährlicher sind natürlich ihre Äußerungen. Grenzöffnung, Flüchtlinge, Probleme, das geht entschieden zu weit. Das können sie nur mit globaler Amnesie wieder aus der Welt schaffen, das hat auch bei Helmut Kohl und seinen Getreuen geholfen. Nur Mut!

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