Das Journal - Aktenwägelchen, neu bepackt

Auch in seinen «Amtlichen Schriften» ist der Versicherungsjurist Franz Kafka ein Sprachkünstler

Es ist noch sehr früh am Morgen, als der Landvermesser K. Zeuge einer Erscheinung wird: «Aus der Ferne kam langsam ein kleines von einem Diener geführtes Wägelchen, welches Akten enthielt.» Es sind die Verwal­tungsakten der Schloss-Bürokratie, und die Beamten können es kaum erwarten, sie in Empfang zu nehmen. Neidisch schielen sie nach den Mappen der Kollegen, eifersüchtig hüten sie den eigenen Stapel. Was wohl in den begehrten Schriftstücken verzeichnet steht? Dieses Geheimnis behalten die Beamten für sich.

Der Autor dieser wunderbar komischen Szene wusste, was es heißt, gegen den Aktenberg auf dem eigenen Schreibtisch anzukämpfen. Wie gut der Versicherungsjurist und Autor des «Schloss»-Romans Franz Kafka die Abgründe der Bürokratie kannte, lässt sich jetzt anhand einer neuen Edition nachvollziehen. Klaus Hermsdorf und Benno Wagner haben Dokumente aus Kafkas Berufstätigkeit bei der «Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt des Königreichs Böhmen in Prag» aus den Archiven geholt und daraus ein über tausend Seiten starkes Buch gemacht: Kafkas Aktenwägelchen, neu bepackt.


Ironie und finstere Pointen

Eine erbauliche Lektüre ist es nicht. Wer möchte wirklich Genaueres wissen über Themen wie «Die Gefahrenklassenrevision in der Unfallversicherung»? Kafkas «Amtliche Schriften» sind kein Lesebuch. Sie sind ein Buch für Forscher und Neugierige, die sich von einem kenntnisreichen Kommentar in das Dickicht der Bezüge zwischen Kafkas Berufsarbeit und seinem literarischen Schreiben führen lassen wollen. Neben eini­gen schon früher gedruckten Schriften enthält die Ausgabe auch Texte, die erst durch wahre Detektivarbeit als von Kafka verfasst identifiziert werden konnten – denn das im Dienste der Anstalt Verfasste wurde nicht vom Autor, sondern von dessen Vorgesetzten unterzeichnet.

Nur selten lässt sich aus diesen Akten­stücken Kafkas Stimme vernehmen. Etwa, wenn sich in einem Bericht über die unfall­trächtigen Zustände in böhmischen Stein­brüchen plötzlich ein ironischer Ton bemerk­bar macht: «Nach der Betriebsbeschreibung im Fragebogen hatten sich sogar die Betriebs­verhältnisse gebessert, die Lagerungsverhältnisse waren sehr günstig, es war terrassenförmiger Abbau durchgeführt, sogar eine Skizze der Art des terrassenförmigen Abbaus war beigefügt, Untergrabungen fanden nach dem Fragebogen niemals statt, der Abraum wurde regelmäßig weggeschafft, Schutz­brillen wurden nach dem Fragebogen immer verwendet.» Das scheinbar unschuldige Insistieren auf den geschönten Angaben bereitet eine finstere Pointe vor: Vier Monate später zeigte ein schwerer Unfall in dem angeblichen Musterbetrieb die «wirklichen Verhältnisse».

In der Art, wie es Kafka gelingt, diese «wirklichen Verhältnisse» aufzudecken, in der sprachlichen Herstellung eines Sachverhalts, zeigt sich die ganze Kunst dieses Juristen, der ein Schriftsteller ist. Kafkas Tatsachenberichte konstatieren nie bloße Tatsachen, sondern formen sie, wo immer es geht, zu kleinen Erzählungen um. Sie argumentieren und räsonieren, sie bedienen sich rhetorischer Kniffe, konstruieren Steigerungen und gegensätzliche Konstellationen, spiegeln unterschiedliche Sichtweisen und psychologische Erklärungen in das Protokoll hinein – ganz so wie in seinen literarischen Texten.


Worte, von der Anstalt erfunden

Bei alldem sind sie meisterhaft knapp und präzise. So verwickelt der Fall auch sein mag – Kafka gelingt es, einen Schriftsatz von durchdringender Klarheit herzustellen. Den gegnerischen Parteien scheint das allerdings wenig Eindruck gemacht zu haben. Ihrer Meinung nach gehorchten die Sachverhalte nur selten den offiziellen Begriffen, nach denen Kafkas Darstellung sich zu richten hatte. Dieses Auseinanderklaffen von Sprache und Wirklichkeit verleiht der amtlichen Korrespondenz bisweilen kafkaeske Züge. So versucht ein Unternehmer, seinen Betrieb von der Versicherungspflicht zu befrei­en, denn erstens handele es sich gar nicht um einen Betrieb und zweitens schon gar nicht um einen «Logierhausbetrieb», denn solche Betriebe gebe es gar nicht, «das Wort wurde erst von der Anstalt erfunden».

Die verblüffend literarische Pointe solcher Einsprüche formuliert Benno Wagner als Anspielung auf Kafkas Parabel «Vor dem Gesetz»: «Hier wird die richtige Verwen­dung der Sprache als Voraussetzung für den richtigen Zugang zum Gesetz eingeklagt.» An vielen weiteren Stellen zeigt Wagners Kommentar, wie sehr Kafkas Schreiben von der «Anstalt» geprägt ist – von wiederkehrenden Motiven über typische Schreib- und Denkfiguren bis hin zu den zeitgenössischen Diskursen über die Sozialversicherung.
Enthalten die «Amtlichen Schriften» also die Akten zu den Problemen und Schick­salen, die in Kafkas Romanen und Erzählungen verhandelt werden – und in die wir nie blicken durften? Das hängt von der Interpretation ab, die wir ihnen geben. Gewiss aber sind darin Teile jener Wirklichkeit aufbewahrt, in der Kafka lebte, die in seine Werke eingegangen ist und deren Form und Inhalt mit bestimmt hat.

 

Franz Kafka
Amtliche Schriften. Kritische Ausgabe
Hg. von Klaus Hermsdorf und Benno Wagner.
S. Fischer, Frankfurt a. M. 2004. 1024 S., 178 € (plus CD-ROM mit zusätzlichen Materialien)

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