Pädophilie-Studie - „Den Grünen fehlt ein Bewusstsein für Geschichte“

Bis Ende 2014 wollen Göttinger Politikwissenschaftler um Franz Walter und Stephan Klecha die Pädophilen-Vergangenheit der Grünen aufarbeiten. Im Gespräch mit Cicero Online wundert sich Parteienforscher Klecha über ein fehlendes kollektives Geschichtsbewusstsein bei den Grünen

Szene vom Gründungsparteitag der Grünen im Januar 1980
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Autoreninfo

Bachelor in Politik- und Kommunikationswissenschaft. Studiert Internationale Beziehungen im dänischen Aarhus.

So erreichen Sie Sascha Brandt:

Würden Sie der Aussage zustimmen, dass die Grünen in ihren Anfangsjahren, also in den frühen 1980er Jahren, als Sprachrohr für Pädophile fungiert haben?
Die Grünen waren eine der Parteien, auf die sich solche Gruppen bezogen haben, die das Sexualstrafrecht reformieren und Pädophilie freigeben wollten. Das ist auch nicht verwunderlich, denn in die Grünen strömten große Teile der Schwulenbewegung ein. Und ein nicht unwesentlicher Teil der Pädophilie-Aktivisten enterte die Schwulenbewegung mit dem Ziel, sie für ihre Interessen zu nutzen.

Wie hat die Parteibasis auf diese Forderungen reagiert?
Die Forderungen waren nicht unumstritten. Es gab einen Zeitgeist, der es begünstigte, darüber zu diskutieren. Aber Gegenströmungen gab es, auch innerhalb der Partei.

Zum Zeitgeist: War die Gesellschaft der 1980er im Allgemeinen offener für das Thema Pädophilie?
Seit dem Ende der 1960er Jahren ging es um die Enttabuisierung von Sexualität. Dazu gehörte eben auch, bestehende Tabus in Frage zu stellen und Grenzen zu übertreten. Diese Grenzen hätte man vorher, aber auch hinterher, lieber nicht überschritten. In einer Zeit, in der es darum geht, Dinge neu zu ordnen, wird jedoch auch das Undenkbare gedacht.

Gibt es noch heute aktive Grüne, die sich damals für Forderungen der Pädophilen offen gezeigt haben?
Das können wir nach dem aktuellen Stand der Forschung  noch nicht abschließend bewerten.

Soweit Ihre bisherige Forschung reicht: Haben Grünen-Mitglieder zur damaligen Zeit pädophile Neigungen ausgelebt?
In der Bundesarbeitsgemeinschaft „Schwule, Transsexuelle und Päderasten“ – kurz SchwuP – waren einschlägig vorbestrafte Aktivsten tätig, mit denen sich wiederum andere solidarisierten, die nicht pädosexuell waren. Da müssen wir von unterschiedlichen Schattierungen sprechen.

Ab wann haben sich die Grünen klipp und klar von der Pädophilie distanziert?
Der Wendepunkt ist sicherlich der Beschluss des Landesverbands Nordrhein-Westfalen 1985, Pädophilie zu legalisieren, inklusive aller darauffolgender Reaktionen der Bundespartei und der Öffentlichkeit. Ein Wendepunkt hat jedoch einige retardierende Momente. Unter dem Einfluss der Frauenbewegung machte das Wahlprogramm 1990 deutlich, dass es für die Forderungen der Pädophilen keine Chance bei den Grünen gibt. Aber: Es gab durchaus Aktivisten, die bis Mitte der 1990er Jahre in diesen Bereichen noch aktiv waren. Der Prozess zog sich also über einen Zeitraum von zehn Jahren hin.

Nach dem, was Sie bisher wissen: Wie sollten die Grünen darauf reagieren?
Wir sind ja Teil der Aufarbeitung dieses Kapitels in der Geschichte der Grünen. Wir versuchen Licht ins Dunkel zu bringen. Die Ergebnisse müssen die Grünen dann selbst politisch bewerten. Unsere Aufgabe als Wissenschaftler ist es, die Wahrheit ans Licht zu befördern – und nicht, Handlungsempfehlungen zu formulieren, wie sich die Partei zu verhalten hat. Wir schließen aber nicht aus, am Ende unserer Forschung Empfehlungen auszusprechen.

Ab und an wird Ihnen oder auch Ihrem Kollegen Prof. Dr. Franz Walter vorgeworfen, den Grünen nahezustehen. Was sagen Sie dazu?
Franz Walter hat einen schönen Artikel darüber geschrieben, warum er kein Grüner ist. Und auch ich bin kein Grüner, sondern gehöre – wie Franz Walter auch – einer anderen Partei an (der SPD, Anm. der Redaktion). Im Forschungsteam haben wir auch Wissenschaftler, die ganz anderen Parteien angehören oder parteilos sind. Ich übe meinen Job professionell aus. Dazu gehört, dass man zwischen der Parteipräferenz und dem Beruf differenziert.

Den Grünen wird nun gelegentlich Heuchelei vorgeworfen, weil sie die katholische Kirche wegen der dortigen Missbrauchsfälle scharf angegriffen haben. Wie berechtigt sind solche Vergleiche?
Soll man etwa an anderer Stelle schweigen, nur weil man im eigenen Haus selbst Schwierigkeiten hat? Das glaube ich nicht. Aber: Man kann den Grünen vorwerfen, dass ihnen ein kollektives Geschichtsbewusstsein fehlt. Ich finde es irritierend, dass Beschlüsse zum Thema, zum Beispiel der des nordrhein-westfälischen Landesverbands 1985 nicht tradiert sind und sich selbst damals handelnde Personen daran überhaupt nicht mehr erinnern können.

Warum setzen sich die Grünen dann gerade jetzt mit dem Thema auseinander?
Mitte der 90er Jahre hatte es darüber schon einmal eine Diskussion gegeben. Diese war aber sehr kurz und brach schnell wieder ab. Durch die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche und in der Reformpädagogik ist eine Bereitschaft in der Gesellschaft entstanden, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. In diesem Klima, in dem man nicht mehr totschweigen kann und will, kommen solche Vorgänge wie jetzt bei den Grünen in Gang. Heute sind die Grünen zudem keine Partei, in der Forderungen von Pädophilen mehrheitsfähig wären. Ein Großteil der Mitglieder ist deutlich nach 1990 in die Partei eingetreten, hat die Auseinandersetzung in den 1980er Jahren nicht mitbekommen und kann sich vielleicht gar nicht vorstellen, dass die Grünen eine solche Position je eingenommen haben. Diese Mitglieder brauchten dann vermutlich dieses Moment des Wachrüttelns.

Dr. Stephan Klecha arbeitet seit zwei Monaten zusammen mit Kollegen der Göttinger Demokratieforschung an der Studie „Umfang, Kontext und Auswirkungen pädophiler Forderungen in den Milieus der Neuen Sozialen Bewegung sowie der Grünen“. Das Forschungsprojekt haben die Grünen selbst in Auftrag gegeben. 2014 sollen die Forschungsergebnisse vorgestellt werden.

 

 

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