Helge Schneider gibt Adolf Hitler.
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Nazi-Witze - Man muss über Hitler lachen

Charly Chaplin, Ernst Lubitsch und Walter Moers wussten es längst. Nun kommt Timur Vermes mit dem Buch „Er ist wieder da“ auf den Markt. Und wieder diskutiert das Land: Darf über Adolf Hitler gelacht werden?

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Felix M. Steiner arbeitet als Blogger und freier Journalist für verschiedene Medien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind dabei vor allem Rechtsextremismus, sozialer Protest und Fotografie.

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Die verspätete Nation debattiert wieder über die Frage, ob man nun eigentlich über Hitler lachen dürfe. Anlass ist dieses Mal das Buch „Er ist wieder da“ von Timur Vermes. Doch schon die Fragen, die in der Debatte aufgeworfen werden, sind falsch. Der bisherige Höhepunkt dieser einmalig schlechten Diskussion war Plasbergs Talkrunde „Hart aber fair“, in der wahre Koryphäen des Humors wie Erika Steinbach, Oliver Pocher oder Hellmuth Karasek es zähe 75 Minuten lang nicht schafften, einen einzigen klugen Gedanken auszutauschen. Die Frage ist indes längst beantwortet und zwar seit über siebzig Jahren: Man darf nicht über Hitler lachen, man muss. Doch über Hitler lachen bedeutet eben immer auch, das Phänomen Hitler in seiner Zeit zu betrachten. Es geht nicht schlicht um den „Führer“, es geht eben auch um die gesellschaftlichen Kontexte, in denen er dies werden konnte.

Ein Meilenstein der satirischen Auseinandersetzung war zweifelsohne Charlie Chaplins „Der Große Diktator“. Bereits 1940 schaffte es Chaplin mit seinem Film, den Führerkult ein Stück weit zu entzaubern. Er vermochte dies, ohne einen Zweifel an Hitlers Absichten zu belassen. So wurde der Film auch ein wichtiger Beitrag zur Debatte um den amerikanischen Kriegseintritt. Kaum zwei Jahre später erschien der ebenfalls in den USA gedrehte Film „Sein oder Nichtsein“ des gebürtigen Berliners Ernst Lubitsch.

Der Film beginnt in Warschau des Jahres 1939, noch vor der deutschen Besetzung. Eine Theater-Gruppe probt ein kritisches Stück über die Nationalsozialisten. Der Hitler-Darsteller betritt die Bühne: „Heil Hitler!“ „Ich heil mich selbst.“ „Das steht nicht im Text.“ „Aber das gibt einen Lacher.“ Doch das Stück wird nicht gespielt. Dann besetzen die Deutschen Polen. Es wird gefährlich, Witze zu erzählen.

Eben jene Gefahr, in einer Diktatur Witze über die Machthaber zu erzählen, arbeitet Lubitsch heraus. So lässt er einen SS-Mann als Begründung für eine Hinrichtung anführen: „Wir hatten den Beweis, dass der Mann niederträchtige, angeblich komische Witze über den Führer erzählt hat.“ Lubitsch zeigt die Machtlosigkeit der Mächtigen angesichts der Scherze.

Gelacht wird - bei Lubitsch und Chaplin - über Hitler, über die Nazis. Hier verläuft eine wichtige Trennlinie, die Unterscheidung zwischen Verbrechen und Verbrecher. Berthold Brecht hat dies in seinen Anmerkungen zu Arturo Uri auf den Punkt gebracht: „Die großen politischen Verbrecher müssen durchaus preisgegeben werden, und vorzüglich der Lächerlichkeit. Denn sie sind vor allem keine großen politischen Verbrecher, sondern die Verüber großer politischer Verbrechen, was etwas ganz anderes ist.“ Das Lachen über Hitler hebt diesen auch aus jener Sphäre des Bösen, welche die Verbrechen so unmenschlich erscheinen lässt, dass diese unwiederholbar scheinen. Es zeigt eben auch jene „Banalität des Bösen“, die die Verbrecher zurück in ein menschliches Antlitz führt und klar macht, dass diese „normale Menschen“ waren.

Auch Chaplin war sich eben dieser Unterscheidung durchaus bewusst. Vielleicht war auch sein Nicht-Wissen über das Ausmaß der deutschen Verbrechen von Vorteil und bewahrte ihm ein Stück weit seine Freiheit in der Auseinandersetzung. Auch in Bezug auf die Kritik an einer Szene seines Films, welche im Konzentrationslager spielt, schrieb Chaplin später in seiner Autobiographie: „Hätte ich von den Schrecken in den deutschen Konzentrationslagern gewusst, ich hätte den großen Diktator nicht zustande bringen, hätte mich über den mörderischen Wahnsinn der Nazis nicht lustig machen können“.

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Die Kontexte haben sich geändert. Heute sind es Witze über die zurückliegende Diktatur und den toten Diktator, die diskutiert werden. Ende der 1990er Jahre legt Walter Moers mit seinen Comics einen wichtigen Grundstein für eine satirische Auseinandersetzung mit „dem Führer“. Ein großer Teil von Vermes´ Ideen sind bereits hier zu finden. Die Debatte in Deutschland arbeitet sich aber nicht nur an der Frage des Lachens ab. Sie arbeitet sich auch an der sonstigen deutschen Geschichtsvermittlung ab. Dank Guido Knopp weiß man in Deutschland alles über Hitler: Wir kennen Hitlers Sekretärin, Hitlers Hund und Hitlers Zahnarzt. Doch gebrochen hat all dies den Mythos vom „Führer“ nicht. Vielmehr schuf Knopp eine Geschichtsdeutung, die eine gesellschaftliche Dimension der deutschen Verbrechen ausgrenzte. 2004 wurde das Bild vom „Menschen Adolf Hitler“ nicht zuletzt durch den Film „Der Untergang“ geprägt. Nicht durch das Lachen über Hitler sondern durch das Weinen mit ihm. Einsam rollt Adolf Hitler eine Träne über die Wange, als ihn am Ende auch noch sein treuer Albert Speer verlässt. Eine ähnlich intensiv geführte Debatte über „Weinen mit Hitler“ gab es dennoch nicht. Eigentlich absurd.

„Der Untergang“ war für Dani Levy Anstoß 2007 den Film „Mein Führer“ ins Kino zu bringen. Er nannte dies im Interview mit der FAZ eine „subversive Antwort“ auf jene Darstellungen. Helge Schneider spielte in Levys Film den „Führer“. Auch „Mein Führer“ löste 2007 eine Debatte aus, die allerdings bei weitem nicht so ausführlich geführt wurde.

“Er ist wieder da“ bietet nach Moers und Levy nichts wirklich Neues. Vermes wagt es lediglich, seinen Roman aus Hitlers Perspektive zu erzählen und er nimmt Hitler aus seiner Zeit und führt ihn in die Gegenwart, in unsere Zeit. Dieser Kunstgriff – den er von Walter Moers entliehen hat - macht die Tragödie zur Farce. Hitler wird als „Comedian“ wahrgenommen. Doch auch Vermes´ Darstellung dreht sich keinesfalls lediglich um Hitler. Es geht um den Blick auf die deutsche Gesellschaft des Jahres 2011, es geht ebenso um rassistische Berichterstattung der „Bild“ wie um billige Witze über stereotypisierte Migranten. Dass Vermes´ Hitler nicht versteht, warum die „Bild“ nach ihrer Berichterstattung über „die Griechen“ so negativ über ihn berichtet, ist nur eine Stelle, an der dies deutlich wird.

Die Verunsicherung in Deutschland scheint vielmehr in der Freiheit der Bewertung zu liegen, die mit Satire über Hitler verbunden ist: Es fehlen die klaren Vorgaben von Gut und Böse, es fehlt der Weg der vermeintlichen historischen Wahrheit, welcher diese Sicherheit sonst verspricht. Dabei läuft der Umgang mit dem Buch ähnlich verkrampft wie der Umgang mit Hitler im Roman.

Vermes lässt auch die Wiederholbarkeit nicht aus. So endet sein Roman nicht ohne Grund mit einem Bezug zum heutigen Umgang mit den Ideen des Nationalsozialismus. Auf den Hitler-Plakaten im Roman prangt groß der Satz: „Es war nicht alles schlecht.“

Timur Vermes: Er ist wieder da. Eichborn, Hardcover, 396 Seiten, 19,33 Euro. Erschienen am 21.09.2012, ISBN: 978-3-8479-0517-2.