Droht der Europäischen Union so wie einst dem römischen Reich, im Museum zu enden? / picture alliance

EU & römische Republik - „Das Abendland wird neu erfunden“

Innerer Zerfall oder Erfolgsmodell? Die späte römische Republik und die Europäische Union ähneln einander. Mündet diese heute wie jene damals in einen autoritären Staat? Ein Streitgespräch zwischen den beiden Althistorikern David Engels und Uwe Walter

Alexander Kissler

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Alexander Kissler ist Redakteur im Berliner Büro der NZZ. Zuvor war er Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Kein Weihnachten ohne Augustus: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.“ Die Worte aus dem Lukas-Evangelium sind Bestandteil des abendländischen Kanons geworden, ja dessen Auftakt. Damit rückt eine Figur in den Blick, an der sich unsere Gegenwart messen lässt. Mit Augustus, Cäsars Neffen und Nachfolger, wurde die römische Republik abgewickelt. An ihre Stelle trat das zunächst Prinzipat genannte Kaiser­reich. Stehen solche Entwicklungen uns bevor? Bricht europaweit die Stunde der Autokraten an, die Sicherheit versprechen und Freiheiten kassieren? Wäre das Aufbruch oder Untergang? Darüber streiten zwei renommierte Althistoriker, ein Belgier und ein Deutscher

Herr Walter, hält die Geschichte der Antike Lektionen für die Gegenwart bereit?
Uwe Walter: Nein. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass die Geschichte Lehrmeisterin für das Leben wäre. Dafür sind Lebenswelten, Handlungsnormen und Vorstellungen der damaligen Menschen im Vergleich zur heutigen Zeit zu unterschiedlich.

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Joachim Wittenbecher | Fr., 11. Mai 2018 - 17:13

Ich neige den Auffassungen von Herrn Walter zu:
ein Europa, bestehend aus seinen Nationalstaaten. Dies entspricht den Vorstellungen von de Gaulle, dem Europa der Vaterländer. Herr Walter weist auf die Möglichkeit hin, dass sich auf diese Weise mehrere europäische Zusammenschlüsse bilden, wobei die Rolle Deutschlands unbestimmt bleibe. Dies muss verhindert werden: Deutschland darf nicht das Vakuum in der Mitte werden und so - trotz geografischer Zentrallage - in eine geistige Randposition geraten. Leider trägt die gegenwärtige deutsche Regierungsspitze durch ihre weltfremde Frömmelei genau zu dieser Gefahr bei. Vom alten Sprichwort - right or wrong, my country - müssen wir uns verabschieden und unsere Position selbstkritisch beleuchten: Als Land der Mitte ist es unsere Aufgabe, die verschiedenen geistigen Strömungen Europas (einschließlich Russlands) geistig aufzunehmen und versuchen auszutarieren. Jede Selbstherrlichkeit verbietet sich hierbei (sorry, Frau Merkel).

Christa Wallau | Fr., 11. Mai 2018 - 17:26

"Die Rolle Deutschlands erscheint mir am undeutlichsten. Wir wissen nicht nur nicht, wo wir
hinwollen. Uns kam sogar die Überzeugung abhanden, daß wir irgendwohin wollen d ü r f e n."

Diese Aussage des Althistorikers Walter in Bezug auf die Zukunft Europas kann ich nur dick unterstreichen.

Unter dem Einfluß von Linken, SPD u. Grünen sowie einer zur Beliebigkeits-Partei verkommenen CDU von Merkels Gnaden hat sich Deutschland zum
zerrissensten, schwächsten Staat innerhalb Europas entwickelt.
Dem wirtschaftlichen Riesen steht politisch
nur ein naiver Zwerg gegenüber.
Man kann sich in D nicht entscheiden, ob man in einem Multi-Kulti-Chaos untergehen oder doch besser den Schulterschluß mit den Kräften in Europa (Ungarn, Österreich, Tschechien, Polen usw. ) suchen sollte, die in einem "Rekurs auf einen neu interpretierten Abendlandbegriff" versuchen, mit einer starken, unbestritten autoritärer geführten europ. Staatengemeinschaft, den Muslimen, den USA und China Paroli zu bieten.

Ines Schulteh | Sa., 12. Mai 2018 - 11:42

..als derzeit vorherrschendes Gefühl und die
" Verbrauchtheit unserer eigenen Gesellschaft" scheinen mir warnende Rufe in diesem hervorragenden Interview zu sein. Ich frage mich allerdings, wenn dies alles so offen zu Tage tritt und analysiert wird, warum ist es so schwierig diese Erkenntnisse offen zu unterstützen. Jede Überlegung in diese Richtung wird, vor allem medial, sofort in eine unaussprechliche Ecke gerückt.
Man höre sich nur einmal die verbalen Vertreter des Positionspapiers der CSU an und wie dabei Menschen und Parteien, die eine Rückbesinnung auf unsere Wurzeln fordern, plump geschmäht werden. Fazit: Nicht mal die CSU will vom derzeitigen Kurs des 'weiter so' abrücken. Wiederholt sich Geschichte also und steht uns eine bürgerkriegsähnliche Umstrukturierung, wie im Artikel beschrieben, bevor?

helmut armbruster | Sa., 12. Mai 2018 - 18:55

haben zwei Seiten. Sie befreien den Menschen von der direkten Not u vom Kampf um's tägliche Brot.
Gleichzeitig machen sie ihn weichlich, genuss- und luxussüchtig. Es entsteht Ungleichheit, denn es gibt Gewinner und Verlierer.
Die einen werden immer reicher, die anderen verlieren. Die Gesellschaft ist nicht mehr homogen, sie spaltet sich.
Bis Ende der punischen Kriege ging es in der röm. Republik noch bescheiden zu. Selbst in Senatorenfamilien. So wunderte sich z.B. eine karthagische Gesandtschaft während ihres Aufenthalts in Rom, dass bei jedem Gastmahl, obwohl in anderen Senatorenhäusern, immer dasselbe Silbergeschirr in Gebrauch war.
Mit dem römischen Sieg kam gewaltiger Reichtum in die Stadt. Es war Schluss mit Einfachheit (simplicitas) und Strenge (duretia). Das bequeme Leben korrumpierte die Leute.
Die Parallelen zu uns sind verblüffend. Trotzdem muss sich Geschichte nicht wiederholen. In Rom war es bis zum Untergang noch ein langer Weg, bei uns geht es vermutlich schneller.

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa., 12. Mai 2018 - 19:31

eigentlich nicht zum Führerkult, auch nicht, wenn eine nicht "wirkliche" Mutti an der Spitze stehen möchte. Nicht einmal die Römer oder wo gab es blühende Phasen von Stadtdemokratie und Republik?
Es mag in Europa einen Anfang und ein Ende geben, vor allem aber ein Miteinander, denn ich glaube kaum, dass wir uns hier auf einen Anfang verständigen können...
Ansonsten gelten hier unter anderem möglichst große Freiheit und Selbstbestimmung.
Es gab ja erstaunlich viele Reiche in Europa oder große verbindende Erzählungen, äh meist mit viel Blut...
Bitte weiter ohne.
Aber jetzt muss ich den Artikel ersteinmal lesen.
Ich sage es nochmal, wenngleich ohne Hoffnung, anders kann man es ja nicht machen, weil man nur eine begrenzte Zeit zum Kommentieren hat.
Cicero steht für die Republik, keinen autoritären Cäsaren.
Aber dazu, um so jemanden einzuhegen, bedarf es eben eines funktionierenden Staatswesens, bestimmt eine gute Aufgabe für die FDP und Lindner.

Martin Weismann | So., 13. Mai 2018 - 09:28

Das ist doch keine Frage, für jemand der Kants "sapere aude" berherzigt.
Die Dekadenz ist doch offensichtlich, einhergehend mit dem Zerfall der Vernunft. Auch, weil Normen, auch das GG unbekümmert ohne Konsquenzen gebrochen werden.
Was soll also diese Frage?