Islam - Das Multikulti-Bekenntnis der Wehrmacht

Das „Dritte Reich“ war gemeinhin nicht für Toleranz bekannt. Ein Propagandawerk über den Islam von 1941 beschreibt diesen jedoch überraschend sachlich und weist einige Überschneidungen mit dem auf, was heute als Multikulti-Denken in der Schusslinie von Kulturkämpfern steht

Die Verhaltensmaßregeln für die Wehrmacht in islamischen Ländern gleichen heutigen Touri-Tipps
picture alliance

Autoreninfo

ist Islamwissenschafter und Autor des Buchs „Manual für den Kampf der Kulturen. Warum der Islam eine Herausforderung ist“ (Verlag der Weltreligionen).

So erreichen Sie Stefan Weidner:

Man denkt immer, die Neonazis heißen so, weil sie sich auf die Nazis berufen. Und den Islamgegnern bis hin zu Sarrazin ist oft vorgeworfen worden, sie würden sich an Stereotypen bedienen, die Überschneidungen mit dem Gedankengut des „Dritten Reiches“ aufweisen. Dass Nazideutschland, wie schon das Kaiserreich, Verbündete in der islamischen Welt suchte, ist bekannt. Aber welches Islambild die Nazis in Deutschland wirklich vermittelten, ist in Vergessenheit geraten. Werfen wir zur Aufklärung einen Blick in ein verbreitetes Propagandawerk, die „Tornisterschrift des Oberkommandos der Wehrmacht, Abt. Inland“ mit dem Titel „Der Islam“ aus dem Jahr 1941 („Nicht sammeln, sondern weitergeben!“, heißt es auf dem feldgrünen Umschlag). Ich erstehe das 64-seitige Heftchen für einen Euro fünfzig in einem Kieler Antiquariat. Ganz hinten stehen „Leitsätze für das Verhalten des Europäers in mohammedanischen Ländern.“ Ihr Verfasser könnte Hans Küng sein. Sie beginnen:

1. Sei Dir stets bewußt, daß der Islam eine hochstehende Religion ist, die dem Christentum in der Auffassung von Gott nicht nachsteht.

2. Begegne daher dem Muslim mit der gleichen Achtung und Duldsamkeit, wie Christen verschiedener Konfessionen einander immer begegnen sollten.

Die erste, reichlich irritierende Erkenntnis lautet: Diese Verhaltensmaßregeln könnte man noch heute jedem Touristen, jedem Soldaten in Afghanistan mit auf dem Weg geben. Aber es ist klar: Das sind Regeln für den Umgang mit Muslimen in besetzten Ländern. Vorsicht und Respekt sind womöglich nur Gebote der militärischen Klugheit (und waren es doch zumindest in Osteuropa offenbar nicht). Interessanter für unsere Zwecke ist, wie der Islam als solcher beschrieben wird. Gleich im Vorwort lesen wir, was auch heute noch vielen schwerfällt anzuerkennen, nämlich dass der Islam ein Plural ist: „Bei allen Gemeinsamkeiten in den Grundlagen der Lehre zeigen sich wesentliche Unterschiede in den äußeren Erscheinungsformen innerhalb des Geltungsbereichs des Islams in den verschiedenen Gebieten.“

Die Verblüffung wächst. Ein Vorurteil über den Islam nach dem anderen wird auf den folgenden Seiten auseinandergenommen. Fast alles, was in diesem Text steht, taugt  heute als Argument gegen die Anti-Islambewegung, gleich ob christlicher oder rechts-nationaler Couleur. „So ist es eine ganz irrige Vorstellung, wenn wir einmal im Geschichtsunterricht gelernt haben, der ‚Islam‘ sei ‚mit Feuer und Schwert‘ von den Arabern und Türken ausgebreitet worden. [...] Dieser historische Irrtum [könnte] vielleicht praktisch für unsere Haltung in muslimischen Ländern gleichgültig sein, vorausgesetzt, dass wir unter seiner Suggestion nicht in jedem Muslim unseren natürlichen Feind sehen.“ Das ist sehr hübsch gesagt. Genau diese Suggestion ist nämlich unter den anti-islamischen Bewegungen massiv verbreitet.

So vieles ist selbst aus gegenwärtiger Sicht an dieser Propagandaschrift sachlich und psychologisch korrekt, dass einem fast ein wenig unwohl zumute wird. Doch scheint, allein weil der Islam nicht als Gegner galt, der sonst so ideologische Blick der Nazis auf die Welt urplötzlich außer Kraft gesetzt. Auch dem Bild von Mohammed als Psychopathen und Betrüger, einem der ältesten anti-islamischen Klischees, tritt der Verfasser entschieden entgegen: „Die Annahme ist unhaltbar, hier habe ein ehrgeiziger Politiker sich mit einer neuen Religionsbildung ein Werkzeug bilden wollen, um zur Macht zu gelangen […]. Von Betrug, von Lüge, Fälschung, auch von Selbsttäuschung kann keine Rede sein.“ Muss man den Islamgegnern wünschen, von einer nationalsozialistischen Tornisterschrift etwas zu lernen?

Wäre der Verfasser, Oberfeldarzt Dr. Ernst Rodenwaldt, nicht erwiesenermaßen den Nazis nahe gestanden (ausführlich geht darauf die Heidelberger medizingeschichtliche Dissertation über Rodenwaldt von Manuela Kiminus aus dem Jahr 2002 ein), er müsste im islamkritischen Milieu für einen „Islamisierer“ gehalten werden. Rodenwaldt erörtert detailliert, „welches außerordentliche Maß von Toleranz und Takt dem Muslim Andersdenkenden gegenüber zu Gebote steht.“

Eigenartig ist daran freilich, dass der Autor trotz seiner unkritischen Haltung zum nationalsozialistischen Regime Toleranz und Takt für Werte hält, die zu vertreten einem Mann zur Ehre gereichen. Oder wollte er sagen, dass Takt und Toleranz Andersdenkenden gegenüber, nur dem Muslim zu Gebote stehen? Tatsächlich heißt es am Ende des Kapitels über die Scharia: „Für viele menschliche Beziehungen ermöglichen diese Auffassungen eine Toleranz, sowohl im weltlichen wie im religiösen Verhalten von Mensch zu Mensch, deren der im abendländischen Denken erzogene Mensch kaum fähig ist.“ Dieser Gedanke wird heute in der Islamwissenschaft wieder aufgegriffen, so zum Beispiel bei Thomas Bauer, der die dogmatische Verhärtung des Islamismus als Angleichung an abendländische Vorstellungen deutet.

Fast könnte man denken, es handle sich bei dieser Schrift um eine Art propagandistischen Unfall. Aber das Heft ist klar im Bewusstsein des Machtanspruchs Deutschlands und der zivilisatorischen Überlegenheit Europas geschrieben. Als bedrohlich „für die europäische Vorherrschaft im Orient“ – es wird gar kein Hehl daraus gemacht, dass diese besteht und erwünscht ist – deutet Rodenwaldt, in Erinnerung an die Aufstände im Sudan gegen die Briten in den 1880er Jahren, allerdings lediglich die messianische Vorstellung eines „Mehdi“, eines revolutionären Erlösers und Führers. „In ihr liegt eine nie aufgehobene, wahrscheinlich nie aufhebbare Möglichkeit religiös politischer Explosionen.“

An anderen Stellen weist die Argumentation des Autors eher Überschneidungen mit dem auf, was heute als Multikulti-Denken in der Schusslinie von Kulturkämpfern steht. Es kommt ihm zum Beispiel nicht in den Sinn, den Islam, die Muslime, verbessern zu wollen. Das wird offenbar, wenn er Status und Lage der muslimischen Frau schildert, von der er unverhohlen, aber ohne die Sachlage zu kritisieren, feststellt, „wieviel geringer als der Mann sie bewertet wird“. Wichtig ist für ihn nur, sich angesichts dieser Situation korrekt zu verhalten. Der vierzehnte Leitsatz lautet: „Musst du an einem muslimischen Hause eine Auskunft einholen, so klingle oder klopfe, drehe dann aber der Tür den Rücken zu, damit du eine etwa öffnende Frau nicht ansiehst.“ Welche Absichten auch immer Nazi-Deutschland im Orient hatte – die Lage der orientalischen Frau zu verbessern, wird es nicht gewesen sein.

Ernst Rodenwaldt war einer der bekanntesten Tropenmediziner Deutschlands und vor dem Krieg in islamischen Gebieten Asiens und Afrikas tätig. Den rassehygienischen Vorstellungen der Nationalsozialisten haben manche seiner Forschungen zugearbeitet. Dass eine Darstellung des Islams ausgerechnet aus der Feder dieses Verfassers keinerlei Überschneidungen und Anknüpfungsmöglichkeiten für die heutige Anti-Islambewegung bereithält, sondern eher für deren Gegner, deutet darauf hin, wie unreflektiert und frei von Lebenserfahrung die derzeit kursierenden anti-islamischen Auffassungen sind. Der Verfasser war ein Praktiker, hatte als Arzt unter Muslimen gelebt. So sehr er an die Überlegenheit seiner Kultur glaubte, für pauschale Abwertung sah er keinen Grund.

Ernst Rodenwaldt starb 1965 im Alter von siebenundachtzig Jahren und konnte das Erstarken des politischen Islams ebenso wie die islamische Einwanderung nicht voraussehen. Beides, so lassen seine Biografie und seine rassenhygienischen Schriften vermuten, würde ihm wahrscheinlich nicht gefallen haben. Vielleicht hätte er gegen die Einwanderung ähnliche erbbiologische Vorbehalte gehabt, wie sie bei Thilo Sarrazin aufscheinen. Das ändert nichts daran, dass sich Neonazis und Islamkritiker in ihrer Ablehnung des Islams nicht einmal auf diesen Nazi berufen können.

Stefan Weidner ist Islamwissenschafter. Von ihm erschien zuletzt der Essayband: „Aufbruch in die Vernunft. Islamdebatten und islamische Welt zwischen 9/11 und den arabischen Revolutionen“.

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Wir danken für Ihr Verständnis.