Skandale um Wulff, Steinbrück und Brüderle - Journalismus außer Rand und Band

Nichts treibt die Medien der Berliner Republik so an, wie der mögliche Rücktritt eines Mächtigen. Jeder Vorwurf wird sofort zum Riesenskandal. Lesen Sie im neuen Cicero, welche Mechanismen wirken und wie groß der Schaden für die Demokratie ist

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Wulff, Steinbrück, Brüderle – zuletzt der Rücktritt der Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke: Das Tempo, die Härte und die Einhelligkeit in der Deutschlands Medien über Affären dieser Art berichten, nehmen zu.

Unter dem Titel „Der Blutrausch der Medien und der Schaden für die Demokratie“ widmet sich die Dezemberausgabe des Magazins Cicero den Fehlentwicklungen der Branche. Der Philosophieprofessor und frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin unterzieht die Skandalisierung der deutschen Politik einer sorgfältigen Analyse. Er vergleicht ihr Ausmaß mit der Situation in den USA und Italien, wo sie ein Demokratie gefährdendes Ausmaß angenommen habe. Deutschland sei noch nicht so weit, und es bestehe Hoffnung, dass es nicht so weit komme. „Voraussetzung ist, dass wir in Deutschland im Wortsinne zur Besinnung kommen.“

Kennzeichnend für Skandalisierung etwa des Verhaltens des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff oder des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück sei die Idee, dass der einzelne Politiker ein Vorbild sein müsse. Dadurch entsteht eine „Vermengung der privaten und der öffentlichen Rolle“. Politiker sollten aber nach Kriterien des Gelingens und Scheiterns beurteilt werden, schreibt Nida-Rümelin, nicht nach privaten Wertungen.

Ein Grund für das Tempo der Skandalisierung sind die Mechanismen der Online-Medien. Wie sie den Takt vorgeben, beschreibt Cicero-Autorin Merle Schmalenbach in ihrer Reportage „Die Klickfabrik“. Darin kommt auch der Chefredakteur von Spiegel Online, Rüdiger Ditz zu Wort. „Was heute in die Welt gesetzt wird, verbreitet sich wie ein Lauffeuer“, berichtet er.  Radio, TV-Stationen, Online-Berichterstattung und schließlich das Social Web hätten diese Beschleunigung und Effekte hervorgerufen. Politiker, die unter Beschuss stünden, hätten kaum Zeit zu reagieren. „Sie tun mir leid.“ 

Kiels zurückgetretene Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke, früher selbst Journalistin, sagt im Interview mit dem Magazin Cicero, es sei „tödlich“ für einen Politiker, Schwäche zu zeigen. Er wecke dadurch den Jagdinstinkt der Medien. Dieser Mechanismus sei pervers, weil zugleich immer wieder der Typ des gepanzerten Politikers kritisiert werde. „Aber wenn es jemand anders macht, wird er eben gnadenlos durch den Wolf gedreht.“

Zudem entwirft der Enthüllungsjournalist und frühere Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo im Cicero ein Leitbild für den Journalismus. „Wir Journalisten müssen uns der Gleichförmigkeit der Meinung – inzwischen in deutschen Medien ein echtes Ärgernis – entziehen“, erklärt Mascolo. „Weniger Hype und mehr Recherche sind notwendig.“ Er empfiehlt den Journalisten, weniger zu jammern und mehr über gute Storys zu reden. Zudem müsse die Lust an der Provokation wieder entdeckt werden.

Mascolo schreibt im Cicero, er wolle sich nicht am inzwischen gängigen Abgesang auf seine Branche beteiligen: „Ich bin stolz auf meinen Beruf".

 

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Lesen Sie die ganze Geschichte in der Dezemberausgabe des Cicero. Ab sofort am Kiosk und in unserem Online-Shop erhältlich.

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